Leben


Artikel-Schlagworte: „Simon Gietl“

Messner: «Schaeli, Gietl und Kopp waren nach dem Prinzip Abgrund unterwegs. Das gefällt mir»

Natascha Knecht am Donnerstag den 19. August 2010

Was sagen Reinhold Messner und Hans Kammerlander zur Erstbegehung von Roger Schaeli, Simon Gietl und Daniel Kopp durch die 1325-Meter-Bigwall in Grönland?

Reinhold Messner

«Ich freue mich immer, wenn junge Kletterer neue Spielfelder finden und dort ihre Talente ausschöpfen. Schaeli, Gietl und Kopp waren nach dem ‘Prinzip Abgrund’ unterwegs und das gefällt mir. Ihre gekletterte Linie, die Schwierigkeiten und Länge der Tour in Ostgrönland – weit weg von der Zivilisation – sind eindrucksvoll.» Reinhold Messner

Geboren 1944 in Südtirol, gilt Reinhold Messner als der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Er hat hundert Erstbegehungen durchgeführt, alle vierzehn Achttausender bestiegen und zu Fuss die Antarktis und Grönland, Tibet und die Wüsten Gobi und Takla Makan durchquert. «Westwand: Prinzip Abgrund» ist sein neustes Buch.


Hans Kammerlander

Hans Kammerlander

«Roger Schaeli hat bereits einige grosse Erstbegehungen gemacht. Diese jetzt in Ostgrönland ist eine weitere beachtliche Tour, besonders weil die Durchsteigung im Big-Wall- und Alpinstil gelungen ist. Simon Gietl und Daniel Kopp sind noch ganz junge Bergsteiger, für sie ist es eine hervorragende Leistung.

Ich halte viel von Alpinisten, die sich trauen, in solcher Abgeschiedenheit auf eine unbegangene Steilwand zuzugehen. Das erfordert nebst Können auch Mut. Die 1325-Meter-Wand ist sehr speziell, solche gibt es nur selten auf der Welt. Grönland gehört zu den wenigen Gegenden, die bergsteigerisch noch weitgehend unberührt sind. Da gibt es noch viel zu tun für die junge Generation mit hohem Niveau.» Hans Kammerlander

1956 in den Dolomiten geboren, zählt Hans Kammerlander zu den herausragendsten Alpinisten der Gegenwart. Ihm glückten 50 Erstbegehungen und 60 Solobegehungen bis zum VI. Schwierigkeitsgrad. Er bestieg zwölf Achttausender, davon sieben mit Reinhold Messner. Als erstem Menschen gelang ihm 1990 die Skiabfahrt vom Gipfel des Nanga Parbat (8125 m), 1996 folgte die vom Gipfel des Mount Everest (8848 m). Zehn Jahre lang hielt er den Rekord für die schnellste Besteigung des Everests (in 17 Stunden ohne Sauerstoff).

«Es tat extrem gut, dass so viele Leute hinter uns standen»

Natascha Knecht am Mittwoch den 18. August 2010

Es regnet, windet, stürmt und ist kalt – wie an einem schlechten Novembertag bei uns. Seit Stunden sitzen wir in einem Hangar im Stützpunkt Constable Point und warten darauf, nach Island abfliegen zu können. Am Nachmittag sah es noch so aus, als könne heute kein Flugzeug starten. Vorher hats aber geheissen, es gehe jetzt doch.

Insgesamt hatten wir wirklich ein Riesenglück, dass wir unser Expeditions-Ziel hier in Grönland erreichten: Bei der Ankunft war das Wetter fast zu schön, um wahr zu sein. Unsere abenteuerliche Schlauchbootfahrt zum Berg verlief trotz einer Panne glimpflich. Im unteren Teil der Big Wall hatten wir zwar Steinschlag, aber die Durchsteigung gelang uns – auch dank des guten Wetters.

