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Artikel-Schlagworte: „Roger Schaeli“

Heftiger Steinschlag beim Abseilen: «Der Berg wollte uns nicht mehr und jagte uns weg!»

Natascha Knecht am Dienstag den 10. August 2010
Abseilen.

Abseilen.

Das Abseilen von unserem Hochlager bis runter zum Wandfuss war nicht lustig:

Wir hatten massiven Steinschlag! So heftig, dass wir sofort vom Berg weg mussten, kaum hatten wir Boden unter den Füssen. Wir konnten nicht mal mehr das Seil runterziehen, derart schoss es von oben auf uns ein.

Für mich ein deutliches Zeichen: ein Warnschuss des Berges. Er wollte uns nicht mehr, jagte uns weg.

Sowas habe ich schön öfter erlebt. Der Berg bestimmt, ob du ihn besteigen darfst. Er duldet dich, oder auch nicht. Letzte Woche war er gutmütig, jetzt hatte er offenbar genug von uns.

Also marschierten wir runter ins Basislager, wo Jost auf uns wartete. Wir öffneten eine Flasche Whiskey, jeder trank einen Schluck. Aber wir waren zu müde zum Feiern und legten uns gleich in die Zelte.

Heute haben wir ausgeschlafen. Jetzt wollen uns mal pflegen. Ich spüre die sportliche Leistung der vergangenen Tage in den Beinen und habe von den schweren Rucksäcken gestern beim Abseilen Muskelkater im Rücken. Auch meine Finger brennen, ich habe zwei, drei Schrammen. Normal nach solcher Kletterei und nicht tragisch.

Roger Schaeli

Meine Hände nach vier Tagen in der Wand: Dreckig, aber es ist noch alles dran.

Als erstes will ich mich nun rasieren und meine Haare waschen. In der Nähe des Basislagers fliesst ein kleines Gletscherbächli.

Danach steigen wir noch mal auf zum Wandfuss und versuchen, das Seil, das noch in der Wand hängt, rauszubringen. Und wir müssen noch das ganze Material runter tragen.

Und: Vielen Dank für die vielen Vorschläge, wie wir unsere Route nennen könnten. Ein paar gefallen uns. Aber wir sind noch nicht dazu gekommen, sie zu diskutieren. Holen das aber nach, sobald wir Zeit finden.

Ich melde mich morgen wieder.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Ich bin noch immer verzaubert und betört – alles scheint unwirklich hier oben!»

Natascha Knecht am Montag den 9. August 2010

Auf dem Gipfel

Auf dem Gipfel! Ein Granitturm und eine Aussicht wie im Märchen. Wir können dieses wunderbare Bergsteigererlebnis immer noch nicht richtig fassen und sind ganz benommen.

Dieser Gipfel und diese Big Wall betören und verzaubern. Hier oben scheint alles unwirklich.

Die vergangenen zwei Tage verbrachten wir in der Gipfelwand, genossen die Zeit, fotografierten, schliefen im Hängezelt in der Vertikalen. Das geht gut. Ich war so müde, dass ich sofort einschlief und drei, vier Stunden völlig weg war. Dann döste ich noch etwas. Am Morgen stiegen wir noch mal ganz auf, und ergötzten uns am fantastischen Ausblick.

Auf dem Gipfel

Rasten und geniessen. Der Gipfel misst vier Quadratmeter. Daniel Kopp, Simon Gietl, Roger Schaeli (v.l.).

Hängezelte

Unsere Hängezelte in der Big Wall. In einem schlafen zwei Kletterer. Damit keiner rausfallen kann, behält jeder seinen Klettergurt an und sichert sich am Fels.

Im Hängezelt

Im Hängezelt: Einmal mehr verpflege ich mich mit einem gefriergetrockneten Menü aus dem Alubeutel.

