Leben


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Gross oder Chli Aubrig, das ist hier die Frage

Thomas Widmer am Donnerstag den 14. Oktober 2010

Diese Woche in den Schwyzer Voralpen

Klar, man kann beide Schwyzer Berge in einem Gang machen. Aber irgendwie finde ich es reizvoll, dass man sie einzeln besteigt und am Schluss erwägt: Welches Erlebnis war schöner? Der Gross Aubrig, 1695 Meter hoch, oder der 53 Meter niedrigere Chli Aubrig?

Und eigentlich gehört ja zu jedem der beiden Aubrige ein eigener Zugang und ein eigener See. Den Grossen besteigt man in der Regel vom Wägitalersee her. Und den kleinen vom hinteren Sihlsee her.

Der Weg zur langgezogenen Kante

Zuerst zum Gross Aubrig. Wir sehen ihn wunderbar vom Zürichsee unten, bevor der Zug an der Station Siebnen-Wangen hält; er füllt den Einschnitt des hinteren Wägitales aus wie ein sich in einen Torbogen stellender, diesen blockierender Pförtner. Die Busfahrt hinauf zum Wägitalersee ist dann ein Ereignis in sich: viele Kurven, Waldeinsamkeit, Staugewässer, ein Elektrizitätswerk.

Ein Tunnel. Und gleich danach die Haltestelle «Innerthal, Staumauer». Gleissende Sonne, auf einen Schlag sind wir mit den unglaublichsten Bergen konfrontiert. Und mit besagtem Wägitalersee, geschaffen vor gut 85 Jahren zwecks Stromgewinnung. Wir ziehen los, über die Staumauer, zum Punkt Schrä. Dort beginnt der Aufstieg, für den wie für den Rest der Wanderung und auch für den Chli Aubrig das Prädikat «ruppig» gilt. Durch einen Hohlweg geht es aufwärts, der bei Regen Bachbett spielt und mit lehmigem Geröll bedeckt ist.

Irgendwann sind wir bei der Bärlaui, haben gegenüber den markanten Grat des Eggstofel, bewältigen den letzten Teil des Aufstiegs einfachheitshalber in der Direttissima. Endlich der Gipfel mit dem Kreuz, eigentlich eher eine langgezogene Kante.

Eine Saftwanderung

Das Auge bekommt alles auf einmal: Hohe Berge von Säntis bis Berner Alpen am Horizont. Und in der Nähe Grosser und Kleiner Mythen, Fluebrig und Zindlenspitz und Mutteristock. Plus Sihlsee, Wägitalersee, Zürichsee, Greifensee, Pfäffikersee.

Haben wir uns sattgesehen, gehen wir der Kante entlang westwärts, steigen ab zum Punkt 1441, steigen weiter ab via Ahoreli und Dorlaui nach Vorderthal. Dort können wir einkehren und haben wieder den Bus hinab nach Siebnen-Wangen zur Verfügung. Es war eine Saftwanderung, wovon auch die verdreckten Schuhe zeugen.

Ähnlich aber knapp besser

Und nun der Chli Aubrig. Wenn ich ihm hier etwas weniger Raum gebe, dann nur, weil einiges von dem schon Gesagten für ihn auch gilt: gleiches schlammig-moorig-moosiges Terrain mit vielen Pilzen, gleiche Grobheit der Pfade, die ein Mindestmass an Trittsicherheit wollen, ebenfalls ein Gipfelkreuz und fast dieselbe Aussicht.

Der Weg zum Chli Aubrig beginnt in Euthal-Post, das wir auf schöner Fahrt dem Sihlsee entlang erreichen. Einige Zeit gehen wir nun vorerst dem Bach entlang eben taleinwärts. Dann das Chilentobel, an dessen Rand wir Höhe gewinnen; tief unten rauscht es höllisch. Am Gipfel braucht es dieselbe Vorsicht wie auf dem Gross Aubrig, weil auch dieser Berg gegen Norden abrupt abbricht. Nett schliesslich der Rückweg via Alp Egg hinab nach Willerzell.

