Leben


Archiv für die Kategorie „Zu Fuss“

Luzerner Single Malt und Glühwein von Maggy

Thomas Widmer am Freitag den 2. März 2012


Heut ist Frühling, doch vor zweieinhalb Wochen war die Schweiz Antarktis. 9 Grad Minus zeigte das Thermometer in Zürich morgens um acht an. Die Kälte wurde vor allem auf den Hochebenen unangenehm, wo uns die Bise wie Sandpapier das Gesicht schmirgelte. Fatalerweise waren da mehrere Hochebenen: Die Wanderung von Gutenburg nach Nebikon ist ein Auf und Ab.

In Gutenburg südlich von Langenthal hält der Zug nur auf Verlangen. Wir hatten den Knopf gedrückt, stiegen aus, fanden das Wartehäuschen schnuckelig, erblickten den Wanderwegweiser und zogen los. Für die erste Etappe nach Melchnau nahmen wir nicht den kürzesten, sondern den schönsten Weg; man folge dazu bis zum Ghürn dem Wegweiser «Hochwacht».

Ein poetisches Vogelhäuschen

Beim Bürgisweyerbad, das Betriebsferien hatte, registrierten wir Poesie: Das Vogelhäuschen trug den Namen «Liebesnest». Dann das Ghürn: ein Bauernweiler, den wir kaum sahen, weil der Wind uns in die Augen stach. Auf dieser Wanderung mussten wir mehrmals weinen.

Unten in Melchnau war Fasnachtschiessen, wir hatten es knallen gehört. Oben auf dem Schlossberg gab es hernach eine Ruine zu besichtigen, die des Schlosses Grünenberg, doch dafür war es uns zu kalt. In Altbüron landeten wir vollends in der Fasnacht. Ein Lautsprecherwagen fuhr durch das frosthalber wie ausgestorben wirkende Dorf und spielte Rihanna-Hits. Die Linde fanden wir verschlossen vor, dafür das Kreuz offen. Wir assen, mein Cordon-bleu war gut, doch es war klamm in der Wirtschaft, wir fröstelten.

Bald darauf wurde uns warm. Wir entdeckten unweit des Restaurants die Schnapsbrennerei Stadelmann. Der winzige Laden war offen. Wir traten ein, beschauten uns die Flaschen – vom Arnikawasser zum Einreiben über Gebrannte wie Zwetschgen und Birnen bis zum Luzerner Hinterländer Absinth. Mein Rucksack wurde schwer, doch der im Merlotfass gereifte Single Malt war die Bürde wert. Und übrigens: Stadelmanns haben einen Onlineshop. Aber degustieren geht natürlich nur vor Ort.

Das Dorf ohne Handyempfang

Wahrzeichen Altbürons ist die Antoniuskapelle auf dem Hügel, zu der wir aufstiegen. Was wir nicht entdeckten, eben, weil die Kälte uns ein wenig die Lust am Verweilen nahm: das berühmte Stück Bahndamm ohne Bahn. Altbüron sollte an die Langenthal-Wauwil-Bahn angeschlossen werden. Doch der Bau wurde um 1875 eingestellt, Geldnot. Geblieben ist der Damm sowie ein Tunnelportal.

Wir kamen zum Totenboden. So heisst jenes abseitige Geländestück, in dem in der Pestzeit die ausserhalb des Dorfes wohnenden Leute ihre Toten begruben, nachdem ihnen der Transport der Leichen über weite Strecken verboten worden war. Und schon kam der nächste, der zweitletzte Abstieg nach Ebersecken. Es wurde vergangenes Jahr durch einen Zeitungsartikel kurzfristig berühmt: Ebersecken habe keinen Handyempfang, stand zu lesen.

Noch einmal hinauf, diesmal besonders steil, und noch einmal hinunter, und wir langten in Nebikon an. Wahrzeichen des Dorfes sind, abgesehen vom Santenberg im Hintergrund, die Zwillingstürme der Egli-Mühlen. Die Wanderung endete dann, nein: nicht am Bahnhof Nebikon, sondern am Bahnhof Zürich. Wie fast jedesmal kehrten wir im St. Gallerhof ein. Ein Glühwein von der sympathischen Serviererin Maggy taute uns vollends auf.

Route: Gutenburg Station (Halt auf Verlangen) – Ghürn – Melchnau – Schlossruine Grünenberg – Igental – Altbüron – Totenboden – Balm – Ebersecken – Röllihof – Nebikon Bahnof.

Gehzeit: 5 ½ Stunden.

Höhendifferenz: Je 600 Meter auf und ab.

Charakter: Ein stetes Auf und Ab und daher anstrengend. Schöne unverbaute Hochebenen, Högerland. Ein voralpiner Klassiker.

Höhepunkte: Die Stille der Landschaft. Die Schnapsbrennerei Stadelmann in Altbüron. Der Schlussglühwein im St. Gallerhof in Zürich.

Hund: Keine Gitterroste, keine Leitern; gut machbar.

Einkehr: In den Dörfern.

Tipp: In der Schnapsbrennerei Stadelmann degustieren und kaufen, zum Beispiel den Luzerner Hinterländer Single Malt. http://shop.schnapsbrennen.ch/

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Die Römer von Ziegelbrücke

Thomas Widmer am Freitag den 24. Februar 2012

Beginnen wir mit etwas Ziegelbrückologie. Der SBB-Teil liegt auf St. Galler Boden, die Häuserballung von Ziegelbrücke aber, darunter viel Industrielles und Werktätiges, gehört zu Glarus. Und wer nun schnödet, wie unwirtlich der Niemandsflecken sei, der höchstens zum Umsteigen tauge, dem sei gesagt: Hey, dies war, als hier noch Linth und Maag sich vereinigten, eine wichtige Zollstation. Die Bronzestatue Merkurs, des römischen Handelsgottes, die man in Ziegelbrücke fand, zeugt davon.

Wir ziehen los. Unser Ziel? Der bewaldete Hügel gleich vor uns, wenn wir vom Bahnhof Richtung Walensee blicken; der Zug nach Chur unterquert diesen Hügel namens Biberlichopf im Tunnel. Wir folgen dem Wegweiser, überqueren bald die Strasse und stossen auf das Denkmal für Hans Konrad Escher, 1767 bis 1823. Er war es, der die Linth korrigierte und kanalisierte, sie in den Walensee leitete und dessen Ausfluss ebenfalls kanalisierte. Seither wird die weite Linthebene nicht mehr überflutet, man gewann viel Land, und die Malaria, «Gfrörer» genannt, verschwand.