Ein unvergesslicher Ort, um meinen 32. Geburtstag zu verbringen. Als Geschenk bereitete mir Simon zum Frühstück das Müesli zu. Er goss es mit heissem Wasser auf und reichte es mir mit einem breiten Grinsen. Als Supplement öffnete ich eine Schachtel Edel-Pralinés von Sprüngli, die ich vor der Abreise als Überraschung für meinen Geburtstag mitbekommen hatte. Sehr exklusiv hier oben. Ich danke allen daheim ganz herzlich, die mir via diesen Blog gratulierten. Mega!

Natürlich danke ich auch allen von Herzen, die uns zum Gipfelerfolg beglückwünschten. Das bedeutet uns sehr viel!

Und: Am Samstag heiratete zuhause mein Freund Christoph seine Marie-Helene. Ich bedaure wirklich sehr, dass ich da nicht mit dabei sein konnte. Speziell, weil ich auch schon den Polterabend im Mai versäumt hatte! Da waren nochmals viele gute Freunde anwesend und ich trainierte im kalifornischen Yosemite-Valley.

Ja, das ist wirklich versäumt, und der Preis, den ich bezahle für mein intensives Kletterleben. Trotzdem möchte ich nur dieses Leben und nichts anderes.

Ich wünsche jedoch Marie-Helene und Christoph alles alles Gute zur Hochzeit und für ihre gemeinsame Zukunft!

Daniel Kopp

Mein Kletterpartner Daniel Kopp in Aktion.

Simon Gietl

Unermüdlicher Simon Gietl, wir sind wie Brüder.

Roger Schaeli

In der Head Wall.

Jetzt sind wir zurück in unserem Hochlager auf 750 Meter in der Wand und machen uns bereit fürs Abseilen. Was nicht kaputt gehen kann, werfen wir von hier in den Haulbags (robuste Säcke) runter und sammeln sie dann am Wandfuss zusammen. Das Material wäre zu schwer, um es mit uns abzuseilen. Wir lassen nichts zurück, nicht mal ein Kaugummipapierchen.

Gestern regnete es kurz, die Temperatur ist gesunken und beträgt nun am späten Nachmittag noch null Grad. Mit dem Wetter hatten wir für unseren Gipfelsturm vergangene Woche ein Riesenschwein, das gibt’s gar nicht.

Die Big Wall – das wissen wir mittlerweile genau – ist exakt 1325,5 Meter hoch. Unsere Route führt über 40 Seillängen und in 1500 Klettermetern auf den Gipfel, die Kletterschwierigkeit liegt im oberen 8. alpinen Grad.

Langsam sind wir auf den Felgen. Die physische und psychische Anstrengung zeigt sich. Fürs Abseilen müssen wir uns jetzt nochmals gut konzentrieren.

Wie sollen wir unsere Route nennen?

Als Erstbegeher dürfen wir unserer Route einen Namen geben. Wir haben heute auf dem Gipfel bereits darüber nachgedacht.

Mein Vorschlag lautet: «Fairy Tale» – englisch für Märchen. Ich fühle mich hier wirklich wie im Märchen.

Simons Vorschlag: «Traum und Wirklichkeit».

Daniel hat noch keinen eigenen Routen-Namen genannt, er tendiert zu «Fairy Tale».

Entschieden haben wir uns noch nicht. Was meint Ihr? Auch für neue Vorschläge sind wir offen. Bitte kommentieren – wir werden hier alles ausdiskutieren.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Geschafft! Ich fühle mich wie im Märchen»

Natascha Knecht am Freitag den 6. August 2010

Grundtvigskirken-Gipfel mit der steilen Head Wall.

Wir stehen auf dem Gipfel! Das schönste Erlebnis, das ich in meinem Bergsteigerleben je hatte.

Ich werde gerade von Emotionen überwältigt – komme mir vor wie im Märchen, frage mich, ob ich hier träume oder ob das echt ist.

Der Berg ist markant und sagenhaft schön, die Big Wall einfach gigantisch und die Aussicht von hier oben unbeschreiblich.

Wir sind alle irgendwie sprachlos, stehen da eng aufeinander, der Gipfel misst etwa vier Quadratmeter.

