Leben


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«Transsibiria» – pure Plaisirkletterei!

Natascha Knecht am Mittwoch den 22. September 2010

Diese Woche: Kletterroute «Transsibiria» mit Profialpinist Roger Schaeli – 6 Seillängen, 180 Meter, Schwierigkeit 6a, nahe Brünig-Passhöhe BE


«Transsibiria»: Plaisirkletterei für das Bilderbuch!

Schon der Zustieg bleibt unvergesslich! Wo er andernorts erst Stunden dauern kann und viele Höhenmeter zu überwinden sind, dauert er hier gerade mal fünfzehn Minuten ab Parkplatz: 500 Meter über ein asphaltiertes Strässchen, dann über ein Steinschlagschutzgerüst und ein kurzes Stück durchs Walddickicht.

«Transsibiria» – diese Route führt nicht von Moskau nach Peking, sondern ganz simpel in sechs Seillängen (180 Meter) durch die Tschorrenflue nahe der Brünig-Passhöhe. Eine genussvolle und wenig frequentierte Tour mit wunderbarer Aussicht auf das üppig grüne Haslital und den türkisblau schimmernden Brienzersee. Ein kleiner Geheimtipp!

Ich klettere sie zusammen mit Profialpinist Roger Schaeli – für ihn ein Spaziergang und auch für mich nichts als Plaisir. Obschon eine relativ einfache Tour, ist sie doch ernsthaft, und wir erfreuen uns an diesem sonnigen Vormittag, ungestört und stressfrei (sportlichen) Spass zu haben. Kein Mensch weit und breit.

Die erste Seillänge (6a-) empfinde ich als die schwierigste: ausgerechnet die allerersten vier, fünf Kletterzüge! Knifflig, dieser Start braucht Kraft – zum Einklettern wirklich nicht ideal. Aber: Ist diese Stelle überwunden, sind quasi auch die folgenden 175 Meter über den griffigen Kalk schon geschafft.

Ein grosser, halb-loser Felsbrocken

Die Schlüsselstelle wartet in der vierten Seillänge (6a): ein kurzer, exponierter Überhang.  Achtung, da befindet sich ein halb-loser Felsbrocken, der früher oder später abbrechen wird (siehe Foto). Also: Don’t touch! Das gilt besonders für den Vorsteiger, falls eine andere Seilschaft unterhalb aufsteigt, auch für den Nachsteiger.

Es ist auch gar nicht nötig, über diesen Brocken zu klettern, selbst wenn er im ersten Moment dazu verleitet. Die Stelle einfach links traversieren – das ist die richtige und einfachste Linie.

In der fünften Seillänge folgt noch mal ein kleines, überhängendes Felsdach. Die Absicherung ist jedoch perfekt eingerichtet.

Kaugummi statt Wasser

Oben angekommen, geniessen Roger Schaeli und ich das prachtvolle Panorama – den Gebirgszug von Mährenhorn (links), Wandelhorn (vis-à-vis) bis Axalp (rechts). Ausser Kaugummi haben wir nichts dabei, unsere Rucksäcke inklusive Wasser deponierten wir unten beim Einstieg.

Das Abseilen geht von der 5. Seillänge problemlos, ganz oben von der 6. Seillänge ist es jedoch umständlich, darum besser links zu Fuss über den Weg absteigen – oder die letzte Länge auslassen.

Natascha Knecht

«Transsibiria»-Routeninfos:
Ort: Zwischen Brünig-Passhöhe und Hohfluh BE. Auto: Von der Abzweigung Brünig zirka 3 km bis zum Brunnen links, parkieren beim Gebäude rechts. ÖV: Mit dem Postauto ab Brünig eine Haltestelle bis «Bodemli», dann zu Fuss entlang der Strasse.
Einstieg: Auf 1190 Meter. Vom Parkplatz das Strässchen hinaufgehen bis zur zweiten Ausweichstelle, dort über die Steinschutzverbauung steigen und den Waldpfad hoch bis zum Fels.
Route: 6 Seillängen, 180 Meter
Kletterschwierigkeit: 6a (5c obl.)
Ernsthaftigkeit: Steile Wandkletterei, Mehrseillängenroute mit eher harmlosem Charakter, Rückzug bei Wetterumsturz kann jedoch zu Problemen führen. Die Route ist bei anhaltend sonniger Witterung auch im Winter begehbar.
Seil: 2 x 50 Meter Doppelseil
Express-Sets: mind. 9 Stück
Bohrhaken: gut+
Eingerichtet: von Roland Mäder und Fränzi Graber, 1992

Kletterführer: Plaisir West – Edition Filidor / Meiringen, Tschorrenflue

Copyright Topo: Edition Filidor (das Topo ist urheberrechtlich geschützt)

Topographie

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Klettern für die Maximalkraft — Training mit Profi Roger Schaeli

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. September 2010
Roger Schaeli

Profi-Kletterer Roger Schaeli trainiert seine Maximalkraft.

