
Auf dem Gipfel! Ein Granitturm und eine Aussicht wie im Märchen. Wir können dieses wunderbare Bergsteigererlebnis immer noch nicht richtig fassen und sind ganz benommen.
Dieser Gipfel und diese Big Wall betören und verzaubern. Hier oben scheint alles unwirklich.
Die vergangenen zwei Tage verbrachten wir in der Gipfelwand, genossen die Zeit, fotografierten, schliefen im Hängezelt in der Vertikalen. Das geht gut. Ich war so müde, dass ich sofort einschlief und drei, vier Stunden völlig weg war. Dann döste ich noch etwas. Am Morgen stiegen wir noch mal ganz auf, und ergötzten uns am fantastischen Ausblick.

Rasten und geniessen. Der Gipfel misst vier Quadratmeter. Daniel Kopp, Simon Gietl, Roger Schaeli (v.l.).

Unsere Hängezelte in der Big Wall. In einem schlafen zwei Kletterer. Damit keiner rausfallen kann, behält jeder seinen Klettergurt an und sichert sich am Fels.
Ein unvergesslicher Ort, um meinen 32. Geburtstag zu verbringen. Als Geschenk bereitete mir Simon zum Frühstück das Müesli zu. Er goss es mit heissem Wasser auf und reichte es mir mit einem breiten Grinsen. Als Supplement öffnete ich eine Schachtel Edel-Pralinés von Sprüngli, die ich vor der Abreise als Überraschung für meinen Geburtstag mitbekommen hatte. Sehr exklusiv hier oben. Ich danke allen daheim ganz herzlich, die mir via diesen Blog gratulierten. Mega!
Natürlich danke ich auch allen von Herzen, die uns zum Gipfelerfolg beglückwünschten. Das bedeutet uns sehr viel!
Und: Am Samstag heiratete zuhause mein Freund Christoph seine Marie-Helene. Ich bedaure wirklich sehr, dass ich da nicht mit dabei sein konnte. Speziell, weil ich auch schon den Polterabend im Mai versäumt hatte! Da waren nochmals viele gute Freunde anwesend und ich trainierte im kalifornischen Yosemite-Valley.
Ja, das ist wirklich versäumt, und der Preis, den ich bezahle für mein intensives Kletterleben. Trotzdem möchte ich nur dieses Leben und nichts anderes.
Ich wünsche jedoch Marie-Helene und Christoph alles alles Gute zur Hochzeit und für ihre gemeinsame Zukunft!
Jetzt sind wir zurück in unserem Hochlager auf 750 Meter in der Wand und machen uns bereit fürs Abseilen. Was nicht kaputt gehen kann, werfen wir von hier in den Haulbags (robuste Säcke) runter und sammeln sie dann am Wandfuss zusammen. Das Material wäre zu schwer, um es mit uns abzuseilen. Wir lassen nichts zurück, nicht mal ein Kaugummipapierchen.
Gestern regnete es kurz, die Temperatur ist gesunken und beträgt nun am späten Nachmittag noch null Grad. Mit dem Wetter hatten wir für unseren Gipfelsturm vergangene Woche ein Riesenschwein, das gibt’s gar nicht.
Die Big Wall – das wissen wir mittlerweile genau – ist exakt 1325,5 Meter hoch. Unsere Route führt über 40 Seillängen und in 1500 Klettermetern auf den Gipfel, die Kletterschwierigkeit liegt im oberen 8. alpinen Grad.
Langsam sind wir auf den Felgen. Die physische und psychische Anstrengung zeigt sich. Fürs Abseilen müssen wir uns jetzt nochmals gut konzentrieren.
Wie sollen wir unsere Route nennen?
Als Erstbegeher dürfen wir unserer Route einen Namen geben. Wir haben heute auf dem Gipfel bereits darüber nachgedacht.
Mein Vorschlag lautet: «Fairy Tale» – englisch für Märchen. Ich fühle mich hier wirklich wie im Märchen.
Simons Vorschlag: «Traum und Wirklichkeit».
Daniel hat noch keinen eigenen Routen-Namen genannt, er tendiert zu «Fairy Tale».
Entschieden haben wir uns noch nicht. Was meint Ihr? Auch für neue Vorschläge sind wir offen. Bitte kommentieren – wir werden hier alles ausdiskutieren.
(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)



































Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
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