Leben


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Ab sofort sind wir auf uns allein gestellt

admin am Freitag den 30. Juli 2010
Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Constable Point, Scoresbysund, Grönland: Erste Testfahrt mit den Zodiac-Schlauchbooten. So reisen wir nun in ein bis zwei Tagesetappen zu «unserem» Berg.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Die schicke orange Bekleidung ist ein Überlebensanzug. Ein wasserdichter Overall mit angenähten Schuhen und Handschuhen. Er schützt uns vor Nässe, Wind, Kälte – und im Falle eines Falles vor dem eiskalten Wasser und vor dem Ertrinken.

Heute lief alles wie am Schnürchen.

Thomas konnte beide Zodiac-Schlauchboote für die Weiterreise fahrtüchtig machen. Die Luft ist drin, die Motoren laufen. Am Vormittag fuhren wir schon mal raus aufs Meer, es lief perfekt.

Wir sind früh aufgestanden, haben unsere Zelte wieder abgebaut, das ganze Material fertig verpackt, ein spezielles Reparaturset für den Generator zusammengestellt, Benzin abgefüllt, einen Eisbärenzaun parat gemacht, den wir dann um das Basislager aufstellen, und die Munition für das Gewehr kontrolliert. Für den Fall der Fälle nehmen wir auch noch eine Signalpistole mit.

Jost hat es geschafft, die Satellitenschüssel für die «Aussenkommunikation» wieder funktionsfähig zu machen. Auch sie steckt jetzt in einem wasserdichten Sack, wir behandeln sie ab sofort mit besonderer Vorsicht.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Wir haben unser Gepäck mit einem Gewehr, Leuchtraketen und Notfallsender ergänzt. Als Selbstschutz, falls uns dann im Basislager Eisbären besuchen wollen.

Alle Details sind geprüft, das Gepäck liegt in den Booten. Jetzt verlassen wir Constable Point und brausen in ein, oder zwei Tagesetappen zum Berg.

Ab sofort sind wir nur noch auf uns alleine gestellt. Mit Karte und Kompass suchen wir den schnellsten Weg zu unserem Zielberg. Zum Glück kennt Thomas die Gegend von einer früheren Reise.

Wir brennen alle darauf, bald klettern und unser Ziel in Angriff nehmen zu können!

PS: Ich danke allen von ganzem Herzen, die uns für diese Expedition Glück gewünscht haben. Es bedeutet uns sehr viel, dass zu Hause so viele Leute hinter uns stehen. Eine riesengrosse Motivation. Happy Grüsse aus Grönland, wir geben alles.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

So haben wir die Zodiac-Schlauchboote gestern im Empfang genommen: verpackt. Wir mussten sie erst zum Meer transportieren, aufbauen, bei den Motoren das Öl wechseln und Benzin auffüllen.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Traumhaft schön hier in Grönland. Und wir werden umschwärmt – von Riesenmosquitos!

Natascha Knecht am Mittwoch den 28. Juli 2010
zwischen Kulusuk und Constable Point

2. Reisetag. Flug von Island nach Grönland: Aussicht vom Flugzeug zwischen Kulusuk und Constable Point. Was für eine Gletscherlandschaft!

Eis und Meer.

Ost-Grönland: Eis und Meer.

Constable Point. Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Anflug auf Constable Point, Scoresbysund.

Unsere Reise: Zürich – Kopenhagen – Reykjavík – Kulusuk – Constable Point, Standort jetzt. Wenn alles klappt, fahen wir morgen mit dem Schaluchbot weiter – zum Berg

Landung in Constable Point.

Landung in Constable Point.

Das Kletterteam

Daniel Kopp, Thomas Ulrich, Roger Schaeli, Simon Gietl (v. l.). Auf dem Bild fehlt unser Basislager-Manager Jost von Allmen. Er hat fotografiert.

Alles geht bestens vorwärts.

Wir sind vor einer Stunde in Constable Point eingetroffen, ein Stützpunkt ohne Einwohner. Es gibt nur eine nicht asphaltierte Schotterflugpiste und sechs Hangars.

Sonst sehe ich weit und breit nur Meer, Berge und Gletscher. Die Sonne scheint, es ist windstill und trocken, die Temperatur beträgt milde 10 Grad. Wie an einem schönen Novembertag bei uns.

Constable Point

Alles, was es gibt in Constable Point.

Thomas nimmt gerade die beiden Schlauchboote in Betrieb. Das heisst: aufblasen, den Motor testen, Spezialöl, das wir noch in Island gekauft haben, einfüllen.

Jost versucht, unsere «Aussenverbindung» einzurichten. Er sagt, die Satellitenschüssel habe auf der Reise einen Schaden erlitten. Sie funktioniere überhaupt nicht mehr. Jetzt ist er daran, sie zu «zerlegen», um herauszufinden, was das Problem ist. Das Satellitentelefon hat aber trotzdem Verbindung. Darum: No stress.

Essen für 14 Tage vorbereiten

Simon, Daniel und ich verstauen unser Material in wasserdichte Säcke. Zudem bereiten wir jetzt schon mal Tagesportionen mit Essen vor – für die nächsten zwei Wochen.