Rückblickend bin ich echt froh, dass wir den Gipfel so rasch angegriffen haben. Ich weiss nicht, ob die Besteigung danach noch möglich gewesen wäre. Denn kaum waren wir zurück, kippte das Wetter. Simon und ich mussten bereits bei unserer kurzen Zusatztour im strömenden Regen abseilen. Seither blieb es unbeständig, die Temperatur sank bis knapp über den Gefrierpunkt.

Unsere Schlauchbootfahrt heute früh von der Inuit-Siedlung Ittoqqortoormiini verlief sehr stürmisch. Beim Anlegen in Constable Point ging auch noch eines der Boote kaputt, es hat einen Riss bekommem, als wir es an Land zogen. Wir müssen es jetzt mit nach Island nehmen und dort in die Reparatur geben. Das haben wir schon organisiert. Unser Anschlussflug geht via Koppenhagen nach Zürich.

Eisberg Grönland

Unvergesslich schöne Eisberge hier in Grönland. Dieses Bild haben wir vor zwei Tagen während unserer Nacht-Fahrt gemacht. Heute konnten wir leider nicht mehr fotografieren, das Meer war viel zu stürmisch. Wir mussten schauen, dass wir Constable Point heil erreichen!

Die Big-Wall-Route heisst «Eventyr»

Aber zum Glück hat alles irgendwie geklappt. Wir sind noch immer mega happy, dass wir die Big Wall geschafft haben, fühlen uns immer noch wie im Märchen. Wir entschieden uns, die neue Route «Eventyr» zu nennen – dänisch (und norwegisch) für Märchen und Abenteuer. Wir finden, das passt perfekt, ist einzigartiger als «Fairy Tale» und wurde auch von vielen Blog-Leserinnen und -Lesern vorgeschlagen. Ganz herzlichen Dank! Selber wären wir wahrscheinlich kaum darauf gekommen.

Unsere Zusatzroute taufen Simon und ich «Moonlight Sonata» – in Anlehnung an Beethovens Mondscheinsonate. Die Route ist ein echter Klassiker und wir kletterten sie in einer Nacht.

Dank an alle!

Daniel, Simon, Thomas, Jost und ich danken allen von Herzen, die unseren Bergblog mitverfolgt haben und für die vielen Kommentare. Es tat extrem gut, dass so viele Leute hinter uns standen. Eine echte Unterstützung! Für uns eine ganz neue, aber wunderbare Erfahrung.

Morgen im Bergblog: Was Reinhold Messner und Hans Kammerlander zur Erstbegehung der 1325-Meter-Bigwall von Roger Schaeli, Simon Gietl und Daniel Kopp sagen.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Ein Tag in Ittoqqortoormiini

Natascha Knecht am Dienstag den 17. August 2010
Gietl, Schaeli, Kopp in Ittoqqortoormiini

Drei Profi-Alpinisten in Ittoqqortoormiini: Simon Gietl, Roger Schaeli, Daniel Kopp (vorne v.l.).

Wir sind in Ittoqqortoormiini angekommen, einem abgelegenen Inuit-Fischerdorf mit gut 500 Einwohnern. Blaue und rote Holzhäuser, einfache Strassen, viele Kinder.

Heute übernachten wir in einer simplen Hütte – mit einer warmen Dusche. Die erste, seit wir in Grönland sind. Mann, ist das schön!

Inuit-Kinder

Inuit-Kinder aus dem Dorf. Sie freuen sich über unsere Ankunft.

Inuits

Erinnerungsbild mit den Dorfbewohnern: Daniel Kopp (gelbe Jacke) und Thomas Ulrich (3. v.r.).

Zu tun gibt es hier nicht viel. Am Nachmittag waren wir mit ein paar Kindern auf dem Spielplatz, sie haben Freude, dass Besuch da ist. Dann spielten wir in unserer Hütte ein paar Partien Schach, Simon schlägt alle. Wir geniessen das easy life, fühlen uns noch immer müde und ausgelaugt.

Roger Schaeli, Inuits

Roger Schaeli mit den Inuit-Kindern auf dem Spielplatz.

