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«Ich sterbe, wenn ich aufhöre zu laufen»

Pia Wertheimer am Dienstag den 21. Mai 2013

In Bern brach am Pfingstwochenende das Haile-Fieber aus. Der Langstreckenläufer aus Äthiopien bescherte dem Grand-Prix von Bern nicht nur einen Besucherrekord. Die Zuschauer standen zu Tausenden am Strassenrand, um einen Blick auf die Lauflegende zu erhaschen. Sie wurden belohnt: Haile Gebrselassie brach am Grand-Prix von Bern den Weltrekord der Männer über 40 Jahren auf der Distanz von 10 Meilen. Die Uhr zeigte 46.59 Minuten an, als er unter tosendem Applaus die Ziellinie querte. Was darauf folgte war ein regelrechtes Spektakel: Während der 40-Jährige auf dem Siegerpodest mit einem Maskottchen tanzte, kreischten die Fans als stünde Justin Bieber vor ihnen. Sie belagerten den mehrfachen Weltmeister und Olympiasieger auf seinem Weg zur Pressekonferenz. Er liess sich seelenruhig hundertfach ablichten, signierte Shirts und präsentierte sein weltbekanntes Haile-Lächeln.

Am Abend zuvor hatte er sich in einer der wenigen ruhigen Minuten der Altersfrage gestellt:

Pia Wertheimer: Nicht alle haben wie Sie den Laufport als junger Mensch für sich entdeckt. Macht es Sinn sich mit 30, 40 Jahren oder in der Midlifecrisis noch sportliche Ziele zu stecken?

Haile Gebrselassie: Keine Frage. Jeder sollte sich Ziele setzen, egal in welchem Alter.

Weshalb?

Verschiedene Menschen, verschiedene Ziele. Nehmen Sie meine Frau, meine Tochter – auch sie laufen. Ihnen geht es darum, ihre eigene Zeit immer wieder zu unterbieten. Andere wollen die Ziellinie eines Marathon in drei Stunden überqueren oder schlichtweg Finisher sein.

Spätzünder sind aber kaum Podestanwärter.

In diesem Fall spielt Siegen keine Rolle. Wer sportlich etwas erreichen will, muss erst sich selbst dafür gewinnen. Das ist schon ein grosser Schritt.

Sie sind nicht nur Athlet, sondern auch Unternehmer und wollen 2015 als Parlamentarier in die Politik ihres Landes einsteigen. Hilft es Ihnen, dass Sie im Sport gelernt haben zu kämpfen und durchzubeissen?

Ja, auf jeden Fall. Beim Sport geht es nicht nur ums Siegen, es geht auch um die Leistung, um eine Errungenschaft. Das ist auch im Geschäftsleben so. Ich kämpfe auch in diesem Bereich gegen Niederlagen. Genau wie an Wettkämpfen will ich nicht die Nummer zwei sein. Wer läuft, weiss was Ausdauer und Stehvermögen bedeuten. Ein Sportler akzeptiert immer wieder die Strapazen eines harten Trainings oder Rennens. Er kennt grosse Herausforderungen. Das nimmt jeder auch ins Geschäftsleben mit und profitiert davon.

Wie?

Gelingt es Ihnen, im Sport Hindernisse zu akzeptieren und sie mit zielgerichtetem Training zu überwinden, werden Sie auch bei Ihrer Arbeit Probleme als solche akzeptieren und sich aufmachen, diese zu lösen statt nur darüber zu reden – weil Ihnen die Situation vertraut ist. Viele Menschen gehen in ihrem Leben immer wieder den einfachsten Weg. Sie geben ihre privaten oder beruflichen Ziele auf, weil diese harte Arbeit erfordern. Aber wer kann schon einen Marathon beenden, ohne zu kämpfen? Niemand! Dasselbe gilt fürs Leben und Läufer geben auch im Leben nicht auf.

Sie sind eine regelrechte Lauflegende. Sie haben Dinge erreicht, wovon wir Normalsterblichen nur träumen können. Aber auch Sie werden älter. Sie sind jetzt 40 Jahre alt, müssen Sie ihre Ziele redimensionieren?

Nein, so weit ist es noch nicht.

Menschen werden mit dem Alter aber typischerweise langsamer. Auch Sie.

Wissen Sie…  (sucht nach Worten). Ja, natürlich ist es anders als vor zehn Jahren. Ich fühle mich gut und bei jedem Wettkampf überprüfe ich mich selbst. Ich lief in Wien den Halbmarathon in 61,14 Minuten und diese Niveau möchte ich nun halten.

Können Sie das?

Warum nicht?

Wegen dem Zahn der Zeit?

Vielleicht… Die Natur ist stärker. Eines Tages wird sie mich schlagen.

Kommen mit dem Alter die Schmerzen?

Die sind immer da. Die Natur gab uns unsere Beine zum Gehen nicht zum Rennen.

Sie laufen also unter Schmerzen?

Das ist schwierig zu erklären. Ich spreche nicht von Verletzungen, aber Laufen ist schmerzhaft, mühsam. Es ist ein Kampf.

Glauben Sie, dass Ihr Körper das noch lange mitmacht?

Er muss, er hat keine Wahl (lacht)! Wissen Sie, die Kommandozentrale ist mein Kopf, meine Muskeln sind nur Befehlsempfänger (grinst).

Wo wird Haile Gebrselassie mit 50, also in zehn Jahren sein?

Im Parlament.

Und seine Laufschuhe?

Noch da. Eines Tages werde ich mit den Wettkämpfen aufhören, nicht aber mit dem Laufen.

Warum nicht?

Es ist mein Leben.

Auch ohne Rekorde und Ziele?

Ja, ein Tag ohne zu laufen ist ein verlorener Tag.

Weshalb bedeutet es Ihnen so viel?

Es hilft mir überleben. Im Büro wartet viel Stress. Rennen ist der einzige Weg, meine Gesundheit zu pflegen, ohne würde ich innert Kürze mit Blutdruckproblemen oder so kämpfen.

Es geht also um die Gesundheit und ist keine Herzensangelegenheit?

Doch. Ich sterbe, wenn ich aufhöre zu laufen. Im Ernst! Das meine ich im übertragenen Sinn, aber auch wörtlich. Wir Menschen haben heute gar keine Wahl, wir müssen Sport treiben, wir müssen laufen.

Weshalb?

Das Leben ist komfortabel geworden. Wir nehmen zu oft den Lift, sitzen viel im Büro und zu Hause wartet der Fernseher. Die Menschen bewegen sich nicht genug, ernähren sich schlecht. Mal ehrlich, wie sollen wir das überleben? Laufen ist der Schlüssel dazu, die einzige Wahl – auch für unser Gehirn.

Inwiefern?