In der Ebene rauscht die Autobahn

Auf der Brücke gelangen wir über die Geleise und steigen recht steil auf in der Falllinie des Hanges. Weiter oben ein kurviges Strässchen, und bald sind wir auf dem Biberlichopf. Es wäre totenstill, wenn nicht unten in der Ebene die Autobahn rauschte. Zu sehen gibt es abgesehen vom Gewaltspanorama mit vielen Bergen eine Fernmelde-Antenne samt Wartungsgebäude. Und vor allem die berühmte Ruine. Die Römer unterhielten auf dem aussichtsreichen Hügel einen Wachturm und schützten so zur Zeit des Kaisers Augustus die Achse Walensee-Zürichsee. Im ersten Weltkrieg wiederum pflanzte man auf die Reste des Kastells respektlos einen Unterstand. 

Auf dem glitschigen Waldpfad steigen wir ab. Unten steht ein Wegweiser. Wir wählen Weesen, der Pfad am Hang ist ein Idyll, bis der Ortsrand erreicht ist. Wer nicht ins alte Städtchen will, muss bald rechts halten. Im Restaurant Bahnhof kann er einkehren, an der Tür gibt’s den Spruch zu lesen: «Der liebe Gott sieht alles, der Nachbar sieht mehr.»

Der Ärger mit der Backware

Dann über die Autobrücke, die den Linthkanal unweit des Walensees überquert, und gleich links hinab und dem Kanal Richtung See gefolgt – so beginnt der Wanderung zweiter Teil. Dem unverbauten Seeufer entlang laufen wir Richtung Westen. Weit schweift der Blick über die Wasserfläche, mustert die Churfirsten, verweilt bei den quakenden Enten. Was sie uns mitteilen wollen? «Gib Brot!», vermutlich. Irgendwann führt der Weg in lichten Wald, zeigen sich Badeanlagen. Im Sommer ist das Gäsi-Areal sozusagen eine Paradiesesfiliale. Es wird geschwommen, gegrillt, gesonnt, ge-ghettoblastert und mehr; so manches Glarner Baby wurde hier wohl gezeugt.

Die Autobahn macht sich zusehends bemerkbar. Beim Punkt «Alte Eisenbahnbrücke» ist ein Entscheid zu fällen: Weiter dem verschatteten See entlang? Oder ins Glarnerland hinein? Diesmal sei es… Glarus. Es folgt eine schön monotone Wanderung am Escherkanal. Wir laufen, in Gehrichtung gesprochen, endlos lang rechts auf dem erhöhten, breiten Dammweg. Die Unternehmung endet beim Bahnhof Näfels-Mollis. Dort ärgern wir uns nicht zum ersten Mal über das Avec-Kiosk-Sortiment: die 08/15-Backware ist schrecklich.

Route: Bahnhof Ziegelbrücke – Escher-Denkmal – Biberlichopf – Rüti – Autobrücke über den Linthkanal – Walensee-Ufer – Gäsi – Alte Eisenbahnbrücke – Escherkanal – Bahnhof Näfels-Mollis.

Gehzeit: 3 ½ Stunden.

Höhendifferenz: Einzig beim Biberlichopf, je 150 m auf- und abwärts.

Charakter: Abwechslungsreiche Route, kurz coupiert, dann prononciert flach. Mit einigen historischen Reminiszenzen.

Höhepunkte: Die Ruine des Römerkastells auf dem Biberlichopf. Das unverbaute Ufer des Walensees beim Gäsi. Der endlose, gerade Escherkanal.

Hund: Keine Gitterroste, keine Leitern; gut machbar.

Einkehr: Direkt an der Route liegt einzig das Restaurant Bahnhof in Weesen. Wer gut essen will, begibt sich ins Städtchen Wessen; mehrere gute Lokale.

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Zwetschgenschnaps betäubte unsere Schande

Thomas Widmer am Freitag den 17. Februar 2012


Eines kalten Januartages fahren wir nach Boniswil AG. Es tröpfelt, dann regnet es, später wird es schneien. Die Strecke vom Dorf auf seiner Terrasse hinab zum Hallwilersee ist rutschig. Bei fabrikneuen Handys klebt auf dem Display eine Kratzschutz-Folie; genau so eine Folie, praktisch unsichtbar, bedeckt den Boden. Sie ist aus hauchdünnem Eis.

Der Hallwilersee hat bei Wanderern einen guten Ruf. Okay, er war in den Achtzigerjahren, weil überdüngt, praktisch tot und wird seither künstlich beatmet. Aber erstens hat er sich einigermassen erholt. Zweitens ist er wunderschön anzuschauen. Und drittens sind seine Ufer über weite Strecken unverbaut. Die erste Etappe bis Mosen an der Südspitze des Sees ist sorgloses, simples Gehen. Bleigrau ruht das Gewässer, die Pfützen auf dem Pfad sind gefroren, viele Hündeler und Jogger sind unterwegs. Und auch einige Wir-müssen-jetzt-mal-richtig-reden-Paare; sie mit leiser Stimme sprechend und mit den Händen das eigene Befinden skizzierend, er konzentriertes Zuhören mimend.

Ertränkte Reformierte

Nach Mosen entfernt sich der Weg kurz vom See. Die Kirche von Aesch: ein stattliches Gebäude im klassizistischen Stil. Während und nach der Reformation ging es in der Kirchgemeinde hart auf hart. Fanatische Reformierte brachen, erzählt die Kirchen-Homepage, die Altäre auf und spöttelten hernach im Dorf, es seien «nur Rebhühnlibein und Spinnhupfen» zum Vorschein gekommen. Als die katholische Seite wieder obenauf schwang, mussten die Täter dran glauben. Sie wurden in Säcke gebunden und «geschwemmt». Ertränkt.

Nah der Kirche ist bei einem Hof an der Lädergasse ein Selbstbedienungs-Kiosk eingerichtet. Ich kaufe ein Fläschchen Williams, Freund Pierre nimmt den Zwetschgen. Es schneit nun, wir frieren und haben Hunger. In der schönen und einigermassen luxuriösen Seerose essen wir eine Stunde später. Meine Eglifilets sind fein, und wir haben einen Tisch direkt am Fenster zum Wasser. Die Seerose gehört zu Meisterschwanden. In dem Ort lebte Swatch-Uhrenpionier Nicolas Hayek.

