Leben


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Ich schaffte es nicht bis Babental

Thomas Widmer am Freitag den 10. Februar 2012

Zur Wanderung von Bargen nach Beggingen muss ich zwei Dinge vorausschicken. Erstens wollte ich eigentlich doppelt so lang wandern und via Babental nach Schleitheim weiterziehen. Und zweitens sei betont, dass auch die zweistündige Kurzroute schön ist und sich unbedingt lohnt. Auch wenn an meinem Tag einiges schief lief.

Zwei Tage vor Weihnachten fuhr ich nach Bargen. In diesem nördlichsten Dorf der Schweiz stieg ich nicht, nein: Ich gumpte aus dem Bus. Vielleicht benahm ich mich so juvenil, weil Wandern in dem verhügelten Grenzland etwas Bubenabenteuerhaftes, Schmugglerisches hat. Meine alte Diskushernie allerdings quittierte den Sprung mit einem üblen Stich.

Die erhoffte Romantik bleibt aus

Im Bus-Unterstand erholte ich mich. Dann zog ich los durchs Dorf mit Asterixgepräge, zu dem ein Misthaufen an bester Lage ebenso gehörte wie eine liebevoll bestückte Weihnachtskrippe. Bald war ich im Mülital, in dem man langlaufen kann. Es schnee-regnete. Grauer Pflotsch lag zentimeterhoch auf dem Weg. Ich hatte bereits nasse Füsse.

Die Iblenquelle hatte ich mir romantischer vorgestellt, irgendwie im Umfeld der Artussage positioniert, mit einer Jungfrau samt Einhorn. Stattdessen gab es eine neuzeitliche Grillstelle, und das Wasser war in einer Röhre gefasst.

Mit Schanzen gegen Schweden

Nun schneite es fette Flocken. Die frischen Fussstapfen vor mir fand ich unheimlich. War das Yeti? Ein Serienkiller? Oder gar das wildeste aller Menschentiere, ein Wanderer? Keine Ahnung!

Ein paar Mal musste ich im Aufstieg über umgekippte Bäume klettern. Beim Wegweiser «Hoher Randen 890 m» war eine «Schwedenschanze» vermerkt, so heisst offenbar die nahe Waldkuppe. «Schwedenschanzen» gibt es vielerorts in Europa. Sie entstanden in der Prähistorie als natürliche Befestigungen und Rückzugsorte in der Höhe. Der Name selber wurde wohl erst im Dreissigjährigen Krieg 1618 bis 1648 kreiert, als die Schweden Mitteleuropa unsicher machten und die alten Schanzen Zuflucht boten. Oder aber die Nachwelt vermeinte noch später, die Schanzen seien zur Abwehr der Schweden gebaut worden, und taufte sie entsprechend.

Der Teufelshund von Beggingen

Ich stieg im Steilwald ab. Die Steine unter dem Schnee waren glitschig. Ich stürzte dreimal, tat mir wundersamerweise nicht weh, hatte aber Schnee in allen Taschen und Schlitzen meiner Hi-Vent-Outdoor-Jacke. Nach dem Stiegenbrünneli kam ich aus dem Wald und sah den ersten Hof. Am Rand von Beggingen dann das «Mördergärtli»: Ein Stein gedenkt des Massakers von 1633 in besagtem Dreissigjährigem Krieg, als viele Verteidiger des Dorfes im Kampf gegen eine fremde Soldateska umkamen.

Von Beggingen wollte ich via Strickhof zur Alp Babental aufsteigen. Dort gibt es ein Restaurant; vor allem aber handelt es sich um die einzige Schaffhauser Alp. Dank der Tieflage von 600 Metern kann das Vieh doppelt so lang sömmern wie im Gebirge. Leider erwischte ich den falschen Wanderabzweiger. Ich realisierte das nach der Hohlen Gasse, einer Strassenklus am Dorfausgang von Beggingen. In dem Moment attackierte mich vom nahen Haus her eine Bestie von Hund. In Notwehr streckte ich ihr meinen Schirm hin, in den sie mehrmals schnappte. Ich floh, retour ins Dorf. Dort stand ein Bus, ich stieg ein, fuhr heim. Trotzdem sei es noch einmal betont: Erwischt man nicht das mieseste Wetter aller Zeiten und meidet Beggingens bösen Hund, ist das eine tolle Route.

Route: Bargen Dorf (Bus ab Bahnhof Schaffhausen) – Mülital – Iblenquelle – Hoher Randen 877 m – Hoher Randen 890 m – Schwedenschanze – Stiegenbrünneli – Beggingen.

Gehzeit: 2 Stunden.

Höhendifferenz: 300 Meter aufwärts, 350 abwärts.

Charakter: Allerhöchstens mittelstrenge Route. Einsamer Wald. Relativ steiler Abstieg nach dem Hohen Randen, vorsichtig gehen!

Höhepunkte: Das abseitige Bargen weckt Asterixerinnerungen. Das Mülital ist ein Idyll. Der stille Winterwald auf dem Hohen Randen.

Hund: Keine Leitern, keine Gitterroste; für Hunde geeignet.

Einkehr: Am Anfang und am Schluss.

Verlängerung: Von Beggingen gibt es viele Fortsetzungen. Zum Beispiel zur Alp Babental und hinab nach Schleitheim.

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Erleuchtung im Prättigau

Thomas Widmer am Freitag den 3. Februar 2012

Früh oder nicht früh, das ist hier die Frage. Ich entscheide mich für früh, gehe um 5 Uhr 55 aus dem Haus und bin kurz vor neun schon in St. Antönien. Kurzweilig die Busfahrt von Küblis hinauf ins Dorf, das mit dem Slogan «Hinter dem Mond, links» für sich wirbt: Eine Schar Erstklässler oder so ist mit der Lehrerin unterwegs zum Skilift. Bei der einen Haltstelle stösst ein Bub dazu. «Morgä, Jamie», krähen die Kinder im Chor.

In «St. Antönien Platz» steige ich aus, belämmert von den Kindern und vom Tiefblick ins Schanielatobel. «Platz» klingt als Ortsbezeichnung immer ein wenig verwirrlich. Es ist typisch für die Walser, jene alpinen Siedlungspioniere des Mittelalters, die auch St. Antönien begründeten. Sie pflegten den Kern ihrer Orte «Platz» zu nennen: Davos-Platz, Safien-Platz usw.