Menschen lesen, lernen und glauben dadurch klug und brillant zu sein. Das reicht doch nicht! Die Industrie stellt uns eine ganze Palette verschiedener Seifen zur Verfügung. Damit waschen wir aber nur unsere Haut. Was ist mit unserm Innern, unserem Hirn? Wo bleibt diese Seife? Genau dafür ist unser Schweiss da. Laufen und Schwitzen klärt die Gedanken, bringt neue Ideen. Sie sehen, es lohnt sich immer, sich Ziele zu setzen und dafür zu schwitzen (lacht).

Der Äthiopier Haile Gebrselassie kam am 18. April 1973 als eines von zehn Kindern in Asella zur Welt. 1996 und 2000 Gewann er die Olympischen über 10’000 Meter. Er erlief sich mehrere Weltmeistertitel und besserte 26 Weltrekorde auf. Gebrselassie lebt mit seiner Frau Alema, seinen drei Töchtern und seinem Sohn in Addis Abeba, wo er eine Firma mit rund 1000 Angestellten führt. Seit Jahren steckt er das Geld, das er mit seinen Siegen verdient, in Hotels, Kinos, Schulen und eine Kaffeeplantage in Äthiopien.

Die Altersfrage – Teil 1

Pia Wertheimer am Montag den 20. Mai 2013
Diese ganz persönlichen Projekte zeigen den Menschen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie ahnen»: Pia Wertheimer am Greifensee-Lauf 2008, 2010 und 2012.

Diese ganz persönlichen Projekte zeigen den Menschen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie ahnen»: Pia Wertheimer am Greifensee-Lauf 2008, 2010 und 2012.

Kürzlich erhielt ich ein langes, berührendes Mail einer Leserin. Berührend darum, weil sie sich mir anvertraute, weil mich ihr Anliegen mitten ins Herz traf. Sie schrieb: «Ich habe vor knapp zwei Jahren etwas intensiver mit Sport angefangen. Seit diesem Winter (also seit Oktober) trainiere ich nun regelmässig und konsequent. Ziel wäre, mal einen Marathon zu bestreiten. Ich habe aber immer mal wieder ein Motivationsloch beziehungsweise eine ‹Altersblockade›. Ich denke dann, dass ich doch mit 31 zu alt bin, um noch voll in dieses Metier einzusteigen.» Sie katapultierte mich damit direkt zurück in zwei der turbulentesten Jahre meines Lebens…

Auch ich bin ein Spätzünder, habe meine Leidenschaft fürs Laufen erst 2009 entdeckt. Zuvor war es Mittel zum Zweck: Die Laufschuhe schnürte ich, um mich fürs Turniertanzen fit zu halten. Ab und an stand der Greifenseelauf auf dem Programm. Es war eine ausgewachsene Krise, die mich das Laufen entdecken liess: Eine gründlich gescheiterte Ehe sowie eine angekündigte Kündigungswelle unserer Redaktion und damit die Angst meine berufliche Leidenschaft zu verlieren. Ich tigerte in diesem Tief hin und her.

Ein kraftspendender Fluchtplan

Plötzlich war er da, mein Fluchtplan – dieser Gedanke, irgendwann an einem Morgen im Jahr 2009. Ich beschloss einen Marathon ins Aug zu fassen. 42,195 Kilometer laufen – das ist Knochenarbeit. Und bei diesem Vorhaben würde es nur drei Protagonisten geben: Me, myself and I. Dieser Ausbruch sollte nicht irgendein Ziel haben. Er hatte etwas Grosses verdient: den Big Apple, die mythische Marathon-Kulisse von New York!

Nach etlichen wertvollen Fehlern, zahlreichen Trainingsstunden und nicht zuletzt dank der Unterstützung von Freunden und Familie war es ein Jahr später soweit: Ich lief im Central Park über die Ziellinie. Unvergesslich. Weder diesen Augenblick noch den Weg dorthin möchte ich missen. Mein Marathon war viel mehr als nur ein knapp vierstündiger Lauf. Er umfasste gut zwölf Monate, in denen ich laufend viel Zeit mit mir selbst verbrachte, mich neu entdeckte und neu orientierte. Das anspruchsvolle Ziel gab mir Halt und damit Kraft. Ich würde es zweifellos wieder tun – trotz den Strapazen, den Rückschlägen und den Zweifeln, die ein derart grosser Plan zuweilen mit sich bringt.

Eine Medaille von unschätzbarem Wert

Auch ich hatte damals die 30er-Marke bereits geknackt – na und? Natürlich wünschte ich heute, ich hätte diese Passion vorher entdeckt. Offenbar war die Zeit nicht reif dafür, denn die Laufschuhe standen schon Jahre zuvor im Regal – griffbereit. Ich packte aber just in dieser Krise im Jahr 2009 zu – nennen Sie es Zufall, nennen Sie es Schicksal.

Ich glaube nicht, dass es eine Rolle spielt, in welchem Alter ein Mensch seine Leidenschaft zum Sport entdeckt. Natürlich gehören die Podeste nur selten den Spätzündern. Und obschon meine New-York-Medaille nur die Finisher-Medaille ist, die jedem Läufer im Ziel umgehängt wurde, ist sie für mich von unschätzbarem Wert: Selbstvertrauen, Zuversicht, Neugierde, überschrittene Grenzen sind nur einige ihrer Facetten.

Sich Marathonziele setzen – egal in welcher Disziplin – lohnt sich immer! Sie eröffnen neue Horizonte. Es sind diese ganz persönlichen Projekte, welche den Menschen zeigen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie ahnen. Oder in den Worten der Olympia-Hymne von Atlanta: «It’s the moment that you think you can’t, you’ll discover that you can!»

Ich habe mich mit der Lauflegende Haile Gebrselassie, der 40 Jahre alt ist, über die Altersfrage unterhalten. Lesen Sie das Interview morgen im Outdoorblog!

So macht Laufen Spass: Motivationstipps

Pia Wertheimer am Montag den 13. Mai 2013
Ein Frau geht mit ihrem Hund joggen. (Foto: Flickr/lululemon athletica)

Setzen Sie realistische Trainingsziele: Ein Frau geht mit ihrem Hund joggen. (Foto: Flickr/lululemon athletica)

Ich leide, wenn ich mich nicht bewegen kann – und meine Mitmenschen ebenfalls. Sport macht mich erst umweltverträglich – ab und an vielleicht sogar geniessbar. Muss ich stillhalten, vegetiere ich – gereizt, unzufrieden, geladen, gefangen. Die Endolis, wie ich meine kleinen Glücksbringer gerne nenne (im Duden auch Endorphine genannt), machen mich glücklich. Böse Zungen nennen es süchtig. Nennen Sie es, wie Sie wollen – ich bin ein Glückskind. Ich muss mich weder zwingen noch motivieren – im Gegenteil – an die frische Luft zu gehen und damit gesund zu leben. Gewichtsprobleme? Unbekanntes Terrain.

