In Bern brach am Pfingstwochenende das Haile-Fieber aus. Der Langstreckenläufer aus Äthiopien bescherte dem Grand-Prix von Bern nicht nur einen Besucherrekord. Die Zuschauer standen zu Tausenden am Strassenrand, um einen Blick auf die Lauflegende zu erhaschen. Sie wurden belohnt: Haile Gebrselassie brach am Grand-Prix von Bern den Weltrekord der Männer über 40 Jahren auf der Distanz von 10 Meilen. Die Uhr zeigte 46.59 Minuten an, als er unter tosendem Applaus die Ziellinie querte. Was darauf folgte war ein regelrechtes Spektakel: Während der 40-Jährige auf dem Siegerpodest mit einem Maskottchen tanzte, kreischten die Fans als stünde Justin Bieber vor ihnen. Sie belagerten den mehrfachen Weltmeister und Olympiasieger auf seinem Weg zur Pressekonferenz. Er liess sich seelenruhig hundertfach ablichten, signierte Shirts und präsentierte sein weltbekanntes Haile-Lächeln.
Am Abend zuvor hatte er sich in einer der wenigen ruhigen Minuten der Altersfrage gestellt:
Pia Wertheimer: Nicht alle haben wie Sie den Laufport als junger Mensch für sich entdeckt. Macht es Sinn sich mit 30, 40 Jahren oder in der Midlifecrisis noch sportliche Ziele zu stecken?
Haile Gebrselassie: Keine Frage. Jeder sollte sich Ziele setzen, egal in welchem Alter.
Weshalb?
Verschiedene Menschen, verschiedene Ziele. Nehmen Sie meine Frau, meine Tochter – auch sie laufen. Ihnen geht es darum, ihre eigene Zeit immer wieder zu unterbieten. Andere wollen die Ziellinie eines Marathon in drei Stunden überqueren oder schlichtweg Finisher sein.
Spätzünder sind aber kaum Podestanwärter.
In diesem Fall spielt Siegen keine Rolle. Wer sportlich etwas erreichen will, muss erst sich selbst dafür gewinnen. Das ist schon ein grosser Schritt.
Sie sind nicht nur Athlet, sondern auch Unternehmer und wollen 2015 als Parlamentarier in die Politik ihres Landes einsteigen. Hilft es Ihnen, dass Sie im Sport gelernt haben zu kämpfen und durchzubeissen?
Ja, auf jeden Fall. Beim Sport geht es nicht nur ums Siegen, es geht auch um die Leistung, um eine Errungenschaft. Das ist auch im Geschäftsleben so. Ich kämpfe auch in diesem Bereich gegen Niederlagen. Genau wie an Wettkämpfen will ich nicht die Nummer zwei sein. Wer läuft, weiss was Ausdauer und Stehvermögen bedeuten. Ein Sportler akzeptiert immer wieder die Strapazen eines harten Trainings oder Rennens. Er kennt grosse Herausforderungen. Das nimmt jeder auch ins Geschäftsleben mit und profitiert davon.
Wie?
Gelingt es Ihnen, im Sport Hindernisse zu akzeptieren und sie mit zielgerichtetem Training zu überwinden, werden Sie auch bei Ihrer Arbeit Probleme als solche akzeptieren und sich aufmachen, diese zu lösen statt nur darüber zu reden – weil Ihnen die Situation vertraut ist. Viele Menschen gehen in ihrem Leben immer wieder den einfachsten Weg. Sie geben ihre privaten oder beruflichen Ziele auf, weil diese harte Arbeit erfordern. Aber wer kann schon einen Marathon beenden, ohne zu kämpfen? Niemand! Dasselbe gilt fürs Leben und Läufer geben auch im Leben nicht auf.
Sie sind eine regelrechte Lauflegende. Sie haben Dinge erreicht, wovon wir Normalsterblichen nur träumen können. Aber auch Sie werden älter. Sie sind jetzt 40 Jahre alt, müssen Sie ihre Ziele redimensionieren?
Nein, so weit ist es noch nicht.
Menschen werden mit dem Alter aber typischerweise langsamer. Auch Sie.
Wissen Sie… (sucht nach Worten). Ja, natürlich ist es anders als vor zehn Jahren. Ich fühle mich gut und bei jedem Wettkampf überprüfe ich mich selbst. Ich lief in Wien den Halbmarathon in 61,14 Minuten und diese Niveau möchte ich nun halten.