Bäuchlings wie ein Curlingstein

Im Tourismusbüro erkundige ich mich, wo der Winterwanderweg nach Pany anfängt. Der Mann hinter dem Schalter erklärt es mir. Und ich stelle wieder einmal fest, wie freundlich die Leute dieses Prättigauer Seitentals sind. Das kleine und feine St. Antönien, um die kleine und feine Kirche von 1493 gruppiert, hat sich einen Rest prä-touristischer Unschuld bewahrt.

Aufwärts am Volgladen vorbei aus dem Dorf und nach der Schule das Strässchen links den Hang hinauf Richtung Aschüel, das ist der Trick. Derweil ich Höhe gewinne, fährt ab und zu ein Subaru vorbei. Bei einem Bauernhof ist die Strasse plötzlich glatt wie eine Eisbahn. Ich beginne rückwärts zu rutschen, gehe gemächlich in die Knie, beuge mich nach vorn, dann falle ich auf die Hände und rutsche bäuchlings vier, fünf Meter talwärts wie ein Curlingstein. Gut, hat es niemand gesehen.

In einem Tunnel unterquert die Strasse die Skipiste, dann kommt ein Abzweiger mit Sommerwegweisern, ich gehe links, Richtung Pany. Die folgende lange Passage bis zum Chrüzhof ist das Filetstück meiner Route: Unter dem Kreuz, auch «Rigi des Prättigaus» geheissen, steige ich zuerst durch stillen Wald aufwärts. Dann kommt im freien Gelände ums Capöllerbüel die Weitsicht. Ich habe im Rücken die Felsmauer der Drusenfluh, vor mir aber zur Linken die Berge um Klosters und Davos und geradeaus die Hochwangkette. Die Schönheit des Szenarios raubt mir den Atem.

Die Meerestiere von Pany

Die Sonne wärmt mich jetzt, nachdem ich zuvor fror, weil ich in der Morgenkälte gestartet war. Die Bodenhütte finde ich weiter unten leider geschlossen vor. Die fehlende Viertelstunde bis elf Uhr warten mag ich nicht, obwohl der Hüttenweiler seine Poesie hat mit den dick wattierten Dächern und dem sonnengeschwärzten Holz. Ich nehme mir vor, in Pany zu essen.

Nach dem Chrüzhof, einem Bauernhof mit Wirtschaft, wird zur Skilift-Talstation hinab alles gewöhnlich, die letzte Viertelstunde gehe ich auf der Strasse. In Pany nehme ich bei «Don Antonio» die empfohlenen Spaghetti allo scoglio mit Muscheln, Tintenfischchen, Crevetten. Sie munden. Hernach, als ich vollen Bauches wieder auf die Strasse trete, kost mich die Sonne, dass ich nicht schon heimreisen mag. Ich wandere, schlittere, rutsche auf dem Sommerwanderweg über gefrorene Fusssstapfen noch ein Dorf tiefer.

In Luzein formuliere ich, berauscht vom gleissenden Licht, die Bilanz der Wanderung in einem Satz, der da lautet: Im Prättigau ward mir die Erleuchtung zuteil.

Route: St. Antönien-Platz – Abzweiger Aschüel – Aschüel – Capöllerbüel – Bodenhütte – Chrüzhof – Skilift Pany, Talstation – Pany – Sommerwanderweg – Luzein, Alte Post (Bus).

Gehzeit: 2 ½ bis 3 Stunden bis Pany. Zusätzlich 30 Minuten für das Stück Pany – Luzein.

Höhendifferenz: 350 Meter auf-, 800 abwärts für die ganze Strecke St. Antönien – Luzein.

Charakter: Nach St. Antönien und vor Pany Strässchen, zum Teil vereist oder schneebedeckt, zum Teil aper. Im Mittelteil gewalzte breite Piste durch den Schnee. Mittlere Anstrengung. Gewaltige Aussicht.

Höhepunkte: St. Antönien, seine kleine, feine Kirche, der Kirchfriedhof. Und der perfekte Winterwanderweg ums Capöllerbüel mit den Bergen rundum.

Tipp: Der Weg ist vielbegangen. Am besten unter der Woche oder früh!

Auskunft/Prospekt: www.st-antoenien.ch, dann «Tourismus». Es gibt in der Gegend weitere schöne Pfade.

Einkehr: St. Antönien, Bodenhütte, Chrüzhof (www.chruezhof-pany.ch), Pany, Luzein.

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Den Neoliberalismus kann man erwandern!

Thomas Widmer am Freitag den 27. Januar 2012


Letzten Februar war eines Samstags das Wetter so schön, dass ich meine Halbgrippe mit zwei Panadol unterdrückte und losfuhr. Mit dem Mont Pèlerin über Vevey hatte ich mir ein leichtes Ziel erwählt. Bei der Einfahrt in Bern musste ich lachen. Der Zugbegleiter gab per Lautsprecher die Anschlüsse launig so durch: «Wenn Sie sich nach Interlaken begeben möchten, empfehle ich Gleis fünf.»

In Palézieux wechselte ich auf das Zuckelbähnchen nach Montbovon, stieg nach zwei Minuten Fahrt wieder aus bei der Station Granges. Sie liegt abseits des zugehörigen Dorfes, das ich westlich auf dem Ausläufer des Mont Chesau sah. Einen Wanderweg zum Dorf gab es nicht; kein Problem, ich ging kurz auf dem Strässchen retour, bog links ab, gelangte auf Feldwegen hinüber. Auf der Route de Palézieux zog ich durch den Ort leicht aufwärts bis zur Auberge de la Croix-Blanche. Hier fand ich meinen Wanderweg zum Chesau und Pèlerin.

Ein unspektakulärer Berg

Der Weg führte über Weiden, dann durch den Wald. Schnee hatte es praktisch keinen, doch traf ich auf Schneeschuh-Trail-Schilder in pink. Nun bereits nicht mehr im Kanton Freiburg, sondern im Waadtland marschierend, kam ich auf einer Anhöhe zu einer Verzweigung und erreichte daraufhin den höchsten Punkt des Chesau. Toll die Sicht auf die Berge zu meiner Linken: Dent de Jaman und Dent de Lys, der Teysachaux und der Freiburger Nationalklotz Moléson.