Eine Tagesportion beinhaltet: 1 Frühstück (Müesli), 1 Abendessen (gefriergetrocknet im Alubeutel) – und für jeden zweiten Tag ein Dessert (ebenfalls gefriergetrocknet). Dazu jeweils 2 Schoko-Riegel, 2 Portionen Cappuccino, 1 Portion Trockenfleisch, 1 Portion Käse.

Leider hat der Käse auf der Reise Schimmel angesetzt. Wir versuchen jetzt via Schweiz abzuklären, ob wir ihn trotzdem essen können. Ich selber finde Schimmel nicht so tragisch, das habe ich bei Käse schon öfter erlebt. Einfach wegschneiden, oder?

Essen verpacken

Im Hangar verpacken wir das Essen in Tagesportionen: Simon Gietl, Daniel Kopp, ich (von rechts).

Constable Point

Material sortieren und in wasserdichte Säcke verpacken.

Die Mückenplage

Wir werden hier zünftig umschwärmt. Nicht von Frauen – tausende Riesenmücken haben es auf uns abgesehen. Ich habe schon einige Stiche, aber wir haben Insektenspray dabei. In Grönland ist das ja nichts Neues.

Übernachten werden wir heute in unseren Zelten, die wir zwischen Hangar und Flugpiste aufschlagen. Wenn die Schlauchboote funktionieren und wir es schaffen, alles zu verpacken, fahren wir morgen weiter – Richtung Ziel-Berg. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Reinhold Messner hat Simon Gietl persönlich für die Grönland-Expedition Glück gewünscht

Natascha Knecht am Mittwoch den 28. Juli 2010
Foto: Jost von Allmen

Check-in am Flughafen Zürich: Die Lady hatte fast eine Herzbaracke, als wir mit über 200 kg angerollt kamen. Thomas Ulrich (im weissen Hemd) konnte sie beruhigen, alle Gepäckstücke sind in Reykjavik angekommen.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Kurzes Sightseeing in Reykjavik gestern Abend: Mit Jost von Allmen, unserem Basislager-Manager. Im Norden sind die Tage derzeit lang.

Im Moment machen wir Zwischenhalt in Island. Meine Glieder schmerzen und mein Hals kratzt. Ich spüre leichte Erkältungssymptome. Wahrscheinlich reagiert mein Körper gerade auf die angespannte Zeit, die ich hinter mir habe. Jetzt ist der Druck weg: Ich bin unterwegs, habe vorbereitet, was ging, und kann nichts mehr anders machen.

Mir jagen nicht mehr tausend Gedanken durch den Kopf, ob ich etwas vergessen habe, ob ich etwas besser organisieren könnte. Langsam komme ich zur Ruhe. Das ist wichtig. Ich will jetzt nichts verhaspeln, nichts überstürzen, nicht übermotiviert sein, die Nerven behalten und mich auf das Ziel konzentrieren.

Heute Vormittag fliegen wir mit dem ganzen Gepäck nach Kulusuk in Ostgrönland und von dort weiter nach Constable Point. Das ist ein abgelegener Stützpunkt ohne Einwohner.

Ich freue mich auf das «Wildlife»

In den nächsten zwei Tagen muss sich mein Körper akklimatisieren. Nicht an die Höhe, aber an das Klima, die Expeditionsernährung, Zeitverschiebung (vier Stunden) und an den künftigen Schlafrhythmus. Vergangene Nacht hatte ich in Reykjavik vorläufig das letzte Mal ein warmes, sauberes Bett. Ich habe jede Minute ganz bewusst genossen. Ab heute schlafe ich einen Monat lang immer im Zelt.

Ich freue mich auf die raue Abgeschiedenheit, auf das «Wildlife». Die Gegend, in die wir reisen, ist einmalig. Auch der Berg und die Big Wall sind einzigartig. Ich kann kaum noch warten, bis wir endlich dort sind und bin fast schon etwas ungeduldig. Aber wie gesagt: Einfach «tranquillo» – ruhig bleiben, eins nach dem anderen angehen.

Messner hat Simon Gietl für die Expedition persönlich Glück gewünscht

Im Team sind alle gut aufgelegt, machen Witze und jeder klopft mal einen Spruch. Wir verbringen seit gestern viel Zeit in Flugzeugen und Flughäfen, reden über alles mögliche, nicht nur über die Expedition, auch über Privates: Frauen, heiraten, Kinder. Halt Sachen, die für uns Bergsteiger ein Thema sind.

Simon Gietl hat mir erzählt, er sei vor zwei Wochen von Reinhold Messner persönlich in sein Schloss eingeladen worden. Messner interessiert sich für ihn, er hat sich auch über unsere Grönlandexpedition informiert und ihm Glück gewünscht. Die Südtiroler unterstützen sich gegenseitig!

Ich gönne das Simon sehr. Uns verbindet eine langjährige, tiefe Freundschaft, wir sind wie Brüder, unterstützen uns in allem.

Foto: Jost von Allmen

Kurz vor dem Check-in: Mit meinen Kletterpartnern Daniel Kopp (links) und Simon Gietl (rechts).

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)