Beim Gipfelsturm in der Big Wall.

Gleich seilen wir ab – über die selbe Route, über die wir aufgestiegen sind – bis zu unserem Hochlager auf 750 Meter. Das dauert etwa vier bis fünf Stunden.

Dort werden wir heute schlafen. Ich hoffe, dass der für die Nacht angesagte Regen nicht zu stark sein wird, morgen wollen wir  nochmals in die Head Wall einsteigen. Denn: Eine Seillänge konnten wir heute leider nicht frei klettern, das möchten wir unbedingt nachholen.

Die Big Wall misst vom Einstieg bis auf den Gipfel exakt 1325,5 Meter, unsere Route verläuft über 40 Seillängen – 39 konnten wir frei und rotpunkt begehen (ohne Sturz im Vorstieg, der Kletterer hält sich nur an der natürlichen Felsstruktur. Seil, Haken, Klemmkeile etc. dienen einzig zur Sicherung, aber nicht zur Fortbewegung).

Weil wir gestern und heute so brutal Gas gegeben haben, konnten wir auch noch praktisch keine Aufnahmen machen. Unsere Priorität war klar: der Gipfelsturm. Auch das Fotografieren holen wir morgen nach – stressfrei und gut gelaunt. Wahrscheinlich bleiben wir dazu sogar zwei Tage in der Gipfelwand, nehmen deshalb morgen das Hängezelt mit, das wir im Hochlager deponiert haben.

Die Zeit spielt für uns im Moment keine Rolle mehr. Wir wissen ehrlich gesagt nicht mal sicher, welchen Wochentag wir haben.

Wir grüssen alle daheim! Und melden uns wieder, sobald wir zurück im Basislager sind.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Nur noch 200 Meter bis zum Gipfel!

Natascha Knecht am Freitag den 6. August 2010

Big Wall

Aktuell befinden wir uns 200 Meter unter dem Gipfel! Alles klappt reibungslos, wir kommen super schnell vorwärts – und klettern seit gestern ununterbrochen, haben in Schichten ganz kurz geschlafen.

Im unteren Teil der Big Wall hatten wir immer wieder Steinschlag. Jetzt im obersten Stück prasselt kaum noch etwas runter. Der Fels ist kompakter. Allerdings auch noch mal einiges steiler – für eine Erstbegehung über eine solche Länge recht anspruchsvoll.

Besonders freut uns, dass wir – bis auf eine Seillänge – alles frei klettern konnten und nur für die Stände Bohrhaken verwendet haben.

Müdigkeit spüren wir trotz der anhaltenden Anstrengung nicht, das Adrenalin kickt. Diese Monsterwand ist ein unglaubliches Erlebnis.

Hier oben präsentiert sich eine geniale Aussicht auf die Fjorde. Aber im Moment bildet sich unter uns ein Nebelmeer, das Wetter könnte unbeständig werden, darum wollen wir rasch vorwärts machen.

Ich melde mich später wieder!

Big Wall

Dieses Foto haben wir im unteren Teil der Big Wall gemacht. Die Bilder aus der Head Wall folgen, wenn wir zurück sind. Das Gerät für die Übermittlung konnten wir nicht mitnehmen, wir hätten jetzt auch überhaupt keine Zeit dafür. Aber das Satellitentelefon funktioniert hier oben bestens, die Verbindung ist sogar bedeutend besser als vom Basislager aus.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Steinschlag! «Es kommt einiges von oben runter»

Natascha Knecht am Donnerstag den 5. August 2010
Smon Gietl. Kanzel, Big Wall

Auf dieser kleinen Rampe auf 600 Meter Kletter-Höhe haben wir heute unser Materiallager für den Gipfelsturm eingerichtet. Im Bild: Simon Gietl. Die Aussicht von hier ist unvergesslich: Eisberge schwimmen wie winzige Zuckerwürfel auf dem Meer.