Hernach ein kleiner Sattel mit einer – geschlossenen – Buvette, und wieder ging es aufwärts. Der Pèlerin, 1080 Meter über Meer, ist ein Berg ohne spektakulären Gipfel, Wald bedeckt seinen Rücken. So wusste ich die längste Zeit nicht, wo genau der 122 Meter hohe Fernsehturm war, den ich schon von Palézieux aus registriert hatte. Als ich bei ihm anlangte, war ich enttäuscht: Auf 65 Metern gibt es eine öffentliche Aussichtsplattform, doch sie ist winters nicht zugänglich. Allein stand ich im Wald vor einer Anlage, die scheinbar ohne Menschen auskommt, die durch einen Gitterzaun geschützt ist, die mysteriös summt. Das erinnerte mich an Romanszenen von Jules Verne und H.G. Wells.

Die Vordenker der freien Marktwirtschaft

Nun trat ich die letzte Etappe der Wanderung an: hinab zur Standseilbahn, die von Vevey aus die Bergflanke erschliesst. Das kurze Wegstück vor dem Luxushotel «Mirador Kempinski», das mit seinem Seeblick protzt, erwies sich als schwierig: Metallstufen, glücklicherweise nicht vereist, führen durch den steilen Hang. Im Restaurant «Le Chalet» bei der Standseilbahn nahm ich einen Kaffee; Hunger hatte ich keinen, obwohl fantastisch aussah, was in dem rustikalen Lokal aufgetragen wurde. Ich tat zum Kaffee, was ich oft tue: Ich las per iPhone im Internet nach, wo ich durchgekommen war. Insbesondere interessierte mich die Mont Pèlerin Society.

1947 versammelten sich über dem Genfersee auf Einladung des Wirtschafts-Theoretikers Friedrich August von Hayek Ökonomen, Philosophen, Schriftsteller: Leute wie Karl Popper, Wilhelm Röpke, Milton Friedman, Ludwig von Mises. Ihr Anliegen war es, dass nach dem Ende des Krieges mit der politischen auch eine marktwirtschaftliche Freiheit eintreten würde. Besonderen Einfluss erlangten sie auf den Kanzler des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. Auf dem Mont Pèlerin wurde neuzeitliche Geschichte geschrieben und der Neoliberalismus lanciert.

Route: Granges (Veveyse), Station – Granges, Dorf – Mont Chesau – Mont Pèlerin – Funiculaire Mont Pèlerin, Bergstation (Vevey).

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter aufwärts, 350 abwärts.

Charakter: Mittelstrenge Route. Das letzte Stück vor dem Luxushotel Mirador Kempinski ist steil und mit Treppen gesichert, bei Vereisung Vorsicht! Wenn viel Schnee liegt, braucht man Schneeschuhe.

Höhepunkte: Der Blick vom Chesau zu den Waadtländer und Freiburger Alpen. Der gewaltige Pèlerin-Turm. Der Blick auf den Genfersee von der Bergstation des Funiculaire über Vevey.

Einkehr: Nur im Dorf Granges. Die Chesau-Buvette ist im Winter geschlossen.

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Mediterrane Träume

Thomas Widmer am Freitag den 20. Januar 2012


Unsere Jahreszeiten folgen weniger aufeinander, als sich zu bedrängen und zu überlappen, so dass jede gleichzeitig ihr Gegenteil enthält. So war es letzte Woche, als ich am späten Vormittag nach Zug fuhr: Der Winter war auch ein Frühling. In Zug nahm ich den hinteren Bahnhofs-Ausgang, ging auf der Gubelstrasse westwärts, bog links ab in die Aabachstrasse – und schon war ich am Mittelmeer. So generös beschien die Sonne den See und blendete mich, dass ich wähnte, auf der Südseite der Alpen zu sein, in San Remo oder Livorno. Einzig Rigi und Pilatus am Horizont markierten die Realität.

Ich ging nun Richtung Cham, vorbei an vertäuten Passagierschiffen, dann Jachtbooten. Danach lenkte mich der Wanderweg für ein paar Minuten weg vom See. Dafür schenkte er mir die Schutzengelkapelle. Endlich weiss ich, weswegen die nahe S-Bahn-Station heisst, wie sie heisst: «Zug Schutzengel». Die namensgebende Kapelle stammt aus dem Jahre 1804 und ersetzte eine viel ältere Vorgängerin.

Fürs Nacktbaden zu kalt

Es kam das Strandband. Es kam das Gebiet Brüggli. Es kam ein Stück Strand, das laut Schild Nacktbadern vorbehalten ist. Für Nudismus war es aber doch zu kalt. Ich genoss die Landschaft, das Gehen, die Weite – ich atmete durch. Immer wieder mal schoss zur Rechten ein Zug vorbei. Dann die Nadel des Kirchturms von Cham. Grandios fand ich Chams Uferabschnitt «Villette» mit Gruppen hoher Bäume, Brücklein, Enten. Der Zürcher Bankier und Handelsunternehmer Heinrich Schulthess-von Meiss kaufte 1863 das Areal südlich der Bahngeleise. Er liess sich einen Palast im Neurenaissance-Stil bauen, verbrachte im «Villettchen», wie er die Prachtsvilla nannte, mit seiner Gattin den Sommer, lustwandelte durch seinen Park.

Hernach musste ich endgültig weg vom See, ich wanderte fortan auf Hartbelag; offenbar war dies die alte Landstrasse von Cham nach Buonas. Indem ich die Augen zukniff, konnte ich mir die Kutschenpassagiere vorstellen, durch die sanft gewellte Landschaft rollend, die Wasserfläche mit den Augen überstreichend, den Zugerberg und Rossberg musternd, dem Bäuerlein auf dem Felde gnädig zunickend.

So tun, als sei schon Frühling

Ein Anwesen machte mich neugierig, das durch Hecken und Mauern abgeschirmt war. Grosser Reichtum steht auch hinter dieser Anlage: Erwin Hürlimann, Generaldirektor und Verwaltungsratspräsident der Schweizer Rückversicherungsanstalt, liess ab 1929 hier bauen. Er spannte englische Stararchitekten ein, wohl auch, um seiner Gattin Eleanor, geborene Ridge, zu gefallen – eine Engländerin. In Hürlimanns Pförtnerhaus würde ich mit Freuden wohnen, dachte ich.

Buonas ist oberhalb der Durchgangsstrasse Küssnacht-Cham dominiert von modernen Wohnungen gehobenen Stils. Unterhalb duckt sich zum Wasser hin der alte Weiler in den Hang. Zwei Attraktionen hielt er mir bereit: zum einen die Kapelle St. German, die leider verschlossen war. Und zum anderen das Gasthaus zum Wildenmann, eine Stätte der gehobenen Kochkunst; ich nahm allerdings, da die Esszeit fast vorbei war, mit einem Kaffee vorlieb.

