Energiewende: Wollen wir schon oder schmollen wir noch?

Da kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen: «Ideologie» wird immer der Gegenseite vorgeworfen – man selbst ist natürlich frei davon… So auch im Plädoyer von Beat Bechthold (Nuklearforum Schweiz) für Atomkraft. Lassen wir doch gegenseitige Ideologie-Vorwürfe beiseite und schauen die Fakten an:

Atomkraft-Befürworter verweisen neuerdings gerne auf England. Richtig, Grossbritanniens Premierminister Cameron will Atomkraftwerke bauen. Aber zu welchen Bedingungen? Die potenziellen Investoren haben ultimativ einen Garantiepreis für Atomstrom verlangt (und bekommen), der meilenweit über dem Marktpreis liegt! Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der britische Steuerzahler muss in den kommenden Jahrzehnten mehr für riskanten Atomstrom zahlen, als ihn die gleiche Menge klimafreundlicher Solarstrom kosten würde. Glücklicherweise fallen die meisten Länder darauf nicht mehr rein: Holland, Bulgarien und selbst Frankreich haben AKW-Pläne aufgegeben, weil sie gemerkt haben: Atomstrom wird immer teurer, Solar- und Windstrom immer günstiger. Nicht Atomkraft ist der Renner – sondern erneuerbare Energien: 2012 wurde global rund zehnmal so viel in erneuerbare Energien investiert wie in Nuklearenergie.

Richtig ist auch: Wenn wir AKW abschalten und stattdessen einfach Atom- und Kohlestrom importieren, ist nichts gewonnen. Darum engagiert sich der WWF für eine Importsteuer auf diesem Dreckstrom. Vor allem aber haben die Umweltverbände aufgezeigt, wie sich die Stromversorgung der Schweiz bis 2035 zu 100 Prozent auf sichere einheimische Quellen umstellen lässt (Uran für Atomkraftwerke ist übrigens weder das eine noch das andere). Dabei sind nur die ökologisch und wirtschaftlich günstigen Potenziale für erneuerbare Energien berücksichtigt.

Schon heute fahren Hausbesitzer vielerorts mit Solarstrom vom eigenen Dach günstiger als mit Strom vom Netz.

Solarstrom wird immer günstiger: Solarzellen auf dem Flachdach der Migros-Filiale in Stans. (Keystone)

Solarstrom wird immer günstiger: Solarzellen auf dem Flachdach der Migros-Filiale in Stans. (Keystone)

Beim Solarstrom vom Gebäudedach sind die Schäden für die Biodiversität von allen Energieformen wohl am kleinsten, und die Kosten fallen dramatisch. In verschiedenen europäischen Ländern fährt ein Hausbesitzer laut einer Studie der UBS mit Solarstrom vom eigenen Dach heute schon günstiger als mit Strom vom Netz – ohne Zuschüsse. Das macht Solarstrom laut UBS zum «No-brainer» – man kann damit gar nichts falsch machen. Für eine wirtschaftliche und umweltfreundliche Versorgung der Schweiz ist 25 Prozent Solarstrom ein sinnvoller Anteil. Das bedeutet einen Zubau von 0,6 Quadratmetern pro Jahr und Person. Deutschland hat während Jahren 1 Quadratmeter zugebaut, Bayern sogar 2,5 Quadratmeter. Damit ist die Stromproduktion des maroden AKW Mühleberg in Kürze ersetzt.

Deutschland begann mit der Solarstrom-Förderung, als Solarstrom noch viermal so teuer war wie heute. Darum können in der Schweiz gar nie so hohe Förderkosten wie in Deutschland auflaufen (Förderkosten, die fast bescheiden wirken, wenn man sie mit den kumulierten Subventionen für die Atomindustrie vergleicht). Der günstigste Strom ist aber immer der, den man gar nicht verbraucht, betont stets auch die industrienahe Internationale Energie Agentur. Mehr als ein Drittel des in der Schweiz verbrauchten Stroms liesse sich einsparen, ohne Komfort und Leistung einzubüssen. Das gelingt nirgends? Es gelingt nirgends, wo man es nicht ernsthaft probiert. Dänemark oder Kalifornien zeigen, dass sich der Stromverbrauch sehr wohl stabilisieren lässt, wenn man den Strommarkt intelligent organisiert. So, dass Energieversorger Geld verdienen können, wenn sie mit ihren Kunden Strom sparen.

Die Frage zur Energiewende heisst also nicht: Können wir? Sie heisst: Wollen wir? Wollen wir schon oder schmollen wir noch?

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