In den vergangenen zwei Tagen kamen wir unglaublich gut voran. Wir haben den unteren Teil dieses Granit-Turms geschafft – und sind heute bereits 150 Meter unter der Head Wall (Gipfelwand) angelangt. Es läuft traumhaft!

Die Route durch die Big Wall

Unsere Route durch den Monster-Granitturm.

Wir entschieden uns für eine Route, welche vom mittleren Teil des Wandfusses senkrecht und teils überhängend empor führt. Die extreme Steilheit macht die Kletterei zwar anspruchsvoll, aber der Materialtransport geht einfacher.

Das Material ziehen wir in Haulbags (robuste Säcke) an Fixseilen hoch. Dazu eignet sich am besten überhängendes Gelände. Denn: Je weniger steil ein Fels ist, desto schwerer liegt das Material auf und desto schneller verheddert es sich im Gestein – sehr mühsam und kraft- und zeitraubend.

Mittlerweile haben wir insgesamt 250 Kilo Kletterutensilien sowie Essen und Trinken für fünf Tage auf einer kleinen Kanzel in gut 600 Meter Höhe deponiert – und sind perfekt vorbereitet für den Gipfelsturm!

Pikant: Es gibt viele lose Steine in der Wand und die zwei Vorkletterer müssen aufpassen, dass sie die untere Seilschaft nicht verletzen. Wir haben zeitweilig starken Steinschlag, es kommt einiges von oben runter.

Roger Schaeli in der Big Wall

Kaum Tritte, kaum Griffe: Roger Schaeli beim Material hochziehen.

Mit einem Top-Team unterwegs

Die Kletterschwierigkeit liegt im 8. alpinen Grad – also ziemlich anspruchsvoll – und beinhaltet viel Riss- und Reibungskletterei. Zum Teil fast glatte Felsstruktur. Oben stellt sich die Gipfelwand dann noch mal auf und wird für uns zunehmend schwieriger.

Als bisherige «Schlüsselstelle» entpuppte sich die 16. Seillänge: Wir konnten uns kaum sichern, weil die Risse in der Wand zu wenig tief sind, um die Klemmgeräte (Friends) zu platzieren. Simon kletterte diesen Abschnitt vor und schaffte die Stelle sogar im ersten Versuch (onsight). Ich bin hier mit einem Top-Team unterwegs!

Wir harmonieren alle wunderbar. Jeder weiss, was zu tun ist, keiner diskutiert lange herum.

Wenn es das Wetter erlaubt, starten wir den Gipfelsturm sofort

Spuren einer vorherigen Begehung haben wir in unserer Big Wall soweit keine entdeckt. Nachdem wir vor ein paar Tagen herausgefunden hatten, dass der Berg Grundtvigskirken heisst, erreichte uns die Information, dass 1999 ein schwedisches Team in diesem Massiv kletterte. Die Schweden bestiegen zwei Gipfel via Südost-Seite in 25 Seillängen. Unsere Wand befindet sich jedoch auf der auf Nordost-Seite und wir rechnen für unsere Gipfelbesteigung mit 40 bis 50 Seillängen.

Die Uhr zeigt jetzt zehn Uhr abends, wir sind soeben hundemüde ins Basislager zurückgekehrt. Eine Erstbegehung ist eine Schinderei: Material transportieren, Vorklettern, einen Weg durch die Wand suchen, sich selber sichern. Das strengt auch psychisch an. Uns fehlt jetzt die Kraft, um noch Fischernetze auszuwerfen, wir begnügen uns wieder mit unseren gefriergetrockneten Menüs – obschon es draussen feinen Seafood gäbe.

Das Wetter ist fast zu schön, um wahr zu sein! Nach dem Znacht prüfen wir die Prognosen. Wenn es stabil bleibt, greifen wir morgen den Gipfel an – und bleiben dann drei bis fünf Tage nonstop in der Wand. Das Wetter macht mich auf einer Expedition immer etwas nervös. Schlafen werde ich trotzdem tief und fest, so müde bin ich.