Die Grönland-Expedition hat Roger Schaeli gestählt: Seine Muskeln zeichnen sich noch extremer ab als sonst, insbesondere an den Waden, da legte er massiv zu. So was habe ich noch gar nie gesehen!

Wir treffen uns auf ein entspanntes Sportkletterwochenende in seinem Hausgebiet Sörenberg. Er sagt, weil er in Grönland viele lange und ausdauernde Belastungen hatte  – schweres Material über den Gletscher tragen, es dann die Big Wall hochziehen, Schlauchboote be- und entladen – sei seine Kletter-Muskulatur träge geworden, insbesondere in den Fingern.

Darum trainiert er jetzt mit Vollgas Maximalkraft – in anspruchsvollen Sportkletter-Routen (8a+/8b) und mit Bouldern. Ich kann bei ihm jedoch keine Trägheit erkennen: Er klettert wie Spiderman.

Anders bei mir: In den vergangenen Wochen sass ich zu viel im Büro. Routen, die ich sonst solide meistere, strengen mich jetzt enorm an.

Ich beginne locker, wähle später eine 6b-Route mit einer leicht überhängenden Schlüsselstelle. Halt bietet da einzig ein Riss. Mit ausgestreckten Armen klammere ich mich mit beiden Händen darin fest. Roger instruiert von unten: «Rechter Fuss hoch.» Also stelle ich den Fuss hoch. «Höher!» Ich nehme ihn noch höher. «Höööher!» Mein Fuss befindet sich nun zirka auf Schulterhöhe, eine Art Spagat. Roger: «Ja, so! Jetzt Körperspannung, mit dem rechten Fuss aufstossen und mit den Armen hochziehen.» Ich denke, das funktioniert nie. Aber: Es geht ganz einfach. Ich staune.

Am nächsten Tag wage ich zum Abschluss eine technische 6c-Route namens «Sex wies wöu». Der Master erklärt: «Hier hast du immer nur einen guten Griff oder einen guten Tritt, aber nie beides gleichzeitig.» Im Vorstieg überwinde ich die Schlüsselstelle nicht. Der Fels ist glatt, die Griffe reichen für die Fingernägel. Selbst der Nachstieg geht nur mit Ach und Krach. Es macht wenig Sinn, am Abend noch in eine schwere Route einzusteigen.

Ich ziehe, stosse, schnaufe, schwitze – entscheide mich in der Not, die direkte Linie links zu umklettern, stehe mal mit beiden Fussspitzen nur auf Reibung und versuche mit letzter Kraft einen Bouldergriff. Um ein Haar hätte es gereicht, aber meine Hand gleitet ab. Es haut mich wie ein Pendel drei Meter aus der Wand raus und vier Meter nach rechts. Aber: Als «Vielstürzerin» weiss ich, dass ich mich drehen und mit den Beinen abfedern muss, um nicht unkontrolliert zurück an den Fels zu knallen. Mein Herz pocht, nicht vor Schreck, aber vor Anstrengung. Ich versuche es nochmals und schaffe die 30-Meter-Route schliesslich.

Meine Hände bluten, meine Füsse sind taub, aber mein Master ist zufrieden, und ich bin es auch, obschon ich in diesem Jahr schon besser war.

Natascha Knecht

Diese 6c-Route ist heute meine Limite. Mir fehlt die Maximalkraft ...

Roger Schaelis Tipp als Profi: Den Herbst ausnutzen, um outdoor noch möglichst viele Klettermeter zu machen und Fun zu haben. Aber: Zwischendurch unbedingt auch in der Halle trainieren. «Das steht zwar mehr der Sport im Vordergrund, und weniger der Spass. Dafür ist es gezielteres Training. Und schonender für die Fingerhaut.»

