Politische Umfragen dürfen kein Monopol sein

Die Diskussionen, die gegenwärtig über die VOX-Umfragen geführt werden, können von zwei Seiten her betrachtet werden: Einerseits tauchen Fragen auf, die sich letztlich auf die Methodenwahl beziehen, im vorliegenden Fall die angeblich zu tief geschätzte Stimmbeteiligung von jungen Erwachsenen beim Urnengang vom 9. Februar. Aus diesem Blickwinkel sind auch – punktuelle – Lösungen denkbar, etwa eine offizielle Datenerhebung zur Stimmbeteiligung nach Alter.

Andererseits stellt sich auch die wesentlich delikatere Frage nach der Verlässlichkeit dieser Art von Umfragen (die übrigens von der Öffentlichkeit finanziert werden) an und für sich. Es kommen Zweifel auf: Wenn man davon ausgeht, dass im vorliegenden Fall die Stimmbeteiligung der jungen Stimmbürger zu tief geschätzt wurde, so liegt der Verdacht nahe, dass auch andere Aspekte dieser Umfrage oder früherer Umfragen in Zweifel gezogen werden können. Das würde heissen, dass die Umfrageergebnisse auf die eine oder andere Art verzerrt wären. Damit stehen die öffentliche Glaubwürdigkeit von VOX und dessen Analysen auf dem Spiel. Gäbe es vielleicht andere Mittel und Wege, eine solche Umfrage durchzuführen?

Dem Institut GfS Bern wird zu viel Verantwortung übertragen.

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Der Herr der Umfragen: Claude Longchamp, Chef von GfS Bern. Foto: Keystone

Dass derartige Mandate über mehrere Jahre hinweg an ein und dasselbe gewinnorientierte Unternehmen vergeben werden, ist in der Schweiz wahrscheinlich eine Ausnahme. Natürlich hütet jedes Privatunternehmen seine Geheimnisse, und das mit gutem Grund. Man kann sich aber doch fragen, ob derartige statistische Auswertungen, die die Wahrnehmung von Volksabstimmungen – wie jene vom 9. Februar – beeinflussen können, unter das Geschäftsgeheimnis fallen sollen. Übrigens wurde dasselbe Privatunternehmen, das dank eines mehrjährigen Mandats der SRG ein Quasi-Monopol für Erhebungen im Vorfeld von Volksabstimmungen innehat, angesichts der Schere, die sich zwischen den Prognosen und den tatsächlichen Abstimmungsergebnissen in bestimmten Fällen auftat, schon mehrfach angezweifelt. Man könnte nun glauben, das Unternehmen würde nicht über die erforderlichen Kompetenzen verfügen. Das ist aber nicht der Fall: GfS Bern ist ein Befragungsinstitut, das eine hohe Qualität aufweist.

Allerdings wird dem Institut zu viel Verantwortung übertragen: Es ist das einzige Institut, das als öffentliche Autorität in Sachen eidgenössische Abstimmungen auftritt oder auftreten sollte, und man überlässt ihm die Wahl über statistische Auslegungen, die eigentlich Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte bilden sollten. Wäre dem nicht so, könnte die Lösung wie in anderen Ländern darin bestehen, dass man eine echte Konkurrenz zwischen gewinnorientierten Unternehmen spielen lässt. Wichtig ist auch der Hinweis, dass die Wahl der Methoden, die Meinungsumfragen zugrunde liegen, die Folge der bislang gesammelten Erfahrungen und einer bestimmten Arbeitsweise ist, die sich etabliert hat. Bei den VOX-Umfragen jedenfalls, die es schon seit mehreren Jahren gibt, ist das der Fall. Die Vorgehensweise kann sich allerdings als unzulänglich erweisen, wenn die Meinungsbildung bei Volksinitiativen unübliche Wege einschlägt, wie das etwa bei der Minarett-Initiative oder anderen Initiativen aus der letzten Zeit der Fall war.

Ob man nun will oder nicht: Die Strategien für die Abstimmungskampagnen der Behörden, der Parteien und der Initiativkomitees hängen heutzutage stark von dem ab, was die Meinungsumfragen ergeben, und zwar sowohl vor wie auch nach jedem Urnengang. Je mehr die Abstimmungsergebnisse in einer mehr oder weniger nahen Zukunft von einer unentschlossenen Wählerschaft entschieden werden, desto grösser wird die Abhängigkeit von Umfragen werden. Das ist mit ein Grund, weshalb die Diskussion rund um die kürzlich erfolgte Umfrage von VOX als Chance gesehen werden sollte, vertieft über die Art und Weise nachzudenken, wie politische Umfragen in der Schweiz am besten gestaltet werden.