Leben


Artikel-Schlagworte: „Jost von Allmen“

«Es tat extrem gut, dass so viele Leute hinter uns standen»

Natascha Knecht am Mittwoch den 18. August 2010

Es regnet, windet, stürmt und ist kalt – wie an einem schlechten Novembertag bei uns. Seit Stunden sitzen wir in einem Hangar im Stützpunkt Constable Point und warten darauf, nach Island abfliegen zu können. Am Nachmittag sah es noch so aus, als könne heute kein Flugzeug starten. Vorher hats aber geheissen, es gehe jetzt doch.

Insgesamt hatten wir wirklich ein Riesenglück, dass wir unser Expeditions-Ziel hier in Grönland erreichten: Bei der Ankunft war das Wetter fast zu schön, um wahr zu sein. Unsere abenteuerliche Schlauchbootfahrt zum Berg verlief trotz einer Panne glimpflich. Im unteren Teil der Big Wall hatten wir zwar Steinschlag, aber die Durchsteigung gelang uns – auch dank des guten Wetters.

Rückblickend bin ich echt froh, dass wir den Gipfel so rasch angegriffen haben. Ich weiss nicht, ob die Besteigung danach noch möglich gewesen wäre. Denn kaum waren wir zurück, kippte das Wetter. Simon und ich mussten bereits bei unserer kurzen Zusatztour im strömenden Regen abseilen. Seither blieb es unbeständig, die Temperatur sank bis knapp über den Gefrierpunkt.

Unsere Schlauchbootfahrt heute früh von der Inuit-Siedlung Ittoqqortoormiini verlief sehr stürmisch. Beim Anlegen in Constable Point ging auch noch eines der Boote kaputt, es hat einen Riss bekommem, als wir es an Land zogen. Wir müssen es jetzt mit nach Island nehmen und dort in die Reparatur geben. Das haben wir schon organisiert. Unser Anschlussflug geht via Koppenhagen nach Zürich.

Eisberg Grönland

Unvergesslich schöne Eisberge hier in Grönland. Dieses Bild haben wir vor zwei Tagen während unserer Nacht-Fahrt gemacht. Heute konnten wir leider nicht mehr fotografieren, das Meer war viel zu stürmisch. Wir mussten schauen, dass wir Constable Point heil erreichen!

Die Big-Wall-Route heisst «Eventyr»

Aber zum Glück hat alles irgendwie geklappt. Wir sind noch immer mega happy, dass wir die Big Wall geschafft haben, fühlen uns immer noch wie im Märchen. Wir entschieden uns, die neue Route «Eventyr» zu nennen – dänisch (und norwegisch) für Märchen und Abenteuer. Wir finden, das passt perfekt, ist einzigartiger als «Fairy Tale» und wurde auch von vielen Blog-Leserinnen und -Lesern vorgeschlagen. Ganz herzlichen Dank! Selber wären wir wahrscheinlich kaum darauf gekommen.

Unsere Zusatzroute taufen Simon und ich «Moonlight Sonata» – in Anlehnung an Beethovens Mondscheinsonate. Die Route ist ein echter Klassiker und wir kletterten sie in einer Nacht.

Dank an alle!

Daniel, Simon, Thomas, Jost und ich danken allen von Herzen, die unseren Bergblog mitverfolgt haben und für die vielen Kommentare. Es tat extrem gut, dass so viele Leute hinter uns standen. Eine echte Unterstützung! Für uns eine ganz neue, aber wunderbare Erfahrung.

Morgen im Bergblog: Was Reinhold Messner und Hans Kammerlander zur Erstbegehung der 1325-Meter-Bigwall von Roger Schaeli, Simon Gietl und Daniel Kopp sagen.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Ein Tag in Ittoqqortoormiini

Natascha Knecht am Dienstag den 17. August 2010
Gietl, Schaeli, Kopp in Ittoqqortoormiini

Drei Profi-Alpinisten in Ittoqqortoormiini: Simon Gietl, Roger Schaeli, Daniel Kopp (vorne v.l.).

Wir sind in Ittoqqortoormiini angekommen, einem abgelegenen Inuit-Fischerdorf mit gut 500 Einwohnern. Blaue und rote Holzhäuser, einfache Strassen, viele Kinder.

Heute übernachten wir in einer simplen Hütte – mit einer warmen Dusche. Die erste, seit wir in Grönland sind. Mann, ist das schön!

