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Die kuriosesten Rekorde aller Zeiten

Natascha Knecht am Mittwoch den 5. Juni 2013
Japanese mountaineer Takako Arayama, 70, poses at the top of the Mount Everest May 17, 2006. Arayama is the oldest person to scale the world's highest peak from the Tibetan side. Picture taken May 17, 2006. REUTERS/Stringer - RTR1DNNZ

Der 70-jährige Japaner Takako Arayama war mal der älteste Mensch auf dem Everest. Inwischen wurde er von seinem 80-jährigen Landsmann Yuichiro Miura übertrumpft. Im Bild: Arayama auf dem Everest-Gipfel. (Foto: Reuters)

Kürzlich fragte mich ein ehemaliger Arbeitskollege via Facebook, wann ich den Everest plane. Ich antwortete: Everest – never ever(est). Lieber turne ich an einsamen Bergen in den Alpen herum. Ein anderer Freund schrieb darauf: Der Everest ist so passé.

Der grosse Mount Everest hängt allen zum Hals raus. Ausser jenen, die dort auf Biegen und Brechen hoch wollen. Über sie wird abgelästert. Gewisse Alpinisten tun das heftig, sie attestieren diesen Leuten den Status von Aussätzigen, vom Miststock angezogenen Fliegen. Bergunfähige, die schon an ihre Maximal-Grenze geraten, wenn sie über eine lächerliche Metalleiter auf- und absteigen müssen, oder zum 12 Meter hohen Hillary Step kommen. Die Besteigung eines Achttausenders mit Zunahme von Sauerstoff sei höchstens vergleichbar mit einem Sechstausender.

Das Gute im Schlechten

Ist es wirklich gerechtfertigt, derart über die Masse am Everest herzuziehen? Alpinistisch betrachtet, würde ich sagen: Es gibt in der Tat technisch Anspruchsvolleres, als an Fixseilen und in Obhut von Sherpas über eine Piste zu stapfen. Ob man diesen Stil überhaupt noch Bergsteigen nennen kann, darf sicher auch diskutiert werden. Dass der Berg durch die Überkommerzialisierung zu einem Freizeitpark degradiert wird, finde ich traurig. Aber will man diesen Wahnsinn stoppen, muss man in erster Linie die Anbieter zur Vernunft bringen.

Man kann diesen «Touristen» immerhin zugutehalten: Sie haben einen Traum, den sie nicht nur träumen, sondern tatsächlich verwirklichen wollen. Viele von ihnen sind in ihrem normalen Berufsalltag wahrscheinlich recht erfolgreich, oder sie leben sehr sparsam. Wie sonst könnten sie es sich leisten, die Reise auf den höchsten Erdengipfel zu bezahlen, die Expedition und das Visum, mindestens zwei Monate Urlaub zu beziehen, die laufenden Rechnungen daheim weiter zu berappen, die nötige Ausrüstung zu kaufen, etc. Ein Versuch am Everest läppert sich insgesamt auf schätzungsweise 100’000 Franken zusammen, der Erfolg ist nicht garantiert. Dieses Wagnis braucht auch Mut. Gewiss haben nicht alle einen reichen Onkel, oder grosszügige Sponsoren. Zudem: Eine Höhe von 8848 Meter zu erreichen – wie auch immer das geschieht – und einigermassen gesund ins Basislager zurückzukehren, erachte ich nicht einfach als nichts. Ob ich das könnte? Trotz aller Umsicht der Expeditionsanbieter kann man am Everest immer noch sterben.

Kommerz im Vordergrund

Völlig albern finde ich hingegen diese kuriose Rekordjägerei. In diesem Frühling war sie genau so lächerlich wie in den Vorjahren. Zum Beispiel:

  • Ein 80- und ein 81-Jähriger kämpften um den Altersrekord. Gewonnen hat der Jüngere.
  • Ein Amerikaner stand zum 15. Mal auf dem Everest-Gipfel und ist nun der erfolgreichste Nicht-Sherpa.
  • Eine 26-Jährige Inderin ist die erste beinamputierte Frau auf dem Everest.
  • Ein 32-Jähriger erreichte den Gipfel als erster ohne Arme. Bei seinem Abstieg gabs gleich noch einen zweiten Rekord. Er musste gerettet werden – von einem Helikpter aus 7800 Meter. Die höchste Helikopterrettung aller Zeiten.
  • Zum ersten Mal standen Zwillingsschwestern gemeinsam oben. Sie stammen aus Indien.
  • Qatar hat jetzt den ersten Everest-Besteiger, ebenso Andorra. Und auch ein erster Palästinenser war erfolgreich.
  • Ein Südkoreaner erreichte jetzt mit dem Everest alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffflasche und ist nun der erste aus seinem Land, der das schaffte. Damit verzeichnet er gleich noch einen Weltrekord, weil ihm das in nur sieben Jahren, zehn Monaten und sechs Tagen gelang.
  • Eine 25-Jährige aus Saudiarabien ist die erste Frau aus dem arabischen Raum auf dem Everest.
  • Ein 22-Jähriger aus Pakistan war als jüngster Mensch aus der islamischen Welt oben.
  • Etc.

Bekanntlich kann auch Unsinn Sinn machen. Im Fall Everest nicht mal einen unsinnigen. Die Rekorde spülen Geld in die Kasse. Wer weiss, vielleicht haben wir gewöhnlichen Alpen-Bergsteiger auch schon einen Rekord erzielt, ohne es zu merken. Möglicherweise war ich schon …,

  • … die erste mit eingerissenem Fingernagel auf dem Uetliberg.
  • … die erste mit einer pinkfarbenen Jacke auf der Dufourspitze.
  • … die erste mit stumpfen Steigeisen auf dem Schreckhorn.
  • … die erste von meinen Kameraden aus dem Kindergarten auf dem Täschhorn.
  • … die erste aus meiner Strasse auf dem Dom.
  • … die erste aus meinem Einzelbüro auf dem Finsteraarhorn.

Eine grenzenlose Unsportlichkeit

Pia Wertheimer am Dienstag den 4. Juni 2013


Ich kann es noch heute kaum fassen: Was ich dieses Wochenende erlebt habe, ist an Unsportlichkeit kaum zu übertrumpfen. Der erste Übeltäter war Petrus. Seine Unsportlichkeit machte aus dem Ironman 70.3 in Rapperswil vier Tage vor dem Start einen Duathlon. Die Temperatur des Obersees war zu kalt und stellte für die Triathleten eine Gefahr dar. Die Veranstalter ersetzten die 1,9 Kilometer lange Schwimmetappe durch eine 4,5 Kilometer lange Laufstrecke, welche den 90 Kilometern Rad und dem regulären Halbmarathon voranging.

Damit aber nicht genug, Petrus wütete weiter: Die starken Schauer, die Ende vergangener Woche über die Schweiz zogen, setzten einiges unter Wasser – auch einen Teil der Laufstrecke, weshalb der Veranstalter uns Athleten am Renntag wissen liess, dass die Schlussetappe statt 21 lediglich 20 Kilometer betragen würde. Was wir aber nicht ahnten: Petrus hatte sich nur warmgelaufen. Rund eine Stunde nach dem Start der Profis drückte er dem Anlass seinen finalen Stempel auf: Ein lokaler Starkregen war für einen Hang neben der Zürcherstrasse zwischen Schmerikon und Bollingen (siehe Karte unten) zu viel. Er rutschte zwischen dem Spitzenfahrzeug und den führenden Athleten ab und begrub die Strasse unter sich. Die Organisatoren gaben sich geschlagen und bliesen das Rennen ab.

Enttäuschung und Erleichterung

Mit den anderen Frauen, die um 9.15 Uhr auf die erste Laufstrecke hätten geschickt werden sollen, erlebte ich das Wetter-Foul im Trockenen der Rapperswiler Eishalle. Wir standen startbereit, als uns der Speaker bat, wieder an die Wärme zu gehen – unser Start sei verschoben. Rund 15 Minuten später gaben die Veranstalter den Abbruch bekannt.

