Was es heisst, Sozialist zu sein

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Wussten Sie, dass Sozialist zu sein nicht immer das ist, was man denkt? Dass Sozialist zu sein auch für Überraschungen sorgen kann? Um dies zu veranschaulichen, zunächst Folgendes.

Sozialist zu sein bedeutet, die Welt bewusst mit Augen zu sehen, die einen zum Handeln zwingen. Sozialist zu sein bedeutet, sich für eine soziale Ordnung einzusetzen, die es allen ermöglicht, die eigene Kreativität auszuleben – ohne wirtschaftliche, schulische oder gesundheitliche Barrieren.

Sozialist zu sein bedeutet, sich für eine Gesellschaft und einen Staat stark zu machen, die dem Faustrecht Einhalt gebieten und den Appetit der Grössten und Stärksten zügeln – und dafür den Schwächsten Unterstützung gewähren.

Mit diesen Idealen habe ich während achteinhalb Jahren die FMH präsidiert – und dabei meine Kollegen immer wieder dazu aufgefordert, die Medizin als Teil unserer Gesellschaft zu sehen, in der jede einzelne Person die Möglichkeit erhalten sollte, sich zu entfalten.

Sozialist zu sein bedeutet nicht, auf ein branchenübliches Gehalt verzichten zu müssen.

Nationalraetin Jacqueline Fehr (SP-ZH), links, und Jacques de Haller, Praesident FMH, aeussern sich zur Managed-Care-Vorlage, am Freitag 30. Maerz 2012,

Nationalrätin Jacqueline Fehr (SP, ZH) und Jacques de Haller (Präsident FMH) äussern sich zur Managed-Care-Vorlage, Freitag 30. März 2012. (Keystone/Peter Schneider)

Dass eine derartige Haltung hin und wieder über den strikten Rahmen des Medizinischen hinausgeht, ist unvermeidich. Denn es bringt nichts, die Patienten mit Medikamenten vollzustopfen, wenn sie eigentlich an ihren Arbeitsbedingungen kranken. Es sinnlos ist, die Selbstmordrate bei Jugendlichen verringern zu wollen, wenn gleichzeitig Sturmgewehre in den Schweizer Kellern lagern. Und es ist illusorisch, am Gesundheitssystem herum zu doktern, so lange es Institutionen wie den Krankenkassen vor allem darum geht, ihre Pfründe aufrechtzuerhalten.

Diese Konfrontation mit der Realität, diese sehr konkrete Sichtweise hat bei Kollegen mit tradiertem Selbstverständnis Irritationen ausgelöst denn es hätte für die Ärzteschaft einschneidende Veränderungen bedeutet. Und offensichtlich teilt eine Mehrheit meiner Kollegen diese Befürchtungen, sonst hätte die Ärztekammer im vergangenen Juni wohl kaum ihren Präsidenten gewechselt…

Und hierzu noch Folgendes: Dass der eine oder andere Arzt, der von diesem ständigen Hinterfragen verunsichert war, wenig Verständnis dafür aufbringen konnte, warum FMH-Verantwortliche eine Entschädigung von zwei Jahresgehältern für ihre «Rückkehr ins zivile Leben» erhalten, ist für mich nachvollziehbar, denn Geld ist symbolisch aufgeladen. Dass diese finanzielle Absicherung aber als unvereinbar mit meiner Parteizugehörigkeit deklariert wurde, hat mich hingegen überrascht – und ist mir nach wie vor unverständlich!

Sozialist zu sein ist weder ein einschränkender, noch ein defensiver, noch ein aus Schuldgefühlen heraus gewählter Weg. Sozialist zu sein bedeutet auch nicht, auf ein branchenübliches Gehalt verzichten zu müssen – insbesondere da das Budget der FMH vollumfänglich privat und nicht durch Steuer- oder Prämiengelder finanziert wird und sowohl den Transparenzanforderungen der Minder-Initiative wie auch der 1:12-Initiative der Juso genügt.

Wie dem auch sei, ich werde die Werte der Demokratie weiterhin verteidigen, auch ohne  meine ehemalige Funktion. Meine Überzeugungen bleiben die selben: Die Ärzteschaft wird dem anstehenden «Bildersturm» nicht entgehen können. Ich wünsche der FMH den nötigen Mut und die Kraft, diese Herausforderung anzunehmen, ohne sich dabei in internen Diskussionen zu verlieren. Wenn man schon ins kalte Wasser muss, dann wartet man besser nicht, bis man hineingeschubst wird! Ich bin überzeugt, dass unsere Ärztinnen und Ärzte den dafür nötigen Mut an den Tag legen – und Ufer ansteuern, die den heutigen Realitäten entsprechen. Ich freue mich, sie dort zu sehen.

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