Bei der Bushaltstelle an der Strasse hätte ich die Wanderung beschliessen können. Doch eben, das Wetter, das Licht, die Sonne! Ich tippelte auf Asphalt dreissig Minuten weiter, zum Bahnhof Rotkreuz. Unterwegs fragte ich mich, ob ich nicht den Rest des Winters ignorieren soll – und so tun, als sei schon Frühling.

Route: Bahnhof Zug – Hafen – Schutzengel – Brüggli-Gebiet – Cham Alpenblick – Cham – Dersbach – Buonas – Bahnhof Rotkreuz.

Gehzeit: 3 Stunden. Wenn man in Buonas aufhört, eine halbe Stunde weniger.

Höhendifferenz: praktisch keine.

Charakter: Im ersten Teil Kies, Erde, Waldboden, Asphalt im Wechsel, im zweiten ab Cham Hartbelag. Die Strecke eignet sich für den Kinderwagen. Leicht, bis Cham zu einem guten Teil am See. Ab Cham in Sichtdistanz zum See. Viel Aussicht auf die Berge der Innerschweiz und den Zugersee.

Höhepunkte: Mediterrane Stimmung am Zugersee. Die Chamer Villette, einer der schönsten Flanierorte der Schweiz. Der Blick von Buonas auf den See.

Einkehr: Zug, Cham, Buonas. Teuer, aber sehr gute Küche: Wildenmann in Bunoas (www.wildenmann-buonas.ch). Ruhetage So/Mo. Ab 29. Januar drei Wochen Betriebsferien.

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Die Kinderüberraschungen

Thomas Widmer am Freitag den 13. Januar 2012

Es ist der erste Wintertag mit etwas Schnee, doch vorerst dominieren durch den Wald zur Degenried noch grün und braun. Gestartet bin ich bei der Haltstelle Burgwies des 11er-Trams – und übrigens geht es in dieser Kolumne um eine Wanderung, die grossteils auf Stadtzürcher Boden verläuft.

Im alten Burgwies-Depot ist heute ein Trammuseum untergebracht. Es muss eine tolle Show gewesen sein, als im Mai 2007 das Lisbethli, der Pedaler, das Kurbeli und andere alte Fahrzeuge am Limmatquai paradierten, um schliesslich diesen Ort anzusteuern.

«Dschumbo» speit sogar Wasser

«Elefantenbach» steht auf dem Wanderwegweiser: Das ist meine Richtung. Wer Kinder dabei hat, denen diese Route Abwechslung und Vergnügen bietet, kann ihnen ankündigen, dass sie einen Elefanten antreffen werden. Nachdem die Witikonerstrasse im Schlyfi-Rank unterquert ist, kommt das Tier in Sicht. Es ist aus Beton, steht im Schlängelbach und speit Wasser aus seinem Rüssel. 1898 liess ein Verschönerungsverein es aufstellen. Man taufte es «Dschumbo» nach dem Elefanten, der im Londoner Zoo Kinder trug.

Im spitzen Winkel zweige ich links ab und erreiche binnen kurzem das Waldrestaurant Degenried. Vor einiger Zeit nach einem Umbau wiederöffnet, kombiniert es Smoothjazz mit «alpine chic» wie weiss-rot-karierten Tischdecken und Hirschgeweihen. Ich fühle mich wohl in dem Lokal – und um die Kinderfreundlichkeit der Route zu belegen: Es gibt einen besonders feinen Coupe Dänemark.

Napoleons Kugeln stecken noch

Nach der Einkehr geht es im Wald steil aufwärts. Gegen das Wasserreservoir Looren hinauf liegt Schnee. Durch die Bäume wird der Turm auf dem Loorenkopf sichtbar, einer Erhebung des Adlisberges. Auf eigenes Risiko, wie mir eine Tafel beibringt, ersteige ich ihn. Tatsächlich sind die Holztritte glitschig. 153 Stufen, 33 Höhenmeter, dann bin ich oben. Keine Chance, Eiger, Mönch und Jungfrau zu erblicken wie an guten Tagen. Doch immerhin, da ist der bleigraue Zürichsee. Wald, Wald, Wald. Der Greifensee.

Mein nächstes Ziel heisst Witikon. Es wurde 1934 dem wachsenden Zürich einverleibt und ist heute recht verstädtert. Auf Wikipedia habe ich gelesen, dass in der Mauer der reformierten Kirche österreichische Kanonenkugeln aus der Napoleonzeit stecken. Damals kam es in und um Zürich zu zwei Schlachten zwischen den französischen Truppen, die die Revolution exportieren wollten, und Europas beharrenden Kräften um das österreichische Habsburg.

Die Show-Mühle

Der Trichtenhauser-Fussweg führt ins Schattenloch der Trichtenhauser Mühle. Kürzlich ass ich dort zum ersten Mal, ich mochte das Cordon bleu ebenso wie das Trutzambiente des Hauses. Gemüllert wird am Wehrenbach längst nicht mehr, das Wasserrad, 1984 aus dem Zürcher Oberland herbeigeschafft, ist pure Show. Kinder werden es lieben. Vorsicht: Der Mühleweiher ist abgesperrt, wirkt aber doch unheimlich.

Trichtenhausen, Truhtilhusa, ist als Name 946 erstmals dokumentiert. Im Aufstieg erobere ich mir die Moderne zurück; vorbei am weissen Turm der St. Michaelskirche gelange ich in zehn Minuten zu der Forchbahn-Station Zollikerberg. Um eine vierte Attraktion für Kinder zu nennen: der Rosengarten, in dem ich oft einkehre, weil ich um die Ecke wohne, unterhält ein Spielzimmer und einen Spielplatz – und die Pizza ist sehr gut.

Route: Zürich-Burgwies (Tram Nr. 11 ab HB) – Elefantenbachweg – Schlyfi-Unterführung – Elefant – Degenried – Loorenkopf-Turm – Witikon – Trichtenhausen – Zollikerberg Station.

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 450 Meter auf-, 250 abwärts.

Charakter: Leichte Route. Bei der Besteigung des Loorenkopf-Turms muss man im Winter vorsichtig sein. Kinderfreundlich, weil abwechslungsreich.

Höhepunkte: Der Schlängelbach vor und nach der Schlyfi. Die Aussicht vom Turm. Die trutzige Trichtenhauser Mühle.

Einkehr: Degenried. In Witikon. Trichtenhauser Mühle. Rosengarten bei der Station Zollikerberg.