Daniel Kopp

Daniel Kopp – ein sehr starker Kletterer. Auch er ist viele Seillängen vorgestiegen

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Die nächsten Tage werden ein Krampf»

Natascha Knecht am Mittwoch den 4. August 2010
Roger Schaeli

Der erste Kontakt mit der Big Wall.

Heute konnte ich mit Daniel die ersten Seillängen klettern. Es lief gut, der Fels war zwar etwas brüchig, aber weniger schlimm, als wir befürchtet hatten – zumindest jetzt im unteren Wandteil. Was uns weiter oben erwartet, werden wir in den nächsten Tagen sehen.

Diese Big Wall ist wirklich ein Monster-Ding. Riesig, mega cool – und eine Herausforderung! Der Fels besteht aus unterschiedlichen Schichten, im unteren Teil schwarz/graues Gestein, oben in der Falllinie zum Gipfel rötlich.

Ein zweites Lager eingerichtet

Während wir heute den Fels austesteten, schleppte Simon weiteres Material hoch zum Wandfuss. Dort haben wir nun ein zweites, kleines Lager eingerichtet.

Der Zustieg führt über ein sehr steiles Gletschergelände. Es gibt einzelne Spalten, jedoch gut sichtbar und darum unbedenklich. Gefährlich sind einzig jene Gletscherspalten, die versteckt unter einer Schneedecke liegen. Wir fanden problemlos einen sicheren Weg, und markierten ihn mit Steinmännchen.

Big Wall

Die 1400-Meter-Wand von unten: Ein Monster-Ding!

Für die nächsten Tage sieht unser Plan so aus: Wir legen jetzt eine Route durch die Big Wall fest. Morgen früh steigt dann ein Zweierteam in die Wand ein, das andere Zweierteam transportiert weiteres Material vom Basislager zum Wandfuss. Am Tag darauf wechseln wir. Ein Team klettert die Längen weiter, das andere transportiert.

Sobald alles raufgetragen ist, beginnen wir damit, das Material, Essen und Wasser in die Wand hochzuziehen. Das wird ein Krampf. Wir werden wie Ameisen rauf und runter steigen, jeden Tag etwas höher.

Wenn wir eine gewisse Höhe erreicht haben, warten wir – falls nötig – ein Schönwetter-Fenster ab und greifen dann definitiv an. Das heisst: Wir nehmen alles mit, was wir brauchen, bleiben mehrere Tage in der Big Wall, übernachten im Hängezelt, bis wir den Gipfel erreichen.

Vorläufig kehren wir abends noch zurück ins Hauptbasislager, essen etwas und sind dann froh, in die Schlafsäcke zu kommen. Tagwache haben wir auf 5.30 Uhr angesetzt. Dunkel wird es hier zu dieser Jahreszeit nie ganz, nur leichte Dämmerung während etwa vier Stunden. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Überwältigt von der Schönheit unserer Big Wall!»

Natascha Knecht am Dienstag den 3. August 2010

Roger Schaeli: Letzte Etappe mit dem Schlauchboot

Im Hintergrund «unsere» Big Wall, wie sie in ihrer ganzen Pracht aus dem Felsmassiv herausragt.

Ankunft am Bergfuss

Ankunft unterhalb des Berges im Ofjord. Endlich wieder Land unter den Füssen! Als erstes haben wir das Material entladen und einen geeigneten Platz für das Basislager gesucht.

Weil wir heute die letzte Schlauchboot-Etappe mit weniger Gewicht in Angriff nehmen wollten, deponierten wir das Benzin, das wir später für den Rückweg brauchen, bei unserem gestrigen Nachtlager. Mit perfekt ausbalancierter Ladung fuhren wir am frühen Morgen von dort rüber nach Renland.

Wir entschieden uns, das Basislager auf einem Platz rund 50 Meter über dem Meer einzurichten – und nicht wie erst ins Auge gefasst, auf der gegenüberliegenden Bäreninsel. Das ist praktischer – und vor allem: So können wir unsere Boote und das raue Meer vorläufig mal vergessen.

