Leben


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Breaking News: «Wir sind unterwegs zum Gipfel!»

admin am Donnerstag den 5. August 2010

Wir haben den Gipfelsturm gestartet! Alles läuft fantastisch, die Bedingungen sind optimal.

Im Moment befinden wir uns in der Big Wall schon auf etwa 750 Meter Höhe. Die zwanzig Seillängen, die wir in den vergangenen Tagen vorbereitet hatten, durchstiegen wir in fünf Stunden. Danach folgten 150 Höhenmeter durch eine vereiste Rinne über ein Schneefeld. Jetzt stehen wir am Einstieg zur Head Wall (Gipfelwand).

Wir prüfen gerade via Meteotest in der Schweiz die Wetterprognosen für die nächsten Tage. Morgen Freitag könnte es eventuell regnen. Darum wollen wir vorwärts machen – und bleiben jetzt brutal dran. Wenn es sein muss, klettern wir rund um die Uhr bis wir oben sind.

(siehe auch Blog-Eintrag von heute Morgen: Steinschlag! «Es kommt einiges von oben runter»)


Einstieg – am Wandfuss.

Materialdepot und Ausgangspunkt für den Gipfelsturm.

Head Wall: In dieses letzte Wandstück sind wir jetzt eingestiegen. Wir haben Essen für fünf Tage dabei und übernachten im Hängezelt.


Steinschlag! «Es kommt einiges von oben runter»

Natascha Knecht am Donnerstag den 5. August 2010
Smon Gietl. Kanzel, Big Wall

Auf dieser kleinen Rampe auf 600 Meter Kletter-Höhe haben wir heute unser Materiallager für den Gipfelsturm eingerichtet. Im Bild: Simon Gietl. Die Aussicht von hier ist unvergesslich: Eisberge schwimmen wie winzige Zuckerwürfel auf dem Meer.

In den vergangenen zwei Tagen kamen wir unglaublich gut voran. Wir haben den unteren Teil dieses Granit-Turms geschafft – und sind heute bereits 150 Meter unter der Head Wall (Gipfelwand) angelangt. Es läuft traumhaft!

Die Route durch die Big Wall

Unsere Route durch den Monster-Granitturm.

Wir entschieden uns für eine Route, welche vom mittleren Teil des Wandfusses senkrecht und teils überhängend empor führt. Die extreme Steilheit macht die Kletterei zwar anspruchsvoll, aber der Materialtransport geht einfacher.

Das Material ziehen wir in Haulbags (robuste Säcke) an Fixseilen hoch. Dazu eignet sich am besten überhängendes Gelände. Denn: Je weniger steil ein Fels ist, desto schwerer liegt das Material auf und desto schneller verheddert es sich im Gestein – sehr mühsam und kraft- und zeitraubend.

Mittlerweile haben wir insgesamt 250 Kilo Kletterutensilien sowie Essen und Trinken für fünf Tage auf einer kleinen Kanzel in gut 600 Meter Höhe deponiert – und sind perfekt vorbereitet für den Gipfelsturm!

Pikant: Es gibt viele lose Steine in der Wand und die zwei Vorkletterer müssen aufpassen, dass sie die untere Seilschaft nicht verletzen. Wir haben zeitweilig starken Steinschlag, es kommt einiges von oben runter.

Roger Schaeli in der Big Wall

Kaum Tritte, kaum Griffe: Roger Schaeli beim Material hochziehen.

Mit einem Top-Team unterwegs

Die Kletterschwierigkeit liegt im 8. alpinen Grad – also ziemlich anspruchsvoll – und beinhaltet viel Riss- und Reibungskletterei. Zum Teil fast glatte Felsstruktur. Oben stellt sich die Gipfelwand dann noch mal auf und wird für uns zunehmend schwieriger.

Als bisherige «Schlüsselstelle» entpuppte sich die 16. Seillänge: Wir konnten uns kaum sichern, weil die Risse in der Wand zu wenig tief sind, um die Klemmgeräte (Friends) zu platzieren. Simon kletterte diesen Abschnitt vor und schaffte die Stelle sogar im ersten Versuch (onsight). Ich bin hier mit einem Top-Team unterwegs!