Auf meine Enttäuschung folgte bald schon Erleichterung, dass niemand bei diesem Erdrutsch verletzt worden war. Meine Erleichterung hatte aber auch einen ganz egoistischen Grund – auf Grund meines Trainingsrückstandes bin ich heute noch nicht sicher, ob ich den halben Ironman beendet hätte. Zugegeben – ich konnte es darum gelassener nehmen als jene Athleten, die sich just diesen Anlass als Jahresziel ausgesucht hatten. Was ich aber in der Wechselzone erlebte, als ich mein Velo und Habseligkeiten wieder zusammenpackte, lässt mich heute noch vor Wut kochen.

Unnötig risikobereit

Eine Athletin liess nicht nur ihrer Enttäuschung freien Lauf (wofür ich absolutes Verständnis gehabt hätte), sie schimpfte: «Das ist ein Ironman, sie sollen uns starten lassen – schliesslich ist das nichts für Weicheier», war der ungefähre Wortlaut. Sie konnte partout kein Verständnis für den Entscheid der Organisatoren aufbringen, das Rennen abzubrechen. Zwei andere Sportler machten ihrem Ärger im selben Ton Luft und sprachen von einem «Fehlentscheid» und der «Kurzsichtigkeit» des Veranstalters. Sie schlagen damit in dieselbe Kerbe, wie jene Teilnehmer, welche den Organisatoren in den sozialen Medien Saures gaben, weil sie die Schwimmstrecke aus Sicherheitsgründen strichen. Alle, die auf diese Weise argumentieren, sind keine eisernen Kämpfer, sondern unnötig risikobereit und unsportlich. Sie setzen ihren Egoismus vor das Wohlergehen anderer Menschen.

Nicht immer gehe ich mit Organisatoren von Veranstaltungen in ihren Entscheidungen einig, doch die Verantwortlichen des Ironman 70.3 von Rapperswil haben ihr Menschenmögliches getan, um den Anlass durchzuführen. Sie haben mit Hilfe der Feuerwehr am Morgen des Rennens Wasser von der Strasse gepumpt und Geröll weggebracht. Gemeinsam mit der Polizei befanden sie kurz vor dem Start die Strecke als sicher. Dass Petrus sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen – die Meteorologen sprachen höchstens von einzelnen Tropfen.

Die Ironman-Distanz ist ein Parforceritt und schon wer die halbe Distanz bewältigen kann, erntet Bewunderung (und natürlich Kopfschütteln). Wir Athleten – auch wenn wir unter «ferner liefen» – sind es unserem Sport schuldig, diese kleine Vorbildrolle wahrzunehmen. Schwerverletzte oder gar Tote hätten die Kopfschüttler in ihrer Meinung bestärkt und die Bewunderer zurückschrecken lassen. Oder rechtfertigt ein immenser Trainingsaufwand das erhöhte Risiko von Verletzten?


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Wenn die Luft immer dünner wird

Pia Wertheimer am Montag den 3. Juni 2013

Im vierten Teil der Serie Gigathlon 2013 geht es um Training und Trainingsrückstände.

Pia Wertheimer nach einem Aufstieg vom Martell.Tal im Südtirol. (Foto: Sabrina Hubeli)

Der Gigathlon rückt näher: Pia Wertheimer nach einem Aufstieg vom Martell.Tal im Südtirol. (Foto: Sabrina Hubeli)

Ich stecke mächtig in der Klemme. Der sechstägige Gigathlon rückt unerbittlich näher – mein Jahresziel. Auf mich und meinen Teampartner warten fünf Disziplinen, 1057 Kilometer und 18’600 Höhenmeter. Und ich komm nicht vom Fleck – seit Monaten ist good old Murphy mein treuer Begleiter und lässt mich eine regelrechte Pechsträhne durchleben.

Es begann bereits im vergangenen Winter, als dieser hartnäckige Husten während Wochen nicht heilen wollte. Murphy gönnte mir einige Wochen Pause, bevor er nachdoppelte: Schwindende Energie, bleierne Müdigkeit – es war, als ob ich Vollgas im Leerlauf leben würde. Mein Arzt diagnostizierte einen beachtlichen Eisen- und Vitamin-B12-Mangel. Ich gönnte mir eine neue Tankfüllung und wäre eigentlich bereit gewesen, endlich das Training richtig anzupacken – das war Ende April. Das war offenbar nicht nach Murphys Gusto – mit den winterlichen Verhältnissen kehrte auch der hartnäckige Husten zurück.

Die Zeit zerrinnt

Verzweifelt ziehe ich alle Register: massenweise Tee, allerlei immunsystemstärkende pflanzliche Mittel, viel Schlaf, Früchte, Gemüse, heisse Bäder, Schwitznächte, inhalieren. Vier Wochen lang belle ich mit meinem Vierbeiner um die Wette – an richtiges Training ist ebenso wenig zu denken, wie an ruhige, erholsame Nächte. Und während mir die Hände gebunden sind, zerrinnt die Zeit zwischen meinen Fingern. Statt wöchentlich bis zu rund 14 Stunden, vereinte ich in den vergangenen Monaten selten regelmässig mehr als 8, wobei Petrus ebenfalls keine grosse Hilfe war. Inzwischen klingt der Husten ab, längst ist aber die Gigathlonvorbereitung zur regelrechten Nervenprobe geworden: Bis zum Start bleiben mir noch 33 Tage.

Der durch seine Dauer und seinen Umfang ohnehin schon risikoreiche Wettkampf wird langsam unberechenbar. Wird die verkürzte Vorbereitung reichen, um die Strapazen meines Jahresziels zu meistern? Hilflosigkeit macht sich breit – ist die Zeit gekommen meinem Vorhaben den Laufpass zu geben – mit verheerenden Folgen für meinen Gigathlonpartner Roland Rietiker.

Todesurteil Überdosis

Nein! So leicht werde ich es Murphy nicht machen – er mag mir Steine in den Weg gelegt haben, die ich nicht spurlos aus dem Weg räumen kann. Was er mir aber auch damit nicht nehmen kann, sind mein unerschütterlicher Kampfwille und mein unverbesserlicher Optimismus. Mit seiner Toberei ist er an definitiv die Falsche geraten.

Nun bin ich den verlorenen Wochen, Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden auf den Fersen und versuche den Trainingsrückstand mit Mehrarbeit wieder einzuholen. «Dieser Schlachtplan funktioniert nicht», mahnt aber Olympiasilber-Gewinner Markus Ryffel. Jetzt gelte es, Ruhe und Vernunft zu bewahren. Eine Training-Überdosis kann das endgültige Todesurteil meines Ziels sein. Er kennt meinen eisernen Willen und empfiehlt mir, diesen in den verbleibenden Wochen zu pflegen: mit Erholung und Herausforderungen.

Ich sehe mich zudem gezwungen, alle Optionen in Betracht zu ziehen: Die Etappenverteilung zwischen mir und Roland muss allenfalls überarbeitet werden, denn im Gegensatz zu mir ist er im Fahrplan. Zusätzliche Ferientage verstreut in den verbleibenden Wochen, könnten meine Not lindern. Wie auch immer ich es drehen werde, die kommenden Wochen werden zur Gratwanderung.

Ich habe mich auch bei Gigathlon-Cracks erkundigt, was in meiner Situation noch möglich ist. Ihre Tipps:

«Lernen auch mal Nein zu sagen»

Mark Zajfert ist mein früherer Gigathlon-Partner. Er bestreitet heuer die ersten beiden Gigathlontage als Single-Athlet.

Es ist alles eine Sache der Prioritäten, bringt er es auf den Punkt. Schlafen, essen und arbeiten seien Fixpunkte, die sich kaum verändern liessen. «Ohne Arbeit keine Kohle, ohne Kohle kein Gigathlon.» Ansonsten gelte, worin er und ich wohl gleich schlecht sind: «Lernen auch mal Nein zu sagen.» Auch er rennt derzeit der Trainingszeit hinterher, sein Terminkalender ist regelrecht zugekleistert. «Ich weiss jetzt schon, dass ich mich am Gigathlon verfluchen werde, weil ich es nicht geschafft habe häufiger Nein zu sagen.»