Inuit-Kinder

Inuit-Kinder aus dem Dorf. Sie freuen sich über unsere Ankunft.

Inuits

Erinnerungsbild mit den Dorfbewohnern: Daniel Kopp (gelbe Jacke) und Thomas Ulrich (3. v.r.).

Zu tun gibt es hier nicht viel. Am Nachmittag waren wir mit ein paar Kindern auf dem Spielplatz, sie haben Freude, dass Besuch da ist. Dann spielten wir in unserer Hütte ein paar Partien Schach, Simon schlägt alle. Wir geniessen das easy life, fühlen uns noch immer müde und ausgelaugt.

Roger Schaeli, Inuits

Roger Schaeli mit den Inuit-Kindern auf dem Spielplatz.

Ittoqqortoormiit

Die Kinder von Ittoqqortoormiit auf den Containern.

Im Dorf gibts auch einen kleinen Supermarkt, ein spezielles Erlebnis: Vorne Alkohol, in der Mitte Zigaretten und etwas Nahrungsmittel, hinten eine Abteilung mit Gewehren und Munition. Gekauft haben wir Brot und Konfitüre.

Hüttenleben

Entspannen in der Inuit-Siedlung: Simon und Daniel (r.) spielen Schach. Roger (hinten) liest.

Morgen fahren wir mit unseren Booten weiter nach Constable Point. Von dort fliegen wir nach Island, dann zurück in die Schweiz.

Die Big Wall, der zauberhafte Gipfel, die Zusatztour – noch habe ich überhaupt nicht erfasst, was ich hier in Grönland alles erleben durfte. Das folgt erfahrungsgemäss erst nach ein paar Tagen daheim.

Am Abend entscheiden wir uns für die definitiven Routen-Namen. Danke für die vielen Vorschläge! Ich melde mich morgen wieder. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Jost von Allmen

Jost von Allmen übermittelt jeweils die Bilder für den Bergblog. Das dauert manchmal Stunden! Zum Glück hat er so viel Geduld. Hier in unserer Hütte in Ittoqqortoormiini hat er etwas komfortablere Bedingungen als vorher im Basecamp.

«Eventyr» oder «Fairy Tale»?

Natascha Knecht am Montag den 16. August 2010

Die Region um den Scoresbysund und den Öfjord bietet ein geniales, weitgehend unberührtes Klettereldorado. Noch sind sehr viele Erstbegehungen und Erstbesteigungen möglich. Ich glaube aber, dass uns die schönste aller Routen hier letzte Woche gelungen ist. Der Zauber der Big Wall wird lange anhalten.

Am Wochenende nahmen wir Abschied von unserem Berg. Vom Camp aus hatten wir ihn immer wunderschön vor Augen. Das Wetter wurde inzwischen grönländischer, die Temperatur beträgt 2 Grad Celsius.

Camp

Unser Camp mit Blick auf den markanten Granitturm in diesem weitgehend unberührten Bergmassiv. Simon Gietl, Roger Schaeli, Daniel Kopp (v.l.).

Wir diskutierten auch darüber, wie wir unsere neue Route durch die 1325 Meter hohe Nordostwand des Grundtvigskirken taufen wollen. Mehrere Blog-Leserinnen und -Leser schlugen uns «Eventyr» vor. Das bedeutet auf dänisch Märchen und auch Abenteuer. Wir finden, das würde perfekt passen. «Eventyr» und «Fairy Tale» stehen jetzt in der engsten Auswahl.

Simon und ich dürfen uns auch für unsere Zusatzroute einen Namen ausdenken. Weil wir den Berg als echten Klassiker empfanden, möchten wir der Linie einen klassischen Namen geben. Vielleicht etwas aus der klassichen Musik? Noch ist uns nichts Schlaues in den Sinn gekommen. Vorschläge nehmen wir gerne entgegen!

Daniel Kopp

Daniel fängt eine ordentliche Forelle.

Heute hatten wir zum ersten Mal Glück beim Fischen: Vier Forellen gefangen! Das war vielleicht ein Festessen.

Gegen Mitternacht machen wir uns langsam auf die Rückreise und fahren mit den Schlauchbooten weiter. Nachts ist das Meer ruhiger und die Fahrt weniger abenteuerlich. Bei einer kleinen Inuit-Siedlung wollen wir einen Zwischenstopp einlegen. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Thomas Ulrich

Viele Eisberge, wenig Fische: Thomas wirft das Fischernetz nochmals aus.