Etwas freilich ist anders, etwas habe ich auf der Chli-Aubrig-Route speziell genossen; letztlich würde ich sie darum knapp vorziehen. 20 Minuten vor dem Gipfel gibt es auf der Alp Wildegg eine Familienwirtschaft mit Freiluftbänken. Man kann einkehren, das macht die Sache rund. Als wir Kaffee Schnaps bestellten, stellte uns die Frau gleich die Schnapsflasche auf den Tisch. Die Schwyzer sind ein grosszügiges Völklein – und sie setzen auf Selbstverantwortung.

Infos

Route Gross Aubrig:
Innerthal Staumauer (Bus) – Schrä – Bärlaui – Gipfel – Punkt 1441 – Ahoreli – Dorlaui – Vorderthal (Bus).
5 Stunden. 800 Meter auf-, 950 abwärts.

Route Chli Aubrig:
Euthal Post (Bus) – Chilentobel – Alp Wildegg – Gipfel – Alp Wildegg – Alp Egg – Willerzell (Bus).
5 Stunden. Je 750 Meter.

Charakter: Beide Routen wollen eine mittlere Anstrengung. Grobe Pfade, sehr feucht. Das kleine Stück Gross Aubrig Gipfel – Punkt 1441 ist besonders ruppig, Trittsicherheit nötig.

Höhepunkte: In beiden Fällen das Gipfelkreuz. Der Ausblick mit diversen Seen und allen Alpengipfeln. Die verwunschenen, vermoosten Wälder.

Einkehr: Unterwegs kann man nur auf der Route zum Chli Aubrig einkehren, auf der Alp Wildegg.

Beste Karte: Landeskarte 1: 50 000, 236T.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

Gerberkäsli oder Haselnussstängeli?

Thomas Widmer am Donnerstag den 23. September 2010

Diese Woche aufs Davoser Seehorn (GR)

Das Seehorn, 2238 Meter hoch, ist einer der Hausberge von Davos. Und es ist sozusagen ein Wander-Schnäppchen. In nur zwei, zweieinhalb Stunden ist man oben und bekommt eine berauschende Aussicht. Falls jemand diesen Herbst Ferien im Landwassertal plant: Dies ist der geeignete Gipfel, sie stilvoll zu eröffnen. Man schafft ihn bestens auch, wenn man erst am frühen Nachmittag startet, nach der Anreise am Morgen.

Peter und seine Sucht

Peter und ich starteten schon um zehn – und vielleicht ist hier der Moment, in Erinnerung zu rufen, was ich auch schon schrieb: Peter war ein Studienkollege und ist heute ein Bergfreund. Er hat viele gute Eigenschaften und eigentlich nur eine schlechte: Er ist Gerberkäsli-süchtig. Manchmal irritiert mich das, Peter mampft seinen Stoff so seltsam in sich gekehrt, er hört und sieht dann nichts mehr.

Bei Stilli ass Peter das erste Gerberkäsli. Viele andere würden folgen, aber lassen wir die Suchtsache und erklären lieber, wo Stilli liegt. Es handelt sich um eine Haltestelle des Davoser Ortsbusses (Linie 4 ab Dorf oder Platz) ziemlich am Anfang der Flüelapassstrasse. Hier wird der Wanderer in den Hang zur Linken gelenkt und beginnt den Aufstieg zum Seehorn.

Der Charme eines Zahnspangenmundes

Über dessen ersten Teil gibt es nichts Spektakuläres zu berichten. Man geht durch Wald, der von Forstwegen und -strässchen durchzogen ist, und gewinnt schnell Höhe. Von den rot-gelben Markierungen lasse man sich nicht verwirren, sie bedeuten, dass Wald- und Wildschutz herrscht.