Können Sie das?
Warum nicht?
Wegen dem Zahn der Zeit?
Vielleicht… Die Natur ist stärker. Eines Tages wird sie mich schlagen.
Kommen mit dem Alter die Schmerzen?
Die sind immer da. Die Natur gab uns unsere Beine zum Gehen nicht zum Rennen.
Sie laufen also unter Schmerzen?
Das ist schwierig zu erklären. Ich spreche nicht von Verletzungen, aber Laufen ist schmerzhaft, mühsam. Es ist ein Kampf.
Glauben Sie, dass Ihr Körper das noch lange mitmacht?
Er muss, er hat keine Wahl (lacht)! Wissen Sie, die Kommandozentrale ist mein Kopf, meine Muskeln sind nur Befehlsempfänger (grinst).
Wo wird Haile Gebrselassie mit 50, also in zehn Jahren sein?
Im Parlament.
Und seine Laufschuhe?
Noch da. Eines Tages werde ich mit den Wettkämpfen aufhören, nicht aber mit dem Laufen.
Warum nicht?
Es ist mein Leben.
Auch ohne Rekorde und Ziele?
Ja, ein Tag ohne zu laufen ist ein verlorener Tag.
Weshalb bedeutet es Ihnen so viel?
Es hilft mir überleben. Im Büro wartet viel Stress. Rennen ist der einzige Weg, meine Gesundheit zu pflegen, ohne würde ich innert Kürze mit Blutdruckproblemen oder so kämpfen.
Es geht also um die Gesundheit und ist keine Herzensangelegenheit?
Doch. Ich sterbe, wenn ich aufhöre zu laufen. Im Ernst! Das meine ich im übertragenen Sinn, aber auch wörtlich. Wir Menschen haben heute gar keine Wahl, wir müssen Sport treiben, wir müssen laufen.
Weshalb?
Das Leben ist komfortabel geworden. Wir nehmen zu oft den Lift, sitzen viel im Büro und zu Hause wartet der Fernseher. Die Menschen bewegen sich nicht genug, ernähren sich schlecht. Mal ehrlich, wie sollen wir das überleben? Laufen ist der Schlüssel dazu, die einzige Wahl – auch für unser Gehirn.
Inwiefern?
Menschen lesen, lernen und glauben dadurch klug und brillant zu sein. Das reicht doch nicht! Die Industrie stellt uns eine ganze Palette verschiedener Seifen zur Verfügung. Damit waschen wir aber nur unsere Haut. Was ist mit unserm Innern, unserem Hirn? Wo bleibt diese Seife? Genau dafür ist unser Schweiss da. Laufen und Schwitzen klärt die Gedanken, bringt neue Ideen. Sie sehen, es lohnt sich immer, sich Ziele zu setzen und dafür zu schwitzen (lacht).
Der Äthiopier Haile Gebrselassie kam am 18. April 1973 als eines von zehn Kindern in Asella zur Welt. 1996 und 2000 Gewann er die Olympischen über 10’000 Meter. Er erlief sich mehrere Weltmeistertitel und besserte 26 Weltrekorde auf. Gebrselassie lebt mit seiner Frau Alema, seinen drei Töchtern und seinem Sohn in Addis Abeba, wo er eine Firma mit rund 1000 Angestellten führt. Seit Jahren steckt er das Geld, das er mit seinen Siegen verdient, in Hotels, Kinos, Schulen und eine Kaffeeplantage in Äthiopien.























Natascha Knecht ist Journalistin und Outdoor-Sportlerin. Aufgewachsen im östlichen Berner Oberland, dem Mekka für Kletterer und Alpinisten, lebt sie seit über zehn Jahren in Zürich. Im Outdoor-Blog betreut sie die Ressorts
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Anette Michel ist Umweltnaturwissenschaftlerin und im Bereich Energieeffizienz tätig. Daneben hat sie mehrere Jahre als Velokurierin gearbeitet und dabei ihre Leidenschaft fürs Fahrrad entdeckt. Sie fährt seit fünf Jahren in ihrer Freizeit Rennvelo. Sie schreibt im Ressort 





















