Design aus der Urzeit

An der Schifflände von Meisterschwanden dümpeln die Kursschiffe dem Frühling entgegen. Dann passieren wir das Arbeiterstrandbad Tennwil, eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung, die sich Mitte der 1930er-Jahre ihren Platz am Ufer erkämpfte. Hernach legt die Natur noch einmal an Charisma zu mit weiten, teilweise überschwemmten Riedflächen. Ein Pfahlbauhaus steht da, das unter Obhut der nahen Steinzeitwerkstatt Seengen 1989 entstand. Sein Schilfdach ist Design der Urzeit. In der Uferzone gab es damals ganze Dörfer, man kann sich die Pfahlbauer vorstellen, wie sie Schnepfen jagten und am Feuer brieten.

Letzter Höhepunkt: das Wasserschloss Hallwyl unweit des Sees. Es ist auf zwei Inseln erbaut, die von drei Armen des Aabaches umflossen sind. Der Wanderweg führt ums Schloss herum, was erlaubt, das Ensemble von Türmen, Mauern und Brücken von allen Seiten zu mustern. An einer Stelle sehen wir alte Grabkreuze. Auf dem einem steht der Spruch: «Auf Wiedersehen.»

Als wir wieder in Boniswil anlangen, steht da gerade der Zug. Der Lokführer wartet, wir rennen, bloss Rainer schlendert demonstrativ. Er hat noch kein Billett. Und tatsächlich lassen wir unseren Wanderfreund allein zurück. Auf der Fahrt nach Lenzburg betäuben wir unsere Schande mit Pierres Zwetschgenschnaps.

Gehzeit: 5 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: vernachlässigbar.

Charakter: Viel unverbauter See auf einem Pfad weitgehend abseits der Dörfer. Ried und Röhricht. Und eine Portion Historie.

Höhepunkte: Die Naturnähe der Ufer. Die Einkehr in der Seerose am Wasser. Das Pfahlbauerhaus und gleich darauf Schloss Hallwyl.

Einkehr: In den Dörfern. Direkt am See liegt in Meisterschwanden die Seerose, www.seerose.ch. 356 Tage geöffnet, eher gehobenes Lokal.

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Ich schaffte es nicht bis Babental

Thomas Widmer am Freitag den 10. Februar 2012

Zur Wanderung von Bargen nach Beggingen muss ich zwei Dinge vorausschicken. Erstens wollte ich eigentlich doppelt so lang wandern und via Babental nach Schleitheim weiterziehen. Und zweitens sei betont, dass auch die zweistündige Kurzroute schön ist und sich unbedingt lohnt. Auch wenn an meinem Tag einiges schief lief.

Zwei Tage vor Weihnachten fuhr ich nach Bargen. In diesem nördlichsten Dorf der Schweiz stieg ich nicht, nein: Ich gumpte aus dem Bus. Vielleicht benahm ich mich so juvenil, weil Wandern in dem verhügelten Grenzland etwas Bubenabenteuerhaftes, Schmugglerisches hat. Meine alte Diskushernie allerdings quittierte den Sprung mit einem üblen Stich.

Die erhoffte Romantik bleibt aus

Im Bus-Unterstand erholte ich mich. Dann zog ich los durchs Dorf mit Asterixgepräge, zu dem ein Misthaufen an bester Lage ebenso gehörte wie eine liebevoll bestückte Weihnachtskrippe. Bald war ich im Mülital, in dem man langlaufen kann. Es schnee-regnete. Grauer Pflotsch lag zentimeterhoch auf dem Weg. Ich hatte bereits nasse Füsse.

Die Iblenquelle hatte ich mir romantischer vorgestellt, irgendwie im Umfeld der Artussage positioniert, mit einer Jungfrau samt Einhorn. Stattdessen gab es eine neuzeitliche Grillstelle, und das Wasser war in einer Röhre gefasst.

Mit Schanzen gegen Schweden

Nun schneite es fette Flocken. Die frischen Fussstapfen vor mir fand ich unheimlich. War das Yeti? Ein Serienkiller? Oder gar das wildeste aller Menschentiere, ein Wanderer? Keine Ahnung!

Ein paar Mal musste ich im Aufstieg über umgekippte Bäume klettern. Beim Wegweiser «Hoher Randen 890 m» war eine «Schwedenschanze» vermerkt, so heisst offenbar die nahe Waldkuppe. «Schwedenschanzen» gibt es vielerorts in Europa. Sie entstanden in der Prähistorie als natürliche Befestigungen und Rückzugsorte in der Höhe. Der Name selber wurde wohl erst im Dreissigjährigen Krieg 1618 bis 1648 kreiert, als die Schweden Mitteleuropa unsicher machten und die alten Schanzen Zuflucht boten. Oder aber die Nachwelt vermeinte noch später, die Schanzen seien zur Abwehr der Schweden gebaut worden, und taufte sie entsprechend.

Der Teufelshund von Beggingen

Ich stieg im Steilwald ab. Die Steine unter dem Schnee waren glitschig. Ich stürzte dreimal, tat mir wundersamerweise nicht weh, hatte aber Schnee in allen Taschen und Schlitzen meiner Hi-Vent-Outdoor-Jacke. Nach dem Stiegenbrünneli kam ich aus dem Wald und sah den ersten Hof. Am Rand von Beggingen dann das «Mördergärtli»: Ein Stein gedenkt des Massakers von 1633 in besagtem Dreissigjährigem Krieg, als viele Verteidiger des Dorfes im Kampf gegen eine fremde Soldateska umkamen.

Von Beggingen wollte ich via Strickhof zur Alp Babental aufsteigen. Dort gibt es ein Restaurant; vor allem aber handelt es sich um die einzige Schaffhauser Alp. Dank der Tieflage von 600 Metern kann das Vieh doppelt so lang sömmern wie im Gebirge. Leider erwischte ich den falschen Wanderabzweiger. Ich realisierte das nach der Hohlen Gasse, einer Strassenklus am Dorfausgang von Beggingen. In dem Moment attackierte mich vom nahen Haus her eine Bestie von Hund. In Notwehr streckte ich ihr meinen Schirm hin, in den sie mehrmals schnappte. Ich floh, retour ins Dorf. Dort stand ein Bus, ich stieg ein, fuhr heim. Trotzdem sei es noch einmal betont: Erwischt man nicht das mieseste Wetter aller Zeiten und meidet Beggingens bösen Hund, ist das eine tolle Route.