Wir harmonieren alle wunderbar. Jeder weiss, was zu tun ist, keiner diskutiert lange herum.

Wenn es das Wetter erlaubt, starten wir den Gipfelsturm sofort

Spuren einer vorherigen Begehung haben wir in unserer Big Wall soweit keine entdeckt. Nachdem wir vor ein paar Tagen herausgefunden hatten, dass der Berg Grundtvigskirken heisst, erreichte uns die Information, dass 1999 ein schwedisches Team in diesem Massiv kletterte. Die Schweden bestiegen zwei Gipfel via Südost-Seite in 25 Seillängen. Unsere Wand befindet sich jedoch auf der auf Nordost-Seite und wir rechnen für unsere Gipfelbesteigung mit 40 bis 50 Seillängen.

Die Uhr zeigt jetzt zehn Uhr abends, wir sind soeben hundemüde ins Basislager zurückgekehrt. Eine Erstbegehung ist eine Schinderei: Material transportieren, Vorklettern, einen Weg durch die Wand suchen, sich selber sichern. Das strengt auch psychisch an. Uns fehlt jetzt die Kraft, um noch Fischernetze auszuwerfen, wir begnügen uns wieder mit unseren gefriergetrockneten Menüs – obschon es draussen feinen Seafood gäbe.

Das Wetter ist fast zu schön, um wahr zu sein! Nach dem Znacht prüfen wir die Prognosen. Wenn es stabil bleibt, greifen wir morgen den Gipfel an – und bleiben dann drei bis fünf Tage nonstop in der Wand. Das Wetter macht mich auf einer Expedition immer etwas nervös. Schlafen werde ich trotzdem tief und fest, so müde bin ich.

Daniel Kopp

Daniel Kopp – ein sehr starker Kletterer. Auch er ist viele Seillängen vorgestiegen

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Die nächsten Tage werden ein Krampf»

Natascha Knecht am Mittwoch den 4. August 2010
Roger Schaeli

Der erste Kontakt mit der Big Wall.

Heute konnte ich mit Daniel die ersten Seillängen klettern. Es lief gut, der Fels war zwar etwas brüchig, aber weniger schlimm, als wir befürchtet hatten – zumindest jetzt im unteren Wandteil. Was uns weiter oben erwartet, werden wir in den nächsten Tagen sehen.

Diese Big Wall ist wirklich ein Monster-Ding. Riesig, mega cool – und eine Herausforderung! Der Fels besteht aus unterschiedlichen Schichten, im unteren Teil schwarz/graues Gestein, oben in der Falllinie zum Gipfel rötlich.

Ein zweites Lager eingerichtet

Während wir heute den Fels austesteten, schleppte Simon weiteres Material hoch zum Wandfuss. Dort haben wir nun ein zweites, kleines Lager eingerichtet.

Der Zustieg führt über ein sehr steiles Gletschergelände. Es gibt einzelne Spalten, jedoch gut sichtbar und darum unbedenklich. Gefährlich sind einzig jene Gletscherspalten, die versteckt unter einer Schneedecke liegen. Wir fanden problemlos einen sicheren Weg, und markierten ihn mit Steinmännchen.

Big Wall

Die 1400-Meter-Wand von unten: Ein Monster-Ding!

Für die nächsten Tage sieht unser Plan so aus: Wir legen jetzt eine Route durch die Big Wall fest. Morgen früh steigt dann ein Zweierteam in die Wand ein, das andere Zweierteam transportiert weiteres Material vom Basislager zum Wandfuss. Am Tag darauf wechseln wir. Ein Team klettert die Längen weiter, das andere transportiert.

Sobald alles raufgetragen ist, beginnen wir damit, das Material, Essen und Wasser in die Wand hochzuziehen. Das wird ein Krampf. Wir werden wie Ameisen rauf und runter steigen, jeden Tag etwas höher.

Wenn wir eine gewisse Höhe erreicht haben, warten wir – falls nötig – ein Schönwetter-Fenster ab und greifen dann definitiv an. Das heisst: Wir nehmen alles mit, was wir brauchen, bleiben mehrere Tage in der Big Wall, übernachten im Hängezelt, bis wir den Gipfel erreichen.