«Simon und ich versuchen, noch einen anderen Berg in Angriff zu nehmen»

Natascha Knecht am Donnerstag den 12. August 2010

Aussicht von der Insel

Die Aussicht von unserer Insel. Der Berg mit unserer Big Wall ragt links schön heraus.

Da es von Constable Point nicht jeden Tag Flüge gibt, und die nächsten bereits ausgebucht sind, stecken wir nun auf einer Insel im Grönländer Niemandsland fest. Ein Problem ist auch, dass wir bei der Anreise mit den schwer beladenen Booten so viel Benzin verbrauchten, dass es gerade noch für die Rückfahrt reicht, aber Extratouren liegen nicht drin.

Die Frage lautet also: Was tun?

Zum ersten Mal sind wir uns im Team nicht einig. Wir haben heute Morgen lange diskutiert und uns dann entschieden: Ich möchte unbedingt nochmals etwas klettern, Simon auch. Daniel spürt kein «Reissen» mehr und schaut zum Camp, während Thomas und Jost noch Eisberge und Landschaft fotografieren.

Zudem hätte ich gerne mal wieder etwas anständiges zu essen.
Die gefriergetrockneten Menüs hängen mir zum Hals raus. Gestern Abend wollten wir den Käse schmelzen, den wir noch aus der Schweiz dabei haben. Leider funktionierte das nicht. Vorher haben wir versucht, zu fischen, aber es hat kein einziger angebissen.

Eismeer

Eisberge schwimmen auf dem Meer.

Soeben haben Simon und ich unsere Rucksäcke mit Klettersachen gepackt. Wir wollen noch einen Berg in Angriff nehmen, ganz puristisch ohne viel Material. Er liegt gleich vis-à-vis unserer Big Wall. Uns ist da eine schöne Linie ins Auge gefallen.

Wir gehen mal hin und schauen, riskieren aber nichts mehr, fordern nichts heraus. Wenn es geht, geht’s, wenn nicht, dann halt nicht.

Thomas bringt uns jetzt mit dem Schlauchboot rüber.

Es ist später Nachmittag. Simon und ich beginnen sicher noch heute Abend mit Klettern. Das Fantastische hier ist ja, dass es fast die ganze Nacht über hell bleibt, nur kurz dämmert.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Heute fühlen wir uns lahm und ausgemergelt»

Natascha Knecht am Mittwoch den 11. August 2010
Grönland

Abstieg vom Wandfuss mit schwerem Material auf dem Buckel.

Kopp, Giet, Big Wall

Daniel Kopp und Simon Gietl (r.). Im Hintergrund unsere Big Wall. Auf dieser Bergspitze standen wir letzten Freitag. Für uns alle unvergesslich.

In der Zwischenzeit sind wir mehrmals hochgestiegen, um unser Material beim Wandfuss zu holen und es runterzutransportieren. Der Steinschlag dort oben wird immer gewaltiger und gefährlicher. Granitplatten mit einem Quadratmeter Durchmesser hagelte es heute runter. Krasse Portionen.

Unseren Humor haben wir trotzdem nicht verloren – siehe Video:

Danach bauten wir unser Basislager ab und nahmen die Schlauchboote aus der Verankerung. Wir luden sämtliches Gepäck hinein und fuhren auf die gegenüberliegende Insel. Die Seefahrt war wieder abenteuerlich: Hohe Wellen und starker Wind. Für uns Bergsteiger anstrengender als Klettern.

Hier auf der Insel ist es angenehmer und schöner als drüben beim Berg, aber es hat deutlich mehr Moskitos. Sehr lästig!

Was wir in den nächsten Tagen machen, wissen wir im Moment noch nicht. Wir sind lahm und ausgemergelt, müssen uns erst mal ausruhen und erholen. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Steinschlag! «Es kommt einiges von oben runter»

Natascha Knecht am Donnerstag den 5. August 2010
Smon Gietl. Kanzel, Big Wall

Auf dieser kleinen Rampe auf 600 Meter Kletter-Höhe haben wir heute unser Materiallager für den Gipfelsturm eingerichtet. Im Bild: Simon Gietl. Die Aussicht von hier ist unvergesslich: Eisberge schwimmen wie winzige Zuckerwürfel auf dem Meer.