Route: Bargen Dorf (Bus ab Bahnhof Schaffhausen) – Mülital – Iblenquelle – Hoher Randen 877 m – Hoher Randen 890 m – Schwedenschanze – Stiegenbrünneli – Beggingen.

Gehzeit: 2 Stunden.

Höhendifferenz: 300 Meter aufwärts, 350 abwärts.

Charakter: Allerhöchstens mittelstrenge Route. Einsamer Wald. Relativ steiler Abstieg nach dem Hohen Randen, vorsichtig gehen!

Höhepunkte: Das abseitige Bargen weckt Asterixerinnerungen. Das Mülital ist ein Idyll. Der stille Winterwald auf dem Hohen Randen.

Hund: Keine Leitern, keine Gitterroste; für Hunde geeignet.

Einkehr: Am Anfang und am Schluss.

Verlängerung: Von Beggingen gibt es viele Fortsetzungen. Zum Beispiel zur Alp Babental und hinab nach Schleitheim.

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Erleuchtung im Prättigau

Thomas Widmer am Freitag den 3. Februar 2012

Früh oder nicht früh, das ist hier die Frage. Ich entscheide mich für früh, gehe um 5 Uhr 55 aus dem Haus und bin kurz vor neun schon in St. Antönien. Kurzweilig die Busfahrt von Küblis hinauf ins Dorf, das mit dem Slogan «Hinter dem Mond, links» für sich wirbt: Eine Schar Erstklässler oder so ist mit der Lehrerin unterwegs zum Skilift. Bei der einen Haltstelle stösst ein Bub dazu. «Morgä, Jamie», krähen die Kinder im Chor.

In «St. Antönien Platz» steige ich aus, belämmert von den Kindern und vom Tiefblick ins Schanielatobel. «Platz» klingt als Ortsbezeichnung immer ein wenig verwirrlich. Es ist typisch für die Walser, jene alpinen Siedlungspioniere des Mittelalters, die auch St. Antönien begründeten. Sie pflegten den Kern ihrer Orte «Platz» zu nennen: Davos-Platz, Safien-Platz usw.

Bäuchlings wie ein Curlingstein

Im Tourismusbüro erkundige ich mich, wo der Winterwanderweg nach Pany anfängt. Der Mann hinter dem Schalter erklärt es mir. Und ich stelle wieder einmal fest, wie freundlich die Leute dieses Prättigauer Seitentals sind. Das kleine und feine St. Antönien, um die kleine und feine Kirche von 1493 gruppiert, hat sich einen Rest prä-touristischer Unschuld bewahrt.

Aufwärts am Volgladen vorbei aus dem Dorf und nach der Schule das Strässchen links den Hang hinauf Richtung Aschüel, das ist der Trick. Derweil ich Höhe gewinne, fährt ab und zu ein Subaru vorbei. Bei einem Bauernhof ist die Strasse plötzlich glatt wie eine Eisbahn. Ich beginne rückwärts zu rutschen, gehe gemächlich in die Knie, beuge mich nach vorn, dann falle ich auf die Hände und rutsche bäuchlings vier, fünf Meter talwärts wie ein Curlingstein. Gut, hat es niemand gesehen.

In einem Tunnel unterquert die Strasse die Skipiste, dann kommt ein Abzweiger mit Sommerwegweisern, ich gehe links, Richtung Pany. Die folgende lange Passage bis zum Chrüzhof ist das Filetstück meiner Route: Unter dem Kreuz, auch «Rigi des Prättigaus» geheissen, steige ich zuerst durch stillen Wald aufwärts. Dann kommt im freien Gelände ums Capöllerbüel die Weitsicht. Ich habe im Rücken die Felsmauer der Drusenfluh, vor mir aber zur Linken die Berge um Klosters und Davos und geradeaus die Hochwangkette. Die Schönheit des Szenarios raubt mir den Atem.

Die Meerestiere von Pany

Die Sonne wärmt mich jetzt, nachdem ich zuvor fror, weil ich in der Morgenkälte gestartet war. Die Bodenhütte finde ich weiter unten leider geschlossen vor. Die fehlende Viertelstunde bis elf Uhr warten mag ich nicht, obwohl der Hüttenweiler seine Poesie hat mit den dick wattierten Dächern und dem sonnengeschwärzten Holz. Ich nehme mir vor, in Pany zu essen.

Nach dem Chrüzhof, einem Bauernhof mit Wirtschaft, wird zur Skilift-Talstation hinab alles gewöhnlich, die letzte Viertelstunde gehe ich auf der Strasse. In Pany nehme ich bei «Don Antonio» die empfohlenen Spaghetti allo scoglio mit Muscheln, Tintenfischchen, Crevetten. Sie munden. Hernach, als ich vollen Bauches wieder auf die Strasse trete, kost mich die Sonne, dass ich nicht schon heimreisen mag. Ich wandere, schlittere, rutsche auf dem Sommerwanderweg über gefrorene Fusssstapfen noch ein Dorf tiefer.

In Luzein formuliere ich, berauscht vom gleissenden Licht, die Bilanz der Wanderung in einem Satz, der da lautet: Im Prättigau ward mir die Erleuchtung zuteil.

Route: St. Antönien-Platz – Abzweiger Aschüel – Aschüel – Capöllerbüel – Bodenhütte – Chrüzhof – Skilift Pany, Talstation – Pany – Sommerwanderweg – Luzein, Alte Post (Bus).

Gehzeit: 2 ½ bis 3 Stunden bis Pany. Zusätzlich 30 Minuten für das Stück Pany – Luzein.

Höhendifferenz: 350 Meter auf-, 800 abwärts für die ganze Strecke St. Antönien – Luzein.

Charakter: Nach St. Antönien und vor Pany Strässchen, zum Teil vereist oder schneebedeckt, zum Teil aper. Im Mittelteil gewalzte breite Piste durch den Schnee. Mittlere Anstrengung. Gewaltige Aussicht.

Höhepunkte: St. Antönien, seine kleine, feine Kirche, der Kirchfriedhof. Und der perfekte Winterwanderweg ums Capöllerbüel mit den Bergen rundum.

Tipp: Der Weg ist vielbegangen. Am besten unter der Woche oder früh!

Auskunft/Prospekt: www.st-antoenien.ch, dann «Tourismus». Es gibt in der Gegend weitere schöne Pfade.