Ittoqqortoormiit

Die Kinder von Ittoqqortoormiit auf den Containern.

Im Dorf gibts auch einen kleinen Supermarkt, ein spezielles Erlebnis: Vorne Alkohol, in der Mitte Zigaretten und etwas Nahrungsmittel, hinten eine Abteilung mit Gewehren und Munition. Gekauft haben wir Brot und Konfitüre.

Hüttenleben

Entspannen in der Inuit-Siedlung: Simon und Daniel (r.) spielen Schach. Roger (hinten) liest.

Morgen fahren wir mit unseren Booten weiter nach Constable Point. Von dort fliegen wir nach Island, dann zurück in die Schweiz.

Die Big Wall, der zauberhafte Gipfel, die Zusatztour – noch habe ich überhaupt nicht erfasst, was ich hier in Grönland alles erleben durfte. Das folgt erfahrungsgemäss erst nach ein paar Tagen daheim.

Am Abend entscheiden wir uns für die definitiven Routen-Namen. Danke für die vielen Vorschläge! Ich melde mich morgen wieder. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Jost von Allmen

Jost von Allmen übermittelt jeweils die Bilder für den Bergblog. Das dauert manchmal Stunden! Zum Glück hat er so viel Geduld. Hier in unserer Hütte in Ittoqqortoormiini hat er etwas komfortablere Bedingungen als vorher im Basecamp.

«Eventyr» oder «Fairy Tale»?

Natascha Knecht am Montag den 16. August 2010

Die Region um den Scoresbysund und den Öfjord bietet ein geniales, weitgehend unberührtes Klettereldorado. Noch sind sehr viele Erstbegehungen und Erstbesteigungen möglich. Ich glaube aber, dass uns die schönste aller Routen hier letzte Woche gelungen ist. Der Zauber der Big Wall wird lange anhalten.

Am Wochenende nahmen wir Abschied von unserem Berg. Vom Camp aus hatten wir ihn immer wunderschön vor Augen. Das Wetter wurde inzwischen grönländischer, die Temperatur beträgt 2 Grad Celsius.

Camp

Unser Camp mit Blick auf den markanten Granitturm in diesem weitgehend unberührten Bergmassiv. Simon Gietl, Roger Schaeli, Daniel Kopp (v.l.).

Wir diskutierten auch darüber, wie wir unsere neue Route durch die 1325 Meter hohe Nordostwand des Grundtvigskirken taufen wollen. Mehrere Blog-Leserinnen und -Leser schlugen uns «Eventyr» vor. Das bedeutet auf dänisch Märchen und auch Abenteuer. Wir finden, das würde perfekt passen. «Eventyr» und «Fairy Tale» stehen jetzt in der engsten Auswahl.

Simon und ich dürfen uns auch für unsere Zusatzroute einen Namen ausdenken. Weil wir den Berg als echten Klassiker empfanden, möchten wir der Linie einen klassischen Namen geben. Vielleicht etwas aus der klassichen Musik? Noch ist uns nichts Schlaues in den Sinn gekommen. Vorschläge nehmen wir gerne entgegen!

Daniel Kopp

Daniel fängt eine ordentliche Forelle.

Heute hatten wir zum ersten Mal Glück beim Fischen: Vier Forellen gefangen! Das war vielleicht ein Festessen.

Gegen Mitternacht machen wir uns langsam auf die Rückreise und fahren mit den Schlauchbooten weiter. Nachts ist das Meer ruhiger und die Fahrt weniger abenteuerlich. Bei einer kleinen Inuit-Siedlung wollen wir einen Zwischenstopp einlegen. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Thomas Ulrich

Viele Eisberge, wenig Fische: Thomas wirft das Fischernetz nochmals aus.

Zum «Ausklettern» in 15 Stunden durch eine 850-Meter-Wand gestiegen

Natascha Knecht am Freitag den 13. August 2010
Simon Gietl, Roger Schaeli

Simon Gietl und Roger Schaeli (r.) auf dem zweiten Gipfel: Ein Bild mit Selbstauslöser.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Unsere Route. Dieser Granit-Tower liegt vis-à-vis der Big Wall und ragt 1250 Meter direkt aus dem Meer empor.