Endlich kamen wir aus dem Wald. Wir fanden uns an einer steilen Grashalde. Sie führte zu einem Sattel. Dort erblickten wir geradeaus das Hüreli, linkerhand aber das Seehorn. Dessen Südflanke hat, fanden wir, den Charme eines Zahnspangenmundes: Metallene Lawinenverbauungen bleckten uns an. Die folgende Schlusspartie bereitete uns viel Freude, die Alpenrosenbüsche, das spärliche Gebirgsgras, die aus dem Grün ragenden Felsen.

Die Davoser Puppenstuben

Oben dann, auf dem mit Steinmännchen geschmückten Flachdach des Seehorns, eine Wucht von Panorama: Tief unter uns liegt Davos; aus dieser Perspektive nimmt sich die Alpenstadt aus wie eine Puppenstubensiedlung und wird niedlich. Die Flüelastrasse ist bis weit hinauf verfolgbar als ebenmässiges graues Band. Und natürlich reihen sich rundum Berge, von denen ich die wenigsten mit Namen aufzuzählen wüsste. Immerhin, souverän identifiziere ich die Weissfluh.

Wir schauten und schwelgten und waren uns einig, dass das Seehorn ins Palmarès jedes Wanderers von Ambition gehört. Es folgte der Abstieg, retour zum erwähnten Sattel und via den Alpboden von Drusatscha hinab zum Davosersee. Entlang den Gestaden trafen wir wieder den nichtwandernden Teil der Menschheit: ausländische Touristen, Familien mit kleinen Kindern, Alte, Behinderte. Es herrschte Kurstimmung. Peter und ich setzten uns auf eine Bank und picknickten.

Süsse Stängeli

Was Peter mit entrückter Miene ass, dürfte klar sein. Und ich? Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich mich selber oute. Seit langem nehme ich nur noch eines mit: Haselnussstängeli aus der Migros. Ein Sack versorgt mich zuverlässig für jede Art von Tour, die süssen Dinger sättigen und kräftigen und liegen gut im Bauch. Aber irgenwie ist das schon kurios: zwei Bergwanderer, von denen der eine nur Gerberkäsli isst. Und der andere nur Haselnussstängeli.

Infos

  • Route: Bahnhof Davos-Dorf – Stilli – Sattel – Seehorn – Sattel – Drusatscha – Davosersee – Bahnhof Davos Dorf
  • Dauer: 4 Stunden.
  • Höhendifferenz: je 700 Meter auf- und abwärts.
  • Charakter: einfache Bergbesteigung, mittlere Anstrengung.
  • Höhepunkte: Die gewaltige Rundsicht vom Gipfel. Die Erholung des Auges vom Gebirge beim Anblick des blauen Davosersees.
  • Keine Einkehr unterwegs.
  • Landeskarte 1:25 000, 1197 „Davos“.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch.

Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com/

Die 1747. Wanderung von René P. Moor

Thomas Widmer am Donnerstag den 16. September 2010

Diese Woche der Gürbetaler Höhenweg (BE)

Als ich in Kehrsatz aus dem Zug steige, steht René P. Moor da und winkt. Kurzes Händeschütteln, dann eilen wir den Schienen entlang rückwärts bis zur Bahnschranke. Schnelles Umsteigen hat Prioriät. Jawohl, da ist die Bushaltstelle.

Es ist der 15. Mai. Die kalte Sophie wirkt; es ist kühl. Dem Niesel zum Trotz freuen wir uns, dass wir nun zusammen ins Gelände ausziehen, nachdem wir bisher vor allem miteinander mailten.