Seine Strategie:

  • Er packt jede Gelegenheit beim Schopf und nutzt jeden Moment, den er frei kriegt (beispielsweise ein abgesagter Termin, den er nicht mehr neu verplant).
  • Er versucht jeden Tag, mindestens eine kleine Einheit zu machen (auf dem Heimweg noch schnell einen Abstecher ins Hallenbad).
  • Einmal die Woche steht eine längere Einheit auf dem Programm (diesen 4-Stunden-Block muss er sich freispielen.
  • Das Laufzeug immer im Kofferraum mit dabei haben, um ad hoc eine kleine Runde drehen zu können.
  • Zudem stehen die Rekognoszierung der Strecken, der Halb-Ironman in Rapperswil sowie kleinere Läufe als Intervalltraining auf seinem Plan.

«Ruhig bleiben und dem Körper Zeit geben»

Yvonne Zahnd hat dem Gigathlon 2012 ihren Stempel aufgedrückt: Sie gewann mit ihrem Teampartner Sandro Spaeth die Couple-Kategorie. 2013 tritt sie mit ihrem Ehemann Simon an und wird wohl wieder ganz vorne mitmischen.

Yvonne Zahnd rät Sportlern in meiner Situation, bewusst und nicht nach der Methode «Alles oder Nichts» zu trainieren. Gerade weil der Körper lädiert war, könne das Verpasste nicht innert kurzer Zeit aufgeholt werden. Auch wenn nach wie vor Trainingsreize gesetzt werden müssen, gelte deshalb: «Einfach, ruhig zu bleiben und dem Körper genügend Zeit geben.» Ihr Tipp lautet: Ganz normal weiter trainieren, und sich wegen dem Verpassten nicht zusätzlich noch unter Druck setzen.

Sie ist überzeugt, dass jede Verletzung oder Krankheit ihren Grund hat. Manchmal holt sich so der Körper die nötige Erholung, wenn der Sportler dies vernachlässigt. «Jetzt also möglichst locker und unbeschwert wieder Reize setzen, nach dem Motto, bewusster und gezielt trainieren, und nicht planlos lange Einheiten aneinanderreihen.»

Zahnd kennt den Zeitdruck: «Ich bin zwar selbständig, das heisst, ich kann mir den Tag mehr oder weniger selber einteilen», sagt die frisch verheiratete Sportlerin. Das bedeute aber nicht, dass sie extrem viel Zeit habe, im Gegenteil. «Das Zeitmanagement funktioniert aber fast nur, weil Simon am selben Strick zieht und wir viele gemeinsame Sporteinheiten machen können.»Das sei extrem wertvoll und helfe auch, dass sie nicht an ihrem Partner vorbei lebe.

Trotz ihres sportlichen Erfolgs hält Zahnd fest: «Ich trainiere nicht wie ein Profi. Ich mache meine Einheiten zwar bewusst, höre aber auf meinen Körper.» Auch Ruhetage gehörten dazu, an denen sie sich einen sportfreien Tag gönne. Ihr Geheimtipp: die Sporteinheiten mit dem Arbeitsweg verbinden. «Ich brauche das Auto nur sehr selten, und nehme stattdessen das Rad oder laufe zur Arbeit – und zurück.

«Trainiere hart, trainiere clever»

Simon Joller ist einer der wenigen Athleten, die bisher bei allen Gigathlons, an der Startlinie standen.

Als Familienvater ist für Simon Joller der wichtigste Punkt, das Training in den Alltag zu integrieren. «Ich renne über den Mittag, esse ein Sandwich danach. So fehlt zwar das Socializing beim Mittagessen mit den Bürokollegen.» Manchmal beschwerten sie sich auch darüber. Aber: «Irgendwie stachelt es sie auch an, plötzlich beginnt der eine oder andere mit Sport über den Mittag und kommt gar mit mir Laufen.»

Wie Yvonne Zahnd nutzt auch er den Arbeitsweg als Trainingsstrecke: «Statt eineinhalb Stunden von Bern nach Oerlikon im Zug zu sitzen, nehme ich für einen Teil des Weges das Rennrad.» So trainiere er zwei Stunden und fahre eine weitere halbe Stunde Zug, bis er zu Hause oder im Büro ankommt. Der Gigathlet rechnet vor: «Das macht zweieinhalb Stunden Arbeitsweg statt eineinhalb, Differenz eine Stunde. Trainiert habe ich aber zwei Stunden. Das ist für mich und die Familie sozusagen eine gewonnene Stunde!»

Jollers weiterer Trick heisst: Trainiere clever, trainiere hart. «Wer sich über Jahre eine genügende Basis erarbeitet hat, kann viel über die Trainingsintensität machen.» Intervalltrainings seien zwar hart, aber auch effektiv. «Wer denkt, intensive Einheiten bergten die latente Gefahr des Übertrainings, liegt zwar nicht ganz falsch. Aber: Wer gemütlich stundenlang im Sattel sitzt oder rennt, stresst seinen Körper trotzdem oft mehr als bei kurzen harten Einheiten.»

Wenn man nicht nur wenig Zeit im Alltag hat, sondern auch noch wenig Zeit bis zum Wettkampf bleibt, mache eine gute Mischung aus Ausdauertraining und Intervallen Sinn. Und: «Genügend Erholung.» Er rät darum langen Trainings einen oder gar zwei Ruhetagen folgen zu lassen. Dazu zwei bis drei Intervall-Einheiten pro Woche. «Lange Trainings portioniere ich oft, das heisst ich kopple verschiedene Disziplinen.» So scheine das Training kürzer und der Bewegungsapparat werde vielfältiger belastet. Damit reduziert Joller auch die Gefahr von Überlastungen. Denn das ist die grösste Gefahr, wenn man in kurzer Zeit viel Aufholen will: Man zieht sich Verletzungen zu.

«Trainingsmässig nicht mehr viel auszurichten»

Roger Fischlin ist Sieger der Gigathlon 2006, 2007 und 2009 als Single-Athlet. Er tritt abermals alleine an und will vorne mitmischen. Podestanwärter Fischlin wird Sie, liebe Leser, während des Gigathlons täglich mit einer SMS im Outdoorblog auf dem Laufenden halten.

Roger Fischlin spricht Klartext: «Trainingsmässig ist jetzt nicht mehr viel auszurichten.» Die Grundkondition und die Grundausdauer sollten zu diesem Zeitpunkt erarbeitet sein. Mit einigen langen Trainingstagen mache er noch den Feinschliff.  «Zudem setze ich jetzt vermehrt auf Kombinationen der Disziplinen, variiere mit dem Tempo und versuche insbesondere in den Sportarten Schwimmen und Inlinen, an der Technik zu feilen. Denn: Eine bessere Technik bedeutet weniger Kraftaufwand.»

Fischlin teilt sein Training in Blöcken auf: «Mit Ferien, Überzeit und unbezahltem Urlaub mache ich Trainingsblöcke, während welchen ich mich voll auf die Vorbereitung konzentriere.» Seine Familie unterstütze ihn in dieser Phase und habe ihn in zwei der Trainingslager begleitet.

Wie Zahnd und Joller verbindet Fischlin das Training mit dem Arbeitsweg und schaltet teilweise morgens um 5 oder über Mittag ein weiteres Training ein. «So bin ich nach der Arbeit, wenn ich nach Hause komme, relaxt und kann den Abend mit der Familie geniessen.» In der verbleibenden Zeit bis zum Gigathlon werden auch für ihn die freien Minuten etwas rarer, räumt er ein. Das habe aber vor allem auch mit der logistischen Organisation zu tun. «Da meine Frau im Betreuerteam ist, unterstützt sie mich dabei.»

«Das Training von Tag zu Tag planen»

Peter Portmann ist ebenfalls einer der Cracks, welche den Gigathlon 2013 alleine bestreiten werden. Der gelernte Detailhändler arbeitet als stellvertretender Geschäftsführer bei Markus Ryffel.

