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Messner: «Schaeli, Gietl und Kopp waren nach dem Prinzip Abgrund unterwegs. Das gefällt mir»

Natascha Knecht am Donnerstag den 19. August 2010

Was sagen Reinhold Messner und Hans Kammerlander zur Erstbegehung von Roger Schaeli, Simon Gietl und Daniel Kopp durch die 1325-Meter-Bigwall in Grönland?

Reinhold Messner

«Ich freue mich immer, wenn junge Kletterer neue Spielfelder finden und dort ihre Talente ausschöpfen. Schaeli, Gietl und Kopp waren nach dem ‘Prinzip Abgrund’ unterwegs und das gefällt mir. Ihre gekletterte Linie, die Schwierigkeiten und Länge der Tour in Ostgrönland – weit weg von der Zivilisation – sind eindrucksvoll.» Reinhold Messner

Geboren 1944 in Südtirol, gilt Reinhold Messner als der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Er hat hundert Erstbegehungen durchgeführt, alle vierzehn Achttausender bestiegen und zu Fuss die Antarktis und Grönland, Tibet und die Wüsten Gobi und Takla Makan durchquert. «Westwand: Prinzip Abgrund» ist sein neustes Buch.


Hans Kammerlander

Hans Kammerlander

«Roger Schaeli hat bereits einige grosse Erstbegehungen gemacht. Diese jetzt in Ostgrönland ist eine weitere beachtliche Tour, besonders weil die Durchsteigung im Big-Wall- und Alpinstil gelungen ist. Simon Gietl und Daniel Kopp sind noch ganz junge Bergsteiger, für sie ist es eine hervorragende Leistung.

Ich halte viel von Alpinisten, die sich trauen, in solcher Abgeschiedenheit auf eine unbegangene Steilwand zuzugehen. Das erfordert nebst Können auch Mut. Die 1325-Meter-Wand ist sehr speziell, solche gibt es nur selten auf der Welt. Grönland gehört zu den wenigen Gegenden, die bergsteigerisch noch weitgehend unberührt sind. Da gibt es noch viel zu tun für die junge Generation mit hohem Niveau.» Hans Kammerlander

1956 in den Dolomiten geboren, zählt Hans Kammerlander zu den herausragendsten Alpinisten der Gegenwart. Ihm glückten 50 Erstbegehungen und 60 Solobegehungen bis zum VI. Schwierigkeitsgrad. Er bestieg zwölf Achttausender, davon sieben mit Reinhold Messner. Als erstem Menschen gelang ihm 1990 die Skiabfahrt vom Gipfel des Nanga Parbat (8125 m), 1996 folgte die vom Gipfel des Mount Everest (8848 m). Zehn Jahre lang hielt er den Rekord für die schnellste Besteigung des Everests (in 17 Stunden ohne Sauerstoff).

Reinhold Messner hat Simon Gietl persönlich für die Grönland-Expedition Glück gewünscht

Natascha Knecht am Mittwoch den 28. Juli 2010
Foto: Jost von Allmen

Check-in am Flughafen Zürich: Die Lady hatte fast eine Herzbaracke, als wir mit über 200 kg angerollt kamen. Thomas Ulrich (im weissen Hemd) konnte sie beruhigen, alle Gepäckstücke sind in Reykjavik angekommen.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Kurzes Sightseeing in Reykjavik gestern Abend: Mit Jost von Allmen, unserem Basislager-Manager. Im Norden sind die Tage derzeit lang.

Im Moment machen wir Zwischenhalt in Island. Meine Glieder schmerzen und mein Hals kratzt. Ich spüre leichte Erkältungssymptome. Wahrscheinlich reagiert mein Körper gerade auf die angespannte Zeit, die ich hinter mir habe. Jetzt ist der Druck weg: Ich bin unterwegs, habe vorbereitet, was ging, und kann nichts mehr anders machen.

Mir jagen nicht mehr tausend Gedanken durch den Kopf, ob ich etwas vergessen habe, ob ich etwas besser organisieren könnte. Langsam komme ich zur Ruhe. Das ist wichtig. Ich will jetzt nichts verhaspeln, nichts überstürzen, nicht übermotiviert sein, die Nerven behalten und mich auf das Ziel konzentrieren.

Heute Vormittag fliegen wir mit dem ganzen Gepäck nach Kulusuk in Ostgrönland und von dort weiter nach Constable Point. Das ist ein abgelegener Stützpunkt ohne Einwohner.

Ich freue mich auf das «Wildlife»

In den nächsten zwei Tagen muss sich mein Körper akklimatisieren. Nicht an die Höhe, aber an das Klima, die Expeditionsernährung, Zeitverschiebung (vier Stunden) und an den künftigen Schlafrhythmus. Vergangene Nacht hatte ich in Reykjavik vorläufig das letzte Mal ein warmes, sauberes Bett. Ich habe jede Minute ganz bewusst genossen. Ab heute schlafe ich einen Monat lang immer im Zelt.

Ich freue mich auf die raue Abgeschiedenheit, auf das «Wildlife». Die Gegend, in die wir reisen, ist einmalig. Auch der Berg und die Big Wall sind einzigartig. Ich kann kaum noch warten, bis wir endlich dort sind und bin fast schon etwas ungeduldig. Aber wie gesagt: Einfach «tranquillo» – ruhig bleiben, eins nach dem anderen angehen.

Messner hat Simon Gietl für die Expedition persönlich Glück gewünscht

Im Team sind alle gut aufgelegt, machen Witze und jeder klopft mal einen Spruch. Wir verbringen seit gestern viel Zeit in Flugzeugen und Flughäfen, reden über alles mögliche, nicht nur über die Expedition, auch über Privates: Frauen, heiraten, Kinder. Halt Sachen, die für uns Bergsteiger ein Thema sind.

Simon Gietl hat mir erzählt, er sei vor zwei Wochen von Reinhold Messner persönlich in sein Schloss eingeladen worden. Messner interessiert sich für ihn, er hat sich auch über unsere Grönlandexpedition informiert und ihm Glück gewünscht. Die Südtiroler unterstützen sich gegenseitig!

Ich gönne das Simon sehr. Uns verbindet eine langjährige, tiefe Freundschaft, wir sind wie Brüder, unterstützen uns in allem.

Foto: Jost von Allmen

Kurz vor dem Check-in: Mit meinen Kletterpartnern Daniel Kopp (links) und Simon Gietl (rechts).

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)