Mangelt es der stolzen Helvetia an Selbstvertrauen?

Kaum hat das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport bekanntgegeben, dass Bundesbern die Kandidatur Graubündens für die Olympischen Winterspiele 2022 unterstützt, haben sie sich formiert – jene Nein-Sager, die Helvetia keine grossen Taten zutrauen. Zugegeben, sie war noch nie Gastgeberin eines derart grossen Sportanlasses. Das Kandidaturbudget allein beträgt 60 Millionen Franken. Swiss Olympic will 15 Millionen und der Bund 30 Millionen Franken übernehmen. Die übrigen 15 Millionen Franken hätten die Kantone Graubünden und die beiden Austragungsgemeinden Davos und St. Moritz zu berappen. Helvetias Sportfest würde, so schätzt es Bundesbern, 4,5 Milliarden Franken kosten, wobei die Landesregierung bereit ist, eine Defizitgarantie von 1 Milliarde Franken zu übernehmen. Es ist eine grosse Kiste, zugegeben – aber sie enthält Visionen. Den Mut, diese mit einem berechtigten Stolz in die Welt zu tragen, scheint die Schwäche der Schweizer zu sein.

Erinnert das Szenario doch an den April 2008: Damals übernahm die Europäische Kommission die Patenschaft für das Solarflugzeug von Bertrand Piccard und André Borschberg. Die beiden Westschweizer Luftfahrtpioniere wollen mit einem lediglich durch Sonnenenergie betriebenen Flugzeug die Welt umrunden. Ein Abenteuer, das mit den technischen Mitteln bisher unmöglich erschien. Die Vision hat indes die Wissenschaftler beflügelt, sie arbeiten dafür an den Grenzen des Machbaren. Die Schweiz hat es bisher verpasst, das ideelle Patronat für das Vorhaben der beiden Pioniere zu übernehmen und deren Vision als Schweizer Produkt in die Welt hinaus zu tragen – deshalb heisst die Schirmherrin des Solarflugzeugs Europa und nicht etwa Helvetia.

Herausfordernde Ziele begeistern, das wissen nicht nur die Sportler. Sie setzen Energien frei, sie motivieren zu Innovationen.

Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Lake Placid, 13. Februar 1980. (Keystone)

Wieso werden mutige Projekte sofort schlecht geredet? Im Bild: Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Lake Placid, 13. Februar 1980. (Keystone)

Die Schweizer sollten sich deshalb vom Pioniergeist der Sportler inspirieren lassen. Die Olympia-Initianten haben es verdient, dass die einst so stolze Helvetia ihnen Schützenhilfe leistet. Sie stellen das Land vor eine grosse Aufgabe, die sich zuweilen an der Grenze des Machbaren zu bewegen scheint. Herausfordernde Ziele begeistern, das wissen nicht nur die Sportler. Sie setzen Energien frei, sie motivieren zu Innovationen. Diese Begeisterung täte auch der Schweizer Wirtschaft gut, denn neben den Visionen, enthält die grosse Olympia-Kiste auch das Versprechen eines sportlichen, sozialen und wirtschaftlichen Erfolgs. Mangelt es der stolzen Helvetia etwa heute an Selbstvertrauen?

Statt dem Vorhaben Steine in den Weg zu legen mit den Begründungen «eine Nummer zu gross» oder «nicht umweltverträglich», täten die Gegner gut daran, genauer hinzuschauen. Die Ansätze sind vorhanden: St. Moritz ist bereits heute ein Austragungsort von Ski-Weltmeisterschaften, Davos verfügt über ein Hockeystadion, in dem die Schweiz jährlich den Spengler-Cup empfängt und der Swiss Olympic Gigathlon hat dieses Jahr bewiesen, dass es möglich ist, mehrere Tausend Sportler auf dem Schweizer ÖV-Netz zu transportieren.

Es gilt nun also, die bestehende Infrastruktur mit innovativen Ideen nachhaltig für Olympia zu rüsten. So kann die Schweiz auch nach 2022 vom Sportfest profitieren. Statt der Olympischen Flamme den Garaus zu machen, könnten die Olympia-Gegner ihre Energie aufwenden, um die Initianten in die Pflicht zu nehmen. Sie könnten sich an den Verhandlungstisch setzen und dort ihre Anliegen tatkräftig vertreten. So würden sie Teil einer Vision, ohne ihre Werte zu verleugnen. Ihre Argumente könnten die Olympischen Spiele der Schweiz mitprägen und sie mit Pioniergeist zu einer Visitenkarte Helvetias machen. Oder ist etwa die Aufbruchstimmung in den Alpen versickert, die einst den Schleifentunnel durch das Gotthardmassiv möglich machte?

// <![CDATA[
document.write("„);
// ]]>