Leben


Archiv für die Kategorie „Training“

Sprung über den eigenen Schatten

Natascha Knecht am Freitag den 20. August 2010

«Hallo, Natascha. Wir sind gut gelandet. Ich bin direkt in die Kletterhalle gegangen und habe bereits meine erste Trainingssession hinter mir…:-) Jetzt bin ich auf dem Weg nach Hause. Glg Roger»

Dieses SMS landet fünf (!) Stunden nach Roger Schaelis Ankunft im Flughafen Zürich auf meinem iPhone.

Roger, wie ich ihn kenne! Jeder normale Mensch geht doch nach den Strapazen einer mehrwöchigen Big-Wall-Expedition in Grönland als erstes heim, isst was Feines, entspannt sich, erzählt von seinen Erlebnissen. Nicht so Roger Schaeli: Er fährt auf direktem Weg zum Training. Jeder Tag ohne Klettern ist für ihn ein verlorener Tag.

Trotzdem: Auch er schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Etwa mit diesem Video, das er mir vor drei Tagen aus Grönland für den Blog übermittelte. Ich traute meinen Augen nicht: Roger macht einen Köpfler ins Eiswasser! Sogar einen eleganten! Wow!

Es war für ihn ein Sprung über den eigenen Schatten. «Ich liess mich dazu zum Spass überreden», erzählt er und lacht. Die Wassertemperatur betrug gerade mal 3 Grad, die Luft war 7 Grad kalt.

Rogers Welt sind das Gebirge und schwindelerregende Höhen am Fels. Mit Baden lockt man ihn nirgendwo hin. Selbst auf einer Mittelmeerinsel und im Hochsommer – Roger will er nur eines: klettern. «Im Wasser wird mir kalt», sagt er. Und outet sich ungeniert als «Gfrörli». Laufen andere in T-Shirt, Shorts und Flipflops rum, ist ihm in Fleecepulli und Socken am wohlsten.

Roger pusht auch meine sportliche Limite, setzt mir Ziele

Als «Aufzeichnerin» seines Bergblogs bin ich froh, dass ihm in Grönland alles gut lief. Ich hatte hier in Zürich einige schlaflose Nächte, obschon mein Bauchgefühl immer gut ist, wenn er klettert. Doch als «Seefahrer» auf dem Schlauchboot gab er mir zeitweilig schon zu denken.

Wie auch immer: Endlich ist nun mein bester Bergpartner wieder da, es kann weitergehen, ich freue mich. Allein in diesem Jahr hat Roger mich bereits auf unzählige Gipfel mitgenommen, ich durfte mehrere Hundert Stunden mit ihm klettern, in der Schweiz, im Ausland, sogar ganztägige Mehrseilrouten im teils überhängenden Eis.

Roger pusht meine sportliche Limite, setzt mir Ziele, auf die ich mich konzentrieren kann und für die ich gerne konsequent trainiere. Etwa für die Heckmair-Route durch die Eigernordwand, die er mir vorgeschlagen hat (inklusive Biwak). Ich hoffe, dass ich im kommenden Winter/Frühling für diesen – für mich – happigen Klassiker fähig bin – und uns die Witterung hold sein wird.

Im Outdoor-Blog schreibe ich bald regelmässig, wie es ist, als Hobby-Alpinistin mit dem Profi unterwegs zu sein: meist wird es schön, manchmal extrem. Und: Ich werde gern von den Tipps und Tricks berichten, die mir Roger als mein «Personal Alpine Trainer» zeigt.

Da Roger als Profi-Alpinist hin und wieder im Ausland weilt, bin ich natürlich auch mit anderen Partnern in den Bergen unterwegs. Auch sie sind stark, unterhaltsam und bereit, ihr Wissen weiterzugeben.

Bis dann also, draussen in der Vertikalen oder hier im Outdoor-Blog!

Natascha Knecht

«Packen, mich verabschieden, Haare schneiden – und was ich heute sonst noch alles tun muss»

Natascha Knecht am Montag den 26. Juli 2010

Letzter Tag vor der Abreise! Ich bin um 5 Uhr aufgestanden, weil ich noch ganz viel erledigen muss (Fotogalerie ganz unten).

Meine CHECK-LISTE für heute:

- Angesammelte Post sortieren und Briefe öffnen.

- Letzte Pakete mit Klettermaterial auspacken und im Reisegepäck verstauen. Manches trifft erst jetzt in letzter Minute bei mir ein.

- Buchhaltung: Einzahlungen machen, Rechnungen schreiben und abschicken, Quittungen nach Monat einordnen.

- Letzte Mails und Anrufe.

- Zu meinen Eltern fahren und mich verabschieden. Sie haben mich immer unterstützt. Durch meinen Vater bin ich zur Bergsteigerei gekommen.

- Einkaufen: Insektenspray, Batterien für Stirnlampe.

- Haare schneiden.

- Abschlusstraining: Erst Laufen, später Bouldern (aus Zeitgründen Indoor).