In den vergangenen zwei Tagen kamen wir unglaublich gut voran. Wir haben den unteren Teil dieses Granit-Turms geschafft – und sind heute bereits 150 Meter unter der Head Wall (Gipfelwand) angelangt. Es läuft traumhaft!

Die Route durch die Big Wall

Unsere Route durch den Monster-Granitturm.

Wir entschieden uns für eine Route, welche vom mittleren Teil des Wandfusses senkrecht und teils überhängend empor führt. Die extreme Steilheit macht die Kletterei zwar anspruchsvoll, aber der Materialtransport geht einfacher.

Das Material ziehen wir in Haulbags (robuste Säcke) an Fixseilen hoch. Dazu eignet sich am besten überhängendes Gelände. Denn: Je weniger steil ein Fels ist, desto schwerer liegt das Material auf und desto schneller verheddert es sich im Gestein – sehr mühsam und kraft- und zeitraubend.

Mittlerweile haben wir insgesamt 250 Kilo Kletterutensilien sowie Essen und Trinken für fünf Tage auf einer kleinen Kanzel in gut 600 Meter Höhe deponiert – und sind perfekt vorbereitet für den Gipfelsturm!

Pikant: Es gibt viele lose Steine in der Wand und die zwei Vorkletterer müssen aufpassen, dass sie die untere Seilschaft nicht verletzen. Wir haben zeitweilig starken Steinschlag, es kommt einiges von oben runter.

Roger Schaeli in der Big Wall

Kaum Tritte, kaum Griffe: Roger Schaeli beim Material hochziehen.

Mit einem Top-Team unterwegs

Die Kletterschwierigkeit liegt im 8. alpinen Grad – also ziemlich anspruchsvoll – und beinhaltet viel Riss- und Reibungskletterei. Zum Teil fast glatte Felsstruktur. Oben stellt sich die Gipfelwand dann noch mal auf und wird für uns zunehmend schwieriger.

Als bisherige «Schlüsselstelle» entpuppte sich die 16. Seillänge: Wir konnten uns kaum sichern, weil die Risse in der Wand zu wenig tief sind, um die Klemmgeräte (Friends) zu platzieren. Simon kletterte diesen Abschnitt vor und schaffte die Stelle sogar im ersten Versuch (onsight). Ich bin hier mit einem Top-Team unterwegs!

Wir harmonieren alle wunderbar. Jeder weiss, was zu tun ist, keiner diskutiert lange herum.

Wenn es das Wetter erlaubt, starten wir den Gipfelsturm sofort

Spuren einer vorherigen Begehung haben wir in unserer Big Wall soweit keine entdeckt. Nachdem wir vor ein paar Tagen herausgefunden hatten, dass der Berg Grundtvigskirken heisst, erreichte uns die Information, dass 1999 ein schwedisches Team in diesem Massiv kletterte. Die Schweden bestiegen zwei Gipfel via Südost-Seite in 25 Seillängen. Unsere Wand befindet sich jedoch auf der auf Nordost-Seite und wir rechnen für unsere Gipfelbesteigung mit 40 bis 50 Seillängen.

Die Uhr zeigt jetzt zehn Uhr abends, wir sind soeben hundemüde ins Basislager zurückgekehrt. Eine Erstbegehung ist eine Schinderei: Material transportieren, Vorklettern, einen Weg durch die Wand suchen, sich selber sichern. Das strengt auch psychisch an. Uns fehlt jetzt die Kraft, um noch Fischernetze auszuwerfen, wir begnügen uns wieder mit unseren gefriergetrockneten Menüs – obschon es draussen feinen Seafood gäbe.

Das Wetter ist fast zu schön, um wahr zu sein! Nach dem Znacht prüfen wir die Prognosen. Wenn es stabil bleibt, greifen wir morgen den Gipfel an – und bleiben dann drei bis fünf Tage nonstop in der Wand. Das Wetter macht mich auf einer Expedition immer etwas nervös. Schlafen werde ich trotzdem tief und fest, so müde bin ich.

Daniel Kopp

Daniel Kopp – ein sehr starker Kletterer. Auch er ist viele Seillängen vorgestiegen

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Die nächsten Tage werden ein Krampf»

Natascha Knecht am Mittwoch den 4. August 2010
Roger Schaeli

Der erste Kontakt mit der Big Wall.