Basislager

Unser Basislager: Nach dem Aufstellen des Ess- und der beiden Schlafzelte kümmerten sich Simon (links), Daniel (rechts) und ich sofort um die Aufteilung des Klettermaterial, Thomas und Jost um das umfangreiche weitere Material, die Boote und die Aussenkommunikation. Das Camp bietet eine fantastische Aussicht auf die Fjordlandschaft.

Der Fussmarsch zur Big Wall dauert knapp zwei Stunden

Simon, Daniel, Thomas und ich stiegen dann gleich über den Gletscher empor zum Wandfuss. Wir konnten kaum noch warten, die Big Wall endlich von unten zu begutachten.

Wir sind überwältigt von ihrer Schönheit. Sie ist hoch und lang und einfach gigantisch! Die Felsstruktur weniger schlimm, als erwartet.

Die Höhendifferenz vom Basislager zum Einstieg in die Big Wall beträgt 590 Meter, der Fussmarsch dauert knapp zwei Stunden. Wir stiegen heute mehrmals rauf und runter, schleppten viele Kilo Klettermaterial hoch.

Simon und Thomas hüpften zur Abkühlung tatsächlich kurz ins Meer. Ich ersparte mir diesen Kälteschock, habe in den vergangnen Tagen auf der Seefahrt genug gefroren. Das Wasser ist 3 Grad, die Lufttemperatur erreichte heute in der Sonne 20 Grad. Sehr aussergewöhnlich für Grönland. Um Material hochzutragen, sogar etwas heiss.

Beim Basislager

Eine kurze respektive sehr kurze Abkühlung. Wassertemperatur: eisige 3 Grad. Lufttemperatur in der prallen Mittagssonne heute: 20 Grad. Badehosenmodel: Simon Gietl. Kopfsprung: Thomas Ulrich.

Die Big Wall liegt weitgehend im Schatten

Unsere Big Wall ist eine Ost/Nordostwand und liegt die meiste Zeit des Tages im Schatten. Dort werden andere Temperaturen herrschen, aber sicher nicht eisige – sofern das Wetter bleibt wie im Moment.

Jost kümmerte sich derweil um die Details im Basislager. Er übermittelt auch die Bilder in die Schweiz. Weil die Verbindung zum Satellit im Camp offenbar schlecht ist, musste er heute geduldig herummarschieren, bis er einen Punkt gefunden hatte, wo es funktionierte.

Morgen will ich die ersten Seillängen in der Big Wall klettern und den Fels testen. Ich bin schon ganz kribbelig – freue mich riesig darauf. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Wir sind jetzt fast beim Berg»

Natascha Knecht am Montag den 2. August 2010

Eisberg, Ost-Grönland

Grandiose Eisberge entlang unseres Weges! Allerdings mussten wir auch höllisch aufpassen, dass wir keine Schollen oder kleine Eisstücke treffen, sie könnten das Boot beschädigen.

Unsere Weiterfahrt verlief bestens. Beide Schlauchboote funktionierten, das Meer blieb ruhig, wir sind nicht mehr über die Wellen geflogen, sondern nur noch gehüpft, wurden aber trotzdem wieder bis auf die Unterwäsche nass.

Mehrmals mussten wir an Land gehen, um die Benzintanks aufzufüllen. Unsere Boote sind immer noch schwer beladen und die 60-PS-Motoren brauchen dementsprechend viel Treibstoff. Bei Vollgas erreichen sie etwa 40 Stundenkilometer Geschwindigkeit.

Der Weg führte an riesigen und faszinierenden Eisbergen vorbei. Einer krachte zusammen, Sekunden nachdem wir an ihm vorbei waren. Da hatten wir echt Glück. Es ist gar nicht so einfach, ein Zodiac zu lenken: Viele Eisschollen schwimmen auf dem Meer. Sie könnten das Boot beschädigen, wenn man sie «tüpft». Ich musste mich konzentrieren, bin ja auch kein Seefahrer, sondern Bergsteiger.