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Hölderlin in Hauptwil

Thomas Widmer am Freitag den 6. Januar 2012

Gegen Mittag Schnee in den Bergen. Und Regen im Flachland bei einer Temperatur von knapp über null Grad. Den DRS-Wettermann im Ohr, fuhr ich früh los. Kurz nach acht war ich bereits in Hauptwil. Das Thurgauer Dorf liegt in einer Mulde unter dem Bahnhof. Ich passierte die Bikerbar «Gruft» und den «Löwen» und erblickte zu meiner Linken ein Trutztor mit einem orientalisch anmutenden Glockentürmchen.

Durch dieses Tor zieht von Norden am 15. Januar 1801 der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin ein. Fünf Tage ist er von Stuttgart aus über die verschneiten Höhen gegangen, um in Hauptwil eine neue Stellung als Hauslehrer anzutreten. In Frankfurt hatte er dieses Amt mehr als zwei Jahre versehen. Er fing dort ein Verhältnis mit der Mutter seines Zöglings an, Susette Gontard. Als ihr Mann, ein Bankier, es herausfand, musste er gehen.

Vom Schicksal gezeichnet

Müd und seelenwund muss Hölderlin in Hauptwil angekommen sein, die Trennung von Susette Gontard hat er nicht verkraftet. Das Turmtor grenzt ans Anwesen «Oberes Schloss» der Gonzenbachs, die den Ort kontrollieren. In der Familie des einen Gonzenbach, Anton, wird Hölderlin drei Monate als Erzieher der Tochter weilen. Warum nur so kurz? Vielleicht, weil Hölderlin schon geistig zerrüttet ist. «Ich bedaure von Herzen, dass uns das Schicksal so bald wieder trennen soll», kündigt ihm Anton Gonzenbach im April.

Ich führe mir die Hölderlin-Dauerausstellung im Oberen Schloss zu. Und ich entdecke in der Nähe ein anderes Prachtshaus, an dessen Fassade eine Tafel an des Dichters Aufenthalt erinnert. Dann wird gewandert. Am Dorfrand eine Überraschung: ein langer Weiher. Im Mittelalter legten die Hauptwiler fünf Weiher zur Fischzucht an. Später nutzten die Gonzenbachs, die der strengen Stadtsanktgaller Zunftordnung entflohen waren und eine frühindustrielle Textilmanufaktur begründeten, die Weiher für ihr Gewerbe; allein die Färberei brauchte viel Wasser.

Der Dichtername leuchtet weiter

Der Weg führt mich zur Anhöhe über dem ersten Weiher, dann wieder hinab; die nächste halbe Stunde ist einsames Wandern durch Wald und am Wasser. Mit dem zweiten Weiher, dem Gwandweiher, ist ein trauriger Vorfall des letzten Sommers verbunden: Ein «Fischer» (ich erlaube mir, das Wort anzuführen) tötete versehentlich seinen Freund. Er schoss mit seinem Kleinkalibergewehr auf die Enten oder auch Blässhühner, die ihm die Köder wegschnappten, übersah den Freund im Ried, eine Kugel traf diesen.

Vor dem Weiler Wilen endet die Weiher-Passage. Derweil dunkle Wolken heranziehen, halte ich hinab zur mäandernden Sitter. Via Tobelmüli gelange ich zur Fähre Gertau, der einzigen Fähre im Thurgau, die freilich winters nicht verkehrt. Auch die Wirtschaft ist geschlossen.

Rooten, Finkenbach, das Kretendorf Häggenschwil. Im Süden riegelt der verschneite Alpstein den Horizont ab. In der «Krone» Häggenschwil, einer Dorfwirtschaft, trinke ich Kaffee und bedaure, dass es fürs Mittagessen knapp zu früh ist. Während ich dann über Lömmenschwil zur Station Häggenschwil-Winden gehe, setzt Regen ein. Zeit, nach Hause zu fahren und etwas Hölderlin zu lesen. Die Gonzenbachs verloren ihren Reichtum bald und endeten in der Bedeutungslosigkeit. Der Name des armseligen schwäbischen Dichters aber leuchtet bis heute. Und seine Susette hat er als «Diotima» verewigt.

Route: Bahnhof Hauptwil – Hauptwil Dorf – Weiherweg – Wilen – Tobelmüli – Fähre Gertau (derzeit nicht bedient) – Rooten – Finkenbach – Häggenschwil – Lömmenschwil – Station Häggenschwil-Winden.

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 200 Meter auf-, 250 abwärts.

Charakter: Leichte Route. Saisonal bedingt können Partien vereist sein; Schuhkrallen und Stöcke helfen. – Viel Wasser: zuerst die Weiher von Hauptwil, dann die mäandrierende Sitter.

Variante: Belässt man es bei der Besichtigung Hauptwils mit den Gonzenbach-Häusern und besucht den ersten Weiher, wird aus der Wanderung ein Spaziergang.

Höhepunkte: Die Pracht des Oberen Schlosses. Die Stille der fünf Weiher. Die winterliche Sitter. Der Alpsteinblick im hübschen Kretendorf Häggenschwil.

Einkehr unterwegs: In Hauptwil, Häggenschwil, Lömmenschwil (Gault-Millau-Küche in der Neuen Blumenau in Lömmenschwil; Öffnungszeiten beachten).

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Eisperlen, scharfes Curry und ein Kristallschatz

Thomas Widmer am Freitag den 30. Dezember 2011

Jene Winterwanderungen sind die schönsten, die im Nebel beginnen – und dann zeigt sich auf einen Schlag die Sonne. Mit ihrem Licht schiesst die Freude ins Hirn und Gemüt, wild und rauschhaft. Oben auf der Bütschelegg, vor einem Jahr, wurde uns das genauso zuteil. Die Bütschelegg, 1055 Meter hoch, ist ein beliebter Ausflugspunkt zwölf Kilometer südlich von Bern. Man geht das ganze Jahr hinauf, muss im Winter allerdings manchmal kräftig stapfen. Liegt viel Schnee, empfehlen sich Schneeschuhe.

Als wir unterwegs waren, war das nicht nötig. Wir starteten in Toffen, im grauen Dunst. Steil das erste Stück durch den Wald. Nah Oberfeld reckte sich vor einem Bauernhof ein geschnitzter Bär zu Lebensgrösse empor. Liliane, stets zu Allotria aufgelegt, stellte sich vor den Bären, dessen Tatzen nun auf ihren Schultern ruhten. Sie verdrehte die Augen. Es sah aus, als werde sie von einem Grizzly angefallen.