Krankheiten oder Verletzungen kann man nicht einplanen, dafür sind sie umso ärgerlicher, zeigt er für meine Situation Verständnis. «Es ist aber weder sinnvoll, noch möglich verpasste Trainingseinheiten nachzuholen.» Deshalb gelte: Ruhe bewahren und nichts überstürzen, ansonsten reagiert der Körper ohnehin gleich mit einer erneuten Krankheit oder gar Verletzung in Form einer Überbelastung.

«Krankheiten sind auch Zeichen des Körpers, dass er Ruhe braucht.» So könne es durchaus sein, dass man nach einer krankheitsbedingten Pause ausgeruht und stärker als zuvor wieder zurückkommt. Trotzdem stellt Portmann klar: «Wer wirklich viel Trainingszeit wegen gesundheitlichen Problemen verpasst, sollte seine Ziele anpassen und die Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit reduzieren.»

Geheimtipps gebe es nicht. «Wer neben einem hohen Arbeitspensum ambitioniert Sport treiben möchte, sollte einen gewissen Egoismus haben, Nein sagen können und Prioritäten richtig setzen.» Portmanns Arbeitswoche ist vollgepackt und oft unberechenbar. Er gestaltet sein umfangreiches Training deshalb darum herum: «Da mein Beruf relativ hohe Flexibilität erfordert – ich mache nicht immer pünktlich Feierabend und habe immer an einem anderen Wochentag frei aber nie am Samstag – versuche ich gar nicht, einen Trainingsplan einzuhalten.» Er hat die besten Erfahrungen gemacht, in dem er das Training nur von Tag zu Tag plant. «So kann ich mich den Gegebenheiten am besten anpassen und bin relativ flexibel. Mein Trainingsinhalt ist also immer von meiner Tagesform, von der zur Verfügung stehenden Zeit und vom Wetter abhängig.»

Ins Vorarlberger Vogelparadies

Thomas Widmer am Freitag den 31. Mai 2013

Diese Woche zum Rohrspitz am Bodensee (SG/Österreich)

Bei St. Margrethen, dem St. Galler Grenzort zum Österreichischen, separieren sich die zwei Rheine. Der alte Rhein verschlauft sich nach Westen, findet letztlich aber den Weg in den Bodensee. Der neue Rhein, auch einfach Rhein genannt, wirkt im Vergleich humorlos; schnurgerade zieht er auf den Bodensee zu. Das Delta zwischen den beiden Wasserläufen ist weitgehend siedlungsfrei; es ist bekannt als Vogelparadies. Und als Wanderoase.

Wir begannen am Bahnhof St. Margrethen. Wie Höchst auf der anderen Seite des alten Rheins ist es eine unromantische Angelegenheit, stellten wir fest, während wir bei der Zollstation Fluss und Grenze querten. Wir vollzogen einen Linksschwenker, wanderten nun am Flussufer Richtung Gaissau. Heiss war es und besagter alter Rhein eine träge Sache, es hätte mich nicht gewundert, in ihm Krokodile zu sehen. Ein Gift- und Kräutergarten stand zur Besichtigung, Zutritt für Kinder nur in Begleitung Erwachsener.

«Hey, weg da vom Kies, blödes Wandervolk!»

Schliesslich bei Höchst-Mittelwald wieder ein Schwenker, hinein ins Gaissauer Riet. In unserem Rücken lagen nun die Höhen des Appenzeller Vorderlandes. Und vor uns die gewaltige, als Ganzes nur erahnbare Fläche des Rheindeltas. Bald gab es eine Überraschung. Ein Bauer hielt seine frisch gepflückten Erdbeeren feil. Wir kauften und schmatzten. Über uns hing ein weisser Zeppelin in der Luft.

Beim Steakhaus «Patagonia» touchierten wir noch einmal den Alten Rhein, hielten im Folgenden nach Osten, waren eingespurt Richtung Rohrspitz. Rita musterte per Fernglas Vögel. Velos sausten vorbei, manche Leute fuhren aggressiv im Stil von: Hey, weg da vom Kies, blödes, träges Wandervolk! Die längste Zeit gingen wir geradeaus, hatten zur Linken den Bodensee, darauf Segelboote. Endlich das Seerestaurant Rohrspitz, zu dem auch ein Campingplatz gehört. Der Service, der unsere Bestellungen drahtlos in die Küche übermittelte, kommentierte jede einzelne Wahl mit «Passt!».

Bald hatten wir Fisch vor uns; ich bekam einen Felchenteller, schön war alles arrangiert und präsentiert. Dazu trank ich Vorarlberger Bier, «Mohren». Auf dem Glas war das Brauerei-Logo abgebildet, ein klischierter Afrikanerkopf mit krausem Haar und wulstigen Lippen. Ich dachte, so etwas gäbe es nicht mehr.

Die grösste Eule der Welt

Nun kam der feinste Teil der Wanderung: zuerst auf Kies, bald auf Erde und Sand hinaus zum eigentlichen Rohrspitz, der gut anderthalb Kilometer als riedbestandene Halbinsel in den See hinausragt. An einer Kiesbucht hielten wir inne, schauten hinüber nach Deutschland und Richtung Bregenz; es war ein Ort zum Verweilen. Und doch mussten wir irgendwann weiter. Via den schnurgeraden Rheindamm gelangten wir zurück nach Höchst und St. Margrethen.

Von Fussach, das wir dabei querten, habe ich auf Wikipedia gelesen, dass zu seinen berühmten Söhnen und Töchtern ein Erich Gerer gehört. Der Mann ist Bildhauer und hat die grösste Eule der Welt geschnitzt. Unheimlich! Und noch eine Nachbemerkung: Am besten macht man diese Wanderung bei verhangenem, regnerischen Wetter. Denn erstens macht dies das Ried geheimnisvoller. Zweitens wird man nicht wie wir riskieren, in der grossteils baumlosen Delta-Ebene zu verschmachten. Und drittens bleiben dann die Velofahrer zuhause. Aber unternehmen soll man den Ausflug nach Österreich auf alle Fälle!

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Route: St. Margrethen SBB – Brücke über den Rhein/ alte Zollstation – dem alten Rhein entlang bis Höchst Mittelwald – Gaissauer Ried – Steakhouse Patagonia – Speichenwiesen – Seerestaurant Rohrspitz – zum Rohrspitz und retour – Baumgarten – Fussach – Rheindamm – Höchst – St. Margrethen.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden mit dem Abstecher zum Rohrspitz.

Höhendifferenz: praktisch keine.

Wanderkarte: Am praktischsten ist die Wanderkarte von Kümmerly + Frey «Bodensee» 1: 60 000. Alternative: Landeskarte der Schweiz 1: 50 000 Nr. 218 «Bregenz» (ohne rote Wanderwege). Wer die Karte konsultiert, findet auch kürzere Varianten zum Rohrspitz.

Tipp: Bei mässigem oder schlechtem Wetter gehen. An schönen Wochenenden wimmelt es von wilden Velofahrern.

Charakter: Flach, flach, flach. Vogelparadies und so etwas wie Ostsee-Stimmung zuvorderst im Sand des Rohrspitzes. Leicht, aber weit.

Höhepunkte: Die Weite. Der gewaltige Bodensee. Die vorderste Stelle des Rohrspitzes.

Kinder: etwas weit. Die Route eignet sich für Kinderwägen.

Hund: Machbar, aber weit.

Einkehr: Das Seerestaurant Rohrspitz passt, weil man in der Mitte der Wanderung dort ankommt. Derzeit kein Ruhetag. http://www.salzmann.at/de/angebot/seerestaurant.html

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Freundliche Fluchtwege im Tessin

Anette Michel am Donnerstag den 30. Mai 2013


Eigentlich wäre letzte Woche ja ein Besuch des Giro d’Italia am Stilfserjoch geplant gewesen, wie so viele Outdoorpläne fiel aber auch dieser dem miserablen Frühlingswetter zum Opfer. Als Alternative für ein paar trockene und recht warme Velokilometer bot sich das Tessin an – zwar ohne Profirenn-Spektakel, dafür mit mehr Zeit zum selber Radeln.

