Warum leisten wir uns studierte Hausfrauen?

In der Schweiz haben 50’000 Hausfrauen studiert. Eine stattliche Zahl. Sie hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Und sie ist ein Sinnbild für einen eklatanten gesellschaftspolitischen Missstand: Immer mehr Frauen sind sehr gut ausgebildet, doch noch immer kommen viele von ihnen dem Arbeitsmarkt abhanden, sobald sie Mutter werden. Unbestritten: Viele der studierten Hausfrauen entscheiden sich aus freien Stücken für diese Lebensform, weil sie ihnen eine Vollzeitbetreuung der Kinder ermöglicht. Doch für viele andere Frauen ist dieser Entscheid die Folge eines ökonomischen Abwägens – sie haben keine echte Wahl.

Ein mangelhaftes und zu teures Betreuungsangebot, zu wenige und auch zu schlecht bezahlte Teilzeitstellen: Häufig lohnt sich für eine Hochschulabsolventin nach der Kinderpause der berufliche Wiedereinstieg kaum. Das ist ein krasser Fehlanreiz; finanzielle Gründe sollten nicht gegen die Arbeit sprechen. Damit den Frauen sowohl die Kombination aus Beruf und Familie als auch die Vollzeit-Kinderbetreuung als gleichwertige Optionen offen stünden, müssten endlich die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden.

Die Schwierigkeiten sind Ausdruck tief verwurzelter Rollenmuster.

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Arbeit auf dem Laufsteg: Eine «Hausfrau» in Mailand 2001. Foto: Luca Bruno (Keystone)

Die Diskussion um den drohenden Fachkräftemangel führt eindrücklich vor Augen, welch volkswirtschaftlichen Irrsinn die fehlenden Strukturen zur Folge haben: Aktuell wurden 5,75 Milliarden Franken in die Ausbildung von Frauen investiert, die nicht erwerbstätig sind. Doch Investitionen sollten sich auszahlen. Und zwar sowohl für den Staat als auch für den einzelnen Bürger. Statt qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen, müssten daher mehr Teilzeitstellen geschaffen und eine flächendeckende, bezahlbare Kinderbetreuung etabliert werden, um das Fachpotenzial der Frauen besser auszuschöpfen. Staat und Wirtschaft müssten diese Herausforderung in beidseitigem Interesse gemeinsam angehen. Denn offensichtlich gelingt es den Schweizer Firmen aus eigenem Antrieb nicht, genügend Teilzeitstellen zu schaffen, während die öffentliche Hand zu verkennen scheint, dass bezahlbare externe Kinderbetreuungsangebote letztlich auch lohnende Wirtschaftsförderung sind. Ironischerweise ist es die nicht als progressive Kraft bekannte SVP, die jetzt diese Debatte unfreiwillig und inhaltlich kaum in ihrem Sinne anstösst – als unliebsamer Nebeneffekt der Masseneinwanderungsinitiative sozusagen.

Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob wir es uns weiterhin leisten wollen, Frauen zwar gut auszubilden, sie dann aber ihrer «evolutionsbedingten Wesensbestimmung» zuzuführen, wie konservative Kreise gerne argumentieren. Oder ob wir von den Investitionen profitieren wollen, indem wir echte Wahl- und Chancengleichheit schaffen. Die Politik hat bisher wenig mutige Antworten auf diese Fragen gefunden. Parlamentarier wollen den Müttern zwar regelmässig den beruflichen Wiedereinstieg erleichtern – etwa mit Forderungen nach Bildungsgutscheinen, Praktikumsstellen oder Beratungsangeboten. Und der Bundesrat stuft die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sogar als prioritäres politisches Ziel ein. Doch er zögert, wenn es um konkrete Massnahmen geht. Zudem hält er am gesetzlichen Flickenteppich fest, der diese Vereinbarkeit fördern soll. Das reicht aber nicht: Gefragt wäre ein ganzheitlicher Ansatz, ein übergeordnetes Konzept, wie die Bedingungen in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft verbessert werden könnten.

Aber warum bloss tut sich die Schweiz so schwer damit? Die Schwierigkeiten, Grundsätzliches zu verändern, anstatt nur Kosmetik zu betreiben, sind Ausdruck tief verwurzelter Rollenmuster in unseren Köpfen. Noch immer gelten Vollzeit arbeitende Väter als Ernährer ihrer Familie, während Hausmänner allzu feinfühlige Exoten sind. Mütter dagegen sind bevorzugt umsorgende Hausfrauen, während Karrierefrauen als kaltherzige Egoistinnen gelten.

Entsprechend verkommen Debatten über das Thema rasch zu ideologischen Gefechten – nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch (und vor allem) innerhalb der Geschlechter. Die Frauen stehen sich dabei selbst oft am meisten im Weg: Sie sind es, die ihre Geschlechtsgenossinnen am härtesten beurteilen, wenn es um individuelle Entscheide rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Dabei tragen sie ganz wesentlich zur Aufrechterhaltung der ihnen eigentlich verhassten Geschlechterstereotypen bei. Doch ob weibliche oder männliche Vorurteile: Solange wir in solchen Kategorien denken, versperren wir uns als Gesellschaft den Weg für eine längst überfällige Lösung.