Vorläufig kehren wir abends noch zurück ins Hauptbasislager, essen etwas und sind dann froh, in die Schlafsäcke zu kommen. Tagwache haben wir auf 5.30 Uhr angesetzt. Dunkel wird es hier zu dieser Jahreszeit nie ganz, nur leichte Dämmerung während etwa vier Stunden. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Überwältigt von der Schönheit unserer Big Wall!»

Natascha Knecht am Dienstag den 3. August 2010

Roger Schaeli: Letzte Etappe mit dem Schlauchboot

Im Hintergrund «unsere» Big Wall, wie sie in ihrer ganzen Pracht aus dem Felsmassiv herausragt.

Ankunft am Bergfuss

Ankunft unterhalb des Berges im Ofjord. Endlich wieder Land unter den Füssen! Als erstes haben wir das Material entladen und einen geeigneten Platz für das Basislager gesucht.

Weil wir heute die letzte Schlauchboot-Etappe mit weniger Gewicht in Angriff nehmen wollten, deponierten wir das Benzin, das wir später für den Rückweg brauchen, bei unserem gestrigen Nachtlager. Mit perfekt ausbalancierter Ladung fuhren wir am frühen Morgen von dort rüber nach Renland.

Wir entschieden uns, das Basislager auf einem Platz rund 50 Meter über dem Meer einzurichten – und nicht wie erst ins Auge gefasst, auf der gegenüberliegenden Bäreninsel. Das ist praktischer – und vor allem: So können wir unsere Boote und das raue Meer vorläufig mal vergessen.

Basislager

Unser Basislager: Nach dem Aufstellen des Ess- und der beiden Schlafzelte kümmerten sich Simon (links), Daniel (rechts) und ich sofort um die Aufteilung des Klettermaterial, Thomas und Jost um das umfangreiche weitere Material, die Boote und die Aussenkommunikation. Das Camp bietet eine fantastische Aussicht auf die Fjordlandschaft.

Der Fussmarsch zur Big Wall dauert knapp zwei Stunden

Simon, Daniel, Thomas und ich stiegen dann gleich über den Gletscher empor zum Wandfuss. Wir konnten kaum noch warten, die Big Wall endlich von unten zu begutachten.

Wir sind überwältigt von ihrer Schönheit. Sie ist hoch und lang und einfach gigantisch! Die Felsstruktur weniger schlimm, als erwartet.

Die Höhendifferenz vom Basislager zum Einstieg in die Big Wall beträgt 590 Meter, der Fussmarsch dauert knapp zwei Stunden. Wir stiegen heute mehrmals rauf und runter, schleppten viele Kilo Klettermaterial hoch.

Simon und Thomas hüpften zur Abkühlung tatsächlich kurz ins Meer. Ich ersparte mir diesen Kälteschock, habe in den vergangnen Tagen auf der Seefahrt genug gefroren. Das Wasser ist 3 Grad, die Lufttemperatur erreichte heute in der Sonne 20 Grad. Sehr aussergewöhnlich für Grönland. Um Material hochzutragen, sogar etwas heiss.

Beim Basislager

Eine kurze respektive sehr kurze Abkühlung. Wassertemperatur: eisige 3 Grad. Lufttemperatur in der prallen Mittagssonne heute: 20 Grad. Badehosenmodel: Simon Gietl. Kopfsprung: Thomas Ulrich.

Die Big Wall liegt weitgehend im Schatten

Unsere Big Wall ist eine Ost/Nordostwand und liegt die meiste Zeit des Tages im Schatten. Dort werden andere Temperaturen herrschen, aber sicher nicht eisige – sofern das Wetter bleibt wie im Moment.

Jost kümmerte sich derweil um die Details im Basislager. Er übermittelt auch die Bilder in die Schweiz. Weil die Verbindung zum Satellit im Camp offenbar schlecht ist, musste er heute geduldig herummarschieren, bis er einen Punkt gefunden hatte, wo es funktionierte.

