
Die Schrittmacher sind mit einem Ballon markiert: Teilnehmer am Greifenseelauf 2012. Pacemaker ist der Franzose Guy Nunige. (Foto: Greifenseelauf.ch)
Läufer sind Egoisten. Sie sind Einzelgänger. Läufer sind nicht teamfähig und betreiben darum keinen Mannschaftssport. Sie sind Eigenbrötler, deren Beweggründe in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und zu laufen rätselhaft ist.
Das sind einige Beispiele eines Klischees, das mir und Gleichgesinnten zuweilen anhaftet. Wer schon mal an einem Volkslauf zugegen war, weiss aber: Das stimmt so nicht. Dafür liefern an etlichen Wettkämpfen, zumindest eine Handvoll Läufer, einen unwiderlegbaren Beweis. Diese Kronzeugen tragen Ballone. Sie leisten Entwicklungshilfe für Teilnehmer, die sich ein Zeitziel gesteckt haben, welches sie nur knapp erreichen können. Und seit dem Greifenseelauf weiss ich, wie erfüllend die Aufgabe der Pacemaker ist: Zwei Stunden – das war für mich an diesem Septembersamstag das Mass aller Dinge. Zwei Stunden – Schweizer Genauigkeit und Verlässlichkeit verlangten die Veranstalter von mir. Ich war der lebende Tempomat jener Läufer, welche das Ziel des Halbmarathons innert zwei Stunden erreichen wollten.
Auf Nummer sicher
Und diese zwei Stunden raubten mir nahezu den Schlaf. Was, wenn ich aus irgendeinem Grund meine Schützlinge nicht innert zwei Stunden ins Ziel bringen würde? Was, wenn mein Magen nach zehn Kilometer streikt und ich mich in ein Toi-Toi verabschieden muss? Was, wenn ich am Start mit den Kräften meiner Schützlinge verschwenderisch umgehe und sie deshalb auf halbem Weg verliere? An diesem Tag hiess es läuferische Verantwortung übernehmen. Nach zahlreichen – nicht immer erfolgreichen – Wettkämpfen habe ich gelernt, mit eigenen verfehlten Zeitzielen umzugehen. Verpasste ich die 2-Stunden-Limite, würde ich für einmal aber nicht lediglich meine eigenen Erwartungen enttäuschen. Diesmal würden jene Läufer die Quittung erhalten, die sich an meine Fersen geheftet hatten.
Es galt also vom Start weg das richtige Tempo zu finden und mich keinesfalls von den vorbeiziehenden Teilnehmern anstecken zu lassen. Das richtige Tempo, die richtige Taktik. Ich hatte dabei zwei vernünftige Alternativen: Entweder lief ich die gesamten 21,1 Kilometer in einer konstanten Geschwindigkeit, oder trat während der ersten Hälfte auf die Bremse, um dann auf der zweiten Gas zu geben. Ich beschloss auf Nummer sicher zu gehen und wählte die konstante Option.
Schrittmacher, Motivator, Unterhalter
Kurz nach 15 Uhr war es soweit. Ein Ballon kennzeichnete mich als Tempomacher. Auf ihm prangte eine schwarze 2:00. Diese 120 Minuten bescherten mir noch immer einen schnelleren Puls. 7200 Sekunden für 21,1 Kilometer – eine Zeit, die mir eigentlich kein Kopfzerbrechen bereiten sollte. Tat sie aber – wegen der Verantwortung, dem Vertrauen, das mir meine Schützlinge entgegenbrachten. Sie scharten sich bereits um mich, lächelten, traten von einem Fuss auf den anderen. Für sie ging es an diesem Greifenseelauf um die Wurst, sie wollten die 2-Stunden-Limite knacken. Meine Nervosität wich in diesem Moment der Entschlossenheit. Ich würde das Piamögliche tun, um ihnen dabei Schrittmacher, Motivator und Unterhalter zu sein.