Roger Schaeli lenkt das Schlauchboot

Heute lenkte ich eines der beiden Schlauchboote. Gar nicht so einfach!

Kurz vor dem Berg

Heute übernachten wir auf einer kleinen Insel gleich gegenüber unserem Zielgipfel.

Der Berg sieht mega geil aus. Noch viel beeindruckender als auf den Bildern. Wir sind völlig überwältigt und gespannt. Wenn die Felsstruktur jetzt auch noch halbwegs in Ordnung ist, können wir hier wirklich eine verdammt coole Sache klettern.

Diese Expedition mussten wir übrigens ohne genaues Kartenmaterial in Angriff nehmen. Offenbar ist es ganz schwierig, detaillierte Karten zu bekommen – der Berg liegt so abgelegen. Obschon Thomas schon vor Monaten alles in Dänemark bestellt hatte, kam bis zu unserer Abreise nichts an. Jetzt haben wir herausgefunden: «Unser» Berg wird Grundtvigskirken genannt.

Morgen wollen wir mit den Booten zum Berg hinüber fahren und dann über den Gletscher ein Stück hinauf zur Big Wall marschieren, eventuell auch schon einen Teil des Gepäcks hochtransportieren.

Aussergewöhnlich warme Temperaturen

Im Moment fühlen wir uns alle hundemüde von der Bootsfahrt. Meine Erkältungssymptome haben sich inzwischen verflüchtigt. Die vergangenen zwei Tage plagten mich starke Bauchkrämpfe, heute gehts aber wieder. Dafür schmerzen jetzt meine Ohren. Ich glaube, das kommt vom kalten Wind während der Seefahrt und geht bald wieder weg.

Das Wetter ist immer noch aussergewöhnlich mild, in der Sonne fast schon heiss. Es wäre schön, wenn das in den nächsten Wochen so bleiben würde.

Vorher konnten wir ein Fischernetz auswerfen, damit wir etwas anderes als unser gefriergetrocknetes Menü zum Znacht bekommen. Die Stimmung im Team entspannte sich nach der gestrigen Panne wieder. Daniel beschreibt den Moment so: «Das einzig blöde sind jetzt nur noch die Riesenmosquitos.»

Constable Point

Die letzte Aufnahme, bevor wir den Stützpunkt Constable Point verliessen. Alles Material überprüft, gut verpackt und extra für das Foto ausgelegt. 600 Liter Treibstoff (vor allem für die Schlauchboote, aber auch den Generator und die Kocher), wasserdichte Säcke und Aluminiumkisten für das technische Material. Von links: Thomas Ulrich, Roger Schaeli, Jost von Allmen, Simon Gietl und Daniel Kopp.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Erste Probleme: «Wir stranden mit den Schlauchbooten im Niemandsland!»

Natascha Knecht am Samstag den 31. Juli 2010
Foto: Jost von Allmen

Heute morgen in Grönlands Niemandsland: Die Zodiacs besser aufpumpen und das Gepäck schlauer verladen.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Über 500 Kilo Gepäck.

Es gibt erste Komplikationen. Wir sind gestern nach nur 50 Kilometer Seefahrt im Niemandsland gestrandet. Eines der beiden Boote lief nicht richtig. Ich war bis auf die Unterhose durchnässt.

Wahrscheinlich verteilten wir das Material nicht geschickt. Unser Gepäck wiegt mittlerweile über 500 Kilo, grenzwertig für zwei Schlauchboote. Eines fuhr viel langsamer als das andere und tuckerte weit hinterher. Wir hatten es mit zu wenig Luft aufgepumpt, der Motor begann zu scheppern – ein Weiterkommen war undenkbar.

Wie im Film

Ich wusste, dass die Reise bis zum Berg eine Expedition für sich wird. Aber diese Fahrt war abenteuerlicher als erwartet. Ich kam mir vor wie in «Titanic».

Jost und ich sassen im langsamen Boot. Das Meer war rau, wir flogen irgendwann nur noch über die Wellen, schlugen hart auf, wieder und wieder. Es spritzte und peitschte. Darum wurden wir auch so nass.