Morgen will ich die ersten Seillängen in der Big Wall klettern und den Fels testen. Ich bin schon ganz kribbelig – freue mich riesig darauf. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

«Wir sind jetzt fast beim Berg»

Natascha Knecht am Montag den 2. August 2010

Eisberg, Ost-Grönland

Grandiose Eisberge entlang unseres Weges! Allerdings mussten wir auch höllisch aufpassen, dass wir keine Schollen oder kleine Eisstücke treffen, sie könnten das Boot beschädigen.

Unsere Weiterfahrt verlief bestens. Beide Schlauchboote funktionierten, das Meer blieb ruhig, wir sind nicht mehr über die Wellen geflogen, sondern nur noch gehüpft, wurden aber trotzdem wieder bis auf die Unterwäsche nass.

Mehrmals mussten wir an Land gehen, um die Benzintanks aufzufüllen. Unsere Boote sind immer noch schwer beladen und die 60-PS-Motoren brauchen dementsprechend viel Treibstoff. Bei Vollgas erreichen sie etwa 40 Stundenkilometer Geschwindigkeit.

Der Weg führte an riesigen und faszinierenden Eisbergen vorbei. Einer krachte zusammen, Sekunden nachdem wir an ihm vorbei waren. Da hatten wir echt Glück. Es ist gar nicht so einfach, ein Zodiac zu lenken: Viele Eisschollen schwimmen auf dem Meer. Sie könnten das Boot beschädigen, wenn man sie «tüpft». Ich musste mich konzentrieren, bin ja auch kein Seefahrer, sondern Bergsteiger.

Roger Schaeli lenkt das Schlauchboot

Heute lenkte ich eines der beiden Schlauchboote. Gar nicht so einfach!

Kurz vor dem Berg

Heute übernachten wir auf einer kleinen Insel gleich gegenüber unserem Zielgipfel.

Der Berg sieht mega geil aus. Noch viel beeindruckender als auf den Bildern. Wir sind völlig überwältigt und gespannt. Wenn die Felsstruktur jetzt auch noch halbwegs in Ordnung ist, können wir hier wirklich eine verdammt coole Sache klettern.

Diese Expedition mussten wir übrigens ohne genaues Kartenmaterial in Angriff nehmen. Offenbar ist es ganz schwierig, detaillierte Karten zu bekommen – der Berg liegt so abgelegen. Obschon Thomas schon vor Monaten alles in Dänemark bestellt hatte, kam bis zu unserer Abreise nichts an. Jetzt haben wir herausgefunden: «Unser» Berg wird Grundtvigskirken genannt.

Morgen wollen wir mit den Booten zum Berg hinüber fahren und dann über den Gletscher ein Stück hinauf zur Big Wall marschieren, eventuell auch schon einen Teil des Gepäcks hochtransportieren.

Aussergewöhnlich warme Temperaturen

Im Moment fühlen wir uns alle hundemüde von der Bootsfahrt. Meine Erkältungssymptome haben sich inzwischen verflüchtigt. Die vergangenen zwei Tage plagten mich starke Bauchkrämpfe, heute gehts aber wieder. Dafür schmerzen jetzt meine Ohren. Ich glaube, das kommt vom kalten Wind während der Seefahrt und geht bald wieder weg.

Das Wetter ist immer noch aussergewöhnlich mild, in der Sonne fast schon heiss. Es wäre schön, wenn das in den nächsten Wochen so bleiben würde.

Vorher konnten wir ein Fischernetz auswerfen, damit wir etwas anderes als unser gefriergetrocknetes Menü zum Znacht bekommen. Die Stimmung im Team entspannte sich nach der gestrigen Panne wieder. Daniel beschreibt den Moment so: «Das einzig blöde sind jetzt nur noch die Riesenmosquitos.»

Constable Point

Die letzte Aufnahme, bevor wir den Stützpunkt Constable Point verliessen. Alles Material überprüft, gut verpackt und extra für das Foto ausgelegt. 600 Liter Treibstoff (vor allem für die Schlauchboote, aber auch den Generator und die Kocher), wasserdichte Säcke und Aluminiumkisten für das technische Material. Von links: Thomas Ulrich, Roger Schaeli, Jost von Allmen, Simon Gietl und Daniel Kopp.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Erste Probleme: «Wir stranden mit den Schlauchbooten im Niemandsland!»

