Mit E-Voting die Jungen motivieren

Die Vox-Analyse brachte es an den Tag: Lediglich 17 Prozent der unter 30-Jährigen haben sich an der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative beteiligt. Und die, die den Abstimmungszettel ausfüllten, stimmten in der Mehrheit Nein. 77 Prozent der über 70-Jährigen dagegen kamen ihrer Bürgerpflicht nach und stimmten ab; sie legten in ihrer Mehrheit ein Ja in die Urne.

Aufschrecken muss uns aber vor allem die Tatsache, dass 1992 bei der EWR-Abstimmung, die ebenso knapp ausging wie die Masseneinwanderungsinitiative 2014, noch 73 Prozent der unter 30-Jährigen an die Urne gingen, bei einer Stimmbeteiligung von damals sensationellen 78 Prozent.

Was ist in der Zwischenzeit passiert, was hat in den letzten 22 Jahren zu dieser beinahe unglaublichen Stimmabstinenz der jungen Stimmberechtigten geführt? Warum nahmen 83 Prozent keinen Einfluss auf die Vorlage der Masseneinwanderung, warum geht die Zahl der aktiven jungen Menschen in der Schweiz derart dramatisch zurück?

Fühlen sie sich durch uns alte «Weisen» vertreten? Überlassen sie den Stimmwilligen einfach das Sagen? Meinen sie, dass «die in Bern oben» doch eine gute Politik machen? Sind sie einfach gleichgültig gegenüber Politik und Staat eingestellt? Ist es ihnen schlichtweg wurst? Oder ganz anders rum: Können sie mit der papierenen Abstimmung schlicht nichts mehr anfangen? Warten sie, bis endlich auch bei der Politik die digitalen Möglichkeiten Einzug halten? Bis endlich E-Voting eingeführt wird?

Die offizielle Politik kommt mit dem Tempo der Jungen nicht mehr mit.

NMTM

E-Voting-Pilotversuch in Winterthur 2008. (Foto: Keystone)

Ich habe am 9. Februar im Zürcher Stimmlokal Seefeld beobachtet, als gleichzeitig auch die Gemeinde- und Stadtratswahlen stattfanden, dass mehrere junge Wähler und Wählerinnen im Stimmlokal mit der riesigen Fahne von Parteien und Kandidaten schlicht nichts anfangen konnten; sie schmissen sie kurzerhand neben der Urne in den Papierkorb. Die Stimmbeteiligung bei den städtischen Wahlen war mit 43 Prozent denn auch weit tiefer als bei der Masseneinwanderungsvorlage, die immerhin 56 Prozent betrug.

Dies zumindest ist ein untrüglicher Hinweis dafür, dass die papierenen Abstimmungen mit den unzähligen Drucksachen und papierenen Erklärungen nicht mehr der digitalen Welt der jungen Menschen entsprechen. Das E-Voting ist also weit schneller einzuführen, als es den Politikern lieb ist. Noch sträuben sich vor allem die Rechten und insbesondere die Grünen dagegen. Die Rechten träumen dem sonntäglichen, traditionellen Urnengang nach, jeweils nach dem Kirchgang, vor dem Besuch am Stammtisch. Und Grüne, wie der Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli, finden E-Voting, das elektronische Stimmen und Wählen, noch zu unsicher; sie verlangen weit grössere Sicherheiten als bisher geplant.

Doch die jungen Menschen kümmern die Ansichten der verhaltenen Politiker wenig, sie sind weit besser vertraut mit der digitalen Welt als wir Alten, wohl auch als die grosse Mehrheit der Politiker. Sie passen sich weit flexibler der dynamischen Entwicklung bei den technischen Kommunikationsmitteln an, sie nutzen die neuen Formen der indirekten Kommunikation über die digitalen Medien zu ihrem Vorteil, sie vernetzen sich. Da kommt die offizielle Politik mit ihrem gemächlichen Tempo schlicht nicht mehr mit.

Die Lehre daraus: Auch wir Alten müssen uns weit intensiver mit der technologischen Entwicklung in der Informatik auseinandersetzen, die Vorteile erkennen und auch nutzen. Wir müssen uns mit den nachkommenden Generationen und ihren Zielen und Werten befassen, wir müssen uns für ihre Positionen spürbar interessieren. Und ganz wichtig: Neben unseren Interessen, die wir richtig und lautstark vertreten dürfen, sollten wir auch die Interessen der nachfolgenden Generationen, die unserer Kinder und Enkelkinder, mit der gleichen Vehemenz nach aussen tragen. Das könnte sogar unser politisches Handeln anders prägen, unsere oft festgefahrenen Positionen gehörig aufmischen. Und das wäre gut so.