Eine Frage der Gleichberechtigung, nicht der Religion

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Geht es um Minarett, Burka und Kopftuch, wird auf einmal das christliche Abendland beschworen, als wäre es eben entdeckt worden, und jedes noch so bescheidene Wegkreuz mutiert zur Wegmarke der kollektiven Identität. Doch solches trifft beim Streit um die religiöse Symbolik den Kern der Sache nicht. Denn dieser liegt allein in der Verfassung. Mit anderen Worten: Solange Kleidungs- und Schmuckstücke religiöser, kultureller oder modischer Art die Gleichberechtigung nicht tangieren, bilden sie nicht Gegenstand der Diskussion.

Störend beim Kopftuch ist deshalb nicht die Religion, sondern der Gedanke, dass mit dem Argument der Religion die Gleichberechtigung der Frau missachtet wird. So jedenfalls verstehe ich die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, Saïda Keller-Messahli. Für sie hat das Kopftuch nichts mit dem Islam zu tun, denn es werde im Koran nicht erwähnt. Es sei vielmehr ein reines Abbild einer patriarchalen Struktur. Sie befürwortet denn auch ein Kopftuchverbot für Mädchen an Schulen und war enttäuscht über das Bundesgericht, das sich mit dem Verweis auf eine mangelnde Gesetzesgrundlage dagegen aussprach. Da sei eine Chance verpasst worden, die Kinder in der Schule vor familiärem Druck zu schützen. Kaum ein Mädchen trage das Kopftuch freiwillig.

Kaum ein Mädchen trägt das Kopftuch freiwillig.

Gefährdet die Chancengleichheit: Mädchen mit Kopftuch in der Schule. (Keystone/Marko Drobnjakovic)

Gefährdet die Chancengleichheit: Mädchen mit Kopftuch in der Schule. (Keystone/Marko Drobnjakovic)

Die Frage, ob der Staat im Freiraum Schule kompromisslos auf seinen Idealen bestehen soll, ist keine aus der Luft gegriffene, und wer sie stellt, ist nicht einfach ignorant gegenüber den kulturellen Unterschieden. Kommt man zum Schluss, das Tragen des Kopftuches sei ein Akt der Unterdrückung und der Stigmatisierung von Mädchen (Keller-Messahli) oder frauenfeindlich und diskriminierend (SP Schweiz, Positionspapier über den Islam, Juli 2010), liegt ein Verbot an Schulen nahe. So erachtet die SP denn auch interessanterweise eines für Lehrerinnen als richtig, ebenso der Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes Beat Zemp. Die gleiche Auffassung vertritt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der den Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau verletzt sieht.

Bei der aktuellen Diskussion um Kopftuch und Schleier an Schulen geht es um die Kinder. Sie bedürfen unseres besonderen Schutzes, wenn das pädagogische Ziel der Chancengleichheit eingehalten werden soll. Es geht um die sorgfältige Beurteilung der Frage, ob man unter dem Stichwort der Toleranz gegenüber dem familiären Hintergrund unter Umständen nicht auch Intoleranz toleriert. Ist es richtig, dass für die einen Mädchen andere Regeln gelten als für die anderen? Die einen Mädchen etwas freier sind als die anderen? Etwas gleicher, wenn man so will? Sind wir sicher, dass es im Respekt der Persönlichkeiten der Kinder geschieht, wenn vor unseren Gerichten Kopftuchtragen erfochten wird, und nicht vielmehr im Interesse einer wenig überblickbaren kulturellen Struktur.

Ich bin überzeugt, dass Kinder an Schulen keine Kopftücher tragen sollten. Es geht nicht um Sonderrecht gegen Minderheiten, sondern um Recht für eine Minderheit. Diese Minderheit darf, auch wenn sie eine ganz kleine Gruppe von Mädchen bildet, kein übergehbarer Gegenstand der Betrachtung sein in unseren westlichen Gesellschaften, die unter dem Aspekt der Emanzipation zu den fortschrittlichsten der Welt gehören. Drehen wir das Rad nicht selektiv zurück.