Heute konnte ich mit Daniel die ersten Seillängen klettern. Es lief gut, der Fels war zwar etwas brüchig, aber weniger schlimm, als wir befürchtet hatten – zumindest jetzt im unteren Wandteil. Was uns weiter oben erwartet, werden wir in den nächsten Tagen sehen.

Diese Big Wall ist wirklich ein Monster-Ding. Riesig, mega cool – und eine Herausforderung! Der Fels besteht aus unterschiedlichen Schichten, im unteren Teil schwarz/graues Gestein, oben in der Falllinie zum Gipfel rötlich.

Ein zweites Lager eingerichtet

Während wir heute den Fels austesteten, schleppte Simon weiteres Material hoch zum Wandfuss. Dort haben wir nun ein zweites, kleines Lager eingerichtet.

Der Zustieg führt über ein sehr steiles Gletschergelände. Es gibt einzelne Spalten, jedoch gut sichtbar und darum unbedenklich. Gefährlich sind einzig jene Gletscherspalten, die versteckt unter einer Schneedecke liegen. Wir fanden problemlos einen sicheren Weg, und markierten ihn mit Steinmännchen.

Big Wall

Die 1400-Meter-Wand von unten: Ein Monster-Ding!

Für die nächsten Tage sieht unser Plan so aus: Wir legen jetzt eine Route durch die Big Wall fest. Morgen früh steigt dann ein Zweierteam in die Wand ein, das andere Zweierteam transportiert weiteres Material vom Basislager zum Wandfuss. Am Tag darauf wechseln wir. Ein Team klettert die Längen weiter, das andere transportiert.

Sobald alles raufgetragen ist, beginnen wir damit, das Material, Essen und Wasser in die Wand hochzuziehen. Das wird ein Krampf. Wir werden wie Ameisen rauf und runter steigen, jeden Tag etwas höher.

Wenn wir eine gewisse Höhe erreicht haben, warten wir – falls nötig – ein Schönwetter-Fenster ab und greifen dann definitiv an. Das heisst: Wir nehmen alles mit, was wir brauchen, bleiben mehrere Tage in der Big Wall, übernachten im Hängezelt, bis wir den Gipfel erreichen.

Vorläufig kehren wir abends noch zurück ins Hauptbasislager, essen etwas und sind dann froh, in die Schlafsäcke zu kommen. Tagwache haben wir auf 5.30 Uhr angesetzt. Dunkel wird es hier zu dieser Jahreszeit nie ganz, nur leichte Dämmerung während etwa vier Stunden. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Überwältigt von der Schönheit unserer Big Wall!»

Natascha Knecht am Dienstag den 3. August 2010

Roger Schaeli: Letzte Etappe mit dem Schlauchboot

Im Hintergrund «unsere» Big Wall, wie sie in ihrer ganzen Pracht aus dem Felsmassiv herausragt.

Ankunft am Bergfuss

Ankunft unterhalb des Berges im Ofjord. Endlich wieder Land unter den Füssen! Als erstes haben wir das Material entladen und einen geeigneten Platz für das Basislager gesucht.

Weil wir heute die letzte Schlauchboot-Etappe mit weniger Gewicht in Angriff nehmen wollten, deponierten wir das Benzin, das wir später für den Rückweg brauchen, bei unserem gestrigen Nachtlager. Mit perfekt ausbalancierter Ladung fuhren wir am frühen Morgen von dort rüber nach Renland.

Wir entschieden uns, das Basislager auf einem Platz rund 50 Meter über dem Meer einzurichten – und nicht wie erst ins Auge gefasst, auf der gegenüberliegenden Bäreninsel. Das ist praktischer – und vor allem: So können wir unsere Boote und das raue Meer vorläufig mal vergessen.

Basislager

Unser Basislager: Nach dem Aufstellen des Ess- und der beiden Schlafzelte kümmerten sich Simon (links), Daniel (rechts) und ich sofort um die Aufteilung des Klettermaterial, Thomas und Jost um das umfangreiche weitere Material, die Boote und die Aussenkommunikation. Das Camp bietet eine fantastische Aussicht auf die Fjordlandschaft.