René und ich, wir wandern beide. Wir bloggen darüber. Und wir schreiben Bücher – wenn ich erst im September über diese Mai-Wanderung berichte, dann darum: Jetzt ist Renés zweites Buch erschienen, das ich empfehlen möchte. Man erlaube mir einen Exkurs. René ist in der Schweizer Wanderszene der Quergeher. Er wählt seine Routen wider den Massengeschmack: traversiert als Urbanethnologe Basel samt Agglo, schneidet den Lägerngrat im rechten Winkel und wandert am liebsten im Hudel. In “Gehzeiten”, zu dem ich mit Freuden das Nachwort beisteuerte, sind die Touren gesammelt: zum Nachwandern, Sinnieren, Schmunzeln über den mobilen Dadaismus.

Kleine und grosse Dinge am Weg

Nun wieder zu unserer Wanderung, die auf meinen Wunsch konventioneller Natur ist. Der Bus hat uns hinauf zum Alters- und Pflegheim von Kühlewil getragen. Hier ist es grün und ruhig. Nun, theoretisch ist es ruhig. René und ich geraten in ganze Pulks von Wanderern: Es ist Schweizerischer Zweitagemarsch. Der Gürbetaler Höhenweg entpuppt sich dennoch als gute Wahl. Zum einen wegen der Aussicht: Unter uns liegt das Gürbetal, das Chabisland zwischen Bern und Thun. Dahinter wölbt sich die Hügeldecke des Emmentals. Und vor uns ragt das Stockhorn. Und dann sind da die bemerkenswerten kleinen und grossen Dinge am Weg, der immer wieder mal ein bisschen steigt und fällt. Nach Englisberg reckt sich im Wald ein Bär aus Holz in die Höhe, eine Kinderschreck-Skulptur. Bald passieren wir den “Teufelsstein”, der einst auf dem Aaregletscher anritt. Und an einem Bauernhof entdecken wir ein Schild mit dem Motto “Live well – laugh often – love much!”

René und ich haben uns unterdessen das halbe Leben erzählt, nun weiss ich, woher sein Wanderhang stammt. Ursprünglich SBB-Disponent, sattelte er bald, um dem Büro zu entkommen, auf die Outdoorbranche um, ging zu einem grossen Reisezubehörladen, gründete ein Trekking-Unternehmen und arbeitete für mehrere Freizeitorganisationen. Heute, mit 47, ist er wieder im Trockenen tätig, als Marketing- und Kommunikationsmann in Spiez.

Das zweigeteilte Restaurant

Nachdem uns eine seilgesicherte Treppe durch Sandsteinfluhen samt Höhle steil abwärts geleitet hat, erreichen wir das Restaurant Gutenbrünnen. Wir essen. Dann gibts zum Dessert den Rest der Strecke: Sie tangiert das Textilmuseum der Riggisberger Abegg-Stiftung und führt durchs hübsche Tobel des Mülibaches hinab zur Station Thurnen. Unter dem alten Wellblech-Tonnendach warteten einst die Kurgäste der Belle Epoque auf die Kutsche hinauf zum Gurnigelbad.

Im Restaurant “Bahnhof” des Nachbarortes Burgistein, wo René samt Familie wohnt, nehmen wir ein Bier. Dies war, sagt René, seine 1747. Wanderung. Noch mehr staune ich darüber, wie sie hier das Nichtraucher-Raucher-Problem gelöst haben. Eine Scheibe zerschneidet die Wirtschaft, wie einst eine Mauer Berlin zerschnitt. Da sitzen sie nun, der Housi auf der einen, der Fredu auf der anderen Seite, sehen sich und sind doch getrennt. Wenn das nicht eine Geschichte für Renés nächstes Buch hergibt!

Route: Theoretischer Beginn des Höhenwegs: Bahnhof Kehrsatz. Die Kolumne startet etwas weiter oben beim Heim Kühlewil (Bus ab Bahnhof Kehrsatz). Kühlewil – Englisberg – Winzenried – Hofmatt – Rossweid – Falebach – Gutenbrünnen – Uf der Mur – Abegg-Stiftung (Riggisberg) – Mühlethurnen – Station Thurnen.