Simon und mir ist zum «Ausklettern» noch eine superschöne Tour gelungen.

Der Felsturm steigt 1295 Meter direkt aus dem Meer empor. Der Zustieg führt erst über kompakte Stufen und Platten. Die Kletterwand misst rund 850 Meter. Unsere neu erschlossene Route führt in 30 Seillängen über tadellosen Granit auf den Gipfel, ist problemlos mit mobilen Geräten abzusichern, die Schwierigkeit liegt im 7. alpinen Grad.

Ein absoluter Hochgenuss, wunderbare Kletterei! Wir brauchten 15 Stunden.

Gestartet sind wir gestern um 18 Uhr, kletterten dann die ganze Nacht durch, biwakierten nach 15 Seillängen kurz für eineinhalb Stunden. Da wir keine Zelte oder Schlafsäcke dabei hatten, steckten wir unsere Füsse in die Rucksäcke, damit es nicht zu kalt wurde. Als Kopfkissen dienten uns die beiden 60-Meter-Seile. Kurz nach 9 Uhr heute Morgen sassen wir auf dem Gipfel. Ein geniales Erlebnis.

Roger Schaeli

Roger Schaeli in der 850-Meter-Granitwand.

Wie der Berg heisst, wissen wir nicht. Die Tour war eine spontane Aktion, ausserdem haben wir ja kein genaues Kartenmaterial dabei. Es ist bis zur Abreise aus der Schweiz nicht eingetroffen.

Aber auf dem Gipfel fanden wir keine Schlinge, kein Steinmännchen oder ein anderes Zeichen einer früheren Besteigung.

Simon Gietl

Simon Gietl nach 15 Stunden kurz vor dem Gipfel.

Beim Abseilen kam starker Regen auf, es wurde kalt und abenteuerlich, wir mussten uns nochmals konzentrieren. Pro Stand verwendeten wir je einen Bohrhaken, insgesamt 20 Stück. Der ungesicherte Abstieg zu unterst über die Felsstufen war glitschig wie eine Rutschbahn, auf einer Flechte bin ich sogar noch ausgerutscht. Aber wir mussten lachen, waren so müde, es war wie im Trickfilm.

Natürlich ist diese Tour nicht zu vergleichen mit der anspruchsvollen Big Wall auf den Grundtvigskirken letzte Woche. Aber wir sind zufrieden mit unserer Leistung, wir hatten mega Spass und sind happy. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Simon und ich versuchen, noch einen anderen Berg in Angriff zu nehmen»

Natascha Knecht am Donnerstag den 12. August 2010

Aussicht von der Insel

Die Aussicht von unserer Insel. Der Berg mit unserer Big Wall ragt links schön heraus.

Da es von Constable Point nicht jeden Tag Flüge gibt, und die nächsten bereits ausgebucht sind, stecken wir nun auf einer Insel im Grönländer Niemandsland fest. Ein Problem ist auch, dass wir bei der Anreise mit den schwer beladenen Booten so viel Benzin verbrauchten, dass es gerade noch für die Rückfahrt reicht, aber Extratouren liegen nicht drin.

Die Frage lautet also: Was tun?

Zum ersten Mal sind wir uns im Team nicht einig. Wir haben heute Morgen lange diskutiert und uns dann entschieden: Ich möchte unbedingt nochmals etwas klettern, Simon auch. Daniel spürt kein «Reissen» mehr und schaut zum Camp, während Thomas und Jost noch Eisberge und Landschaft fotografieren.

Zudem hätte ich gerne mal wieder etwas anständiges zu essen.
Die gefriergetrockneten Menüs hängen mir zum Hals raus. Gestern Abend wollten wir den Käse schmelzen, den wir noch aus der Schweiz dabei haben. Leider funktionierte das nicht. Vorher haben wir versucht, zu fischen, aber es hat kein einziger angebissen.