Ich brauche keine Neujahrsvorsätze, die mir genug Bewegung verschaffen. Fremd sind mir die Aussagen, wie jene meines Kollegen, dem Radio-1-Morgenshowmoderator Marc Jäggi. Mit einer regelrechten Rosskur, hatte er seinen Pfunden den Kampf angesagt. Das Ziel: ein Sixpack. Ich bewundere noch heute seine Disziplin. Sein neues Ziel? «Endlich mal Sport einfach zu meinem Leben zu machen und nicht drei Monate spinnen und drei Monate nix tun!»

Laufen zu einem Ganzjahressport machen

Ich kann ihm dabei kaum helfen – weil ich ein Glückskind bin, weil ich seine Not nicht kenne. Valentin Belz, von Runningcoach.ch hingegen schon. «Es gibt grundsätzlich den intrinsisch und den extrinsisch motivierten Läufer. Wer des Laufens willen läuft, kennt keinen Jojo-Effekt. Alle anderen hingegen schon.» Und jetzt kommt’s: «In diesem Fall ist Laufen ein ziemlich mühsamer Sport.» Denn wer zwei bis drei Wochen keinen Meter laufe, plage sich nach den ersten zwei bis drei Einheiten sofort wieder mit Muskelkater herum. Sein Körper ist sich die Belastungen nicht mehr gewohnt.

Belz, ist verantwortlich für den dynamischen Trainingsplan, der von Viktor Röthlin, Markus Ryffel und seinem Bruder Christian Belz entwickelt wurde. Er weiss, dass die Abonnenten von Runningcoach.ch im Winter beispielsweise weniger laufen. «Die Dunkelheit, die eisigen Strassen und die fehlenden (Wettkampf-)Ziele mögen mögliche Ursachen sein.» Für Belz steht deshalb fest: Das Ziel sollte sein, das Laufen zu einer Ganzjahressportart zu machen. Und wer beginnt, steht vor einer grossen Falle: dem Übereifer. «Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» Beim Laufen sei es ganz entscheidend, dass man seinem Körper genügend Zeit gebe, damit er sich an die Belastung gewöhnen kann. «Der Motor mag zu mehr fähig sein, aber das Fahrgestell braucht seine Zeit.» Belz rät deshalb: zuerst die Häufigkeit steigern, dann die Dauer und erst am Schluss die Intensität.

Mit dem Laufen kommt die Freude

In der Praxis sehe es meistens so aus, dass die Leute bei jeder Einheit versuchen, eine neue Bestzeit aufzustellen. Ja, liebe Männer, das gilt besonders für euch! Belz kennt das Resultat: «Nach wenigen Wochen gibt es keine Verbesserung mehr und die Motivation ist weg.» Viel besser fahre man, wenn man systematisch trainiere und vor allem die Basis pflege. Drei Viertel der Trainingseinheiten sollten deshalb locker sein.

Für Belz steht fest: «Wenn Sport ein wahres Bedürfnis ist, dann funktioniert es. Dann räumt man ihm den nötigen Platz ein – auch in einer vollen Agenda.» Wer aber, wie Kollege Jäggi, Mühe hat, das richtige Mass zu finden, soll sich realistische Ziele setzen. Der Laufexperte schlägt beispielsweise vor: zwei Hauptwettkämpfe pro Jahr, 100 Laufkilometer pro Monat, vier Einheiten Sport pro Woche, 3000 Radkilometer pro Jahr, und so weiter… Es hilft aber auch, verbindliche Termine zu schaffen: Kneifen liegt dann nicht drin. Schliesslich lässt man den Arbeitskollegen nur einmal früh morgens im Regen stehen.

Für Marc Jäggi und Seinesgleichen ist allerdings nicht Hopfen und Malz verloren, denn mit dem Essen (sprich Laufen) kommt auch der Appetit (sprich Genuss) – oder?

17 Gründe, warum Schweizer keinen Sport treiben

Natascha Knecht am Montag den 29. April 2013

Fast die Hälfte aller befragten Schweizer hat keine Zeit für Sport: Drei Frauen beim Nordic Walking (Bild: Keystone).

Falls Sie vom Institut LINK noch keinen Telefonanruf erhalten haben, kommt er vielleicht noch. Im Auftrag des Bundesamt für Sport führt es zwischen 20. Februar und 31. August 2013 eine Befragung über das Sportverhalten in der Schweizer Wohnbevölkerung durch.

Die Auswertungen der Antworten, das steht schon jetzt fest, werden wieder hochinteressant sein. Letztmals gabs eine solche Umfrage vor fünf Jahren – und die war insgesamt und nüchtern betrachtet sehr aufschlussreich (die Brochure mit allen Daten finden Sie hier).

Die Frage «Betreiben Sie Gymnastik, Fitness oder Sport?» beantworteten im Jahr 2008 27 Prozent mit einem klaren «nein». Uns überraschte das positiv. Wir hätten geschätzt, der Anteil Sportmuffel sei höher. Unterhaltsam fanden wir die Gründe, welche die 2431 befragten Nichtsportler nannten,

«weshalb man keinen Sport treibt»:

41.8 % sagten: Habe zu wenig Zeit

→ Wir sagen: Dieser Vorwand gefällt uns schon mal gut. Aber es kommen noch bessere Ausreden (nur weiterlesen).

17.3 %: Habe keine Lust, Sport macht mir keinen Spass

→ Okay, fast jeder Fünfte ist ehrlich.

14.6 %: Gesundheitliche Gründe

→ Fortgeschrittene, unheilbare Krankheiten sind furchtbar und unbestritten ein Grund, weshalb Sport nicht möglich ist. Aber falls Sie an heilbaren Beschwerden wie Raucherhusten, Fettleber oder Burnout leiden, denken Sie daran: Sport wirkt gesundheitsfördernd. Es gibt Leute, die bewegen sich mit künstlichen Hüftgelenken regelmässig.

9.9 %: Habe genug Bewegung, bin genug fit

→ Das lassen wir gelten, wenn Sie als Bergführer, Forstwart oder auf dem Bau arbeiten.

8.2 %: Fühle mich zu müde für sportliche Betätigungen

→ Für Nicht-Sportler ist es unvorstellbar, dass Sport enorm viel Energie zurückgibt, besonders nach einem strengen Arbeitstag. Zudem ist der Schlaf danach tief und erholsam.

7.9 %: Habe andere Interessen

→ Das akzeptieren wir, jedem das Seine. Aber selbst beim interessierten Kunstmalen, Stricken, Musikhören, Kaffeedeckelisammeln kann etwas frische Luft zwischendurch inspirieren.

7.7 %: Ungünstige, lange Arbeitszeiten

→ Klar, das kennen wir auch! Und tun es darum vorher, zwischendurch, an den freien Tagen.

4.1 %: Die Zeit geht der Familie verloren

→ Ansichtssache. Warum nicht mit dem Kinderwagen joggen? Oder mit der ganzen Familie wandern, schwimmen, biken? Eltern sind daheim relaxter, wenn sie sich regelmässig eine sportliche Auszeit nehmen. Es muss ja nicht gleich eine ganztägige Mehrpässe-Fahrt mit dem Rennvelo sein. Ein Stündchen Yoga reicht. Das kommt allen zugute und beflügelt sogar das Sexleben.