Doch welche geeigneten Rennvelostrecken gibt es im Südkanton? Meine Favoriten präsentiere ich Ihnen hier kurz, zusammengestellt und ausprobiert mit der Unterstützung meines Agenten vor Ort. Alle Empfehlungen hier sind aus verschiedenen Gründen (sehr enge Strassen und Kurven, immer wieder Splitt oder gar ungeteerte Abschnitte, nur für Velos durchlässige Strassensperren, lärmempfindliche Anwohner, Fauna und Flora, etc.) absolut ungeeignet für Motorräder. Die meisten beinhalten einen Abstecher nach Italien. Das bedeutet: Neben dem Flickzeug auch die Identitätskarte und paar Euros für die Kaffeepause einpacken.

1. Valle Cannobina – Centovalli

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Rundtour ab Locarno, 75 km mit gut 700 Höhenmetern. Traumhaft schöner Aufstieg zum Pass durch ein einsames und verkehrsarmes Tal, nie steil. Abfahrt durchs Centovalli. Manchmal hat es viel Verkehr auf der Seestrasse bis Cannobio und Lastwagen im Centovalli. Nicht empfehlenswert ist der Abstecher nach Domodossola: Auf der Rückfahrt muss man sich einen langen Tunnel ohne Radstreifen, dafür mit konstant 10 Prozent Steigung hinaufkämpfen.

2. Alpe di Neggia

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Wer zahlreiche steile Höhenmeter mag, wird hier glücklich. Die klassische Runde führt direkt und mit bis zu 14 Prozent Steigung vom Lago Maggiore auf den Pass (1200 Höhenmeter; ein Drittel über 10 Prozent), bei Indemini in der Abfahrt über die Grenze, und schliesslich ab Maccagno dem See entlang zurück. In der Abfahrt lässt sich ein lohnenswerter Umweg zum Passo Forcora mit knapp 300 Höhenmeter Gegenanstieg einbauen. Schön ist auch die Fortsetzung der Tour mit zusätzlichen bis zu ca. 700 Höhemetern in den Hügeln des Malcantone über Astano und Breno. Oder das Ganze umgekehrt: Der Aufstieg auf die Alpe di Neggia ist von der italienischen Seite her landschaftlich fast schöner und zudem weniger steil.

3. Valle Mara – Alpe d’Orimento

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Ab Lugano und zurück 62 km, 1000 Höhenmeter. Fast könnte man die Kletterausrüstung gebrauchen bei dieser Strecke, die von der italienischen Seite her bis auf 1300 Meter über Meer auf den Monte Generoso führt. Nach der Abzweigung bei Maroggia am Lago di Lugano geht es bereits recht steil bergauf. Nach Arogno wird das Valle Mara eng und die Strasse bis zu 18 Prozent stotzig. Unterwegs keucht man über die Grenze; nach einer Kreuzung lässt einen die Piano delle Noci zu etwas Schnauf kommen, bevor es wieder teilweise steil und auf schlechter Strasse in die Höhe geht. Der Abschnitt durchs Valle Mara gehöre zu Cadel Evans’ Trainingsstrecke, erfährt man im Tessin. Der australische Radprofi, der vorletztes Jahr die Tour de France gewonnen hat und soeben Dritter im Giro d’Italia wurde, lebt im Südtessin.

Hat jemand nach einer Rundfahrt noch nicht genug, gibt es im ganzen Tessin Täler, in die man beliebig weit hinein und wieder hinaus radeln kann. Schön sind beispielsweise das Onsernonetal nahe Locarno oder das Calancatal bei Bellinzona (Okay, das liegt bereits auf Bündner Boden).

Die Google-Maps-Strecken oben sind nicht im Detail genau und ignorieren Radwege (da diese Funktion bei Google Maps zwar in der Schweiz, nicht aber in Italien funktioniert). Sie sollten aber reichen, um die Strecken nachzufahren.

Was sind ihre Lieblingsstrecken im Tessin?

Eigernordwand: Wie ein Zwerg am Berg

Natascha Knecht am Mittwoch den 29. Mai 2013
Eigernord

Eine Tür direkt in die Eigernordwand: Das Stollenloch der Jungfraujochbahn ist bis oben zugeschneit. Dani Arnold schaufelt den Durchgang frei. Drinnen ist es stockdunkel, der Blitz meiner Taschenkamera funktioniert offensichtlich blendend.

Heute etwas, was ich vielleicht zu selten mache: Einen Blog in Bildern. Anlass ist die Eigernordwand im Berner Oberland, die diesen Sommer vor 75 Jahren erstmals durchstiegen werden konnte. Vom 21. bis 24. Juli 1938 von den Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg sowie den Österreichern Fritz Kasparek und Heinrich Harrer. Damals ein bewegendes Ereignis und bis heute eines der ungewöhnlichsten Kapitel in der Geschichte des Alpinismus.

Als Journalistin fragte ich Eiger-Speedrekordhalter Dani Arnold (29), ob er für einen Tag mit mir in die gewaltige, 1800 Meter hohe Wand einsteigt. Am vergangenen 8. Mai machte sich der Urner Profialpinist dann mit mir auf. Die Verhältnisse waren winterlicher als im Winter. Ein Durchstieg vom Wandfuss bis zum Gipfel ist im Moment undenkbar. Ausserdem wäre ich zurzeit für die ganze Heckmair-Route selbst bei guten Bedingungen nicht bereit. Trotzdem: Unser Vorhaben, vom Stollenloch zum Schwierigen Riss und hinauf zum Hinterstoisser-Quergang zu steigen, konnten wir realisieren. Auch wenn das bei so viel Schnee Zeit, Kraft und Nerven beanspruchte.

Eigernord

Dani Arnold, Profialpinist und diplomierter Bergführer: Im April 2011 durchstieg er die Heckmair-Route in 2 Stunden 28 Minuten. Bis heute Rekord. Hier unmittelbar neben dem Stollenloch in der Eigernordwand, 700 Meter über dem Wandfuss.

EigernordDie Traverse vom Stollenloch Richtung Schwieriger Riss: Ich fühle mich wie ein Zwerg am Berg. Wenn hier kein Schnee liegt, quert man am Kurzsseil. Bei diesen Verhältnissen gehen wir einzeln. Dani Arnold steigt voraus. Würde ich fallen, dann nur ins Seil. Bei dieser Distanz zur nächsten Sicherung wäre es allerdings ein gewaltiger Pendelsturz, der wahrscheinlich Schmerzen verursachen würde. Aber ich müsste schon sehr ungeschickt sein, um da rauszupurzeln.

Eigernord Nach dem ersten Quergang vom Stollenloch wird der Aufstieg langsam steiler. Unten schön zu sehen: der Schatten des Eigers.

EigernordDani Arnold, der «Putzmann»: Wir kommen jetzt in plattiges Gelände. Um da hinaufzusteigen, fegt er den Schnee aus dem Weg. Heikel und zeitraubend.

EigernordIn der Eigernordwand selten und schwierig zu finden: Fixe Sicherungen. Für mobile Sicherungen ist die Felsqualität oft nicht gegeben.

Über uns die Rote Fluh: Sie ist überhängend und schützt uns hier vor Steinschlag aus dem oberen Teil der Eigernordwand.

Ich steige nach: Mit dem rechten Fuss im Schnee, mit dem linken auf dem Fels. Mit den Eisgeräten im Fels unter dieser Schneeschicht Halt zu finden, empfinde ich als besonders knifflig.

Der Talboden auf der Kleinen Scheidegg und in Grindelwald ist grün. Die Sonne scheint frühlingshaft warm. In der Eigernorwand herrscht ein eigenes Klima: Hochwinter und kalt.

Wir sind beim Schwierigen Riss angekommen: Er heisst so, weil er die erste Schlüsselstelle der Heckmair-Route darstellt. Wer hier, in der ersten Steilstufe der Eigernordwand Schwierigkeiten hat, sollte schleunigst umkehren. Weiter oben wird es immer anspruchsvoller. Dani Arnold putzt im Vorstieg weiterhin fleissig Schnee aus dem Weg.