Eismeer

Eisberge schwimmen auf dem Meer.

Soeben haben Simon und ich unsere Rucksäcke mit Klettersachen gepackt. Wir wollen noch einen Berg in Angriff nehmen, ganz puristisch ohne viel Material. Er liegt gleich vis-à-vis unserer Big Wall. Uns ist da eine schöne Linie ins Auge gefallen.

Wir gehen mal hin und schauen, riskieren aber nichts mehr, fordern nichts heraus. Wenn es geht, geht’s, wenn nicht, dann halt nicht.

Thomas bringt uns jetzt mit dem Schlauchboot rüber.

Es ist später Nachmittag. Simon und ich beginnen sicher noch heute Abend mit Klettern. Das Fantastische hier ist ja, dass es fast die ganze Nacht über hell bleibt, nur kurz dämmert.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Heute fühlen wir uns lahm und ausgemergelt»

Natascha Knecht am Mittwoch den 11. August 2010
Grönland

Abstieg vom Wandfuss mit schwerem Material auf dem Buckel.

Kopp, Giet, Big Wall

Daniel Kopp und Simon Gietl (r.). Im Hintergrund unsere Big Wall. Auf dieser Bergspitze standen wir letzten Freitag. Für uns alle unvergesslich.

In der Zwischenzeit sind wir mehrmals hochgestiegen, um unser Material beim Wandfuss zu holen und es runterzutransportieren. Der Steinschlag dort oben wird immer gewaltiger und gefährlicher. Granitplatten mit einem Quadratmeter Durchmesser hagelte es heute runter. Krasse Portionen.

Unseren Humor haben wir trotzdem nicht verloren – siehe Video:

Danach bauten wir unser Basislager ab und nahmen die Schlauchboote aus der Verankerung. Wir luden sämtliches Gepäck hinein und fuhren auf die gegenüberliegende Insel. Die Seefahrt war wieder abenteuerlich: Hohe Wellen und starker Wind. Für uns Bergsteiger anstrengender als Klettern.

Hier auf der Insel ist es angenehmer und schöner als drüben beim Berg, aber es hat deutlich mehr Moskitos. Sehr lästig!

Was wir in den nächsten Tagen machen, wissen wir im Moment noch nicht. Wir sind lahm und ausgemergelt, müssen uns erst mal ausruhen und erholen. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Heftiger Steinschlag beim Abseilen: «Der Berg wollte uns nicht mehr und jagte uns weg!»

Natascha Knecht am Dienstag den 10. August 2010
Abseilen.

Abseilen.

Das Abseilen von unserem Hochlager bis runter zum Wandfuss war nicht lustig:

Wir hatten massiven Steinschlag! So heftig, dass wir sofort vom Berg weg mussten, kaum hatten wir Boden unter den Füssen. Wir konnten nicht mal mehr das Seil runterziehen, derart schoss es von oben auf uns ein.

Für mich ein deutliches Zeichen: ein Warnschuss des Berges. Er wollte uns nicht mehr, jagte uns weg.

Sowas habe ich schön öfter erlebt. Der Berg bestimmt, ob du ihn besteigen darfst. Er duldet dich, oder auch nicht. Letzte Woche war er gutmütig, jetzt hatte er offenbar genug von uns.

Also marschierten wir runter ins Basislager, wo Jost auf uns wartete. Wir öffneten eine Flasche Whiskey, jeder trank einen Schluck. Aber wir waren zu müde zum Feiern und legten uns gleich in die Zelte.

Heute haben wir ausgeschlafen. Jetzt wollen uns mal pflegen. Ich spüre die sportliche Leistung der vergangenen Tage in den Beinen und habe von den schweren Rucksäcken gestern beim Abseilen Muskelkater im Rücken. Auch meine Finger brennen, ich habe zwei, drei Schrammen. Normal nach solcher Kletterei und nicht tragisch.

Roger Schaeli

Meine Hände nach vier Tagen in der Wand: Dreckig, aber es ist noch alles dran.