Einkehr: St. Antönien, Bodenhütte, Chrüzhof (www.chruezhof-pany.ch), Pany, Luzein.

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Den Neoliberalismus kann man erwandern!

Thomas Widmer am Freitag den 27. Januar 2012


Letzten Februar war eines Samstags das Wetter so schön, dass ich meine Halbgrippe mit zwei Panadol unterdrückte und losfuhr. Mit dem Mont Pèlerin über Vevey hatte ich mir ein leichtes Ziel erwählt. Bei der Einfahrt in Bern musste ich lachen. Der Zugbegleiter gab per Lautsprecher die Anschlüsse launig so durch: «Wenn Sie sich nach Interlaken begeben möchten, empfehle ich Gleis fünf.»

In Palézieux wechselte ich auf das Zuckelbähnchen nach Montbovon, stieg nach zwei Minuten Fahrt wieder aus bei der Station Granges. Sie liegt abseits des zugehörigen Dorfes, das ich westlich auf dem Ausläufer des Mont Chesau sah. Einen Wanderweg zum Dorf gab es nicht; kein Problem, ich ging kurz auf dem Strässchen retour, bog links ab, gelangte auf Feldwegen hinüber. Auf der Route de Palézieux zog ich durch den Ort leicht aufwärts bis zur Auberge de la Croix-Blanche. Hier fand ich meinen Wanderweg zum Chesau und Pèlerin.

Ein unspektakulärer Berg

Der Weg führte über Weiden, dann durch den Wald. Schnee hatte es praktisch keinen, doch traf ich auf Schneeschuh-Trail-Schilder in pink. Nun bereits nicht mehr im Kanton Freiburg, sondern im Waadtland marschierend, kam ich auf einer Anhöhe zu einer Verzweigung und erreichte daraufhin den höchsten Punkt des Chesau. Toll die Sicht auf die Berge zu meiner Linken: Dent de Jaman und Dent de Lys, der Teysachaux und der Freiburger Nationalklotz Moléson.

Hernach ein kleiner Sattel mit einer – geschlossenen – Buvette, und wieder ging es aufwärts. Der Pèlerin, 1080 Meter über Meer, ist ein Berg ohne spektakulären Gipfel, Wald bedeckt seinen Rücken. So wusste ich die längste Zeit nicht, wo genau der 122 Meter hohe Fernsehturm war, den ich schon von Palézieux aus registriert hatte. Als ich bei ihm anlangte, war ich enttäuscht: Auf 65 Metern gibt es eine öffentliche Aussichtsplattform, doch sie ist winters nicht zugänglich. Allein stand ich im Wald vor einer Anlage, die scheinbar ohne Menschen auskommt, die durch einen Gitterzaun geschützt ist, die mysteriös summt. Das erinnerte mich an Romanszenen von Jules Verne und H.G. Wells.

Die Vordenker der freien Marktwirtschaft

Nun trat ich die letzte Etappe der Wanderung an: hinab zur Standseilbahn, die von Vevey aus die Bergflanke erschliesst. Das kurze Wegstück vor dem Luxushotel «Mirador Kempinski», das mit seinem Seeblick protzt, erwies sich als schwierig: Metallstufen, glücklicherweise nicht vereist, führen durch den steilen Hang. Im Restaurant «Le Chalet» bei der Standseilbahn nahm ich einen Kaffee; Hunger hatte ich keinen, obwohl fantastisch aussah, was in dem rustikalen Lokal aufgetragen wurde. Ich tat zum Kaffee, was ich oft tue: Ich las per iPhone im Internet nach, wo ich durchgekommen war. Insbesondere interessierte mich die Mont Pèlerin Society.

1947 versammelten sich über dem Genfersee auf Einladung des Wirtschafts-Theoretikers Friedrich August von Hayek Ökonomen, Philosophen, Schriftsteller: Leute wie Karl Popper, Wilhelm Röpke, Milton Friedman, Ludwig von Mises. Ihr Anliegen war es, dass nach dem Ende des Krieges mit der politischen auch eine marktwirtschaftliche Freiheit eintreten würde. Besonderen Einfluss erlangten sie auf den Kanzler des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. Auf dem Mont Pèlerin wurde neuzeitliche Geschichte geschrieben und der Neoliberalismus lanciert.

Route: Granges (Veveyse), Station – Granges, Dorf – Mont Chesau – Mont Pèlerin – Funiculaire Mont Pèlerin, Bergstation (Vevey).

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter aufwärts, 350 abwärts.

Charakter: Mittelstrenge Route. Das letzte Stück vor dem Luxushotel Mirador Kempinski ist steil und mit Treppen gesichert, bei Vereisung Vorsicht! Wenn viel Schnee liegt, braucht man Schneeschuhe.

Höhepunkte: Der Blick vom Chesau zu den Waadtländer und Freiburger Alpen. Der gewaltige Pèlerin-Turm. Der Blick auf den Genfersee von der Bergstation des Funiculaire über Vevey.

Einkehr: Nur im Dorf Granges. Die Chesau-Buvette ist im Winter geschlossen.

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Mediterrane Träume

Thomas Widmer am Freitag den 20. Januar 2012


Unsere Jahreszeiten folgen weniger aufeinander, als sich zu bedrängen und zu überlappen, so dass jede gleichzeitig ihr Gegenteil enthält. So war es letzte Woche, als ich am späten Vormittag nach Zug fuhr: Der Winter war auch ein Frühling. In Zug nahm ich den hinteren Bahnhofs-Ausgang, ging auf der Gubelstrasse westwärts, bog links ab in die Aabachstrasse – und schon war ich am Mittelmeer. So generös beschien die Sonne den See und blendete mich, dass ich wähnte, auf der Südseite der Alpen zu sein, in San Remo oder Livorno. Einzig Rigi und Pilatus am Horizont markierten die Realität.

Ich ging nun Richtung Cham, vorbei an vertäuten Passagierschiffen, dann Jachtbooten. Danach lenkte mich der Wanderweg für ein paar Minuten weg vom See. Dafür schenkte er mir die Schutzengelkapelle. Endlich weiss ich, weswegen die nahe S-Bahn-Station heisst, wie sie heisst: «Zug Schutzengel». Die namensgebende Kapelle stammt aus dem Jahre 1804 und ersetzte eine viel ältere Vorgängerin.