Der Schwierige Riss ist ein dreissig Meter hoher Felskorridor, die untersten Meter sogar  überhängend. Ich musste bei diesen winterlichen Verhältnissen im unteren Teil kämpfen. Wenn die Verhältnisse für den Durchstieg der Heckmair-Route stimmen (das ist nur an ganz wenigen Tagen im Jahr der Fall), dann ist der Schwierige Riss zumeist schneefrei und kann ohne Eisgeräte geklettert werden, manchmal sogar ohne Steigeisen.

EigernordNach dem Schwierigen Riss folgt dieses sehr steile Stück zum Fuss der Roten Fluh. Ich fotografiere Dani von unten …

… Dani fotografiert mich von oben. Ich persönlich mag solch steile Aufstiege, weil man schnell Höhenmeter gewinnt. Nach all dem Zickzack auf den Skihochtouren der vergangenen Wochen geradezu eine Wonne.

EigernordDie Aussicht wird mit jedem Höhenmeter fantastischer. Wir sehen aus der Eigernordwand bereits zum Thunersee.

EigernordFlacher wird es nicht: Nach dem steilen Schneefeld gehts jetzt durch dieses Couloir hinauf zum Hinterstoisser-Quergang.

Hinterstoisser-Quergang trotz schwieriger Verhältnisse erreicht: Dani Arnold freut sich – und ich mich noch mehr. Hier wird es fürchterlich ausgesetzt, mehr als alles, was ich an diesem Tag gesehen habe. Mich zu drehen und bergab zu fotografieren, kommt mir nicht mal in den Sinn.

EigernordMittag, 12.22 Uhr: Von oben beginnt es zu tropfen, Spindrifts wirbeln herab, höchste Zeit für den Abstieg. Der Hinterstoisser-Quergang befindet links oben. Auf der Spur in der Mitte des Bildes sind wir davor aufgestiegen. Wie schon gesagt: Es ist exponiert und heikel, Dani versichert mir, weiter oben werde es nicht einfacher.

Eigernord 1Zurück im zugeschneiten Stollenloch: Abseilen und Abstieg kosteten mich nochmals Konzentration. Dieser Tag wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Danke an Dani Arnold, der die Eigernordwand so gut kennt wie sein Wohnzimmer. Bei diesen Verhältnissen wären sicher nicht viele andere mit mir eingestiegen. Danke auch an die Jungfraubahn, die uns «Normalsterbliche» ausnahmsweise beim Stollenloch aus- und einsteigen liess.

Anmerkung:
Die mächtige und schattige Eigernordwand hat trotz modernster Bergsteigerausrüstung nichts an ihrer Ernsthaftigkeit verloren. Jedes Jahr werden Leute gerettet, welche die Anforderungen unterschätzt haben. Manche, auch wenn das selten vorkommt, können die hochprofessionellen Retter der Rettungsstation Grindelwald trotz Grosseinsatz nicht erreichen. Dani Arnold sagt: «Die Eigernordwand bedeutet Bergsteigen und ist nicht so simpel wie ein 7a im Klettergarten.»

Was die Eigernordwand so anspruchsvoll und gefährlich macht, welche Voraussetzungen nötig sind, wie stark die Psyche gefordert wird, welche Qualen ich in dieser Kälte zu spüren bekam: All das schildere ich in der grossen Reportage – morgen Donnerstag, 30. Mai 2013, auf der Alpinismusseite im «Tages-Anzeiger».

«Joggen ist wie Sex»

Natascha Knecht am Montag den 27. Mai 2013

Sport soll ja auch Freude bereiten, darum heute ein Thema zum Schmunzeln. Es beginnt mit folgendem Zitat:

«Joggen ist wie Sex.
Du musst nicht gut darin sein,
um dabei Spass zu haben.»

Dies sagte der irische Senator Jimmy Harte vor einigen Monaten bei einer Medienveranstaltung zum Thema Reisetourismus (!) – und machte sich damit quasi über Nacht in der Läuferszene bekannt. Als erster belustigte sich Mark Remy, Blogger bei Runner’s World über das Zitat, und er führte weitere Gründe auf, weshalb Joggen wie Sex ist. Seither geistert das Thema durch die Sozialen Medien, die Community scheint es zu inspirieren. Jedenfalls wurden amüsante Argumente zusammengetragen. Hier eine kleine Auswahl:

«Joggen ist wie Sex. …

  • … Es ist besser, wenn Du nicht zu schnell startest.»
  • … Seit Nachwuchs da ist, klappts nur noch 1 Mal pro Woche.»
  • … Danach schläfst Du besser.»
  • … Wenn Du es am Morgen machst, fühlst Du dich für den Rest des Tages gut.»
  • … Du kannst es schnell, oder langsam tun.»
  • … Es empfiehlt sich, den Kaugummi vorher rauszunehmen.»
  • … Je schneller Du startest, desto eher bist Du im Ziel.»
  • … Krämpfe auf der Zielgeraden solltest Du vermeiden.»
  • … Die passende Playlist kann einen Unterschied machen.»
  • … Nach dem ersten Mal gibts noch Steigerungspotenzial.»
  • … Wenn Du es einen Tag nicht macht, vermisst Du etwas.»
  • … Manchmal hast Du keine Lust darauf. Aber wenn Du es trotzdem tust, bereust Du es danach nur selten.»
  • … Es entschleunigt vom Alltagsstress.»
  • … Nach einem gewissen Alter, werden die Erwartungen realistischer.»
  • … Wenn Du gut darin bist, geniesst Du es noch mehr.»

Fällt Ihnen auch ein Grund ein?

Gottvolle Gefühle über dem Maggiatal

Thomas Widmer am Freitag den 24. Mai 2013

Diese Woche hoch über dem Lago Maggiore.

Ja, ich weiss, wir hatten in dieser Kolumne vor zwei Wochen schon Tessin. Aber erstens habe ich den Südkanton über viele Monate vernachlässigt und will das wiedergutmachen. Zweitens bin ich von der Wanderung auf Locarnos Hausberg Cardada in der Auffahrtwoche begeistert und musste diese Route sofort an den Mann bzw. die Frau bringen. Und drittens ist es im Tessin schon bald sehr heiss. Dann ist ein 1200-Meter-Aufstieg, führe er durch einen noch so schönen Hang, nicht mehr unbedingt zu empfehlen .

Häuser aus Glimmergranit

Der Bus brachte mich von Locarno nach «Avegno, Paese» im untersten Maggiatal. Um 9 Uhr 18 konnte ich die Wanderung beginnen, recht früh, wenn man bedenkt, dass ich gleichentags in der Deutschschweiz losgefahren war; ich war um 5 Uhr 22 in Zollikerberg gestartet. Avegno stellte sich als Preziose heraus, abgesehen vom Verkehrslärm der Strasse. Das Dörfchen ist samt seiner Kirche, den engen Gassen und den Häusern aus Glimmergranit Bilderbuch-Tessin. Es gewann auch schon den
Wakkerpreis. Das Restaurant wiederum, das ich zu Beginn passierte, heisst «Stazione», weil bis 1965 eine Bahn das Maggiatal erschloss.

Nun fing ein im besten Sinne endloser Aufstieg an, bis nach Pianosto und etwas darüber hinaus geht es eigentlich immer aufwärts. Gut drei Stunden war ich mutterseelenallein und genoss den ingeniös angelegten Weg, der stellenweise eine Steintreppe war. Holzbohlensicherungen, Geländer an heiklen Stellen, Bildstöcke mit frischen Blumen, aber auch die tadellos unterhaltenen Rustici von Scaladri und Monasté versicherten mir, dass nicht nur fremde Wanderer, sondern auch Einheimische den Pfad nach wie vor brauchen und nutzen. Etwas Schatten spendeten zuerst Kastanienbäume, dann Birken, endlich Buchen.

«Ich war ein verborgener Schatz»

Und die Sicht steigerte sich bald ins Göttliche. An einer erhabenen Stelle fiel mir ein islamischer Weisheitsspruch ein; Gott sagt darin über sich selber: «Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; daher erschuf ich die Welt.» Erst sah ich nur das Maggiatal zu meinen Füssen. Dann auch das Onsernonetal mit den Bergen dahinter. Schliesslich den Lago Maggiore, diesen delikaten tiefblauen Kurvensee. Und alles war eingebettet in ein rauschhaftes Frühlingsgrün.