3.6 %: Sport liegt mir nicht, Sport tut mir nicht gut

→ Okay, wenn Sie Schlangenakrobatik meinen, pflichten wir bei.

3.5 %: Bin zu alt für Sport

→ Sicher. Bei Fauja Singh hatten wir auch vollstes Verständnis. Der britisch-indische Langstreckenläufer beendete vergangenen Februar im Alter von 102,5 Jahren seine Marathon-Karriere.

2.2 %: Verletzung beim Sporttreiben war Grund für Ausstieg

→ Sportverletzungen kennen wir, sie nerven, sind überflüssig und bremsen vorübergehend aus. Aber gleich ein Grund für den totalen Ausstieg auf immer und ewig?

2.0 %: Finanzielle Gründe, Sport ist mir zu teuer

→ Genau! Ein zügiger Spaziergang schlägt enorm aufs Portemonnaie. Zum Glück ist der TV gratis.

1.4 %: Finde kein passendes Angebot

→ Absolut nachvollziehbar. Zwischen Aerobic und Zumba gibt es leider null Alternativen.

0.6 %: Schlechte Erinnerungen, schlechte Erfahrungen

→ Ja, dieser böse Turnlehrer in Primarschule. Und die gemeinen Klassenkameraden haben uns beim Völkerball immer als Letzte in ein Team gewählt. Ein Trauma, das nachhaltig gepflegt werden muss.

0.6 %: Langer Arbeitsweg

→ Sie arbeiten 8 Tage pro Woche und haben nie frei, oder? Zur Erinnerung: Ferdy Kübler legte als Teenager den Arbeitsweg von seinem Wohnort Marthalen im Zürcher Weinland zur Bijouterie Barth an der Zürcher Bahnhofstrasse mit dem Rad zurück. 2 x 45 Kilometer pro Tag. Für Kübler war das der Startschuss für den Tour-de-France-Triumph und den WM-Titel. Mit anderen Worten: Arbeitswege können grosse Karrieren starten.

0.4 %: Unpassende Öffnungszeiten, schlechte Erreichbarkeit der Sportanlagen

→ Exakt. Der Wald hat oft geschlossen. Und ohne Sportanlage geht gar nichts.

10.2 %: Andere Gründe

→ 10,2 % haben andere Gründe? Himmel, was gibts denn sonst noch?

Die erste Zerreissprobe

Pia Wertheimer am Montag den 22. April 2013
Inlineskater und Rennvelofahrer unterwegs beim Gigathlon am Sonntag 11. Juli 2010 in Thun. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Die Aufteilung der Strecken innerhalb des Teams ist nicht einfach: Inlineskater und Rennvelofahrer unterwegs beim Gigathlon, 11. Juli 2010. (Keystone/Peter Schneider)

Drei Monate vor dem Startschuss des einwöchigen Gigathlon, steht unser noch junges Team vor der ersten Zerreissprobe. Es geht um die Verteilung der Etappen. Faites vos jeux! Wir spielen um fünf Disziplinen an sechs Tagen: Inline, Laufen, Velo, Bike und Schwimmen auf einer insgesamt 1057 Kilometer langen Strecke. Es gilt dabei 18‘600 Höhenmeter zu überwinden. Am Spieltisch sitzen mein Gigathlonpartner Roland Rietiker und unsere beiden Supporter Oliver Marjanovic und Jenny Steiner – sie fungieren sozusagen als Croupier, oder eben als Schiedsrichter.

Mein Teampartner und ich haben uns seit unserer Anmeldung immer wieder mit der Streckenauswahl auseinandergesetzt – jeder von uns hat Objekte der Begierde, jeder von uns hat sich seinen Wunschgigathlon im Kopf zusammengestellt. Jetzt gilt es die beiden Szenarien auf einen Nenner zu bringen:

Der Kampf ums Rothorn

Wer bekommt welche Etappe? Im Bild: Strecken-Wunschzettel. (Foto: Pia Wertheimer)

Wer bekommt welche Etappe? Im Bild: Strecken-Wunschzettel. (Foto: Pia Wertheimer)

Ich halte mein Blatt in der Hand und spiele um: Die Laufstrecke des ersten Tages hinauf aufs Parpaner Rothorn, die Velostrecke des dritten Tages über den Brünig und den Susten, die neun Kilometer lange Schwimmstrecke die Aare abwärts am Tag 5 und die Veloetappe des sechsten Tages über den Col du Mollendruz. Ich weiss aber auch haargenau, wie mein persönlicher Schwarzer Peter aussieht: Die 43 Kilometer lange Inline-Etappe von Lyss nach Neuchâtel am letzten Tag. Zu tief sitzt der Rückschlag des vergangenen Gigathlon, bei dem ich auf einer ähnlich langen Strecke stürzte. Als Folge davon musste ich am zweiten Tag aufgeben.

Roland hatte sich bisher kaum in die Karten blicken lassen – nun war es soweit. Ich mache mich bereit, mein Rothorn zu verteidigen. Unnötig, wie sich herausstellt: Die Verteilung der Etappen des ersten Tages fordert keine Kompromisse – unsere Wünsche ergänzten sich: Das Rothorn habe ich in der Tasche. Wir gehen in die zweite Runde – trotz einigen geringfügigen Änderungen geht auch sie glimpflich aus. Bei der Aufteilung von Tag 3 geht es aber erstmals ans Eingemachte: Roland und ich beanspruchten dieselben Etappen –beide wollen den Brünig und den Susten. Ich wappne mich zum Kampf um die beiden Pässe. Mein Ego fordert erbarmungslos, meine Vernunft aber will einlenken – schliesslich ist es sein erster wirklicher Wunsch und schliesslich ist es nicht mein letztes Anliegen. Ich gebe nach.

Die sechste Disziplin

Der Sieger 2002, Bennie Lindberg, wird ins Ziel begleitet. (Keystone/Michele Limina)

Die Inlinestrecke ist nicht bei allen gleich beliebt: Der Sieger 2002, Bennie Lindberg, wird ins Ziel begleitet. (Keystone/Michele Limina)

Die Planung von Tag 4: unspektakulär. Und schon steht Tag 5 und damit die Aare-Schwimmstrecke auf dem Spiel – es ist wie verhext, sie ist auch Rolands Objekt der Begierde. Unentschlossen, wie wir den Konflikt austragen sollen, nehmen wir uns erst den letzten Tag vor. Beim Gedanken an die 43 Inline-Kilometer stehen mir die Haare zu Berge. Blitzartig werde ich mir bewusst: Ich würde alles daransetzen, diese Etappe nicht fahren zu müssen. Mein Einsatz war in diesem Augenblick klar: All in! Ich biete das Aare-Schwimmen und den Col du Mollendruz (auf den auch Roland scharf war) gegen diese Inline-Strecke.