Sprung über den eigenen Schatten

Natascha Knecht am Freitag den 20. August 2010

«Hallo, Natascha. Wir sind gut gelandet. Ich bin direkt in die Kletterhalle gegangen und habe bereits meine erste Trainingssession hinter mir…:-) Jetzt bin ich auf dem Weg nach Hause. Glg Roger»

Dieses SMS landet fünf (!) Stunden nach Roger Schaelis Ankunft im Flughafen Zürich auf meinem iPhone.

Roger, wie ich ihn kenne! Jeder normale Mensch geht doch nach den Strapazen einer mehrwöchigen Big-Wall-Expedition in Grönland als erstes heim, isst was Feines, entspannt sich, erzählt von seinen Erlebnissen. Nicht so Roger Schaeli: Er fährt auf direktem Weg zum Training. Jeder Tag ohne Klettern ist für ihn ein verlorener Tag.

Trotzdem: Auch er schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Etwa mit diesem Video, das er mir vor drei Tagen aus Grönland für den Blog übermittelte. Ich traute meinen Augen nicht: Roger macht einen Köpfler ins Eiswasser! Sogar einen eleganten! Wow!

Es war für ihn ein Sprung über den eigenen Schatten. «Ich liess mich dazu zum Spass überreden», erzählt er und lacht. Die Wassertemperatur betrug gerade mal 3 Grad, die Luft war 7 Grad kalt.

Rogers Welt sind das Gebirge und schwindelerregende Höhen am Fels. Mit Baden lockt man ihn nirgendwo hin. Selbst auf einer Mittelmeerinsel und im Hochsommer – Roger will er nur eines: klettern. «Im Wasser wird mir kalt», sagt er. Und outet sich ungeniert als «Gfrörli». Laufen andere in T-Shirt, Shorts und Flipflops rum, ist ihm in Fleecepulli und Socken am wohlsten.

Roger pusht auch meine sportliche Limite, setzt mir Ziele

Als «Aufzeichnerin» seines Bergblogs bin ich froh, dass ihm in Grönland alles gut lief. Ich hatte hier in Zürich einige schlaflose Nächte, obschon mein Bauchgefühl immer gut ist, wenn er klettert. Doch als «Seefahrer» auf dem Schlauchboot gab er mir zeitweilig schon zu denken.

Wie auch immer: Endlich ist nun mein bester Bergpartner wieder da, es kann weitergehen, ich freue mich. Allein in diesem Jahr hat Roger mich bereits auf unzählige Gipfel mitgenommen, ich durfte mehrere Hundert Stunden mit ihm klettern, in der Schweiz, im Ausland, sogar ganztägige Mehrseilrouten im teils überhängenden Eis.

Roger pusht meine sportliche Limite, setzt mir Ziele, auf die ich mich konzentrieren kann und für die ich gerne konsequent trainiere. Etwa für die Heckmair-Route durch die Eigernordwand, die er mir vorgeschlagen hat (inklusive Biwak). Ich hoffe, dass ich im kommenden Winter/Frühling für diesen – für mich – happigen Klassiker fähig bin – und uns die Witterung hold sein wird.

Im Outdoor-Blog schreibe ich bald regelmässig, wie es ist, als Hobby-Alpinistin mit dem Profi unterwegs zu sein: meist wird es schön, manchmal extrem. Und: Ich werde gern von den Tipps und Tricks berichten, die mir Roger als mein «Personal Alpine Trainer» zeigt.

Da Roger als Profi-Alpinist hin und wieder im Ausland weilt, bin ich natürlich auch mit anderen Partnern in den Bergen unterwegs. Auch sie sind stark, unterhaltsam und bereit, ihr Wissen weiterzugeben.

Bis dann also, draussen in der Vertikalen oder hier im Outdoor-Blog!

Natascha Knecht

Messner: «Schaeli, Gietl und Kopp waren nach dem Prinzip Abgrund unterwegs. Das gefällt mir»

Natascha Knecht am Donnerstag den 19. August 2010

Was sagen Reinhold Messner und Hans Kammerlander zur Erstbegehung von Roger Schaeli, Simon Gietl und Daniel Kopp durch die 1325-Meter-Bigwall in Grönland?