Der Fussmarsch zur Big Wall dauert knapp zwei Stunden

Simon, Daniel, Thomas und ich stiegen dann gleich über den Gletscher empor zum Wandfuss. Wir konnten kaum noch warten, die Big Wall endlich von unten zu begutachten.

Wir sind überwältigt von ihrer Schönheit. Sie ist hoch und lang und einfach gigantisch! Die Felsstruktur weniger schlimm, als erwartet.

Die Höhendifferenz vom Basislager zum Einstieg in die Big Wall beträgt 590 Meter, der Fussmarsch dauert knapp zwei Stunden. Wir stiegen heute mehrmals rauf und runter, schleppten viele Kilo Klettermaterial hoch.

Simon und Thomas hüpften zur Abkühlung tatsächlich kurz ins Meer. Ich ersparte mir diesen Kälteschock, habe in den vergangnen Tagen auf der Seefahrt genug gefroren. Das Wasser ist 3 Grad, die Lufttemperatur erreichte heute in der Sonne 20 Grad. Sehr aussergewöhnlich für Grönland. Um Material hochzutragen, sogar etwas heiss.

Beim Basislager

Eine kurze respektive sehr kurze Abkühlung. Wassertemperatur: eisige 3 Grad. Lufttemperatur in der prallen Mittagssonne heute: 20 Grad. Badehosenmodel: Simon Gietl. Kopfsprung: Thomas Ulrich.

Die Big Wall liegt weitgehend im Schatten

Unsere Big Wall ist eine Ost/Nordostwand und liegt die meiste Zeit des Tages im Schatten. Dort werden andere Temperaturen herrschen, aber sicher nicht eisige – sofern das Wetter bleibt wie im Moment.

Jost kümmerte sich derweil um die Details im Basislager. Er übermittelt auch die Bilder in die Schweiz. Weil die Verbindung zum Satellit im Camp offenbar schlecht ist, musste er heute geduldig herummarschieren, bis er einen Punkt gefunden hatte, wo es funktionierte.

Morgen will ich die ersten Seillängen in der Big Wall klettern und den Fels testen. Ich bin schon ganz kribbelig – freue mich riesig darauf. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Wir sind jetzt fast beim Berg»

Natascha Knecht am Montag den 2. August 2010

Eisberg, Ost-Grönland

Grandiose Eisberge entlang unseres Weges! Allerdings mussten wir auch höllisch aufpassen, dass wir keine Schollen oder kleine Eisstücke treffen, sie könnten das Boot beschädigen.

Unsere Weiterfahrt verlief bestens. Beide Schlauchboote funktionierten, das Meer blieb ruhig, wir sind nicht mehr über die Wellen geflogen, sondern nur noch gehüpft, wurden aber trotzdem wieder bis auf die Unterwäsche nass.

Mehrmals mussten wir an Land gehen, um die Benzintanks aufzufüllen. Unsere Boote sind immer noch schwer beladen und die 60-PS-Motoren brauchen dementsprechend viel Treibstoff. Bei Vollgas erreichen sie etwa 40 Stundenkilometer Geschwindigkeit.

Der Weg führte an riesigen und faszinierenden Eisbergen vorbei. Einer krachte zusammen, Sekunden nachdem wir an ihm vorbei waren. Da hatten wir echt Glück. Es ist gar nicht so einfach, ein Zodiac zu lenken: Viele Eisschollen schwimmen auf dem Meer. Sie könnten das Boot beschädigen, wenn man sie «tüpft». Ich musste mich konzentrieren, bin ja auch kein Seefahrer, sondern Bergsteiger.

Roger Schaeli lenkt das Schlauchboot

Heute lenkte ich eines der beiden Schlauchboote. Gar nicht so einfach!

Kurz vor dem Berg

Heute übernachten wir auf einer kleinen Insel gleich gegenüber unserem Zielgipfel.

Der Berg sieht mega geil aus. Noch viel beeindruckender als auf den Bildern. Wir sind völlig überwältigt und gespannt. Wenn die Felsstruktur jetzt auch noch halbwegs in Ordnung ist, können wir hier wirklich eine verdammt coole Sache klettern.

Diese Expedition mussten wir übrigens ohne genaues Kartenmaterial in Angriff nehmen. Offenbar ist es ganz schwierig, detaillierte Karten zu bekommen – der Berg liegt so abgelegen. Obschon Thomas schon vor Monaten alles in Dänemark bestellt hatte, kam bis zu unserer Abreise nichts an. Jetzt haben wir herausgefunden: «Unser» Berg wird Grundtvigskirken genannt.