Fürs Nacktbaden zu kalt

Es kam das Strandband. Es kam das Gebiet Brüggli. Es kam ein Stück Strand, das laut Schild Nacktbadern vorbehalten ist. Für Nudismus war es aber doch zu kalt. Ich genoss die Landschaft, das Gehen, die Weite – ich atmete durch. Immer wieder mal schoss zur Rechten ein Zug vorbei. Dann die Nadel des Kirchturms von Cham. Grandios fand ich Chams Uferabschnitt «Villette» mit Gruppen hoher Bäume, Brücklein, Enten. Der Zürcher Bankier und Handelsunternehmer Heinrich Schulthess-von Meiss kaufte 1863 das Areal südlich der Bahngeleise. Er liess sich einen Palast im Neurenaissance-Stil bauen, verbrachte im «Villettchen», wie er die Prachtsvilla nannte, mit seiner Gattin den Sommer, lustwandelte durch seinen Park.

Hernach musste ich endgültig weg vom See, ich wanderte fortan auf Hartbelag; offenbar war dies die alte Landstrasse von Cham nach Buonas. Indem ich die Augen zukniff, konnte ich mir die Kutschenpassagiere vorstellen, durch die sanft gewellte Landschaft rollend, die Wasserfläche mit den Augen überstreichend, den Zugerberg und Rossberg musternd, dem Bäuerlein auf dem Felde gnädig zunickend.

So tun, als sei schon Frühling

Ein Anwesen machte mich neugierig, das durch Hecken und Mauern abgeschirmt war. Grosser Reichtum steht auch hinter dieser Anlage: Erwin Hürlimann, Generaldirektor und Verwaltungsratspräsident der Schweizer Rückversicherungsanstalt, liess ab 1929 hier bauen. Er spannte englische Stararchitekten ein, wohl auch, um seiner Gattin Eleanor, geborene Ridge, zu gefallen – eine Engländerin. In Hürlimanns Pförtnerhaus würde ich mit Freuden wohnen, dachte ich.

Buonas ist oberhalb der Durchgangsstrasse Küssnacht-Cham dominiert von modernen Wohnungen gehobenen Stils. Unterhalb duckt sich zum Wasser hin der alte Weiler in den Hang. Zwei Attraktionen hielt er mir bereit: zum einen die Kapelle St. German, die leider verschlossen war. Und zum anderen das Gasthaus zum Wildenmann, eine Stätte der gehobenen Kochkunst; ich nahm allerdings, da die Esszeit fast vorbei war, mit einem Kaffee vorlieb.

Bei der Bushaltstelle an der Strasse hätte ich die Wanderung beschliessen können. Doch eben, das Wetter, das Licht, die Sonne! Ich tippelte auf Asphalt dreissig Minuten weiter, zum Bahnhof Rotkreuz. Unterwegs fragte ich mich, ob ich nicht den Rest des Winters ignorieren soll – und so tun, als sei schon Frühling.

Route: Bahnhof Zug – Hafen – Schutzengel – Brüggli-Gebiet – Cham Alpenblick – Cham – Dersbach – Buonas – Bahnhof Rotkreuz.

Gehzeit: 3 Stunden. Wenn man in Buonas aufhört, eine halbe Stunde weniger.

Höhendifferenz: praktisch keine.

Charakter: Im ersten Teil Kies, Erde, Waldboden, Asphalt im Wechsel, im zweiten ab Cham Hartbelag. Die Strecke eignet sich für den Kinderwagen. Leicht, bis Cham zu einem guten Teil am See. Ab Cham in Sichtdistanz zum See. Viel Aussicht auf die Berge der Innerschweiz und den Zugersee.

Höhepunkte: Mediterrane Stimmung am Zugersee. Die Chamer Villette, einer der schönsten Flanierorte der Schweiz. Der Blick von Buonas auf den See.

Einkehr: Zug, Cham, Buonas. Teuer, aber sehr gute Küche: Wildenmann in Bunoas (www.wildenmann-buonas.ch). Ruhetage So/Mo. Ab 29. Januar drei Wochen Betriebsferien.

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Die Kinderüberraschungen

Thomas Widmer am Freitag den 13. Januar 2012

Es ist der erste Wintertag mit etwas Schnee, doch vorerst dominieren durch den Wald zur Degenried noch grün und braun. Gestartet bin ich bei der Haltstelle Burgwies des 11er-Trams – und übrigens geht es in dieser Kolumne um eine Wanderung, die grossteils auf Stadtzürcher Boden verläuft.

Im alten Burgwies-Depot ist heute ein Trammuseum untergebracht. Es muss eine tolle Show gewesen sein, als im Mai 2007 das Lisbethli, der Pedaler, das Kurbeli und andere alte Fahrzeuge am Limmatquai paradierten, um schliesslich diesen Ort anzusteuern.

«Dschumbo» speit sogar Wasser

«Elefantenbach» steht auf dem Wanderwegweiser: Das ist meine Richtung. Wer Kinder dabei hat, denen diese Route Abwechslung und Vergnügen bietet, kann ihnen ankündigen, dass sie einen Elefanten antreffen werden. Nachdem die Witikonerstrasse im Schlyfi-Rank unterquert ist, kommt das Tier in Sicht. Es ist aus Beton, steht im Schlängelbach und speit Wasser aus seinem Rüssel. 1898 liess ein Verschönerungsverein es aufstellen. Man taufte es «Dschumbo» nach dem Elefanten, der im Londoner Zoo Kinder trug.

Im spitzen Winkel zweige ich links ab und erreiche binnen kurzem das Waldrestaurant Degenried. Vor einiger Zeit nach einem Umbau wiederöffnet, kombiniert es Smoothjazz mit «alpine chic» wie weiss-rot-karierten Tischdecken und Hirschgeweihen. Ich fühle mich wohl in dem Lokal – und um die Kinderfreundlichkeit der Route zu belegen: Es gibt einen besonders feinen Coupe Dänemark.

Napoleons Kugeln stecken noch

Nach der Einkehr geht es im Wald steil aufwärts. Gegen das Wasserreservoir Looren hinauf liegt Schnee. Durch die Bäume wird der Turm auf dem Loorenkopf sichtbar, einer Erhebung des Adlisberges. Auf eigenes Risiko, wie mir eine Tafel beibringt, ersteige ich ihn. Tatsächlich sind die Holztritte glitschig. 153 Stufen, 33 Höhenmeter, dann bin ich oben. Keine Chance, Eiger, Mönch und Jungfrau zu erblicken wie an guten Tagen. Doch immerhin, da ist der bleigraue Zürichsee. Wald, Wald, Wald. Der Greifensee.