Reinhold Messner

«Ich freue mich immer, wenn junge Kletterer neue Spielfelder finden und dort ihre Talente ausschöpfen. Schaeli, Gietl und Kopp waren nach dem ‘Prinzip Abgrund’ unterwegs und das gefällt mir. Ihre gekletterte Linie, die Schwierigkeiten und Länge der Tour in Ostgrönland – weit weg von der Zivilisation – sind eindrucksvoll.» Reinhold Messner

Geboren 1944 in Südtirol, gilt Reinhold Messner als der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Er hat hundert Erstbegehungen durchgeführt, alle vierzehn Achttausender bestiegen und zu Fuss die Antarktis und Grönland, Tibet und die Wüsten Gobi und Takla Makan durchquert. «Westwand: Prinzip Abgrund» ist sein neustes Buch.


Hans Kammerlander

Hans Kammerlander

«Roger Schaeli hat bereits einige grosse Erstbegehungen gemacht. Diese jetzt in Ostgrönland ist eine weitere beachtliche Tour, besonders weil die Durchsteigung im Big-Wall- und Alpinstil gelungen ist. Simon Gietl und Daniel Kopp sind noch ganz junge Bergsteiger, für sie ist es eine hervorragende Leistung.

Ich halte viel von Alpinisten, die sich trauen, in solcher Abgeschiedenheit auf eine unbegangene Steilwand zuzugehen. Das erfordert nebst Können auch Mut. Die 1325-Meter-Wand ist sehr speziell, solche gibt es nur selten auf der Welt. Grönland gehört zu den wenigen Gegenden, die bergsteigerisch noch weitgehend unberührt sind. Da gibt es noch viel zu tun für die junge Generation mit hohem Niveau.» Hans Kammerlander

1956 in den Dolomiten geboren, zählt Hans Kammerlander zu den herausragendsten Alpinisten der Gegenwart. Ihm glückten 50 Erstbegehungen und 60 Solobegehungen bis zum VI. Schwierigkeitsgrad. Er bestieg zwölf Achttausender, davon sieben mit Reinhold Messner. Als erstem Menschen gelang ihm 1990 die Skiabfahrt vom Gipfel des Nanga Parbat (8125 m), 1996 folgte die vom Gipfel des Mount Everest (8848 m). Zehn Jahre lang hielt er den Rekord für die schnellste Besteigung des Everests (in 17 Stunden ohne Sauerstoff).

«Es tat extrem gut, dass so viele Leute hinter uns standen»

Natascha Knecht am Mittwoch den 18. August 2010

Es regnet, windet, stürmt und ist kalt – wie an einem schlechten Novembertag bei uns. Seit Stunden sitzen wir in einem Hangar im Stützpunkt Constable Point und warten darauf, nach Island abfliegen zu können. Am Nachmittag sah es noch so aus, als könne heute kein Flugzeug starten. Vorher hats aber geheissen, es gehe jetzt doch.

Insgesamt hatten wir wirklich ein Riesenglück, dass wir unser Expeditions-Ziel hier in Grönland erreichten: Bei der Ankunft war das Wetter fast zu schön, um wahr zu sein. Unsere abenteuerliche Schlauchbootfahrt zum Berg verlief trotz einer Panne glimpflich. Im unteren Teil der Big Wall hatten wir zwar Steinschlag, aber die Durchsteigung gelang uns – auch dank des guten Wetters.

Rückblickend bin ich echt froh, dass wir den Gipfel so rasch angegriffen haben. Ich weiss nicht, ob die Besteigung danach noch möglich gewesen wäre. Denn kaum waren wir zurück, kippte das Wetter. Simon und ich mussten bereits bei unserer kurzen Zusatztour im strömenden Regen abseilen. Seither blieb es unbeständig, die Temperatur sank bis knapp über den Gefrierpunkt.

Unsere Schlauchbootfahrt heute früh von der Inuit-Siedlung Ittoqqortoormiini verlief sehr stürmisch. Beim Anlegen in Constable Point ging auch noch eines der Boote kaputt, es hat einen Riss bekommem, als wir es an Land zogen. Wir müssen es jetzt mit nach Island nehmen und dort in die Reparatur geben. Das haben wir schon organisiert. Unser Anschlussflug geht via Koppenhagen nach Zürich.

Eisberg Grönland

Unvergesslich schöne Eisberge hier in Grönland. Dieses Bild haben wir vor zwei Tagen während unserer Nacht-Fahrt gemacht. Heute konnten wir leider nicht mehr fotografieren, das Meer war viel zu stürmisch. Wir mussten schauen, dass wir Constable Point heil erreichen!