Als erstes will ich mich nun rasieren und meine Haare waschen. In der Nähe des Basislagers fliesst ein kleines Gletscherbächli.

Danach steigen wir noch mal auf zum Wandfuss und versuchen, das Seil, das noch in der Wand hängt, rauszubringen. Und wir müssen noch das ganze Material runter tragen.

Und: Vielen Dank für die vielen Vorschläge, wie wir unsere Route nennen könnten. Ein paar gefallen uns. Aber wir sind noch nicht dazu gekommen, sie zu diskutieren. Holen das aber nach, sobald wir Zeit finden.

Ich melde mich morgen wieder.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Ich bin noch immer verzaubert und betört – alles scheint unwirklich hier oben!»

Natascha Knecht am Montag den 9. August 2010

Auf dem Gipfel

Auf dem Gipfel! Ein Granitturm und eine Aussicht wie im Märchen. Wir können dieses wunderbare Bergsteigererlebnis immer noch nicht richtig fassen und sind ganz benommen.

Dieser Gipfel und diese Big Wall betören und verzaubern. Hier oben scheint alles unwirklich.

Die vergangenen zwei Tage verbrachten wir in der Gipfelwand, genossen die Zeit, fotografierten, schliefen im Hängezelt in der Vertikalen. Das geht gut. Ich war so müde, dass ich sofort einschlief und drei, vier Stunden völlig weg war. Dann döste ich noch etwas. Am Morgen stiegen wir noch mal ganz auf, und ergötzten uns am fantastischen Ausblick.

Auf dem Gipfel

Rasten und geniessen. Der Gipfel misst vier Quadratmeter. Daniel Kopp, Simon Gietl, Roger Schaeli (v.l.).

Hängezelte

Unsere Hängezelte in der Big Wall. In einem schlafen zwei Kletterer. Damit keiner rausfallen kann, behält jeder seinen Klettergurt an und sichert sich am Fels.

Im Hängezelt

Im Hängezelt: Einmal mehr verpflege ich mich mit einem gefriergetrockneten Menü aus dem Alubeutel.

Ein unvergesslicher Ort, um meinen 32. Geburtstag zu verbringen. Als Geschenk bereitete mir Simon zum Frühstück das Müesli zu. Er goss es mit heissem Wasser auf und reichte es mir mit einem breiten Grinsen. Als Supplement öffnete ich eine Schachtel Edel-Pralinés von Sprüngli, die ich vor der Abreise als Überraschung für meinen Geburtstag mitbekommen hatte. Sehr exklusiv hier oben. Ich danke allen daheim ganz herzlich, die mir via diesen Blog gratulierten. Mega!

Natürlich danke ich auch allen von Herzen, die uns zum Gipfelerfolg beglückwünschten. Das bedeutet uns sehr viel!

Und: Am Samstag heiratete zuhause mein Freund Christoph seine Marie-Helene. Ich bedaure wirklich sehr, dass ich da nicht mit dabei sein konnte. Speziell, weil ich auch schon den Polterabend im Mai versäumt hatte! Da waren nochmals viele gute Freunde anwesend und ich trainierte im kalifornischen Yosemite-Valley.

Ja, das ist wirklich versäumt, und der Preis, den ich bezahle für mein intensives Kletterleben. Trotzdem möchte ich nur dieses Leben und nichts anderes.

Ich wünsche jedoch Marie-Helene und Christoph alles alles Gute zur Hochzeit und für ihre gemeinsame Zukunft!

Daniel Kopp

Mein Kletterpartner Daniel Kopp in Aktion.

Simon Gietl

Unermüdlicher Simon Gietl, wir sind wie Brüder.

Roger Schaeli

In der Head Wall.

Jetzt sind wir zurück in unserem Hochlager auf 750 Meter in der Wand und machen uns bereit fürs Abseilen. Was nicht kaputt gehen kann, werfen wir von hier in den Haulbags (robuste Säcke) runter und sammeln sie dann am Wandfuss zusammen. Das Material wäre zu schwer, um es mit uns abzuseilen. Wir lassen nichts zurück, nicht mal ein Kaugummipapierchen.