Mein nächstes Ziel heisst Witikon. Es wurde 1934 dem wachsenden Zürich einverleibt und ist heute recht verstädtert. Auf Wikipedia habe ich gelesen, dass in der Mauer der reformierten Kirche österreichische Kanonenkugeln aus der Napoleonzeit stecken. Damals kam es in und um Zürich zu zwei Schlachten zwischen den französischen Truppen, die die Revolution exportieren wollten, und Europas beharrenden Kräften um das österreichische Habsburg.

Die Show-Mühle

Der Trichtenhauser-Fussweg führt ins Schattenloch der Trichtenhauser Mühle. Kürzlich ass ich dort zum ersten Mal, ich mochte das Cordon bleu ebenso wie das Trutzambiente des Hauses. Gemüllert wird am Wehrenbach längst nicht mehr, das Wasserrad, 1984 aus dem Zürcher Oberland herbeigeschafft, ist pure Show. Kinder werden es lieben. Vorsicht: Der Mühleweiher ist abgesperrt, wirkt aber doch unheimlich.

Trichtenhausen, Truhtilhusa, ist als Name 946 erstmals dokumentiert. Im Aufstieg erobere ich mir die Moderne zurück; vorbei am weissen Turm der St. Michaelskirche gelange ich in zehn Minuten zu der Forchbahn-Station Zollikerberg. Um eine vierte Attraktion für Kinder zu nennen: der Rosengarten, in dem ich oft einkehre, weil ich um die Ecke wohne, unterhält ein Spielzimmer und einen Spielplatz – und die Pizza ist sehr gut.

Route: Zürich-Burgwies (Tram Nr. 11 ab HB) – Elefantenbachweg – Schlyfi-Unterführung – Elefant – Degenried – Loorenkopf-Turm – Witikon – Trichtenhausen – Zollikerberg Station.

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter auf-, 250 abwärts.

Charakter: Leichte Route. Bei der Besteigung des Loorenkopf-Turms muss man im Winter vorsichtig sein. Kinderfreundlich, weil abwechslungsreich.

Höhepunkte: Der Schlängelbach vor und nach der Schlyfi. Die Aussicht vom Turm. Die trutzige Trichtenhauser Mühle.

Einkehr: Degenried. In Witikon. Trichtenhauser Mühle. Rosengarten bei der Station Zollikerberg.

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Hölderlin in Hauptwil

Thomas Widmer am Freitag den 6. Januar 2012

Gegen Mittag Schnee in den Bergen. Und Regen im Flachland bei einer Temperatur von knapp über null Grad. Den DRS-Wettermann im Ohr, fuhr ich früh los. Kurz nach acht war ich bereits in Hauptwil. Das Thurgauer Dorf liegt in einer Mulde unter dem Bahnhof. Ich passierte die Bikerbar «Gruft» und den «Löwen» und erblickte zu meiner Linken ein Trutztor mit einem orientalisch anmutenden Glockentürmchen.

Durch dieses Tor zieht von Norden am 15. Januar 1801 der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin ein. Fünf Tage ist er von Stuttgart aus über die verschneiten Höhen gegangen, um in Hauptwil eine neue Stellung als Hauslehrer anzutreten. In Frankfurt hatte er dieses Amt mehr als zwei Jahre versehen. Er fing dort ein Verhältnis mit der Mutter seines Zöglings an, Susette Gontard. Als ihr Mann, ein Bankier, es herausfand, musste er gehen.

Vom Schicksal gezeichnet

Müd und seelenwund muss Hölderlin in Hauptwil angekommen sein, die Trennung von Susette Gontard hat er nicht verkraftet. Das Turmtor grenzt ans Anwesen «Oberes Schloss» der Gonzenbachs, die den Ort kontrollieren. In der Familie des einen Gonzenbach, Anton, wird Hölderlin drei Monate als Erzieher der Tochter weilen. Warum nur so kurz? Vielleicht, weil Hölderlin schon geistig zerrüttet ist. «Ich bedaure von Herzen, dass uns das Schicksal so bald wieder trennen soll», kündigt ihm Anton Gonzenbach im April.

Ich führe mir die Hölderlin-Dauerausstellung im Oberen Schloss zu. Und ich entdecke in der Nähe ein anderes Prachtshaus, an dessen Fassade eine Tafel an des Dichters Aufenthalt erinnert. Dann wird gewandert. Am Dorfrand eine Überraschung: ein langer Weiher. Im Mittelalter legten die Hauptwiler fünf Weiher zur Fischzucht an. Später nutzten die Gonzenbachs, die der strengen Stadtsanktgaller Zunftordnung entflohen waren und eine frühindustrielle Textilmanufaktur begründeten, die Weiher für ihr Gewerbe; allein die Färberei brauchte viel Wasser.

Der Dichtername leuchtet weiter

Der Weg führt mich zur Anhöhe über dem ersten Weiher, dann wieder hinab; die nächste halbe Stunde ist einsames Wandern durch Wald und am Wasser. Mit dem zweiten Weiher, dem Gwandweiher, ist ein trauriger Vorfall des letzten Sommers verbunden: Ein «Fischer» (ich erlaube mir, das Wort anzuführen) tötete versehentlich seinen Freund. Er schoss mit seinem Kleinkalibergewehr auf die Enten oder auch Blässhühner, die ihm die Köder wegschnappten, übersah den Freund im Ried, eine Kugel traf diesen.

Vor dem Weiler Wilen endet die Weiher-Passage. Derweil dunkle Wolken heranziehen, halte ich hinab zur mäandernden Sitter. Via Tobelmüli gelange ich zur Fähre Gertau, der einzigen Fähre im Thurgau, die freilich winters nicht verkehrt. Auch die Wirtschaft ist geschlossen.

Rooten, Finkenbach, das Kretendorf Häggenschwil. Im Süden riegelt der verschneite Alpstein den Horizont ab. In der «Krone» Häggenschwil, einer Dorfwirtschaft, trinke ich Kaffee und bedaure, dass es fürs Mittagessen knapp zu früh ist. Während ich dann über Lömmenschwil zur Station Häggenschwil-Winden gehe, setzt Regen ein. Zeit, nach Hause zu fahren und etwas Hölderlin zu lesen. Die Gonzenbachs verloren ihren Reichtum bald und endeten in der Bedeutungslosigkeit. Der Name des armseligen schwäbischen Dichters aber leuchtet bis heute. Und seine Susette hat er als «Diotima» verewigt.