Die Big-Wall-Route heisst «Eventyr»

Aber zum Glück hat alles irgendwie geklappt. Wir sind noch immer mega happy, dass wir die Big Wall geschafft haben, fühlen uns immer noch wie im Märchen. Wir entschieden uns, die neue Route «Eventyr» zu nennen – dänisch (und norwegisch) für Märchen und Abenteuer. Wir finden, das passt perfekt, ist einzigartiger als «Fairy Tale» und wurde auch von vielen Blog-Leserinnen und -Lesern vorgeschlagen. Ganz herzlichen Dank! Selber wären wir wahrscheinlich kaum darauf gekommen.

Unsere Zusatzroute taufen Simon und ich «Moonlight Sonata» – in Anlehnung an Beethovens Mondscheinsonate. Die Route ist ein echter Klassiker und wir kletterten sie in einer Nacht.

Dank an alle!

Daniel, Simon, Thomas, Jost und ich danken allen von Herzen, die unseren Bergblog mitverfolgt haben und für die vielen Kommentare. Es tat extrem gut, dass so viele Leute hinter uns standen. Eine echte Unterstützung! Für uns eine ganz neue, aber wunderbare Erfahrung.

Morgen im Bergblog: Was Reinhold Messner und Hans Kammerlander zur Erstbegehung der 1325-Meter-Bigwall von Roger Schaeli, Simon Gietl und Daniel Kopp sagen.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Ein Tag in Ittoqqortoormiini

Natascha Knecht am Dienstag den 17. August 2010
Gietl, Schaeli, Kopp in Ittoqqortoormiini

Drei Profi-Alpinisten in Ittoqqortoormiini: Simon Gietl, Roger Schaeli, Daniel Kopp (vorne v.l.).

Wir sind in Ittoqqortoormiini angekommen, einem abgelegenen Inuit-Fischerdorf mit gut 500 Einwohnern. Blaue und rote Holzhäuser, einfache Strassen, viele Kinder.

Heute übernachten wir in einer simplen Hütte – mit einer warmen Dusche. Die erste, seit wir in Grönland sind. Mann, ist das schön!

Inuit-Kinder

Inuit-Kinder aus dem Dorf. Sie freuen sich über unsere Ankunft.

Inuits

Erinnerungsbild mit den Dorfbewohnern: Daniel Kopp (gelbe Jacke) und Thomas Ulrich (3. v.r.).

Zu tun gibt es hier nicht viel. Am Nachmittag waren wir mit ein paar Kindern auf dem Spielplatz, sie haben Freude, dass Besuch da ist. Dann spielten wir in unserer Hütte ein paar Partien Schach, Simon schlägt alle. Wir geniessen das easy life, fühlen uns noch immer müde und ausgelaugt.

Roger Schaeli, Inuits

Roger Schaeli mit den Inuit-Kindern auf dem Spielplatz.

Ittoqqortoormiit

Die Kinder von Ittoqqortoormiit auf den Containern.

Im Dorf gibts auch einen kleinen Supermarkt, ein spezielles Erlebnis: Vorne Alkohol, in der Mitte Zigaretten und etwas Nahrungsmittel, hinten eine Abteilung mit Gewehren und Munition. Gekauft haben wir Brot und Konfitüre.

Hüttenleben

Entspannen in der Inuit-Siedlung: Simon und Daniel (r.) spielen Schach. Roger (hinten) liest.

Morgen fahren wir mit unseren Booten weiter nach Constable Point. Von dort fliegen wir nach Island, dann zurück in die Schweiz.

Die Big Wall, der zauberhafte Gipfel, die Zusatztour – noch habe ich überhaupt nicht erfasst, was ich hier in Grönland alles erleben durfte. Das folgt erfahrungsgemäss erst nach ein paar Tagen daheim.

Am Abend entscheiden wir uns für die definitiven Routen-Namen. Danke für die vielen Vorschläge! Ich melde mich morgen wieder. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Jost von Allmen

Jost von Allmen übermittelt jeweils die Bilder für den Bergblog. Das dauert manchmal Stunden! Zum Glück hat er so viel Geduld. Hier in unserer Hütte in Ittoqqortoormiini hat er etwas komfortablere Bedingungen als vorher im Basecamp.

«Eventyr» oder «Fairy Tale»?

