Leben


Artikel-Schlagworte: „Berg“

Gerberkäsli oder Haselnussstängeli?

Thomas Widmer am Donnerstag den 23. September 2010

Diese Woche aufs Davoser Seehorn (GR)

Das Seehorn, 2238 Meter hoch, ist einer der Hausberge von Davos. Und es ist sozusagen ein Wander-Schnäppchen. In nur zwei, zweieinhalb Stunden ist man oben und bekommt eine berauschende Aussicht. Falls jemand diesen Herbst Ferien im Landwassertal plant: Dies ist der geeignete Gipfel, sie stilvoll zu eröffnen. Man schafft ihn bestens auch, wenn man erst am frühen Nachmittag startet, nach der Anreise am Morgen.

Peter und seine Sucht

Peter und ich starteten schon um zehn – und vielleicht ist hier der Moment, in Erinnerung zu rufen, was ich auch schon schrieb: Peter war ein Studienkollege und ist heute ein Bergfreund. Er hat viele gute Eigenschaften und eigentlich nur eine schlechte: Er ist Gerberkäsli-süchtig. Manchmal irritiert mich das, Peter mampft seinen Stoff so seltsam in sich gekehrt, er hört und sieht dann nichts mehr.

Bei Stilli ass Peter das erste Gerberkäsli. Viele andere würden folgen, aber lassen wir die Suchtsache und erklären lieber, wo Stilli liegt. Es handelt sich um eine Haltestelle des Davoser Ortsbusses (Linie 4 ab Dorf oder Platz) ziemlich am Anfang der Flüelapassstrasse. Hier wird der Wanderer in den Hang zur Linken gelenkt und beginnt den Aufstieg zum Seehorn.

Der Charme eines Zahnspangenmundes

Über dessen ersten Teil gibt es nichts Spektakuläres zu berichten. Man geht durch Wald, der von Forstwegen und -strässchen durchzogen ist, und gewinnt schnell Höhe. Von den rot-gelben Markierungen lasse man sich nicht verwirren, sie bedeuten, dass Wald- und Wildschutz herrscht.

Endlich kamen wir aus dem Wald. Wir fanden uns an einer steilen Grashalde. Sie führte zu einem Sattel. Dort erblickten wir geradeaus das Hüreli, linkerhand aber das Seehorn. Dessen Südflanke hat, fanden wir, den Charme eines Zahnspangenmundes: Metallene Lawinenverbauungen bleckten uns an. Die folgende Schlusspartie bereitete uns viel Freude, die Alpenrosenbüsche, das spärliche Gebirgsgras, die aus dem Grün ragenden Felsen.

Die Davoser Puppenstuben

Oben dann, auf dem mit Steinmännchen geschmückten Flachdach des Seehorns, eine Wucht von Panorama: Tief unter uns liegt Davos; aus dieser Perspektive nimmt sich die Alpenstadt aus wie eine Puppenstubensiedlung und wird niedlich. Die Flüelastrasse ist bis weit hinauf verfolgbar als ebenmässiges graues Band. Und natürlich reihen sich rundum Berge, von denen ich die wenigsten mit Namen aufzuzählen wüsste. Immerhin, souverän identifiziere ich die Weissfluh.

Wir schauten und schwelgten und waren uns einig, dass das Seehorn ins Palmarès jedes Wanderers von Ambition gehört. Es folgte der Abstieg, retour zum erwähnten Sattel und via den Alpboden von Drusatscha hinab zum Davosersee. Entlang den Gestaden trafen wir wieder den nichtwandernden Teil der Menschheit: ausländische Touristen, Familien mit kleinen Kindern, Alte, Behinderte. Es herrschte Kurstimmung. Peter und ich setzten uns auf eine Bank und picknickten.

Süsse Stängeli

Was Peter mit entrückter Miene ass, dürfte klar sein. Und ich? Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich mich selber oute. Seit langem nehme ich nur noch eines mit: Haselnussstängeli aus der Migros. Ein Sack versorgt mich zuverlässig für jede Art von Tour, die süssen Dinger sättigen und kräftigen und liegen gut im Bauch. Aber irgenwie ist das schon kurios: zwei Bergwanderer, von denen der eine nur Gerberkäsli isst. Und der andere nur Haselnussstängeli.

Infos

  • Route: Bahnhof Davos-Dorf – Stilli – Sattel – Seehorn – Sattel – Drusatscha – Davosersee – Bahnhof Davos Dorf
  • Dauer: 4 Stunden.
  • Höhendifferenz: je 700 Meter auf- und abwärts.
  • Charakter: einfache Bergbesteigung, mittlere Anstrengung.
  • Höhepunkte: Die gewaltige Rundsicht vom Gipfel. Die Erholung des Auges vom Gebirge beim Anblick des blauen Davosersees.
  • Keine Einkehr unterwegs.
  • Landeskarte 1:25 000, 1197 „Davos“.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch.

Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com/

Der König der Ostschweiz

Thomas Widmer am Donnerstag den 2. September 2010



Diese Woche auf den Dreikantone-Gipfel Säntis (AI, AR, SG)

Über den Säntis, den höchsten Ostschweizer, könnte ich eine ganze Seite schreiben, er ist so reich an Routen und Wirtschaften wie der Pilatus oder die Rigi, ist wie jene eine Welt. Da tut Auswahl not. Hier die Route, die im Unterschied zu anderen nicht ausgesetzt ist. Freilich, trittsicher muss man für sie sein, und die nötige Kondition mitbringen. Ab dem Bahnstatiönchen Wasserauen sind 1600 Höhenmeter zu meistern.

Hysterische Berglandschaften

Der Anfang ist steil, aber leicht: auf dem Strässchen hinauf zum Seealpsee. Immer wieder tritt man zur Seite, um einen Subaru-Senn vorbeizulassen. Am See zeigt sich die Besonderheit des Alpsteins, seine Unique Selling Proposition, wie der Werber sagt: Die Berge rundum sind besonders wild gefaltet, gebrochen, geschichtet. Sie sind Extremisten. Hysteriker.

Zur Einkehr ist es zu früh. Am Ende des Sees muss man sich entscheiden: via Meglisalp oder via Mesmer? Diesmal sei es die Variante Mesmer. Wieder eine Steilstufe, dann taucht das herzige Gasthaus Mesmer auf. Es ist ist so urgemütlich, dass es, im Appenzeller Dialekt gesprochen, «söndschaad» (sündschade) wäre, nicht eine Gerstensuppe zu nehmen.

Eine 124 Meter lange Zigarre

Und weiter. Zuerst geht es noch ein wenig geradeaus, dann verengt sich das Tal, auf der rechten Flanke steigt man aus durch eine seilgesicherte, aber bei Trockenheit leichte Passage, steigt bald in Zickzackkehren wieder steil auf zur Wagenlücke. Nun wiedervereinigen sich die Mesmer-Leute mit den Meglisalp-Leuten. Zusammen landet man in einer weissgrauen Wüste der Kalkschratten. Der Pfad windet sich vorbei an Dolinen, dubiosen Einsturztrichtern im Bröckelkalk, das ist aber so gut gemacht, dass keine Beklemmung aufkommen kann. Mittlerweile ist der 124 Meter hohe Sendeturm voraus scheinbar zum Greifen nah. Er sieht in der eleganten Krümmung aus wie eine Zigarre.

Hier ist der Moment, sich eine Kuriosität in Erinnerung zu rufen. Drei Kantone teilen sich den Gipfel. Der Turm steht auf St. Galler Boden, wie auch die modernen Restaurants. Die Bahnstation wiederum ist weitestgehend Ausserrhoden. Hingegen gehören die Gipfelplattform und das Gasthaus Alter Säntis zu Innerrhoden. Einst stritten sich die Anstösser, so dass Ende 19. Jahrhundert das Bundesgericht die Grenzteilung verfügen musste. Die berühmte Wetterwarte übrigens steht exakt auf dem Punkt, an dem die drei Kantone sich treffen.

Probierts mal zu Fuss

Letzter Akt der Bergtour: Den Gipfelhang hinauf in Kehren; es motiviert dabei der Anblick der Terrasse des „Alten Säntis”. Freilich füllt einen mit Unbehagen, dass die meisten Gäste dort von der Schwägalp her mit der Seilbahn gefahren sind. Man möchte ihnen sagen: Hey, probierts mal zu Fuss, ihr habt keine Ahnung, was für eine Strecke ihr verpasst!

Infos

  • Route: Wasserauen, Station – Seealpsee – Mesmer – Wagenlücke – Säntis.
  • Dauer: fünf Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 1600 Meter aufwärts.
  • Charakter: Hart, viel Höhendifferenz.
  • Höhepunkte: Der liebliche Seealpsee mit dem topfebenen Alpboden. Der Grat der Wagenlücke, der neue Tiefblicke und Ansichten schenkt. Die Karwüste vor dem Säntis. Der 360-Grad-Gipfelblick.
  • Einkehr: Wasserauen, Seealpsee, Mesmer, Säntis.
  • Landeskarte 1:25 000: 1115 „Säntis“.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch.

Thomas Widmer bloggt: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/