Gestern regnete es kurz, die Temperatur ist gesunken und beträgt nun am späten Nachmittag noch null Grad. Mit dem Wetter hatten wir für unseren Gipfelsturm vergangene Woche ein Riesenschwein, das gibt’s gar nicht.

Die Big Wall – das wissen wir mittlerweile genau – ist exakt 1325,5 Meter hoch. Unsere Route führt über 40 Seillängen und in 1500 Klettermetern auf den Gipfel, die Kletterschwierigkeit liegt im oberen 8. alpinen Grad.

Langsam sind wir auf den Felgen. Die physische und psychische Anstrengung zeigt sich. Fürs Abseilen müssen wir uns jetzt nochmals gut konzentrieren.

Wie sollen wir unsere Route nennen?

Als Erstbegeher dürfen wir unserer Route einen Namen geben. Wir haben heute auf dem Gipfel bereits darüber nachgedacht.

Mein Vorschlag lautet: «Fairy Tale» – englisch für Märchen. Ich fühle mich hier wirklich wie im Märchen.

Simons Vorschlag: «Traum und Wirklichkeit».

Daniel hat noch keinen eigenen Routen-Namen genannt, er tendiert zu «Fairy Tale».

Entschieden haben wir uns noch nicht. Was meint Ihr? Auch für neue Vorschläge sind wir offen. Bitte kommentieren – wir werden hier alles ausdiskutieren.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Geschafft! Ich fühle mich wie im Märchen»

Natascha Knecht am Freitag den 6. August 2010

Grundtvigskirken-Gipfel mit der steilen Head Wall.

Wir stehen auf dem Gipfel! Das schönste Erlebnis, das ich in meinem Bergsteigerleben je hatte.

Ich werde gerade von Emotionen überwältigt – komme mir vor wie im Märchen, frage mich, ob ich hier träume oder ob das echt ist.

Der Berg ist markant und sagenhaft schön, die Big Wall einfach gigantisch und die Aussicht von hier oben unbeschreiblich.

Wir sind alle irgendwie sprachlos, stehen da eng aufeinander, der Gipfel misst etwa vier Quadratmeter.

Beim Gipfelsturm in der Big Wall.

Gleich seilen wir ab – über die selbe Route, über die wir aufgestiegen sind – bis zu unserem Hochlager auf 750 Meter. Das dauert etwa vier bis fünf Stunden.

Dort werden wir heute schlafen. Ich hoffe, dass der für die Nacht angesagte Regen nicht zu stark sein wird, morgen wollen wir  nochmals in die Head Wall einsteigen. Denn: Eine Seillänge konnten wir heute leider nicht frei klettern, das möchten wir unbedingt nachholen.

Die Big Wall misst vom Einstieg bis auf den Gipfel exakt 1325,5 Meter, unsere Route verläuft über 40 Seillängen – 39 konnten wir frei und rotpunkt begehen (ohne Sturz im Vorstieg, der Kletterer hält sich nur an der natürlichen Felsstruktur. Seil, Haken, Klemmkeile etc. dienen einzig zur Sicherung, aber nicht zur Fortbewegung).

Weil wir gestern und heute so brutal Gas gegeben haben, konnten wir auch noch praktisch keine Aufnahmen machen. Unsere Priorität war klar: der Gipfelsturm. Auch das Fotografieren holen wir morgen nach – stressfrei und gut gelaunt. Wahrscheinlich bleiben wir dazu sogar zwei Tage in der Gipfelwand, nehmen deshalb morgen das Hängezelt mit, das wir im Hochlager deponiert haben.

Die Zeit spielt für uns im Moment keine Rolle mehr. Wir wissen ehrlich gesagt nicht mal sicher, welchen Wochentag wir haben.

Wir grüssen alle daheim! Und melden uns wieder, sobald wir zurück im Basislager sind.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)