- Ein Schaumbad nehmen: Mein letztes vor der Abreise. Ich liebe es, Körper und Geist im warmen Wasser zu entspannen. Am liebsten jeden Tag eine Stunde. In Grönland werde ich einen Monat lang nicht baden oder duschen können. Das ist weniger schlimm, als es klingt. Es ist ja nicht so, dass man über die Wochen hinweg immer «gruusiger» wird. Nach drei, vier Tagen erreicht der Körper das Maximum, danach bleibt man etwa gleich. Ich schwitze zum Glück wenig, selbst bei physischer Anstrengung. Ausserdem werde ich versuchen, mich zwischendurch mit einem Lappen und Seife an einem Gletscherbach zu waschen. Meine Zähne putze ich täglich zwei Mal – auch im Biwak in der Felswand, einfach ohne Wasser, nur mit Zahnpasta. Und Unterwäsche nehme ich je drei Stück mit, damit ich immer ein Paar ausschwenken und trocknen lassen kann.

- Packen: Reisepass, Flugticket und persönliche Sachen (siehe einige Bilder unten).

- Check-Liste für Kleider:

  • 1 Goretex-Jacke
  • 1 Goretex-Hose
  • 1 Fleece-Pullover
  • 1 Daunenjacke
  • 1 Thermounterhemd
  • 3 Klettershirts
  • 1 Berghose
  • 1 lange Unterhose
  • 3 Unterhosen
  • 3 Paar Socken
  • 1 Wollmütze
  • 1 Paar Handschuhe

Am späteren Abend treffen wir uns alle in einem Hotel in der Nähe des Flughafens Zürich. Simon Gietl trifft aus dem Südtirol ein, Daniel Kopp aus Österreich, Thomas Ulrich und Jost von Allmen aus dem Berner Oberland – und ich aus Sarnen. Unser Flug geht morgen Vormittag.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Im Biwak teilen sich zwei Kletterer eine Portion schockgetrockneten Astronautenfood

Natascha Knecht am Freitag den 23. Juli 2010

Noch 3 Tage bis zur Abreise.

Kulinarisch werde ich in Grönland kein Highlight erleben. In der Big Wall ernähren wir uns hauptsächlich von Astronautenfood. Das sind schockgetrocknete Eintopfgerichte in robusten Alubeuteln, die man einfach aufreisst und mit ein, zwei Deziliter heissem Wasser aufgiesst: Zigeunerragout, Couscous, Paella, Hörnli mit Käse, Stocki.

Das Zeug schmeckt erstaunlich gut, wenn ich es nur ein paar Tage essen muss. Nach einem Monat hängt es mir zum Hals raus.

Training für Grönland: Damit habe ich bereits Anfang Jahr begonnen. Im Frühling verbrachte ich sieben Wochen im Yosemite-Valley in den USA und trainierte am El Capitan die spezielle Risskletterei, die auch in Grönland nötig sein wird. Der Fels ist glatt und bietet kaum Griffe und Tritte. Der Weg führt durch ein Risssystem auf den Gipfel.

Wir werden mehrmals in der Felswand biwakieren. Am Schluss, wenn wir – hoffentlich – auf den Gipfel steigen, bis sieben Nächte am Stück. Morgens essen wir da jeweils Studentenfutter und Trockenfleisch. Tagsüber etwas Schokolade. Und abends teilen sich zwei Kletterer eine Portion Astronautenfood.

Insgesamt ist das wenig und wird uns ausmergeln. Aber mehr können wir zu viert unmöglich mitschleppen.

Im Basislager kochen wir aber zwischendurch auch richtig, etwa Pasta mit Tomatensauce. Da werde ich mich zwingen, richtig viel reinzuschaufeln, damit meine

In der Big Wall am El Capitan. Ich habe mich gefreut, dass ich dieses Jahr die «Free Rider»-Route komplett frei klettern konnte (1000 Meter in 2,5 Tagen). Freiklettern bedeutet: Der Kletterer hält sich nur an der natürlichen Struktur des Felsens. Seil, Haken, Klemmkeile und Ähnliches dienen nur zur Sicherung, aber nicht zur Fortbewegung.

Energiespeicher voll bleiben.

Das Dilemma mit dem Körpergewicht

Um hart und schnell klettern zu können, sollte ich möglichst leicht sein. Am Fels «kostet» jedes Kilo. Mein Wohlfühlgewicht liegt bei 68 Kilo – an der obersten Grenze bei meiner Grösse von 1,70 Meter, um durch eine Big Wall zu steigen.

Auf der anderen Seite braucht mein Körper «Reserve», damit ich die Strapazen einen Monat lang durchstehen kann. Ein Dilemma.

Der Körperfettanteil ist bei mir unterdurchschnittlich, dagegen habe ich von Natur aus viel Muskelmasse und muss darauf achten, dass ich nicht mehr ansetze und noch schwerer werde. Darum esse ich eher wenig Proteine und lasse beim Training die Phase des Muskelaufbaus weg.

Im Alltag versuche ich, eine ausgewogene Ernährung einzuhalten, was bei meinem Lebensstil allerdings nicht ganz einfach ist. Ich bin ständig unterwegs und habe selten Gelegenheit, frisch und fein zu kochen.

Meistens passe ich mich den Leuten an, mit denen ich gerade zusammen bin. Eine Woche mit einem Bergsteiger, der viel isst. Eine Woche mit einem Sportkletterer, der wenig isst. Mehr Stabilität wäre für meinen Leistungsport sicher besser. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)