Die ersten Spannungen haben sich bemerkbar gemacht. Am grosszügigen Brunchtisch der Familie Rietiker vermochten sie unser Abenteuer nicht zu verderben. Sie waren aber ein Amuse-Bouche, das es ernst zu nehmen gilt. Denn auch wenn wir zu zweit antreten, wird der Gigathlon zumindest meine letzten Reserven anzapfen – und wohl aufbrauchen. Zu zweit heisst zwar geteilte Strapazen, es heisst aber auch als Teammitglied Entscheidungen treffen, handeln und sich zusammenraufen. Es heisst, unter extremer, körperlicher und mentaler Belastung teamfähig zu sein. Dies wird die sechste Disziplin unseres Abenteuers sein.

Die Warnung des Experten

Bennie Lindeberg weiss, wie es ist, wenn die Müdigkeit die Nerven auf die Probe stellt. Er stieg 2002 aufs zweite Podesttreppchen des Gigathlon und gewann zwei Jahre später als Single-Athlet. Er hat den Fünf-Disziplinen-Anlass aber auch schon als Couple bestritten und wird das heuer wieder tun. Er warnt: «Ihr müsst euch bewusst sein, dass beim Gigathlon im Prinzip alles passieren kann. Es ist möglich, dass ihr so müde sein werdet, dass es Streit gibt.» Das Gigathlonkonzept lasse es in diesem Fall aber zu, dass sich Teampartner aus dem Weg gehen können. Sie sind wechselweise unterwegs und sehen sich praktisch den ganzen Tag nicht. «Ein Hallo in der Wechselzone – das ist unverfänglich.» Gefährlich für den Teamgeist werde es, wenn sich die Mitglieder gegenseitig unter Druck setzen würden.

Lindberg ortet diesbezüglich eine grosse Falle auf dem Gigathlonweg von Chur nach Lausanne: «Spannungen sind vorprogrammiert, wenn es einem Sportler nur um Spass geht und der andere voll auf Bestzeit setzt.» Das sei eine Kernfrage, die ehrlich geklärt sein wolle, bevor das Team entsteht und spätestens bevor der Startschuss fällt. «Willst beispielsweise du in erster Linie Spass haben, heisst das für Roland nicht, dass er nicht Vollgas geben kann. Er kann das auf seinen Streckenabschnitten durchaus tun, muss aber akzeptieren, welche Einstellung du hast.»

Bennie Lindberg (50) war von 1988 bis 1995 Mitglied der finnischen Triathlon-Nationalmannschaft und bestritt von 1990 bis 1993 die Wettkämpfe als Profi, bis ein schwerer Verkehrsunfall seine Profikarriere beendete. Seit 1992 wirkt er als Trainer, unter anderem beim finnischen Triathlon Verband. Der Finne zog 1995 nach Roth (D) und gründete die Firma Ad Extremum (www.ad-extremum.com). Seit 1996 coacht er Privatpersonen, Vereine und Unternehmen. Er ist zudem Autor des Bestsellers «Triathlon für Berufstätige» und des Buches «Gigathlon changes your view».

Verletzungen, Kreislaufprobleme und ein Herzinfarkt: Arztdienst am Zürich Marathon

Natascha Knecht am Montag den 15. April 2013

Heute schreibt unser Running-Doc *Dr. med. Martin Narozny-Willi:

Laeuferinnen und Laeufer beim Zuerich Marathon am Sonntag, 7. April 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Wie sieht ein Laufanlass aus Sicht des medizinischen Dienstes aus? Im Bild: Läuferinnen und Läufer am Zürich Marathon, 7. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

7. April 2013, heute startet der Zürich Marathon. Es ist 4.30 Uhr morgens, ich bin verantwortlich für die Organisation der medizinischen Dienstes während des Laufs und fahre durch die Stadt zum Treffpunkt mit dem Rettungsdienst, um die letzten Vorbereitungen für das Sanitätsdipositiv des Marathons zu treffen. Es ist noch eisig kalt bei 1°C. Eigentlich erwarte ich eine menschenleere Stadt. Doch Scharen von partysuchenden Jugendlichen begegnen mir. Sind wohl nicht diejenigen, die wir am Marathon betreuen werden.

Erste OK-Sitzung
Die Vorbereitungen für den medizinischen Dienst begannen bereits sechs Monate vor dem eigentlichen Start an der ersten Sitzung des Organisationskomitees. Für 2013 konnte ein Sponsor gefunden werden, der nicht nur wie bisher die Kosten für das Sanitätspersonal, sondern auch neu die ganzen medizinischen Behandlungskosten übernimmt, was einen Mehraufwand von 50 Prozent bedeutet.

Das Konzept des letzten Jahres wird einer kritischen Prüfung unterworfen und Anpassungen vorgenommen. Ein Sanitätsposten bei jedem Verpflegungsposten und eine grosse Basis im Start-/Zielbereich haben sich in den letzten Jahren bewährt. Somit kann die Infrastruktur gemeinsam genutzt werden. Allerdings zeigt sich hier bereits ein erstes Problem: Im Zielbereich wird am 7. April eine grosse Baustelle sein. Niemand kennt aktuell die genaue Position. Somit steht noch in den Sternen, wo und wie die Sanitätsbasis erstellt werden kann. Ein Standort seeseitig von der Start-/Zielgeraden kommt nicht in Frage, da im Notfall eine rasche Wegfahrt mit der Ambulanz durch die Läuferschar zu hohe Risiken birgt. Die Lösung dieses Problems muss verschoben werden, bis der genaue Baustellenplan bekannt sein wird. Wir diskutieren bereits einen Plan B.

Detailplanung
In den Sitzungen 8 und 4 Wochen vor dem Marathon geht es um die letzten Planungen.
Der Bedarf an Sanitätspersonal und Fahrzeugen wird berechnet. Der Kontakt zur Seerettung muss hergestellt werden. Diese bringt Läufer, die unterwegs aus medizinischen Gründen aufgeben müssen, zur Sanität ins Ziel. Zu- und Abfahrtswege für die Sanität müssen definiert und sichergestellt werden. Die umliegenden Spitäler werden über  den Marathon informiert und vieles weitere mehr.  Der Zeltbauer muss wissen, wie viele Zelte er für uns im Zielbereich aufstellen soll.

Unzählige kleine Details wie Stromanschluss, Heizkörper für das Sanitätszelt, Tee und Bouillon sowie ein Toi Toi müssen bedacht werden, um nur einige Punkte zu erwähnen. Und noch immer keine genauen Informationen über die Baustelle im Zielbereich für den Aufbau unserer Sanitätsbasis. Der Stand der Bauarbeiten hänge vom Wetter ab, wird uns mitgeteilt. Erst 3 Tage vor dem Start erfahren wir von der Bauleitung, die sich sehr kulant gezeigt hat, dass wir genügend Raum für eine optimale Lösung erhalten werden und dürfen einen separaten Platz am Rande der Baustelle benützen.