Morgen wollen wir mit den Booten zum Berg hinüber fahren und dann über den Gletscher ein Stück hinauf zur Big Wall marschieren, eventuell auch schon einen Teil des Gepäcks hochtransportieren.

Aussergewöhnlich warme Temperaturen

Im Moment fühlen wir uns alle hundemüde von der Bootsfahrt. Meine Erkältungssymptome haben sich inzwischen verflüchtigt. Die vergangenen zwei Tage plagten mich starke Bauchkrämpfe, heute gehts aber wieder. Dafür schmerzen jetzt meine Ohren. Ich glaube, das kommt vom kalten Wind während der Seefahrt und geht bald wieder weg.

Das Wetter ist immer noch aussergewöhnlich mild, in der Sonne fast schon heiss. Es wäre schön, wenn das in den nächsten Wochen so bleiben würde.

Vorher konnten wir ein Fischernetz auswerfen, damit wir etwas anderes als unser gefriergetrocknetes Menü zum Znacht bekommen. Die Stimmung im Team entspannte sich nach der gestrigen Panne wieder. Daniel beschreibt den Moment so: «Das einzig blöde sind jetzt nur noch die Riesenmosquitos.»

Constable Point

Die letzte Aufnahme, bevor wir den Stützpunkt Constable Point verliessen. Alles Material überprüft, gut verpackt und extra für das Foto ausgelegt. 600 Liter Treibstoff (vor allem für die Schlauchboote, aber auch den Generator und die Kocher), wasserdichte Säcke und Aluminiumkisten für das technische Material. Von links: Thomas Ulrich, Roger Schaeli, Jost von Allmen, Simon Gietl und Daniel Kopp.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Erste Probleme: «Wir stranden mit den Schlauchbooten im Niemandsland!»

Natascha Knecht am Samstag den 31. Juli 2010
Foto: Jost von Allmen

Heute morgen in Grönlands Niemandsland: Die Zodiacs besser aufpumpen und das Gepäck schlauer verladen.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Über 500 Kilo Gepäck.

Es gibt erste Komplikationen. Wir sind gestern nach nur 50 Kilometer Seefahrt im Niemandsland gestrandet. Eines der beiden Boote lief nicht richtig. Ich war bis auf die Unterhose durchnässt.

Wahrscheinlich verteilten wir das Material nicht geschickt. Unser Gepäck wiegt mittlerweile über 500 Kilo, grenzwertig für zwei Schlauchboote. Eines fuhr viel langsamer als das andere und tuckerte weit hinterher. Wir hatten es mit zu wenig Luft aufgepumpt, der Motor begann zu scheppern – ein Weiterkommen war undenkbar.

Wie im Film

Ich wusste, dass die Reise bis zum Berg eine Expedition für sich wird. Aber diese Fahrt war abenteuerlicher als erwartet. Ich kam mir vor wie in «Titanic».

Jost und ich sassen im langsamen Boot. Das Meer war rau, wir flogen irgendwann nur noch über die Wellen, schlugen hart auf, wieder und wieder. Es spritzte und peitschte. Darum wurden wir auch so nass.

Die orangen Überlebensanzüge, die wir in Constable Point bekamen, sind nicht wirklich wasserdicht, wohl auch nicht mehr ganz neu. Jost hat dann im Boot Säcke um seine Schuhe gebunden. Geholfen hats wenig.

Das Meer ist kalt. Nasse Füsse und nasse Kleider sind in Grönland besonders unangenehm. Wir froren noch den ganzen Abend, kochten später etwas Warmes, danach gings einigermassen. Geschlafen haben wir im Zelt.

Hoffentlich klappt die Weiterfahrt

Jetzt sind wir daran, den Schlauchbooten mehr Luft zu spendieren – mit der Fusspumpe. Und das Gepäck schlauer zu verteilen.

Wir müssen uns beeilen, das Meer wird immer stürmischer. Ziel sind heute 125 Kilometer bis zu einer Insel, die unmittelbar gegenüber unserem Berg liegt. Ich hoffe, das klappt.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Gestern Vormittag: Die Testfahrt mit den beiden Zodiac verlief sehr gut. Doch am Nachmittag kam dann alles anders.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)