Die orangen Überlebensanzüge, die wir in Constable Point bekamen, sind nicht wirklich wasserdicht, wohl auch nicht mehr ganz neu. Jost hat dann im Boot Säcke um seine Schuhe gebunden. Geholfen hats wenig.

Das Meer ist kalt. Nasse Füsse und nasse Kleider sind in Grönland besonders unangenehm. Wir froren noch den ganzen Abend, kochten später etwas Warmes, danach gings einigermassen. Geschlafen haben wir im Zelt.

Hoffentlich klappt die Weiterfahrt

Jetzt sind wir daran, den Schlauchbooten mehr Luft zu spendieren – mit der Fusspumpe. Und das Gepäck schlauer zu verteilen.

Wir müssen uns beeilen, das Meer wird immer stürmischer. Ziel sind heute 125 Kilometer bis zu einer Insel, die unmittelbar gegenüber unserem Berg liegt. Ich hoffe, das klappt.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Gestern Vormittag: Die Testfahrt mit den beiden Zodiac verlief sehr gut. Doch am Nachmittag kam dann alles anders.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Ab sofort sind wir auf uns allein gestellt

admin am Freitag den 30. Juli 2010
Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Constable Point, Scoresbysund, Grönland: Erste Testfahrt mit den Zodiac-Schlauchbooten. So reisen wir nun in ein bis zwei Tagesetappen zu «unserem» Berg.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Die schicke orange Bekleidung ist ein Überlebensanzug. Ein wasserdichter Overall mit angenähten Schuhen und Handschuhen. Er schützt uns vor Nässe, Wind, Kälte – und im Falle eines Falles vor dem eiskalten Wasser und vor dem Ertrinken.

Heute lief alles wie am Schnürchen.

Thomas konnte beide Zodiac-Schlauchboote für die Weiterreise fahrtüchtig machen. Die Luft ist drin, die Motoren laufen. Am Vormittag fuhren wir schon mal raus aufs Meer, es lief perfekt.

Wir sind früh aufgestanden, haben unsere Zelte wieder abgebaut, das ganze Material fertig verpackt, ein spezielles Reparaturset für den Generator zusammengestellt, Benzin abgefüllt, einen Eisbärenzaun parat gemacht, den wir dann um das Basislager aufstellen, und die Munition für das Gewehr kontrolliert. Für den Fall der Fälle nehmen wir auch noch eine Signalpistole mit.

Jost hat es geschafft, die Satellitenschüssel für die «Aussenkommunikation» wieder funktionsfähig zu machen. Auch sie steckt jetzt in einem wasserdichten Sack, wir behandeln sie ab sofort mit besonderer Vorsicht.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Wir haben unser Gepäck mit einem Gewehr, Leuchtraketen und Notfallsender ergänzt. Als Selbstschutz, falls uns dann im Basislager Eisbären besuchen wollen.

Alle Details sind geprüft, das Gepäck liegt in den Booten. Jetzt verlassen wir Constable Point und brausen in ein, oder zwei Tagesetappen zum Berg.

Ab sofort sind wir nur noch auf uns alleine gestellt. Mit Karte und Kompass suchen wir den schnellsten Weg zu unserem Zielberg. Zum Glück kennt Thomas die Gegend von einer früheren Reise.

Wir brennen alle darauf, bald klettern und unser Ziel in Angriff nehmen zu können!

PS: Ich danke allen von ganzem Herzen, die uns für diese Expedition Glück gewünscht haben. Es bedeutet uns sehr viel, dass zu Hause so viele Leute hinter uns stehen. Eine riesengrosse Motivation. Happy Grüsse aus Grönland, wir geben alles.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

So haben wir die Zodiac-Schlauchboote gestern im Empfang genommen: verpackt. Wir mussten sie erst zum Meer transportieren, aufbauen, bei den Motoren das Öl wechseln und Benzin auffüllen.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)