Es geht los
Starttag, wir haben am frühen Morgen sechs Sanitätsstellen entlang der Strecke eingerichtet, die Sanitätsbasis im Start-/Zielbereich wurde bereits am Vortag mit einem beheizten Zelt mit acht Liegestellen, einem Sanitätscontainer mit zwei Behandlungsstellen für ernsthafte Fälle und einem Sattelschlepperanhänger zur Therapie von einfachen Verletzungen fertiggestellt. 5 Ärzte sowie 26 Rettungssanitäter und Sanitätsgehilfen, 3 Ambulanzen und 2 Notarztfahrzeuge stehen bereit.

Laeuferinnen und Laeufer beim Zuerich Marathon am Sonntag, 7. April 2013. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Am Zürich Marathon, 7. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

08.30 Uhr, der Startschuss fällt. 6000 Läuferinnen und Läufer setzen sich bei kalten 5°C in Bewegung. Wenigstens regnet es nicht wie letztes Jahr. Nach einer halben Stunde laufen bereits die schnellsten Teilnehmer des 10-km-Runs ins Ziel. Während der ersten Stunde bleibt es bei der Sanität ruhig. Dann hören wir über Funk die ersten Einsätze. Erschöpfte und verletzte Läufer werden in die einzelnen Sanitätsstellen entlang der Strecke gebracht und behandelt. Nach 2 Stunden 7 Minuten und 44 Sekunden läuft Abraham Tadesse aus Eritrea als Sieger durchs Ziel. Das bedeutet, dass ab jetzt auch in der Sanitätsbasis die eigentliche Arbeit auf uns zukommt. Sanitäter triagieren die eintreffenden Läuferinnen und Läufer. Manche sind so erschöpft und ausgetrocknet, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten können. Sie werden ins Sanitätszelt gebracht und medizinisch überwacht. Kleinere Wunden werden desinfiziert, unterkühlte Patienten wieder aufgewärmt und teils riesige Blasen an den Füssen versorgt. Um Muskelkrämpfe und Zerrungen kümmert sich kompetent unser Physiotherapeut.

Einige Stunden nach dem Startschuss bin ich froh, dass bisher noch keine schwerwiegenden medizinischen Fälle aufgetreten sind. Da wird mir gemeldet, dass sich einer der erschöpften Patienten, die in der Basis überwacht werden, nicht erholt. Der Patient ist ansprechbar, sein Blutdruck stabil, er berichtet über keinerlei Schmerzen, dennoch geht es ihm nicht gut. Das EKG bringt die Lösung. Nach 42 km Laufstrecke hat der Patient im Ziel einen Herzinfarkt erlitten! Jetzt ist die Sanität gefordert. Nach der Erstversorgung vor Ort, wird der Patient mit der Ambulanz und dem Notarzt umgehend in ein nahe gelegenes Spital verlegt, wo sofort das verschlossene Herzkranzgefäss wieder eröffnet werden kann und ein Implantat eingesetzt wird, um das Gefäss offen zu halten. Man kann lange über die Spitzenmedizin und ihre Kosten diskutieren, aber hier hat sie dem Patienten das Leben gerettet.

Zusammenfassung
Nachdem die letzten Teilnehmer durchs Ziel gelaufen sind, ist es Zeit für ein Résumé. Wir haben während des Zürich Marathons 2013 insgesamt 44 Patienten mit folgenden Diagnosen behandelt: 1 Herzinfarkt, 1 Epilepsie, 6 Kreislaufprobleme, 2 Unterkühlungen, 19 Verletzungen am Bewegungsapparat, 11 Wundversorgungen sowie 4 andere Beschwerden.

Und das Beste kommt zum Schluss

Am nächsten Tag erhalte ich die erfreuliche Meldung, dass es dem Patienten mit dem Herzinfarkt den Umständen entsprechend gut geht. Ich wünsche Ihnen, lieber Patient, auf diesem Weg weiterhin gute Besserung und eine erfolgreiche Rehabilitation!

Dr. med. Martin Narozny*Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. Medbase Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

Schrecken der Wälder

Pia Wertheimer am Montag den 8. April 2013
Erholung in der Natur ist für alle wichtig: Joggerin zwischen den damaligen französischen Nationalspielern Lizarazu (l.) und Thuram im Juni 1998.

Erholung in der Natur ist für alle wichtig: Joggerin zwischen den damaligen französischen Fussball-Nationalspielern Lizarazu (l.) und Thuram im Juni 1998. (Bild: Reuters)

Ich bin der Bösewicht in Person! Schlimmer geht es nicht: Ich fahre mit meinem Bike durch den Wald, jogge ab und an darin – sogar mit meinem Hund! Damit gehöre ich laut einer Umfrage des Bundesamt für Umwelt (Bafu) zu den grössten Ärgerquellen meiner Mitmenschen, die sich im Forst aufhalten. Diese unrühmliche Rangliste führen die Biker an, gefolgt von Leuten mit Hunden, auf Platz 5 figurieren dann die Sportler ohne Velo.

Laut Bafu ist rund ein Drittel der Schweiz bewaldet. Und dieser Drittel ist, so das Bundesamt, eine bedeutende Lebensgrundlage für  Tiere und Pflanzen. Das leuchtet ein. Und natürlich: Ja, es ist  wichtig diese zu schützen! Und selbstverständlich gilt es, jene Wesen zu respektieren, die im Wald zu Hause sind! Sportler und Hundehalter grundsätzlich zu verteufeln und ihnen pauschal den Schwarzen Peter zu zuschieben, grenzt aber an Arroganz und Kurzsichtigkeit. Der Wald ist eine bedeutende Lebensgrundlage – auch für den Menschen. Dieser Satz stammt nicht etwa von einer erzürnten, hundehaltenden Sportlerin – nein, er stammt von Bundesbern.

Beim Thema Wald verlieren viele ihren Realitätsbezug

Die verbaute Fläche breitet sich aus, wie ein graues Geschwür. Die grünen Oasen dünnen aus – gerade in der Agglomeration der Städte. Natürlich wird so der Lebensraum von Flora und Fauna kleiner. Dasselbe gilt aber auch für jene Freiräume, die uns Menschen aufatmen lassen. Der Wald ist eine Tankstelle und gleichzeitig ein Ventil. In den Laufschuhen oder im Bikesattel lässt sich wunderbar die Batterien aufladen. In der Ruhe zwischen den Bäumen gerät die Hektik des Alltags, das Grau der Städte, das zuweilen beklemmende Gefühl von Menschenansammlungen in Vergessenheit. Der Wald ist eine Begegnungszone von Mensch und Natur. Ganz ehrlich? Ich kann mich an keinen Lauf im Forst erinnern, während welchem ich nicht einem Kind gleich ob der Flora oder Fauna staunte. Oft packt mich in den Laufschuhen ein ungestümer Übermut, der mich an die Unbeschwertheit meiner Kindheit erinnert. Fernab von der Zivilisation werde ich umweltverträglich.