Natascha Knecht am Montag den 16. August 2010

Die Region um den Scoresbysund und den Öfjord bietet ein geniales, weitgehend unberührtes Klettereldorado. Noch sind sehr viele Erstbegehungen und Erstbesteigungen möglich. Ich glaube aber, dass uns die schönste aller Routen hier letzte Woche gelungen ist. Der Zauber der Big Wall wird lange anhalten.

Am Wochenende nahmen wir Abschied von unserem Berg. Vom Camp aus hatten wir ihn immer wunderschön vor Augen. Das Wetter wurde inzwischen grönländischer, die Temperatur beträgt 2 Grad Celsius.

Camp

Unser Camp mit Blick auf den markanten Granitturm in diesem weitgehend unberührten Bergmassiv. Simon Gietl, Roger Schaeli, Daniel Kopp (v.l.).

Wir diskutierten auch darüber, wie wir unsere neue Route durch die 1325 Meter hohe Nordostwand des Grundtvigskirken taufen wollen. Mehrere Blog-Leserinnen und -Leser schlugen uns «Eventyr» vor. Das bedeutet auf dänisch Märchen und auch Abenteuer. Wir finden, das würde perfekt passen. «Eventyr» und «Fairy Tale» stehen jetzt in der engsten Auswahl.

Simon und ich dürfen uns auch für unsere Zusatzroute einen Namen ausdenken. Weil wir den Berg als echten Klassiker empfanden, möchten wir der Linie einen klassischen Namen geben. Vielleicht etwas aus der klassichen Musik? Noch ist uns nichts Schlaues in den Sinn gekommen. Vorschläge nehmen wir gerne entgegen!

Daniel Kopp

Daniel fängt eine ordentliche Forelle.

Heute hatten wir zum ersten Mal Glück beim Fischen: Vier Forellen gefangen! Das war vielleicht ein Festessen.

Gegen Mitternacht machen wir uns langsam auf die Rückreise und fahren mit den Schlauchbooten weiter. Nachts ist das Meer ruhiger und die Fahrt weniger abenteuerlich. Bei einer kleinen Inuit-Siedlung wollen wir einen Zwischenstopp einlegen. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Thomas Ulrich

Viele Eisberge, wenig Fische: Thomas wirft das Fischernetz nochmals aus.

Zum «Ausklettern» in 15 Stunden durch eine 850-Meter-Wand gestiegen

Natascha Knecht am Freitag den 13. August 2010
Simon Gietl, Roger Schaeli

Simon Gietl und Roger Schaeli (r.) auf dem zweiten Gipfel: Ein Bild mit Selbstauslöser.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Unsere Route. Dieser Granit-Tower liegt vis-à-vis der Big Wall und ragt 1250 Meter direkt aus dem Meer empor.

Simon und mir ist zum «Ausklettern» noch eine superschöne Tour gelungen.

Der Felsturm steigt 1295 Meter direkt aus dem Meer empor. Der Zustieg führt erst über kompakte Stufen und Platten. Die Kletterwand misst rund 850 Meter. Unsere neu erschlossene Route führt in 30 Seillängen über tadellosen Granit auf den Gipfel, ist problemlos mit mobilen Geräten abzusichern, die Schwierigkeit liegt im 7. alpinen Grad.

Ein absoluter Hochgenuss, wunderbare Kletterei! Wir brauchten 15 Stunden.

Gestartet sind wir gestern um 18 Uhr, kletterten dann die ganze Nacht durch, biwakierten nach 15 Seillängen kurz für eineinhalb Stunden. Da wir keine Zelte oder Schlafsäcke dabei hatten, steckten wir unsere Füsse in die Rucksäcke, damit es nicht zu kalt wurde. Als Kopfkissen dienten uns die beiden 60-Meter-Seile. Kurz nach 9 Uhr heute Morgen sassen wir auf dem Gipfel. Ein geniales Erlebnis.

Roger Schaeli

Roger Schaeli in der 850-Meter-Granitwand.

Wie der Berg heisst, wissen wir nicht. Die Tour war eine spontane Aktion, ausserdem haben wir ja kein genaues Kartenmaterial dabei. Es ist bis zur Abreise aus der Schweiz nicht eingetroffen.

Aber auf dem Gipfel fanden wir keine Schlinge, kein Steinmännchen oder ein anderes Zeichen einer früheren Besteigung.

Simon Gietl

Simon Gietl nach 15 Stunden kurz vor dem Gipfel.