Scharfe Currys an der Sonne

Vor der Bütschelegg geschah das Wunder, die Sonne kam und verzauberte Natur und Mensch: Eisperlen an jedem Zweig, der Schnee ein Kristallschatz, wir Wanderer im purlauteren Glück. Als wir dann oben waren, kehrten wir ein – und nun fällt mir ein, wie ich Monate danach in Signau in einer Wirtschaft zwei ältere Dörfler belauschte. Sie sprachen über die Bütschelegg. Der eine sagte: «Dert obe wirtet e Tamiu.» Der andere nach dreissig Sekunden: «Iu.» Und wieder sein Gegenüber, nach dreissig Sekunden: «Är machts gwüss rächt.» Wer die Emmentaler Seele kennt, weiss: Das ist ein Riesenkompliment.

In der Tat wirtet der Tamile Thekalolibawan Seevaratnam gut. Man bekommt bei ihm die üblichen Schweizer Gerichte, aber auch Currys. Meines, mit Poulet, war schön scharf. Hernach der Wanderung deutlich längerer zweiter Teil, den ich mit einer Warnung verbinden muss: Wenn man auf dem höchsten Punkt der Bütschelegg das Panorama genossen hat, kann man durchaus wie wir exakt Richtung Westen weiterziehen. Aber der kurze Abstieg durch das Wäldchen zum Weiler Liental ist brutal steil. Und er war vereist. Schlauer ist es, zurück zur Wirtschaft zu gehen und auf der signalisierten Wanderroute die Gefahr nordwärts zu umwandern.

Eine 900 Jahre alte Kirche

Nun deutete sich in den Hügelkuppen und tiefen Gräben bereits das nahe Schwarzenburgerland an. In einen solchen Graben stiegen wir ab, und auch das ist gewieften Wanderern vorbehalten: Unten am Bütschel-Bach ist winters alles glitschig und heikel. Wir meisterten die Passage, stiegen wieder auf und langten bei einer zweiten rustikalen Wirtschaft an: der von Borisried. Mit ihr unterhalte ich sozusagen eine lebenslange Beziehung und kehre immer wieder gern zu ihr zurück.

Später, bei Schneitershus, trafen wir bei dem einen Hof einen Bauern dabei an, wie er Schwartenwürste, paarweise an einer langen Stange aufgehängt, über den Hof trug; zum Räuchern, nehme ich an. Am Wander-Ende dann eine letzte Überraschung: die Kirche von Oberbalm, die in einigen Originalteilen gegen 900 Jahre alt ist. Hier siedelte einst der Eremit Sulpitius. Seine Gebeine zogen derart viele Menschen an, dass ein bedeutender Wallfahrtsverkehr entstand.

Nachdem auch dies erzählt ist, bleibt mir hier zum Schluss nur noch eines: den Lesern und Leserinnen der Kolumne ein gutes neues Jahr zu wünschen. Auf viele weitere Routen so schön wie diese!

Route: Toffen, Station – Oberfeld – Bütschelegg – Bungerten – Bütschel-Bach – Nussbaum – Borisried – Schneitershus – Oberbalm.

Gehzeit: Fünf Stunden.

Höhendifferenz: 850 Meter auf-, 600 abwärts.

Charakter: Weit, anstrengend. Bei viel Schnee braucht man Schneeschuhe. Unten am Bütschelbach kann der Weg vereist sein. Schuhkrallen und Stöcke helfen.

Variante: Auf die Bütschelegg und dann hinab zum Bus in Niedermuhlern dauert total 3 Stunden; diese Route ist einfacher.

Höhepunkte: Berner Höfe, Berner Bauernherrlichkeit. Der Rundblick von der Bütschelegg und im Kontrast dazu der Hades unten am Bütschelbach. Die Berner Alpen am Horizont. Die alte Kirche von Oberbalm.

Einkehr unterwegs: «Bütschelegg» (www.buetschelegg.ch) und «Borisried» (www.restaurant-borisried.ch) sind beide über den Jahreswechsel offen.

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Visite beim Koch der Borers

Thomas Widmer am Freitag den 23. Dezember 2011

Wir sind nur zu viert; auch schön, so «en famille» zu wandern. Das Abenteuer des Tages beginnt mit einer langen Busfahrt vom Bahnhof Neuenburg. Wir steigen zum Pass von La Tourne auf, unten bleibt die weite Fläche des Neuenburgersees zurück.

In Les Ponts-de-Martel steigen wir aus. Ein Schwerbesoffener macht das Bahnhofbuffet unsicher, brabbelt uns an, zupft an meiner Jacke, wir fliehen. Vorbei an einer Bäckerei, in der ich mir eine Crèmerolle hole, geht es aus dem Ort, der einst ein Zentrum der Spitzenklöpplerei war und hernach der Uhrenmacherei.

Sumpf der sprachlichen Missverständnisse

Die ganze Gegend wiederum war berühmt für ihren Torf. Der Talboden, über den die Langläufer flitzen, ist moorig. Dass Les Ponts-de-Martel im Wappen einen Hammer zeigt, ist denn auch ein sprachliches Missverständnis. Martel ist zwar die alte Form von Marteau gleich Hammer. Aber der Ortsname geht zurück auf Marais, Sumpf. Und die Ponts sind Stege über diesen Sumpf.

Wir geraten auf freies Feld, halten vorwärts, kommen vorbei an Combes Dernier, einer weiten Talmulde, keuchen empor auf den Kamm, der uns vom Hochtal von La Brévine trennt. Kamm? Das ist eine stolze Antiklinale! Eine Falte, die entstand, als unter Druck der Boden sich in der Urzeit wölbte. Nachdem wir die Antiklinale gequert haben, gelangen wir ins Hochtal von La Brévine – und um die schöne Wanderung, die dort endet, samt ihrem Ambiente in drei Punkten zusammenzufassen: Sie führt über Pâturage boisé, mit Fichten und Fichtengruppen bestandenes Weideland. Wir sahen Rehe. Und die Hofhunde sind so einsam, dass sie einem die Pfote reichen, wenn man sie nur lässt.

Preisgekrönter warmer Käse

La Brévine gilt als Sibirien der Schweiz. Hier mass man im Januar 1987 minus 41.8 Grad Celsius, es war die tiefste offiziell registrierte Temperatur des Landes. Dass es in La Brévine derart frostig werden kann, hat damit zu tun, dass kalte Luft schwer ist und bodennah verharrt. Die Mulde von La Brévine ist das perfekte Kaltluftbecken. Es gibt auch keine Seitentäler, in denen sich Wirbel bilden könnten, die die Luft durchmischen.