  • Dauer: 4 1/2 Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 450 Meter aufwärts, 700 abwärts.
  • Charakter: Panoramaweg, immer wieder geht es auch leicht auf- oder abwärts. Wegen der Steilpartie vor Gutenbrünnen sind gute Schuhe nötig.
  • Höhepunkte: Die Sandsteinfluh vor Gutenbrünnen mit der Höhle. Das nahe Stockhorn. Das grüne Gürbetal.
  • Landeskarte 1:25 000: 1187, „Münsingen“ deckt den Grossteil ab. Gratisprospekt mit guter Karte beim Verkehrsverband Region Gürbetal, 031 819 39 39.

Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

Neuerscheinung: René P. Moor, “Gehzeiten”. www.wanderwerk.ch

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Der Mann, der von einem Hirsch gerammt wurde

Thomas Widmer am Donnerstag den 9. September 2010

Diese Woche Panoramawanderung über dem Saastal (VS)

Das erste, was ich auf der Homepage der Bergbahnen Hohsaas sehe, ist das Foto eines Buben im Go-Kart. Auf dem Kreuzboden, der Mittelstation, gibt es neuerdings eine Go-Kart-Bahn. Der Spruch dazu ist kurios: «Auch Kids müssen mal entschleunigen.»

Ich und mein alter Bergkollege Peter sind uns dann vor Ort einig, dass wir Rummelplatz-Einrichtungen auf 2400 Metern nicht mögen. Wir sind uns aber auch einig, dass uns die Sache letztlich egal ist. Wir wollen auf dem Kreuzboden, den wir von Saas-Grund per Gondel erreicht haben, ja nicht verweilen.

Es steigt und steigt

Wir gehen also gleich los, und nach zehn Minuten haben wir Ruhe. Wir sind in einer grossen, weiten Berglandschaft: Tundra-Ambiente über der Baumgrenze mit ausgezehrtem Gebirgsgras, das sich gegen Kälte und Schnee behauptet; die Felsbrocken sind mit hellgrünen Flechten bewachsen.

Unser Zwischenziel Triftgrätji will erobert sein. Dass der Weg stetig ein wenig steigt, ist nicht das Problem. Anstrengend ist vielmehr die Bewältigung des Blockschuttfeldes, durch das er sich windet; wir gehen weniger, als von Block zu Block zu springen. Gleichzeitig ist das lustig. Endlich Gelegenheit, sich in den Alltag eines Steinbocks einzufühlen.

Fein ist die Aussicht auf diesem Höhenweg: unter uns Saas-Grund, rechts die Terrasse von Saas-Fee und geradeaus das Ausgleichsbecken von Zer Meiggeru. Bald zeigt sich weit vorn auch der Mattmark-Stausee. Mit dem Bus dort hinauf und dann via Jazzilücke und Antronapass in weitem, Italien streifenden Bogen hinab nach Saas-Almagell: Das war ursprünglich unser Plan. Doch das Wetter ist dafür zu mittelmässig.

Direttissima?

Nach dem Triftgrätji beginnt es zu nieseln. Als Entschädigung ist die folgende Passage komfortabel: Der breite Pfad beginnt sich gegen die Almagelleralp zu senken. Schon machen wir das Berghotel gleichen Namens aus, das durch zwei Merkmale leicht identifizierbar ist. Erstens liegt es ganz für sich in einer gerölligen Wiese. Und zweitens hat es rote Fensterläden.

Wir kehren ein. Ich esse eine «Walsersuppe»: Bouillon, darin deftig Käse, Speck, Brotbocken. Doch, das ist die richtige Nahrung, wenn man wandert! Auch wenn ein Weight Watcher vermutlich in Ohnmacht fällt allein bei der Vorstellung der Speise.

Im Abstieg müssen Peter und ich uns bald entscheiden: Direttissima? Oder der längere «Erlebnisweg», der mit einer Hängebrücke startet, welche eine glattgeschmirgelte Felsflanke mit Tiefblick ins Tal quert? Wir nehmen die Direttissima. Was wir bekommen, ist enorm steil, doch fängt der Weg in unzähligen Kurven das Gefälle auf.

