Ende der Chancengleichheit?

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Der Rat der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) verkündete vergangene Woche seinen Entscheid zur Verdoppelung der Studiengebühren. Mit diesem Schritt beweist er, wie wenig Beachtung er der besorgten Politik, den betroffenen Kreisen und den zum Widerstand an den beiden ETH aufrufenden Studierenden schenkt. Die Chancengleichheit und die Demokratie in der Bildung stehen auf dem Spiel. Es besteht die Gefahr, in ein System abzugleiten, in dem ein Studium den Reichen vorbehalten ist.

Der Entscheid kam nicht überraschend: Seit mehreren Monaten macht sich an unseren Hochschulen die Tendenz zur Erhöhung der Studiengebühren breit. Nach Zürich, Bern und St. Gallen haben nun auch die ETH die Absicht bekanntgeben, ihre Gebühren drastisch zu erhöhen. Um dieser Ausartung entgegenzuwirken, hatte ich im März 2012 eine parlamentarische Initiative eingereicht, um die Semestergebühren der ETH auf einen Maximalbetrag von 650 Franken zu begrenzen. Dieser Betrag liegt leicht über den aktuellen Semestergebühren und entspricht dem Durchschnitt der von den Universitäten erhobenen Gebühren. Leider aber hatte mein Antrag im Nationalrat keine Mehrheit gefunden, auch wenn die Ja-Stimmen über das linke Lager hinausreichten. Die aktuelle Situation beweist jedoch, dass die vorgebrachte Lösung gut gewesen wäre.

Am meisten treffen wird es junge Studierende aus Nichtuniversitätskantonen, die bereits heute für eine tertiäre Ausbildung tiefer in die Tasche greifen müssen.

Proteste gegen die Erhöhung der Studiengebühren aander ETH Lausanne, 22. November 2012. (

Proteste gegen die Erhöhung der Studiengebühren an der ETH Lausanne, 22. November 2012. (Keystone)

Im Vergleich zu unseren Nachbarländern bewegen sich unsere Studiengebühren zurzeit im Durchschnitt. Sie werden als reine administrative Gebühren erachtet, was mit einer Verdoppelung nicht mehr der Fall wäre. Hingegen ist unser Stipendiensystem sehr uneinheitlich und in den meisten Kantonen reichen die gewährten Beträge bei Weitem nicht aus. Der Erhalt von Stipendien hängt heute vielmehr vom Wohnort der Studierenden als von deren finanziellen Situation ab. Der Harmonisierung und dem Ausbau des Stipendiensystems ist deshalb äusserste Priorität einzuräumen.

Die Initiative des VSS, über die demnächst debattiert wird, ist eine gute Lösung. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass jede Erhöhung der Studiengebühren ein Angriff auf die Chancengleichheit im Zugang zu einem Hochschulstudium und deshalb absolut unzulässig ist. Sie hätte verheerende Auswirkungen auf zahlreiche Studierende und ihre Familien. Am meisten treffen würde es junge Studierende aus Nichtuniversitätskantonen, die bereits heute für eine tertiäre Ausbildung tiefer in die Tasche greifen müssen. Etwa drei Viertel aller Studierenden arbeiten nebst dem Studium und verdienen monatlich rund 710 Franken. Eine ganze Generation müsste sich langfristig verschulden. Betrachtet man die USA, die ein Paradebeispiel in dieser Hinsicht sind, läuft es einem eiskalt über den Rücken.

Eine Umfrage bei den Studierenden der ETH zeigte auf, dass schon eine geringe Erhöhung der Studiengebühren konkrete Auswirkungen auf die Berufswahl vieler junger Menschen haben würde. Dabei besteht in der Schweiz ein Mangel an Ingenieuren. Mit dem Entscheid des ETH-Rates werden also viele auf ein Hochschulstudium verzichten müssen. Dies ist nicht nur unlogisch, sondern auch gefährlich für unser Land, in dem Bildung als eines der höchsten Güter gilt!

Schliesslich muss auch gesagt werden, dass die Erhöhung der Studiengebühren praktisch keine Auswirkungen auf das Budget der ETH haben würde, denn diese machen lediglich 1 Prozent des Gesamtbudgets aus. Der Hauptteil des Budgets stammt vom Bund. Ausserdem wurden die Mittel vom Parlament im Rahmen der Debatte der BFI-Botschaft 2013-2016 (Bildung, Forschung, Innovation) erheblich aufgestockt, um die Zunahme der Studierenden zu kompensieren. Der Entscheid des ETH-Rates ist folglich nichts anderes als ein Angriff auf die Chancengleichheit in der Bildung. Es muss alles daran gesetzt werden, damit die ETH-Direktion auf diese Erhöhung der Studiengebühren verzichtet – denn wir müssen verhindern, dass in Zukunft nur besser Betuchte Zugang zu den Hochschulen haben!

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