Bei aller Schwärmerei nun ein handfester Tipp: Bis zur Alpe Vegnasca ist der Weg perfekt markiert; einzig muss man beachten, dass statt «Cardada» oft nur «Cimetta» aufgeführt ist, wie das 300 Meter höhere Gipfelchen heisst, das von Cardada aus per Sessellift erschlossen ist. Ansonsten: keine Probleme bis zu besagter Alp. Dort allerdings zeigte mir ein verblichener Wegweiser Monteggia und Brè an; nichts von Cardada und Cimetta. Ich wählte diese Richtung, passierte 200 Meter später den nächsten Wegweiser neueren Datums, ecco «Cardada».

Hoch über Locarno

Der Rest: ein Höhenweg geradeaus und ein kleiner Schlussabstieg. Tief unter mir erblickte ich Locarno und das als kreisrunde Scheibe in den Lago Maggiore sich schiebende Maggiadelta. Und vor mir hatte ich plötzlich die ersten Menschen. Sie sassen auf den Quersitzen des erwähnten Sesselliftes hinauf zur Cimetta. Bald darauf war ich bei der Bergstation der Cardada-Seilbahn. Ich ging zu dem berühmten Panoramasteg, der ins Leere ragt, so dass die Sicht nicht von Bäumen behindert wird, ich schaute und fotografierte – und befand kurz darauf im Restaurant: Ich würde jederzeit beeiden, dass das Tessin unser allerschönster Wanderkanton ist.

***

Route: Avegno Paese – Scaladri – Monasté – Pianosto – Alpe Vegnasca – Cardada Bergstation.

Gehzeit: 4 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 1230 Meter auf-, 190 abwärts.

Wanderkarte: 276 T «Val Verzasca», 1: 50 000.

Charakter: Stilles Tessin an einem Steilhang. Einige Rustici und Bildstöcke und sehr viel Natur: Kastanien, Birken, Buchen. Anstrengende Route, im Sommer an heissen Tagen nicht anzuraten.

Höhepunkte: Der erste Anblick des gewundenen Lago Maggiore oberhalb von Scaladri. Die schönen Rustici von Monasté. Der Blick von Cardada hinab auf das Maggiadelta.

Kinder: Etwas streng. Der Weg ist nicht ausgesetzt, aber es gibt ein paar Stellen, wo man auf Kinder aufpassen muss. Hoher Abenteuerfaktor.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Bei der Bergstation Cardada.

Wanderblog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Der gläserne Mountainbiker

Jürg Buschor am Donnerstag den 23. Mai 2013
epa03380258 Britain's Manon Carpenter is on her way to take the third place in the women's downhill race at the Mountainbike World Championsships in Saalfelden/Leogang, Austria, 02 September 2012.  EPA/EXPA/JUERGEN FEICHTER

Die Bergauf-Fahrer kommen: Die britische Downhill-Bikerin Manon Carpenter während der WM 2012 in Saalfelden, 2. September 2012. (Foto: EPA/Jürgen Feichter)

«Grüezi. Min Name isch Müller. Ich lüüte a im Uuftrag vom Meinigsforschigs-Institut Volltransparent und ich han sie welle fröge, öb sie föif Minute Ziit händ für d’Teilnahm anere Umfrog?»

«Ähm…»

«Es goht würklich nur föif Minute.»

«Aber…»

«Genau ihri Meinig isch euis wichtig. Es freut mich deswäge, dass sie mitmached…»

Wenn Sie diese Situation nicht aus eigener Erfahrung kennen, müssen Sie sich ernsthafte Sorgen bezüglich Ihrer Bedeutungslosigkeit machen. Oder man darf Ihnen dazu gratulieren, dass Sie es erfolgreich geschafft haben, Ihre Kontaktdaten erfolgreich aus irgendwelchen Datensammlungen herauszuhalten. Die erste Fragerunde ertragen die meisten ja noch mit stoischer Ruhe. Bei den nächsten Anrufen kommt einem die gute Erziehung in die quere, die es einem verbietet, den Mitmenschen fünf Minuten seiner Zeit vorzuenthalten. Die nächsten drei Gespräche führt man noch aus Mitleid mit den bedauernswerten Call-Center-Mitarbeitern, die bestimmt auch lieber in einem anständigen Gewerbe arbeiten würden. Spätestens beim zehnten Anruf zu Unzeiten hingegen hilft auch die gute Erziehung nur noch so weit, dass man im Tonfall anständig bleibt, wenn reale oder fiktive Erklärungen zur Nichtteilnahme angeführt werden: Keine Zeit. Keine Lust. Kinder mit Masern und Durchfall. Gerade beim Essen. Auf dem Sprung ins Kino. Auf dem Klo.

Was fast jede Umfrage grundsätzlich suspekt macht ist die Tatsache, dass weder der Auftraggeber noch die Zielsetzung bekannt sind. Wenn man schon seine Zeit opfert, sollte zumindest Klarheit darüber herrschen, ob wenigstens indirekt ein Nutzen daraus gezogen werden kann. Zum Beispiel, indem ein echte Angebotsverbesserung daraus resultiert.

Trotz weitgehender «Umfrage-Immunität» hat dieser Tag der Teilnahmeaufruf für eine Mountainbike-Studie mein Interesse geweckt, die das Hergiswiler Marktforschungsinstitut GfK Switzerland AG durchführt. «Da gehöre ich wenigstens zur Zielgruppe», denke ich mir. Der Aufruf impliziert, dass die Datenerhebung einem höheren Zwecke diene: «Marktforschungen wie jene des renommierten GFK können wesentlich dazu beitragen, dass künftig Angebote und Infrastruktur näher an den Bedürfnissen der Mountainbiker liegen.» Da allerdings wie üblich, der Auftraggeber nicht offengelegt wird, bleibt es bei der Hoffnung, das eine übergeordnete Instanz wie beispielsweise Schweiz Tourismus oder der Schweizer Tourismusverband dahinter stehen könnte. Spätestens bei der «Welche Bikestrecken nutzen Sie?» überlege ich mir erstmals, aus der Umfrage auszusteigen. Nicht der Frage wegen, sondern ob der angebotenen Antwort-Auswahl:

«Bergauf fahren»

«Downhill»

«Singletrails – technisch anspruchsvoll»

«Singletrails – technisch einfacher»

«Wald- und Flurwege»

«Asphaltierte Strassen»

Wer hat sich diese Antwortauswahl ausgedacht? Und mit welchem Ziel? Dass es genügend Menschen gibt, die ausschliesslich Downhill fahren, und für die es sich lohnt, ein entsprechendes Angebot bereitzustellen, ist mir durchaus bekannt. Aber gibt es wirklich Menschen, die sich darüber definieren, dass sie bergauf fahren? Und wie sähe denn das entsprechende touristische Angebot aus? Uphill-Strecken mit anschliessender Talfahrt per Bergbahn?

Ich liefere artig weitere Antworten, bis dass auf Basis der Fragestellungen wenigstens klar wird, dass offenbar Graubünden Ferien sein Angebot möglichst bedürfnisgerecht anpassen möchte. Zwei Fragen weiter stürzt das Frageformular ab. Aber die fünf Minuten sind ohnehin schon längst um, und so verzichte ich, meine Kundenbedürfnisse in einem zweiten Anlauf noch einmal kundzutun. Ein Konkurrent weniger, der einem das Bike-Weekend streitig machen könnte, das unter allen Teilnehmern der Umfrage verlost wird…

Nehmen Sie an Studien teil? Sie gehören zur Zielgruppe der aktuellen GfK-Studie – gedenken Sie an der Umfrage teilzunehmen? Welches sind die Gründe für eine Teilnahme/einen Verzicht? Sollte Ihrer Meinung eine solche Umfrage von einzelnen Destinationen oder übergeordneten Organisationen durchgeführt werden?

Zimmerservice im Everest-Ferienlager

Natascha Knecht am Mittwoch den 22. Mai 2013

Heute ein Gastblog von *Thomas Senf,  Alpinfotograf und Bergsteiger.