Der Hirsch

In Saas-Almagell stellen wir uns an die Bushaltestelle, und mir fällt ein, dass ich hier vor zwei Jahren schon einmal wartete. Ich traf damals einen Mann, der mir seine Leidensgeschichte erzählte. Es sei ein Wunder, sagte er, dass er nicht tot sei. Er sei von einem brünftigen 200-Kilo-Hirsch gerammt worden, sei fast gestorben, habe bereits die letzte Ölung erhalten, habe sich dann allmählich erholt, habe aber anderthalb Jahre auf der Intensivstation liegen müssen. Nun sei er invalid, helfe ein wenig in einem der Hotels im Ort mit.

Wie genau das mit dem Hirsch geschehen konnte – ich hätte es damals gern genauer erfahren. Doch da kam der Bus, der Mann stieg ein, kannte jemanden, setzte sich daher nicht zu mir. Und wenn ich jetzt auch nach ihm Ausschau halte, diesmal ist er natürlich nicht da, mir die Lücken in der Geschichte zu füllen.

Infos

  • Dauer: 4 Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 200 Meter auf-, 900 abwärts.
  • Charakter: Höhenweg mittlerer Länge mit grosser Aussicht.
  • Höhepunkte: Das gewaltige Blockschuttfeld nach dem Kreuzboden. Der Blick auf Saas-Fee am Gegenhang und auf den Mattmarksee voraus. Die liebliche Almagelleralp.

Einkehr unterwegs: «Almagelleralp» in der Mitte der Wanderung, http://almagelleralp.it-solutioncenter.ch/

Landeskarte 1:25 000: 1329, «Saas».

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch.

Der König der Ostschweiz

Thomas Widmer am Donnerstag den 2. September 2010



Diese Woche auf den Dreikantone-Gipfel Säntis (AI, AR, SG)

Über den Säntis, den höchsten Ostschweizer, könnte ich eine ganze Seite schreiben, er ist so reich an Routen und Wirtschaften wie der Pilatus oder die Rigi, ist wie jene eine Welt. Da tut Auswahl not. Hier die Route, die im Unterschied zu anderen nicht ausgesetzt ist. Freilich, trittsicher muss man für sie sein, und die nötige Kondition mitbringen. Ab dem Bahnstatiönchen Wasserauen sind 1600 Höhenmeter zu meistern.

Hysterische Berglandschaften

Der Anfang ist steil, aber leicht: auf dem Strässchen hinauf zum Seealpsee. Immer wieder tritt man zur Seite, um einen Subaru-Senn vorbeizulassen. Am See zeigt sich die Besonderheit des Alpsteins, seine Unique Selling Proposition, wie der Werber sagt: Die Berge rundum sind besonders wild gefaltet, gebrochen, geschichtet. Sie sind Extremisten. Hysteriker.

Zur Einkehr ist es zu früh. Am Ende des Sees muss man sich entscheiden: via Meglisalp oder via Mesmer? Diesmal sei es die Variante Mesmer. Wieder eine Steilstufe, dann taucht das herzige Gasthaus Mesmer auf. Es ist ist so urgemütlich, dass es, im Appenzeller Dialekt gesprochen, «söndschaad» (sündschade) wäre, nicht eine Gerstensuppe zu nehmen.

Eine 124 Meter lange Zigarre

Und weiter. Zuerst geht es noch ein wenig geradeaus, dann verengt sich das Tal, auf der rechten Flanke steigt man aus durch eine seilgesicherte, aber bei Trockenheit leichte Passage, steigt bald in Zickzackkehren wieder steil auf zur Wagenlücke. Nun wiedervereinigen sich die Mesmer-Leute mit den Meglisalp-Leuten. Zusammen landet man in einer weissgrauen Wüste der Kalkschratten. Der Pfad windet sich vorbei an Dolinen, dubiosen Einsturztrichtern im Bröckelkalk, das ist aber so gut gemacht, dass keine Beklemmung aufkommen kann. Mittlerweile ist der 124 Meter hohe Sendeturm voraus scheinbar zum Greifen nah. Er sieht in der eleganten Krümmung aus wie eine Zigarre.