Beim Abseilen kam starker Regen auf, es wurde kalt und abenteuerlich, wir mussten uns nochmals konzentrieren. Pro Stand verwendeten wir je einen Bohrhaken, insgesamt 20 Stück. Der ungesicherte Abstieg zu unterst über die Felsstufen war glitschig wie eine Rutschbahn, auf einer Flechte bin ich sogar noch ausgerutscht. Aber wir mussten lachen, waren so müde, es war wie im Trickfilm.

Natürlich ist diese Tour nicht zu vergleichen mit der anspruchsvollen Big Wall auf den Grundtvigskirken letzte Woche. Aber wir sind zufrieden mit unserer Leistung, wir hatten mega Spass und sind happy. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Simon und ich versuchen, noch einen anderen Berg in Angriff zu nehmen»

Natascha Knecht am Donnerstag den 12. August 2010

Aussicht von der Insel

Die Aussicht von unserer Insel. Der Berg mit unserer Big Wall ragt links schön heraus.

Da es von Constable Point nicht jeden Tag Flüge gibt, und die nächsten bereits ausgebucht sind, stecken wir nun auf einer Insel im Grönländer Niemandsland fest. Ein Problem ist auch, dass wir bei der Anreise mit den schwer beladenen Booten so viel Benzin verbrauchten, dass es gerade noch für die Rückfahrt reicht, aber Extratouren liegen nicht drin.

Die Frage lautet also: Was tun?

Zum ersten Mal sind wir uns im Team nicht einig. Wir haben heute Morgen lange diskutiert und uns dann entschieden: Ich möchte unbedingt nochmals etwas klettern, Simon auch. Daniel spürt kein «Reissen» mehr und schaut zum Camp, während Thomas und Jost noch Eisberge und Landschaft fotografieren.

Zudem hätte ich gerne mal wieder etwas anständiges zu essen.
Die gefriergetrockneten Menüs hängen mir zum Hals raus. Gestern Abend wollten wir den Käse schmelzen, den wir noch aus der Schweiz dabei haben. Leider funktionierte das nicht. Vorher haben wir versucht, zu fischen, aber es hat kein einziger angebissen.

Eismeer

Eisberge schwimmen auf dem Meer.

Soeben haben Simon und ich unsere Rucksäcke mit Klettersachen gepackt. Wir wollen noch einen Berg in Angriff nehmen, ganz puristisch ohne viel Material. Er liegt gleich vis-à-vis unserer Big Wall. Uns ist da eine schöne Linie ins Auge gefallen.

Wir gehen mal hin und schauen, riskieren aber nichts mehr, fordern nichts heraus. Wenn es geht, geht’s, wenn nicht, dann halt nicht.

Thomas bringt uns jetzt mit dem Schlauchboot rüber.

Es ist später Nachmittag. Simon und ich beginnen sicher noch heute Abend mit Klettern. Das Fantastische hier ist ja, dass es fast die ganze Nacht über hell bleibt, nur kurz dämmert.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Heute fühlen wir uns lahm und ausgemergelt»

Natascha Knecht am Mittwoch den 11. August 2010
Grönland

Abstieg vom Wandfuss mit schwerem Material auf dem Buckel.

Kopp, Giet, Big Wall

Daniel Kopp und Simon Gietl (r.). Im Hintergrund unsere Big Wall. Auf dieser Bergspitze standen wir letzten Freitag. Für uns alle unvergesslich.

In der Zwischenzeit sind wir mehrmals hochgestiegen, um unser Material beim Wandfuss zu holen und es runterzutransportieren. Der Steinschlag dort oben wird immer gewaltiger und gefährlicher. Granitplatten mit einem Quadratmeter Durchmesser hagelte es heute runter. Krasse Portionen.

Unseren Humor haben wir trotzdem nicht verloren – siehe Video:

Danach bauten wir unser Basislager ab und nahmen die Schlauchboote aus der Verankerung. Wir luden sämtliches Gepäck hinein und fuhren auf die gegenüberliegende Insel. Die Seefahrt war wieder abenteuerlich: Hohe Wellen und starker Wind. Für uns Bergsteiger anstrengender als Klettern.

Hier auf der Insel ist es angenehmer und schöner als drüben beim Berg, aber es hat deutlich mehr Moskitos. Sehr lästig!

Was wir in den nächsten Tagen machen, wissen wir im Moment noch nicht. Wir sind lahm und ausgemergelt, müssen uns erst mal ausruhen und erholen. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)