Seltsamerweise zeigt das Wappen von La Brévine einen Brunnen. Angebracht wäre ein Schneemann mit Eiszapfennase. Ein Gefrierschrank. Ein explodierendes Thermometer.

Wir besichtigen das 1604 gebaute Kirchlein von liebenswerter Bescheidenheit. Dann entern wir das Restaurant Hôtel-de-Ville. Das Fondue ist köstlich. Es habe einen Preis gewonnen, sagt der Wirt. Ich stelle mir eine Gala vor, eine glamouröse Oskarverleihung der Käsebranche. Und eine schöne Schauspielerin à la Gwyneth Paltrow in schulterfreier Abendrobe ruft in den Saal: And the Academy Award for best Cheese Fondue goes to…

Eine lohnenswerte Sünde

Mit dem Wirt, einem Romand, kommen wir ins Gespräch. Er kann sehr gut Hochdeutsch und erzählt, er habe zwei Jahre in Berlin gekocht. Und zwar auf der Schweizer Botschaft. Zu Zeiten der Borers. «Wie waren die?», fragen wir. «Er war sehr okay», sagt der Wirt. Und sie? Er seufzt und wahrt die Diskretion.

Im Restaurant wird Absinth feilgeboten, in Viertel-Liter-Flaschen, 52-prozentiger. Das Art-Déco-Etikett zeigt eine junge Dame mit tiefem Décolleté, die ein Glas Absinth in der Hand balanciert und sagt: C’est mon péché mignon. Ich kaufe – und beim Probieren muss ich dann sagen: Diese Sünde lohnt sich in der Tat.

Route: Les Ponts-de-Martel, Bahnhof (schnellste Verbindung per Bus ab Bahnhof Neuenburg) – Combes Dernier – La Brévine (Bus).

Gehzeit: Knapp vier Stunden.

Höhendifferenz: 250 Meter auf-, 200 abwärts.

Charakter: Verschneite Winterwälder, karge Moorflächen, windige Höhen. Ungefährlich, trotzdem macht man im Winter die Wanderung nicht allein! Mittlere Anstrengung.

Tipp: Je nach Wetter und Schneesituation braucht man Schneeschuhe.

Höhepunkte: Die einsamen Höfe. Das Ruhen der Natur. Die Ankunft im «sibirischen» La Brévine, die Einkehr dort. Und das Kirchlein von La Brévine – rührend schlicht.

Einkehr am Ende: «Hôtel-de-Ville» in La Brévine. Über Weihnachten offen. Di, Mi Ruhetage.

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Aufstieg zum Kalbscarré

Thomas Widmer am Freitag den 16. Dezember 2011

Der Berner René P. Moor, Kolumnist der Tierwelt, legt ein Buch vor, das ich mag. Das Format von «Hin und weg» ist sympathisch bescheiden. Die kurzen Texte pointiert. Und die Fotos Sinnierstoff. Moor zog von jedem Kantonshauptort zu Fuss los. Seine Miniaturreportagen dokumentieren den Versuch, aus dem Verbauten ins Unverbaute zu gelangen, was bisweilen nicht so einfach ist. Es geht um das Kuriose in der Agglomeration, aber auch um touristische Inszenierungen im Zentrum. Über den Disneyflecken Appenzell schreibt Moor treffend: «Das Authentischste ist in der Hauptgasse liegengebliebener Pferdemist.»

Und damit zur Route der Woche. Sie führte mich und meine Wandertruppe «Fähnlein Fieselschweif» letzten Samstag auf den Pfannenstiel, den Höhenzug über dem rechten Zürichsee-Ufer. Wir starteten in Stäfa. Beim Wanderwegweiser auf der Nordseite des Bahnhofs wählten wir nicht die Direttissima zum Pfannenstiel. Sondern wir zogen Richtung Rapperswil los, um dann gleich wieder nach links ins Dorf abzubiegen.

Nur kurz der Strasse entlang

An dessen oberem Rand erwartete uns eine erfreuliche Überraschung. Das Risitobel präsentiert auf kleinem Raum eine trotzige Wildheit; steil ist der Hang und braun durch das Herbstlaub, über eine Nagelfluhwand stürzt ein Bächlein. Ein manierlicher Pfad macht aus dem Aufstieg ein Vergnügen und ermöglicht den Schaugenuss in der Bonsaischlucht.

Beim Punkt Risi blickten wir weit über den Zürichsee in die Innerschweiz. Freilich begann es nun zu regnen. Wir hielten jedoch an unserem Plan fest, via Obsirain zu gehen, was ein Umweg ist. Die nächsten zwei Stunden waren lockeres Wandern meist geradeaus, dazwischen sanft aufwärts. Eine kurze Strecke war unschön: In der Gegend ums Türli, den Pass von Männedorf nach Oetwil, geht man auf einem separaten Kiesstreifen, aber eben doch der Strasse entlang.

Der Vollmond erhellt die Landschaft

Wir erreichten den Vorderen Pfannenstiel. Von dort fährt stündlich bis in den Abend hinein ein Bus zum Bahnhof Meilen. Wir strebten nach Höherem, hielten noch etwas weiter aufwärts und langten eine Viertelstunde später bei der Hochwacht an. Im gleichnamigen Restaurant fand um 16 Uhr unser Weihnachtsessen statt: Rüebli-Ingwer-Suppe, Kalbscarré mit Kartoffelgratin, Rotwein und ein Kafi-Schnaps als Krönung.

Hernach teilte sich die Gruppe. Eine Minderheitsfraktion ging retour zum Vorderen Pfannenstiel und nahm den Bus nach Meilen. Wir anderen marschierten weiter und fanden im folgenden die Dunkelheit gar nicht so dunkel: Der Vollmond erhellte, obwohl von Wolken bedrängt, die Landschaft, so dass wir die Taschenlampen kaum brauchten. Unten auf der Forch fanden wir das Nachtwandern derart nett, dass wir verlängerten.

Unsere – wintertaugliche – Weihnachtswanderung endete in Zumi’s Bistro am Dorfplatz von Zumikon. Das Restaurant läuft nicht besonders, was wohl an der Sterilität des Platzes liegt; schon der frühere Wirt tat sich schwer. Dem jetzigen Wirt hat die Gemeinde als Besitzerin gekündigt, was er aber nicht akzeptiert. Ich kann nur sagen: Ich mag das Bistro, gehe von meinem Wohnort Zollikerberg oft hin und stelle fest, dass alle Gäste, auch die mit Kindern, auch gebrechliche Alte, anständig behandelt werden. Nasse, schmutzige Wanderer ebenfalls, wie ich seit Samstag weiss.