Eiskurs am Everest

Unmittelbar neben dem Advanced Basecamp auf 6400 Meter: Die Everest-Aspiranten lernen erstmals im Leben, wie man am Fixseil aufsteigt und wieder abseilt. (Foto: Thomas Senf)

Ungläubig schaue ich aus meinem Zelt auf den Gletscher. In ihre nagelneuen Daunenanzüge gehüllt üben etwa zehn Bergsteiger an einem kleinen Eishang. Unter Anleitung ihrer Bergführer und Sherpas geht es auf der einen Seite mit Steigklemmen am Fixseil empor. Mehrmals muss ein Bergführer eingreifen, da ihre Schützlinge versehentlich die Selbstsicherung falsch einhängen. Oben angekommen fädelt ihnen ein Sherpa den Abseilachter ein, damit sie an der kleinen Wand das Abseilen üben können. Ein «Grundkurs Eis» neben dem Advanced Basecamp vom Mount Everest auf 6400 Meter. Die Gruppe Bergsteiger ist in ihrer Akklimatisationsphase, ein paar Tage später wollen sie auf den Everest-Gipfel.

Ich bin für einen Fotoauftrag an der chinesischen Normalroute unterwegs. Viel habe ich schon vom Bergsteigen am Everest gehört. Aber nachdem mich bisher zahlreiche Expeditionen zu unbekannten Gipfeln rund um den Erdball führten, lerne ich hier, am berühmtesten Berg der Welt, einen anderen Expeditionsstil kennen.

Ferienanlage am Everest

Am Gate für den Flug von Qatar nach Kathmandu bekomme ich zum ersten Mal die 8000er-Welt zu spüren. Teilnehmer verschiedener Expeditionen sind an Bord. Unschwer zu erkennen an ihren Unmengen von Werbeaufnähern. Man mustert sich auffällig unauffällig. Je nach Anzahl zur Schau getragener Sponsoren grüsst man sich kurz, oder eben auch nicht. Das anvisierte Ziel findet sich bis zu fünf Mal auf den Kleidern. So dass auch der Letzte weiss, dass es zum «Everest 2013» geht. Einige von ihnen sehe ich im Basislager wieder. Neugierig frage ich einen nach seinem offensichtlich grosszügigen Ericsson-Sponsoring. Schliesslich erfahre ich, dass es lediglich sein Arbeitgeber ist. Unterstützung hat er keine erhalten. Aha, wer keinen Sponsor findet, erfindet halt einen, um dazuzugehören.

Das Leben im Basislager erinnert mich ein wenig an Berichte aus Ferienanlagen im Mittelmeerraum. 9.30 Uhr, wenn die ersten Sonnenstrahlen das Camp streifen, wird, wer noch schläft, von einem «Tea, Coffee, Milktea?» in seinem Einzelzelt geweckt. Zimmerservice à la Everest BC. 10.00 Uhr, Frühstück. Nebst frisch gepresstem Orangensaft gibt es Toastbrot und Spiegelei. Danach ist Treffpunkt im Tischtennis- und Billardzelt. Hier und da stehen noch Bierbüchsen vom letzten Abend rum. Ein greller Pfiff und einer der Küchenjungs eilt zum Aufräumen herbei. Nach dem Mittagessen geht es für die meisten ins Internetzelt. Ein Skype mit der Familie steht an. Via iPad  startet einer nach dem anderen zu seiner virtuellen Rundtour durch das Camp für die Daheimgebliebenen. Der Verdauungstrunk zum Abendessen wird im Fernsehzelt eingenommen. Rund 300 DVDs stehen neben dem Flachbild-TV zur Verfügung.

Everest

Auf dem Weg zum North Col: Die Bergsteiger kämpfen sich am Fixseil empor. Solange sie ihre Steigklemmen richtig eingehängt haben, können sie nicht runter stürzen. (Foto: Thomas Senf)

Wie an der Hundeleine den Berg hochgezogen

Während der ersten Tage im Basislager starten Karawanen von Yaks Richtung Berg. Was man zum Leben dort oben benötigt, kann von hier nur noch zu Fuss transportiert werden. Selber starten wir ungleich weniger beladen in die nächsten Camps. Hier und da höre ich Diskussionen, ob man tatsächlich selber einen Rucksack mit Jacke und Trinkflasche tragen muss. So verwundert einen folgendes Bild nur am Anfang: Ein Träger kommt gelangweilt in kaputten Turnschuhen entgegen. Auf dem Rücken eine riesige Tasche. Vorne vor der Brust baumelt der Rucksack des Gastes. Dieser schleppt sich etwa 100 Meter hinter ihm auf seine Trekkingstöcke gestützt den Berg hinauf.

Eine Stunde hinter dem Advanced Basecamp beginnen die Fixseile, welche zum North Col auf 7000 Meter führen und von dort in einer ununterbrochenen Linie weiter bis zum Gipfel. Zeit, das Gelernte aus dem «Grundkurs Eis» vom Vortag anzuwenden. Bereits nach wenigen Metern am ersten Fixpunkt Stau. Einer der Gipfelaspiranten versucht vergeblich, seine Steigklemme umzuhängen. Ein Sherpa eilt herbei und hilft ihm. Mittlerweile hat sich hinter ihm eine Schlange von gut 15 Leuten gebildet. Ich mag nicht mehr warten, hänge ich mich aus dem Seil aus und laufe an der Menschenschlange vorbei. Den Pickel lasse ich auf dem Rucksack. Dafür ist es noch viel zu flach. Ich stelle mir die Situation auf über 8000 Meter bei Sturm und -30°C vor. Nicht auszudenken. Dagegen wirkt ein Stau am Gubristtunnel geradezu wie ein Kindergeburtstag. 150 Höhenmeter vor dem Camp auf dem North Col ist für einen Mann Schluss. Nichts geht mehr. Doch statt abzusteigen, zieht ihn ein Sherpa wie an der Hundeleine die letzten Meter hinter sich her.

Everest

Stau auf 7000 Meter: Der Vorderste kommt nicht weiter, alle anderen müssen hinter ihm warten. (Foto: Thomas Senf)

Schlafsäcke liegen ausgerollt bereit

Bei meinen anderen Expeditionen hätte der Abend etwa so ausgesehen: Der schwere Rucksack fällt in den Schnee. Müde stampfe ich im Schnee einen Platz für das Zelt zurecht, während mein Seilpartner anfängt, Schnee im Kocher zu schmelzen. Der bereits etwas feuchte Schlafsack kommt nur widerwillig aus dem Packsack. Fröstelnd schütten wir eine Instantsuppe in den Topf.

Hier am Everest setzen wir uns im grossen Küchenzelt an den Campingtisch. Wenige Augenblicke später steht eine dampfende Hühnersuppe vor uns. Lediglich das Dessert ruft etwas Brummeln im Zelt hervor. Die Mangos aus der Büchse sind noch halb gefroren. Zumindest liegen unsere Schlafsäcke bereits ausgerollt im Zelt. Unsere Sherpas haben sie vor zwei Tagen hochgetragen.

Ein paar hundert Höhenmeter weiter oben ist mein Auftrag als Fotograf erfüllt. Um relativ schnell und ohne künstlichen Sauerstoff wie zum Beispiel Ueli Steck letztes Jahr auf den Gipfel zu steigen, bin ich nicht stark genug. Für eine andere Art der Begehung fehlt mir am Everest dann aber doch die Motivation.

Da steige ich lieber weiterhin auf unbekannte Berge.

Thomas Senf*Thomas Senf ist Fotograf, Alpinist und diplomierter Bergführer. Mit Freunden gelang ihm u. a. die Erstbegehung der Nordwand am Arwa Tower und der Route Harvest Moon am Talay Sagar, beide Indien, die Wintererstbesteigung des Torre Egger in Patagonien, oder die Begehung von Ulvetanna und Holtanna in der Antarktis. Mit der Kamera begleitet er Extrem-Kletterer auf Expeditionen in aller Welt. Er lebt in Ringgenberg BE. www.thomassenf.ch