Im Kampf gegen unsere Triebe

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Was ist ein Pädophiler? Er ist, vor allem einmal, nicht a priori ein Straftäter. Die Befürworter der «Pädophilen-Initiative», über die im Mai abgestimmt wird, fordern automatische, lebenslängliche Berufsverbote – und rühren ein populistisches Begriffsgemisch von «Pädophilen» und «Kinderschändern» an. Dabei werden viele Betroffene nie delinquent und führen einen lebenslangen Kampf gegen ihre Regungen, wie eindrückliche Porträts im «Tages-Anzeiger» oder in der «Zeit» zeigen.

Doch es gibt auch in diesen Berichten etwas, das befremdet. Allzu oft klingt im O-Ton der Porträtierten ein weinerlicher Unterton an: Wer pädophile Neigungen unterdrücken muss, trägt ein grausames Los und verdient Mitleid. Ist das wirklich so? Allenfalls kann man zustimmen, wenn das sexuelle Interesse an Kindern das perverse Ergebnis einer Missbrauchserfahrung am eigenen Leib darstellt. Das kommt gar nicht einmal selten vor. Im Grunde aber ist gezügelte Pädophilie einfach nur ein weiterer unserer täglichen Beiträge zur Zivilisation. Denn Zivilisation entsteht eben dort, wo wir erfolgreich gegen Triebe kämpfen.

Und zwar selbst gegen harmlose. Ich erinnere mich an einen Professor, der während der Vorträge von uns Studenten herzhaft zu gähnen pflegte. Auch Nilpferde gähnen, auch ich gähne, und den Spannungsgehalt unserer Vorträge bewertete ich schon damals illusionsfrei. Trotzdem war ich pikiert, nicht als einziger. Der Professor lebte seinen Trieb aus und verstiess gegen das zivilisatorische Gebot der charmanten Lüge: Das Interesse am Gegenüber ist, wo nicht vorhanden, doch wenigstens überzeugend vorzutäuschen.

Kultur und Zivilisation sind die freundliche Knastwache unserer körperlichen Bedürfnisse.

Politblog

Kein Recht auf Triebabfuhr: Fussgängertafeln in Biel. Foto: Keystone

Kultur und Zivilisation sind die freundliche Knastwache unserer körperlichen Bedürfnisse. Andere Gesellschaften halten es da strenger als wir. In Japan gilt es als grober Verstoss gegen die Etikette, vor anderen Leuten in ein Nastuch zu schneuzen. Natürlich darf man den Schneuztrieb auch im Fernen Osten ausleben, abseits der Öffentlichkeit. Daneben gibt es aber Triebe, deren Vollzug wir höchstens der Tierwelt noch zugestehen. Hundebesitzer wissen, was geschieht, wenn Rex und Hasso sich nicht leiden können: Zuerst wird geknurrt, dann zugebissen. Den Trieb kennt auch, wer auf zwei Beinen durchs Leben geht. Eine ganz und gar unausstehliche Person zu ohrfeigen oder wüst zu beleidigen, mag bisweilen Befreiung versprechen. Aber wie schauderhaft wäre unser Alltag, diesem Drang würde flächendeckend nachgegeben. Und wie entwürdigend sind etwa jene Fotos, wie sie uns regelmässig aus italienischen Parlamenten erreichen: Volksvertreter, die mit Fäusten aufeinander losgehen – Rex und Hasso im Massanzug.

Es gibt kein Recht auf Triebabfuhr, und gerade der sexuelle Bereich ist durch die Zivilisation seit je normiert. Bei der Pädophilie hat man mit guten Gründen die engstmögliche Schranke gezogen: Alle Freiheit beschränkt sich hier auf jene der Gedanken (wer kann sie erraten?). Gegenüber Menschen, die sich innerhalb dieser Grenzen halten, ist Mitleid nicht angebracht – genauso wenig wie dumpfe Abneigung.

Diese auszuleben, ist im Übrigen ein Trieb übelster Sorte. Und wenn es nur an der Urne geschieht.