Eltern haben Rechte – Kinder jedoch auch

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«Und sie heirateten, lebten glücklich und hatten viele Kinder»: So enden Märchen. Im richtigen Leben heisst es in der Hälfte aller Fälle «Und sie heirateten, lebten glücklich, hatten Kinder und liessen sich scheiden.» Dabei wird aus manchem Märchen eine Schlammschlacht. Eine Scheidung ist immer auch eine Art Flohmarkt: Über alles lässt sich verhandeln, sogar über staubige Reliquien. Und wenn das besagte Paar dann auch noch Kinder hat, werden selbst sie zum Gegenstand eines Kuhhandels: Wer entscheidet? Wer erzieht? Wer zahlt?

Am 4. März folgte der Nationalrat dem Ständerat und sprach sich für eine Gesetzesänderung aus, die die gemeinsame elterliche Sorge im Falle einer Scheidung oder Trennung zur Regel macht. Im Sinne des Kindeswohls sind auch Ausnahmen möglich.

Bis zu diesem Zeitpunkt verfügte nur ein Elternteil über das Sorgerecht, ausser die Partner stellten einen Antrag. Der Mutter wurde das Sorgerecht sogar automatisch zugesprochen, wenn das Kind ausserehelich geboren wurde. Mit dieser Änderung des Zivilgesetzbuchs hat die Schweiz einen grossen Schritt nach vorn gemacht und sich ihrer gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst. Es wurde auch Zeit: Die bürgerliche Kernfamilie gilt schon seit Jahren nicht mehr als absoluter Regelfall. Endlich macht die Schweiz ihren Rückstand gut und folgt den Beispielen Frankreichs, Deutschlands und Belgiens. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob diese Änderungen ausreichen.

Gemeinsame elterliche Sorge bedeutet, dass die Eltern alles, was das Kind betrifft, grundsätzlich gemeinsam regeln.

Ein Familie auf einem Fussball. (Keystone/Edi Engeler)

Neben dem gemeinsamen Sorgerecht soll in Zukunft dem Unterhaltsanspruch der Kinder Vorrang gegeben werden: Ein Schweizer Familie. (Keystone/Edi Engeler)

Gemeinsames Sorgerecht ist nicht gleichbedeutend mit gemeinsamer Betreuung. Bei einer Scheidung werden sich Eltern auch in Zukunft auf die Sorge und die Unterhaltkosten ihrer Kinder einigen müssen. «Gemeinsame elterliche Sorge bedeutet, dass die Eltern alles, was das Kind betrifft, grundsätzlich gemeinsam regeln», heisst es beim Bundesamt für Justiz. Es ist also nicht nötig, das Mittagsmenü des kleinen Kevin gemeinsam zu besprechen, jedoch müssen sich beide Eltern in Zukunft einig sein, wenn ein Sorgeberechtigter mit dem Kind umziehen möchte. Diese Beispiele verstehen sich von selbst, zeigen aber auf, dass die kleinste Entscheidung zahlreiche Konsequenzen mit sich bringen kann – wir alle kennen den sogenannten Schmetterlingseffekt.

Eltern werden also gemeinsam entscheiden müssen. Was im ersten Augenblick fair erscheint wird es jedoch auch in Zukunft nicht verhindern können, dass sich Eltern im Namen ihrer Kinder in die Haare geraten. Auch wird der erweiterte Familienkreis, wie zum Beispiel die Stiefeltern, im Falle einer Trennung auch weiterhin aussen vor gelassen werden. In ihrem im November 2012 erschienenen Buch «Im Namen des Kindes…» (Originaltitel: «Au nom de l’enfant…») kritisiert die Anwältin Anne Reiser ein «hundertjähriges Zivilgesetzbuch»: «Als Anwältin habe ich schon länger das Gefühl, das Alibi eines Systems zu sein, das mehr dazu dient, Menschen zu erdrücken statt ihnen zu helfen (…) Alles wird getan, um sie unter Zeitdruck zu setzen», sagte sie der Genfer Tageszeitung «Le Courrier». Eltern über Mediationsverfahren zu versöhnen oder «systematische Versöhnungsprozeduren» einzuführen könnten laut Reiser dazu beitragen, dass eine Trennung nicht zum Schlachtfeld wird – und die Kinder nicht als Kriegstrophäen zwischen den Fronten stehen.

Nach der gemeinsamen elterlichen Sorge will das Parlament nun auch das Unterhaltsrecht ändern: Diskriminierungen zwischen Ehe und Partnerschaft sollen beseitigt werden. Eine weitere positive Entwicklung, die es jedoch auch nicht verhindern wird, dass bei einer Trennung die Fetzen fliegen.  Das Parlament sieht zudem vor, dass «der Unterhaltsanspruch des Kindes künftig gegenüber allen anderen Unterhaltsansprüchen Vorrang hat, also etwa gegenüber dem Ehegattenunterhalt oder dem Unterhalt Mündiger.»

Das Kind ist König –  dabei gilt die Aufmerksamkeit jedoch nur selten den Umständen, in denen es aufwächst. Um sich harmonisch zu entwickeln braucht ein Kind in erster Linie ein ausgeglichenes Umfeld.  Eltern sollten in der Lage sein, ihrer Partnerschaft in einer versöhnlichen Umgebung ein Ende zu setzen, sodass ihre Nachkommen nicht zum Gegenstand schmerzhafter Verhandlungen werden. Denn zwischen Märchen und Kuhhandel gibt es genügend Spielraum.

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