Der Startschuss fiel. Wir liefen los. Rund zehn Läuferinnen und Läufer hatten sich an meine Fersen gehängt. Ein Läufer wollte wissen, wie meine Strategie aussah, eine Teilnehmerin warnte mich bereits nach den ersten 100 Metern: «Ich weiss im Fall nicht, ob ich das schaffe.» Da war sie wieder, die Verantwortung, ich schaute auf meine Uhr – wir waren eine Spur zu schnell unterwegs, als wir die 5-Kilometer-Marke passierten. «Tempo drosseln, sonst verheizt du sie.» Ich blickte zurück, einige hatten sich bereits zurückfallen lassen. Ich kündigte die nächste Verpflegungsstation an. In den Augen «meiner» Läufer war die Erleichterung nicht zu verkennen.
Zurücklassen schmerzt
Nach der Hälfte hatten wir uns ein Polster von drei Minuten erarbeitet. Ich versuchte in den Gesichtern meiner Schützlinge zu lesen, die meisten hatten ganz offensichtlich zu kämpfen begonnen, der «Spaziergang» war vorbei, Stille hatte sich über den kleinen Tross gelegt. Einer der Läufer hatte den Blick auf den Boden geheftet, er hob ihn kaum mehr. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass dies eines der Symptome der Resignation ist. Gut zureden half nicht, er winkte ab und liess uns ziehen. Die Steigung nach der Schifflände Maur brach den Willen weiterer Schützlinge – die Gruppe schrumpfte drastisch. Eine junge Frau kämpfte sich hoch, ihr Gesichtsausdruck war von Entschlossenheit gezeichnet. Trotzdem reichte es nicht, sie verlor den Anschluss. Ich war versucht die Geschwindigkeit zu verringern, um sie wieder mitzunehmen. Mein Verstand rief mein Herz zur Ordnung: «Wartest du, bringst du das Ziel der anderen in Gefahr!» Ich liess sie zurück – und für einmal war es keine Wohltat eine andere Teilnehmerin hinter mir zu lassen, es schmerzte.
Meine kleine Gruppe nahm die letzten fünf Kilometer unter die Füsse. Der mentale Stolperstein des Greifenseelaufs ist eine Schleife in Riedikon – hin und dieselbe Strecke wieder zurück zu laufen, mit schweren Beinen, fordert innerliches Stehvermögen. Ich versuchte meine Protegés auf dem Hinweg davon abzubringen, sich auf die entgegenkommenden Sportler zu konzentrieren. «Guckt euch die Stimmung über dem See an, wir sind bald am Wendepunkt angelangt», riet ich und hoffte ihnen damit nicht auf die Nerven zu gehen. Zwei meiner Schützlinge meisterten diese Herausforderung – ein Mann, eine Frau. Die Übriggebliebenen. Wir waren im Fahrplan, als wir den Kirchhügel in Angriff nahmen. Das pièce de resistance dieses Laufs.
Ein egoistisches Motiv
Er bestritt, wie er mir auf den ersten Kilometern erzählt hatte, seinen ersten Halbmarathon. Er lief neben mir und hatte offensichtlich noch Reserven. Sie, eine Genussläuferin mit Marathonerfahrung, befand sich bei Kilometer 19 auf einer mentalen Gratwanderung – unentschlossen, ob sie sich das wirklich antun wollte. «Beiss dich an meinen Waden fest», rief ich ihr zu. Sie wich meinem Blick aus. «Nein! Sie nicht auch noch», schoss es mir durch den Kopf. Ich war wild entschlossen sie nicht kneifen zu lassen – nicht einen Kilometer vor dem Ziel. Oben angelangt, schickte ich ihn los. «Lass raus, was noch in dir steckt – du schaffst es locker!» Er zog davon, was mir die Gelegenheit gab, das Tempo zu drosseln.
Ich liess mich zur Läuferin zurückfallen, gönnte ihr bergab eine Pause. Nun liefen wir gegen die Zeit. «Jetzt drehen wir noch ein letztes Mal auf», ordnete ich an. Mein Tonfall liess kein Nein zu. Ich hoffte, ihr damit nicht auf die Füsse zu treten – das hätte ihr den Rest gegeben. Ihre Gesichtszüge zeigten, wie sie biss – mehr nicht. Die letzten Meter. Das Ziel. Eine Umarmung. Reden konnte sie (noch) nicht, Worte waren ohnehin unnötig – ihre Augen sprachen Bände. Eines war sicher: Wegen dieser Freude, diesem Blick, würde ich es nächstes Jahr wieder tun – ein rein egoistisches Motiv…