Route: Bahnhof Hauptwil – Hauptwil Dorf – Weiherweg – Wilen – Tobelmüli – Fähre Gertau (derzeit nicht bedient) – Rooten – Finkenbach – Häggenschwil – Lömmenschwil – Station Häggenschwil-Winden.

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 200 Meter auf-, 250 abwärts.

Charakter: Leichte Route. Saisonal bedingt können Partien vereist sein; Schuhkrallen und Stöcke helfen. – Viel Wasser: zuerst die Weiher von Hauptwil, dann die mäandrierende Sitter.

Variante: Belässt man es bei der Besichtigung Hauptwils mit den Gonzenbach-Häusern und besucht den ersten Weiher, wird aus der Wanderung ein Spaziergang.

Höhepunkte: Die Pracht des Oberen Schlosses. Die Stille der fünf Weiher. Die winterliche Sitter. Der Alpsteinblick im hübschen Kretendorf Häggenschwil.

Einkehr unterwegs: In Hauptwil, Häggenschwil, Lömmenschwil (Gault-Millau-Küche in der Neuen Blumenau in Lömmenschwil; Öffnungszeiten beachten).

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Eisperlen, scharfes Curry und ein Kristallschatz

Thomas Widmer am Freitag den 30. Dezember 2011

Jene Winterwanderungen sind die schönsten, die im Nebel beginnen – und dann zeigt sich auf einen Schlag die Sonne. Mit ihrem Licht schiesst die Freude ins Hirn und Gemüt, wild und rauschhaft. Oben auf der Bütschelegg, vor einem Jahr, wurde uns das genauso zuteil. Die Bütschelegg, 1055 Meter hoch, ist ein beliebter Ausflugspunkt zwölf Kilometer südlich von Bern. Man geht das ganze Jahr hinauf, muss im Winter allerdings manchmal kräftig stapfen. Liegt viel Schnee, empfehlen sich Schneeschuhe.

Als wir unterwegs waren, war das nicht nötig. Wir starteten in Toffen, im grauen Dunst. Steil das erste Stück durch den Wald. Nah Oberfeld reckte sich vor einem Bauernhof ein geschnitzter Bär zu Lebensgrösse empor. Liliane, stets zu Allotria aufgelegt, stellte sich vor den Bären, dessen Tatzen nun auf ihren Schultern ruhten. Sie verdrehte die Augen. Es sah aus, als werde sie von einem Grizzly angefallen.

Scharfe Currys an der Sonne

Vor der Bütschelegg geschah das Wunder, die Sonne kam und verzauberte Natur und Mensch: Eisperlen an jedem Zweig, der Schnee ein Kristallschatz, wir Wanderer im purlauteren Glück. Als wir dann oben waren, kehrten wir ein – und nun fällt mir ein, wie ich Monate danach in Signau in einer Wirtschaft zwei ältere Dörfler belauschte. Sie sprachen über die Bütschelegg. Der eine sagte: «Dert obe wirtet e Tamiu.» Der andere nach dreissig Sekunden: «Iu.» Und wieder sein Gegenüber, nach dreissig Sekunden: «Är machts gwüss rächt.» Wer die Emmentaler Seele kennt, weiss: Das ist ein Riesenkompliment.

In der Tat wirtet der Tamile Thekalolibawan Seevaratnam gut. Man bekommt bei ihm die üblichen Schweizer Gerichte, aber auch Currys. Meines, mit Poulet, war schön scharf. Hernach der Wanderung deutlich längerer zweiter Teil, den ich mit einer Warnung verbinden muss: Wenn man auf dem höchsten Punkt der Bütschelegg das Panorama genossen hat, kann man durchaus wie wir exakt Richtung Westen weiterziehen. Aber der kurze Abstieg durch das Wäldchen zum Weiler Liental ist brutal steil. Und er war vereist. Schlauer ist es, zurück zur Wirtschaft zu gehen und auf der signalisierten Wanderroute die Gefahr nordwärts zu umwandern.

Eine 900 Jahre alte Kirche

Nun deutete sich in den Hügelkuppen und tiefen Gräben bereits das nahe Schwarzenburgerland an. In einen solchen Graben stiegen wir ab, und auch das ist gewieften Wanderern vorbehalten: Unten am Bütschel-Bach ist winters alles glitschig und heikel. Wir meisterten die Passage, stiegen wieder auf und langten bei einer zweiten rustikalen Wirtschaft an: der von Borisried. Mit ihr unterhalte ich sozusagen eine lebenslange Beziehung und kehre immer wieder gern zu ihr zurück.

Später, bei Schneitershus, trafen wir bei dem einen Hof einen Bauern dabei an, wie er Schwartenwürste, paarweise an einer langen Stange aufgehängt, über den Hof trug; zum Räuchern, nehme ich an. Am Wander-Ende dann eine letzte Überraschung: die Kirche von Oberbalm, die in einigen Originalteilen gegen 900 Jahre alt ist. Hier siedelte einst der Eremit Sulpitius. Seine Gebeine zogen derart viele Menschen an, dass ein bedeutender Wallfahrtsverkehr entstand.

Nachdem auch dies erzählt ist, bleibt mir hier zum Schluss nur noch eines: den Lesern und Leserinnen der Kolumne ein gutes neues Jahr zu wünschen. Auf viele weitere Routen so schön wie diese!

Route: Toffen, Station – Oberfeld – Bütschelegg – Bungerten – Bütschel-Bach – Nussbaum – Borisried – Schneitershus – Oberbalm.

Gehzeit: Fünf Stunden.

Höhendifferenz: 850 Meter auf-, 600 abwärts.

Charakter: Weit, anstrengend. Bei viel Schnee braucht man Schneeschuhe. Unten am Bütschelbach kann der Weg vereist sein. Schuhkrallen und Stöcke helfen.

Variante: Auf die Bütschelegg und dann hinab zum Bus in Niedermuhlern dauert total 3 Stunden; diese Route ist einfacher.

Höhepunkte: Berner Höfe, Berner Bauernherrlichkeit. Der Rundblick von der Bütschelegg und im Kontrast dazu der Hades unten am Bütschelbach. Die Berner Alpen am Horizont. Die alte Kirche von Oberbalm.

Einkehr unterwegs: «Bütschelegg» (www.buetschelegg.ch) und «Borisried» (www.restaurant-borisried.ch) sind beide über den Jahreswechsel offen.

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