Hier ist der Moment, sich eine Kuriosität in Erinnerung zu rufen. Drei Kantone teilen sich den Gipfel. Der Turm steht auf St. Galler Boden, wie auch die modernen Restaurants. Die Bahnstation wiederum ist weitestgehend Ausserrhoden. Hingegen gehören die Gipfelplattform und das Gasthaus Alter Säntis zu Innerrhoden. Einst stritten sich die Anstösser, so dass Ende 19. Jahrhundert das Bundesgericht die Grenzteilung verfügen musste. Die berühmte Wetterwarte übrigens steht exakt auf dem Punkt, an dem die drei Kantone sich treffen.

Probierts mal zu Fuss

Letzter Akt der Bergtour: Den Gipfelhang hinauf in Kehren; es motiviert dabei der Anblick der Terrasse des „Alten Säntis”. Freilich füllt einen mit Unbehagen, dass die meisten Gäste dort von der Schwägalp her mit der Seilbahn gefahren sind. Man möchte ihnen sagen: Hey, probierts mal zu Fuss, ihr habt keine Ahnung, was für eine Strecke ihr verpasst!

Infos

  • Route: Wasserauen, Station – Seealpsee – Mesmer – Wagenlücke – Säntis.
  • Dauer: fünf Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 1600 Meter aufwärts.
  • Charakter: Hart, viel Höhendifferenz.
  • Höhepunkte: Der liebliche Seealpsee mit dem topfebenen Alpboden. Der Grat der Wagenlücke, der neue Tiefblicke und Ansichten schenkt. Die Karwüste vor dem Säntis. Der 360-Grad-Gipfelblick.
  • Einkehr: Wasserauen, Seealpsee, Mesmer, Säntis.
  • Landeskarte 1:25 000: 1115 „Säntis“.

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Avalon liegt im Glarnerland

Thomas Widmer am Donnerstag den 26. August 2010


Diese Woche durch die Chärpfbrugg und übers Wildmadfurggeli

Von Westen her kommt gutes Wetter. Zu langsam. Den ganzen Weg von Mettmen über das Wildmadfurggeli nach Elm wird es nieseln und nebeln.

Im Bus vom Bahnhof Schwanden hinauf nach Kies finde ich knapp noch einen Sitzplatz. Die meisten Sitze belegen fidele Thurgauer, Mannen vom Land um die 35. Offensichtlich sind sie irgendein Club. Und da man in diesem Alter in der Regel nicht viele freie, familienlose Wochenenden hat, sind sie sehr, sehr amüsierwillig. Betrunken sind sie, morgens um neun.

Unterwegs stoppt der Bus ausser Plan, eine Haltstelle ist da nicht auf dem atemberaubend engen Strässchen. Ein alter Mann steht am Strassenrand, er hat gewunken, steigt aber nicht ein. «Ich ha nu wellä ächlä gschprächlä», glarnert er.

Das Naturwunder

In der Seilbahn hinauf nach Mettmen kriege ich von meinen Mitostschweizern Rosé im Partybecher kredenzt, wir sind nun Freunde. Oben trinke ich einen Kaffee im Berggasthaus, das ich zu gemütlich finde mit seiner Holzstube, um ohne Einkehr vorbeizuziehen. Und dann geht es los, auf dem Dammweg zur Linken dem Garichti-Stausee entlang. Zauberhaft liegt er im Dunst, dass man an ihm eine Avalon-Story oder Keltensaga verfilmen könnte.