Route: Bahnhof Stäfa – Risitobel – Risi – Obsirain – Türli – Vorderer Pfannenstiel (Busstation/Restaurant) – Hochwacht (Restaurant) – Guldener Höchi – Forch (Bahnstation) – Forchdenkmal – Zumikon (Bahnstation).

Gehzeit: Knapp viereinhalb Stunden. Wer in der Forch aufhört, braucht eine gute halbe Stunde weniger.

Variante: Wer von der Hochwacht wieder zum Vorderen Pfannenstiel absteigt (15 m), braucht ingesamt drei Stunden.

Höhendifferenz: (für die ganze Wanderung Stäfa – Pfannenstiel – Zumikon) 400 Meter aufwärts, 150 abwärts.

Charakter: Leicht. Ausser im Risitobel breite Wege. Viel Wald. Die Route eignet sich daher auch für den Winter; einzig im Risitobel muss man bei Schnee und Eis vorsichtig sein.

Höhepunkte: Das trotzig wilde, durch seine Kleinheit aber herzige Risitobel. Der Blick von der Risi aus über den Zürichsee. Die Einkehr in der Hochwacht. Der 360-Grad-Rundblick vom Hochwachtturm.

Einkehr unterwegs: Hochwacht auf dem Pfannenstiel (www.hochwacht-pfannenstiel.ch). Sieben Tage in der Woche offen. Einkehren kann man auch beim Vorder Pfannenstiel (www.restaurant-pfannenstiel.ch) und in der Krone, Forch, (www.kroneforch.ch).

Buch: René P. Moors Buch «Hin und weg» kann man auf www.wanderwerk.ch bestellen.

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Das Ende der Schweizer Atombombe

Thomas Widmer am Freitag den 9. Dezember 2011

Es erfordert mentale Härte, in Romont aus dem Zug zu steigen und nicht zu den Türmen auf der Krete aufzusteigen, zum historischen Burgunderstädtchen. Doch ich muss verzichten; ein langer Weg liegt vor mir. Ich nehme die Bahnhofsunterführung und ziehe Richtung Dompierre los.

Bald bin ich in einer Weite, die die Deutschschweiz so nicht kennt; eine dem Land zur Broye hin eigene topografische Grosszügigkeit. Von einer Anhöhe aus erblicke ich in der Ferne bläuliche Jurariegel und davor eine weisse Felsfluh. Das muss die Côte des Baumes sein, der Steilabfall zur Broye bei Surpierre.

Der Atomunfall von Lucens

Bereits bin ich nicht mehr im Freiburgischen, sondern im Waadtland. Dompierre stellt sich als herrlich verschlafenes Dorf heraus. Irritierend das alte Werbeschild an einem Bauernhof: «Mengele»; ich muss an Josef Mengele denken, den Schreckensarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Mit dem Schild hat es folgende Bewandtnis, eruiere ich im Internet: Der Kriegsverbrecher kam aus einer Agrartechnik-Dynastie. Josefs Vater Karl stieg mit Dreschmaschinen, Traktoren und Miststreuern zum Grossindustriellen auf. Die Marke Mengele gibt es bis heute.

Nach Seigneux ist ein kleines Tobel zu durchqueren. Und nun lande ich vollends in der Broye-Gegend. Schloss Lucens zu meiner Rechten: eine Wonne fürs Auge. Doch schon wieder ist da eine üble Assoziation: Lucens, das war 1969 unser eidgenössischer Atomunfall. Nach Problemen mit der Kühlung kam es im Versuchsreaktor von Lucens zur teilweisen Kernschmelze. Dass die Anlage (ursprünglich sollte sie in Zürich unter der ETH stehen) in einer Kaverne untergebracht war, erwies sich als segensreich. Man versiegelte die Kaverne, es war auch das Ende des Plans für eine Schweizer Atombombe.

Zungenwurst anstatt Kalbsbraten

In Curtilles esse ich im Café Fédéral zu Mittag. Ich bedeute dem Kellner, dass ich das Gleiche will wie die Leute am Nebentisch; Kalbsbraten mag ich sehr. Doch oh Graus! Meine Augen haben versagt. Auf den Tisch kommt Zungenwurst; ich hasse Zungenwurst. Ich esse keinen Bissen von ihr, widme mich den Kartoffeln, decke mein Versagen mit der Serviette zu. Der Kellner räumt ab, hebt die Serviette, runzelt die Brauen. Er sagt nichts. Ich zahle geschwind.

Auf dem Weg zur Broye-Brücke erblicke ich auf einer Anhöhe an der Strasse eine alte Kirche, die Notre-Dame de Curtilles von 1230. Statt eines Turms ragt eine Wandfassade empor mit einem Fenster für die Glocken. In der Architektursprache spricht man von «Espadaña». Ich kannte das bisher aus Westernfilmen: Wenn der staubbedeckte Revolverheld im mexikanischen Käffchen einreitet, geht die Einwohnerschaft in Deckung; das Dorf ist wie leergefegt. Oben in der Espadaña hinter den Glocken aber legt der Bösewicht mit der Winchester an.

Ich quere die Broye, biege links ab. Es folgt ein Uferweg am Fluss, der eine Sandsteinklippe um die andere passiert. Während ich Moudon zustrebe, formuliere ich drei Dinge: Erstens die Stichworte «Mengele» und «Lucens», geht der Wanderer doch stets auch in der Geschichte. Zweitens ist diese Route toll, weil abwechslunsgsreich und mit viel Schönheit ausgestattet. Und daher kann man drittens, indem man für Romont, Lucens und Moudon das alte deutsche Wort benutzt, sagen: Der Weg von Remund nach Lobsingen und Milden lohnt sich. Und übrigens ist er auch wintertauglich.

Route: Romont FR, Bahnhof – Dompierre – Seigneux – Curtilles – Broye-Uferweg – Moudon.

Gehzeit: 4 ½ Stunden.

Höhendifferenz: 200 Meter auf-, 400 abwärts.

Charakter: Mittelstrenge Route. Technisch leicht, zweimal sind allerdings im Wald mässig steile Partien zu bewältigen. Unbehinderter Weitblick.

Höhepunkte: Das stille Dompierre. Die charismatische alte Kirche von Curtilles. Die Broye, die bei Lucens stilvolle Sandsteinbuchten geschaffen hat.

Einkehr unterwegs: In den Dörfern.

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