Im Wohn- und Arbeitsraum der Menschen ist Verdichten gefragt, ja gar vorgeschrieben. Es erstaunt darum wenig, dass die meisten vom Bafu befragten Personen angaben, dass sie sich im Wald aufhalten, um «die gute Luft zu geniessen». Weitere Top-Gründe sind «raus aus dem Alltag», «Natur erleben», «etwas für die Gesundheit tun» und «sportlich aktiv sein». Und je dichter wir leben, desto grösser werden diese Bedürfnisse, desto mehr hungern wir nach Freiraum. Zugegeben, das Mass Bewegungs- und Freiheitsdrang mag individuell sein. Fest steht aber: Menschen tendieren, schlechte Erlebnisse um ein Vielfaches öfter zu erwähnen, als positive Erfahrungen. Haftet dem Thema Wald eine realitätsverschiebende Reklamationskultur an? Hand aufs Herz: Wie vielen Bikern, Hündelern und Läufern sind Sie schon begegnet, die respektvoll mit Pflanzen und Tieren umgingen und wie oft hat Sie ihr Fehlverhalten tatsächlich erzürnt?

Doping für die Motivation

Natascha Knecht am Montag den 1. April 2013
Manchmal muss man sich etwas Neues gönnen, um sich zu motivieren: Beschwingte Läuferin. (Foto: Flickr)

Manchmal muss man sich etwas Neues gönnen, um sich zu motivieren: Beschwingte Läuferin. (Foto: Flickr)

Sind Sie beim Sport eher der Typ Geniesser oder der Typ Kämpfer? Oder anders gefragt: Wie gerne quälen Sie sich? Welche Freundschaft pflegen Sie mit Ihrem inneren Schweinehund?

Ich selber zähle mich zu den Genusssportlerinnen. Wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann Leiden. Wenn ich beissen muss, um auf den Uetliberg zu joggen, bin ich danach zwar stolz auf meinen Durchhaltewillen, aber Spass hatte ich nicht wirklich. Viele meiner Sportsfreunde sind anders. Sie haben mehr Freude, wenn sie gelitten haben, wenn sie ihre letzte Energie wie auf Knopfdruck abrufen konnten.

Darum hilft bei mir nur eines: Öfter trainieren. Laufe ich nur ein Mal pro Woche, ist es jedes Mal eine Tortur. Gehe ich zwei Mal pro Woche, wird es besser. Laufe ich regelmässig drei Mal pro Woche, beginnt der Spass. Und bei vier oder fünf Einheiten, möchte ich gleich noch ein sechste, oder siebte anhängen, weil ich jedes Training richtig geniesse.

Doping für die Motivation brauche ich normalerweise nicht. Aber nachdem ich aufgrund meines Unfalls viele Wochen sportlich ausgefallen bin, ist meine Kondition jetzt leider im Keller. Und meine Triebfeder eingerostet. Seit ich wieder Sport treiben darf, kostet es mich Überwindung, meine Laufschuhe zu schnüren. Ich habe keine Lust auf Leiden, ausserdem hatte ich mich gerade daran gewöhnt, dass die Abende auf dem Sofa auch ganz nett sein können.

Neu gepaart

«Kauf dir eine Motivationspritze», riet ein Kollege. In dieselbe Richtung zielte die Anregung eines anderen Bekannten: «Wenn ich mal keine Lust auf Sport habe, ziehe ich immer etwas Neues an. Das motiviert mich immer. Neue Sachen auszuführen, macht halt schon Spass.»

Die neuen Schuhe von Adidas sind offensichtlich Aufsteller: Werbung für die Energy-Boost-Schuhe. (Foto: Adidas)

Die neuen Schuhe von Adidas verschaffen ganz offensichtlich Auftrieb: Werbeplakat für Energy-Boost-Schuhe. (Foto: Adidas)

Gut gemeinte, plausible Ratschläge sollte man annehmen, oder? Ich bin jetzt also Besitzerin von neuen Laufschuhen. Ich möchte hier keine Werbung für Marken machen, aber die Ironie ist die Folgende: Der Schuh passt perfekt zu meinem Motivations- und Konditionsloch. «Energy Boost» heisst das Modell. In Fachzeitschriften und Läufer-Foren wird seine Sohle als Revolution im Laufsport gerühmt. Eine neue Generation sei geboren, heisst es da. Ob das so ist, kann ich nicht fachkundig beurteilen, von Technologie verstehe ich zu wenig. Meistens kaufe ich einfach den besten Schuh, den es gerade im Ausverkauf gibt.

Mit dem «Energy Boost» bin ich nun aber eine Paarung zu einem bestimmten Zweck eingegangen. Was ich von ihm sagen kann: Er ist sehr leicht und angenehm, läuft sich definitiv anders als all meine anderen Schuhe. Aber vor allem motiviert er mich, mich aufzuraffen und beschert mir dadurch Erfolgserlebnisse. Wir hatten inzwischen schon einige Stunden Spass zusammen im Wald. Und ich merke, dass meine Fitness so sicher zurückkommt wie der Frühling und die damit verbundenen Gefühle. Es gibt Tricks, den inneren Schweinehund zu bodigen. Im Moment gebe ich ihm einfach den Schuh und mir den Boost.

Auf welche Motivationshilfen schwören Sie?

Liebe Leserinnen und Leser, über Ostern kann es etwas länger dauern, bis ihre Kommentare freigeschaltet werden. Die Redaktion.

Hopp Mami! Lauf Papi!

Pia Wertheimer am Montag den 25. März 2013

Tochter und Mutter auf der Ehrenrunde: Die Schweizerin Jasmin Nunige gewinnt den Swiss Alpine Marathon, 31. Juli 2010. (Foto: Keystone/Ennio Leanza)

Viele der Frauen und Männer in meinem läuferischen Umfeld sind inzwischen Eltern. Die süssen Dreikäsehochs haben ihren Alltag umgekrempelt und damit auch ihre Sportgewohnheiten. Läuferinnen, Triathleten und Paare, die vor der Geburt des Nachwuchs gemeinsam Sport betrieben, müssen für ihr Hobby nun noch aktiver Zeit freischaufeln, als sie dies als Berufstätige ohnehin tun müssen. Will sie trainieren, passt er auf die Kinder auf – und umgekehrt. Will das Paar gemeinsam an der frischen Luft Sport treiben, muss ein Babysitter oder die Grossmutter ran.

Während Kaufhäuser bereits seit Jahren Horte zur Verfügung stellen, braucht es für sportliche Eltern ein grosses organisatorisches Geschick, wenn Mami, Papi, oder gar beide an einem Marathon teilnehmen möchten. Denn in der Schweiz suchten Eltern bisher vergebens nach einer Kinderbetreuung an Laufveranstaltungen. Das erstaunt, denn die grösste Zielgruppe der Marathon-Organisatoren sind Sportbegeisterte im Alter zwischen 30 und 50 Jahren.