Jetzt der Clou: Biegt man gegen Ende des Sees links ab, steil in den Hang Richtung Widerstein und Berglimatt, kommt man am schnellsten zum Wildmadfurggeli, dem Passübergang nach Elm. Diesen Weg nahm ich vor drei Jahren. Diesmal mache ich es anders: Ich halte kurz noch geradeaus; ich peile diesmal das Wildmadfurggeli via Ober Stafel und Schwarz Chöpf an. Und das hat – siehe gleich – seinen Sinn.

Auf einer komfortabel breiten Rampe entferne ich mich vom Seerundweg, gewinne Höhe. Bald schon ein schöner flacher Alpboden. Kühe glotzen mich an, wie ich aus dem Nebel auftauche, und nähern sich; sie sind anlehnungsbedürftig und wollen Zuneigung. Das kühle Wetter setzt ihnen zu, einsam stehen sie in der Landschaft und sehnen sich nach anderen Geschöpfen.

Blaue Lippen und Goldwaschen

Nach den Alpgebäuden von Ober Stafel erscheint der Grund meiner Routenwahl: eine Art Tiefgarageneinfahrt im Hang, ungeschlacht, als hätte sie ein Glarner Rübezahl gemauert. Der gut 30 Meter lange Tunnel heisst Chärpfbrugg (Kärpfbrücke) und ist ein Naturwunder. Der Niderenbach hat sich durch weiches Gestein gefressen; das harte Gestein darüber blieb bestehen und bildet das Dach.

Ich betrete den schummrigen Tunnel, das grobe Geröll ist glitschig, der Bach spritzt und sprudelt, aber ansonsten: keine Probleme. Als ich ihn überwunden habe, habe ich freilich nasse Füsse. Der Pfad zieht alsbald weiter hinauf zum Punkt Schwarz Chöpf, dort heisst es links abbiegen zum Wildmadfurggeli. Die Metallgebilde am Weg sind Teil eines Skulpturenweges. Warum bloss muss man auch das Gebirge mit Menschenware möblieren?

Auf dem Wildmadfurggeli kann ich ein Miniseelein ausmachen, sonst gar nichts. Der Pass ist ein Felslabyrinth, ein Steingarten. Für den Abstieg wähle ich ab Gelb Chöpf die rechte Variante und gerate ins Elmer Skigebiet. Über mir baumeln Sesselliftsitze im Nebel. Endlich komme ich beim Ämpächli an. Zwei kleine Mädchen, barfuss und die Lippen blau vor Kälte, sind in «Elmar’s Goldmine» eifrig am «Goldwaschen».

Die Gondel schaukelt mich nach Elm hinab. Als ich später in Zürich erfahre, dass dort schon seit zehn Uhr morgens die Sonne schien, stört mich das nicht. Ich habe mir die Chärpfbrugg erobert, die schon so lange auf meiner Wunschliste stand.

Infos

  • Route: Mettmen (mit dem Bus vom Bahnhof Schwanden nach Kies, mit der Seilbahn nach Mettmen) – Ober Stafel – Chärpfbrugg – Schwarz Chöpf – Wildmadfurggeli – Gelb Chöpf – Ämpächli (Gondel hinab nach Elm-Sportbahnen zur Busstation Richtung Schwanden).
  • Dauer: vier Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 700 Meter auf-, 800 abwärts.
  • Charakter: Am Wochenende viel begangen, da ein Klassiker der Zürcher. Anstrengend. Grosse Berglandschaft.
  • Höhepunkte: Der Stausee Garichti mit üppiger Vegetation rundum. Das Naturwunder der Chärpfbrugg. Das Felsblocklabyrinth beim Wildmadfurggeli.
  • Einkehr: Bei den Bahn-Bergstationen am Anfang (www.mettmenalp.ch) und am Schluss (www.sportbahnenelm.ch).
  • Landeskarte 1:25 000: Elm/1174.

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