Erster Schweizer Marathon-Hort

Das zeigt ein Blick auf die Startliste des Zürich Marathons: Am umfangreichsten sind die Teilnehmerfelder der Alterskategorien M30 (Männer von 30 bis 40 Jahren) und W30 (Frauen gleichen Alters). Beim Winterthurer Marathon sind die meisten bisher gemeldeten Männer zwischen 40 und 50, bei den Frauen zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei den 42,195 Kilometer von Zürich. Eine Studie aus dem Jahr 2010, die alle Teilnehmer der Marathonläufe in Amerika unter die Lupe nahm, zeigt: Das Durchschnittsalter der Männer lag in jenem Jahr bei 40,3 Jahren und jenes der Frauen bei 38,8 Jahren. Menschen im besten Elternalter.

Während die Kinderbetreuung regelmässig auf der Traktandenliste von Politik und Wirtschaft figuriert, scheint das Thema nun endlich auch bei den Laufveranstaltern angekommen zu sein: der Swiss Alpine Marathon führt heuer erstmals einen Kinderhort am Renntag. 20 Franken kostet die halbtägige Betreuung, das doppelte wenn die Kleinen einen ganzen Tag lang bleiben.

Altmodische Rollenverteilung

Die Kinder werden laut Homepage des Veranstalters von Fachpersonen betreut und verbringen «einen Tag mit Spiel und Spass». Für Verpflegung ist ebenfalls gesorgt, der Menüplan bereits einsehbar. Die Idee ist jedenfalls lobenswert und findet hoffentlich Nachahmer. Vielleicht begeben sich die Laufveranstalter ja sogar auf die Spuren von Ikea-Chef Ingvar Kamprad. In seinen Kaufhäusern sind die Horte gratis.

Bezeichnenderweise wenden sich die Organisatoren des Swiss Alpine Marathons mit ihrer fortschrittlichen Idee aber an die Läuferinnen: «Liebe Mütter, möchtet auch ihr den Swissalpine absolvieren, hattet aber bisher keine Möglichkeit, da der Babysitter fehlte? Wir schaffen dem Abhilfe.» Die Anrede spricht Bände, nicht? Eine Diskussion zu diesem Thema führte ich kürzlich mit einer emanzipierten, liebevollen Mama und ambitionierten Läuferin. Es ging um die Teilnahme an einer mehrtägigen Sportveranstaltung. Sie räumte ein: «Wenn mein Partner teilnehmen möchte, tut er das – umgekehrt muss ich mich organisieren.» Sind Läuferinnen weniger emanzipiert? Oder ist die Rollenverteilung in den Familien altmodisch, wenn es um die Teilnahme an Laufveranstaltungen geht?

Müssen sich Sportler grüssen?

Natascha Knecht am Montag den 18. März 2013
Eine freundliche Joggerin. (Foto: Flickr/M. Creedon)

Viele Läufer scheinen einen Tunnelblick zu haben: Eine freundliche Joggerin. (Foto: Flickr/M. Creedon)

Wenn ich im Hochgebirge anderen Bergsteigern begegne, wird gegenseitig gegrüsst. Keine Frage. Aber wenn ich – insbesondere hier in Zürich – beim Sport andere Sportler kreuze, dann scheint das komplizierter. Manche grüssen zurück, manche nicht. Weshalb ist das so? Seit Jahren versuche ich zu analysieren, welcher Typ Sportler ein «Hoi» über die Lippen bringt und wer stumm tut. Zu einem abschliessenden Fazit bin ich bis heute nicht gekommen, aber ich habe folgende Erfahrungen gemacht:

Fitnesscenter: Ein Hort von Nicht-Grüssern. Die Leute schauen sich lieber auf die Turnschuhe als in die Augen. Nach Jahren im selben Studio sind es nur einzelne, die mir «Hallo» sagen, oder gar mit mir schwatzen. Fast nur solche, denen ich auch ausserhalb des Fitnesscenters ab und zu begegne, die in der gleichen Nachbarschaft oder gar im selben Haus leben. Speziell befremdend finde ich das Nicht-Grüssen in der Garderobe. Wir Frauen ziehen uns nebeneinander bis auf die Unterhosen aus, oder wir stehen Duschkopf an Duschkopf nackt unter dem Wasserstrahl. Aber grüssen? Nein, das ist den meisten dann doch zu intim. Und wehe, ich sage spontan «Hoi», dann kommt oft ein gereizter Blick zurück. Oder noch schlimmer: ein «Grüezi». Natürlich habe ich auch in der Fitnesscenter-Garderobe schon kommunikative Mitsportlerinnen getroffen, aber selten.

Kletterhalle: Dort verhält es sich in der Damen-Garderobe ähnlich wie im Fitnesscenter. In der Halle selber grüssen sich die Sportkletterer auch selten, wenn sie sich nicht persönlich kennen. Selbst dann nicht, wenn man sich schon hundert Mal in der Halle gesehen hat. Das Maximum, das da mit einer anderen Seilschaft kommuniziert wird, lautet etwa so: «Seid Ihr fertig in der grünen Route?» Das bedeutet: «Können wir endlich in die grüne Route?» Gemeint ist: «Haut endlich ab aus der grünen Route.» Vielleicht ist das nur ein Züri-Ding? Bin ich im Berner Oberland plaudern die Leute freundlich miteinander, selbst wenn man sich vorher nicht gekannt hat.

Joggen: Zu den Nicht-Grüssern gehören – sorry – die Anfänger. Entweder ist es ihnen peinlich, durch den Wald zu schnaufen und keuchen, oder sie können vor lauter Schnaufen und Keuchen keinen Ton mehr von sich geben, selbst für einen freundlichen Blick reicht ihre Kraft nicht mehr. Zu den Nicht-Grüssern unter den Joggern zähle ich aber auch die Verbissenen. Solche, die wahrscheinlich für einen Ultra-Mega-Marathon trainieren und im Usain-Bolt-Tempo durch den Wald sprinten. Sie sehen nichts und niemanden. Röhrenblick! Ich selber laufe vor allem am Uetliberg und beobachte dort: Die einzigen die grüssen, sind gut trainierte Läuferinnen und Läufer, die aber eindeutig noch Spass am Sport haben. Besonders an regnerischen oder kalten Tagen zeigt sich, wer wirklich gerne läuft und nicht aus einem Fettverbrennungszwang unterwegs ist. Bei schlechter Witterung hat es an Zürichs beliebtestem Ausflugsberg kaum Leute, und die wenigen, die rauf und runter joggen haben ein glückliches Gesicht, grüssen ganz selbstverständlich mit einem freundlichen Lächeln, manche heben zum Gruss sogar die Hand oder den Daumen. An solchen Tagen fühle ich mich unter Gleichgesinnten – und wohl.

Ob man sich beim Sport grüssen soll, weiss ich nicht. Ich tue es jedenfalls gerne und finde es extrem motivierend, wenn ein «Hallo» zurückkommt. Und Sie?