Natascha Knecht am Samstag den 31. Juli 2010
Foto: Jost von Allmen

Heute morgen in Grönlands Niemandsland: Die Zodiacs besser aufpumpen und das Gepäck schlauer verladen.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Über 500 Kilo Gepäck.

Es gibt erste Komplikationen. Wir sind gestern nach nur 50 Kilometer Seefahrt im Niemandsland gestrandet. Eines der beiden Boote lief nicht richtig. Ich war bis auf die Unterhose durchnässt.

Wahrscheinlich verteilten wir das Material nicht geschickt. Unser Gepäck wiegt mittlerweile über 500 Kilo, grenzwertig für zwei Schlauchboote. Eines fuhr viel langsamer als das andere und tuckerte weit hinterher. Wir hatten es mit zu wenig Luft aufgepumpt, der Motor begann zu scheppern – ein Weiterkommen war undenkbar.

Wie im Film

Ich wusste, dass die Reise bis zum Berg eine Expedition für sich wird. Aber diese Fahrt war abenteuerlicher als erwartet. Ich kam mir vor wie in «Titanic».

Jost und ich sassen im langsamen Boot. Das Meer war rau, wir flogen irgendwann nur noch über die Wellen, schlugen hart auf, wieder und wieder. Es spritzte und peitschte. Darum wurden wir auch so nass.

Die orangen Überlebensanzüge, die wir in Constable Point bekamen, sind nicht wirklich wasserdicht, wohl auch nicht mehr ganz neu. Jost hat dann im Boot Säcke um seine Schuhe gebunden. Geholfen hats wenig.

Das Meer ist kalt. Nasse Füsse und nasse Kleider sind in Grönland besonders unangenehm. Wir froren noch den ganzen Abend, kochten später etwas Warmes, danach gings einigermassen. Geschlafen haben wir im Zelt.

Hoffentlich klappt die Weiterfahrt

Jetzt sind wir daran, den Schlauchbooten mehr Luft zu spendieren – mit der Fusspumpe. Und das Gepäck schlauer zu verteilen.

Wir müssen uns beeilen, das Meer wird immer stürmischer. Ziel sind heute 125 Kilometer bis zu einer Insel, die unmittelbar gegenüber unserem Berg liegt. Ich hoffe, das klappt.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Gestern Vormittag: Die Testfahrt mit den beiden Zodiac verlief sehr gut. Doch am Nachmittag kam dann alles anders.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Ab sofort sind wir auf uns allein gestellt

admin am Freitag den 30. Juli 2010
Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Constable Point, Scoresbysund, Grönland: Erste Testfahrt mit den Zodiac-Schlauchbooten. So reisen wir nun in ein bis zwei Tagesetappen zu «unserem» Berg.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Die schicke orange Bekleidung ist ein Überlebensanzug. Ein wasserdichter Overall mit angenähten Schuhen und Handschuhen. Er schützt uns vor Nässe, Wind, Kälte – und im Falle eines Falles vor dem eiskalten Wasser und vor dem Ertrinken.

Heute lief alles wie am Schnürchen.

Thomas konnte beide Zodiac-Schlauchboote für die Weiterreise fahrtüchtig machen. Die Luft ist drin, die Motoren laufen. Am Vormittag fuhren wir schon mal raus aufs Meer, es lief perfekt.

Wir sind früh aufgestanden, haben unsere Zelte wieder abgebaut, das ganze Material fertig verpackt, ein spezielles Reparaturset für den Generator zusammengestellt, Benzin abgefüllt, einen Eisbärenzaun parat gemacht, den wir dann um das Basislager aufstellen, und die Munition für das Gewehr kontrolliert. Für den Fall der Fälle nehmen wir auch noch eine Signalpistole mit.

Jost hat es geschafft, die Satellitenschüssel für die «Aussenkommunikation» wieder funktionsfähig zu machen. Auch sie steckt jetzt in einem wasserdichten Sack, wir behandeln sie ab sofort mit besonderer Vorsicht.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Wir haben unser Gepäck mit einem Gewehr, Leuchtraketen und Notfallsender ergänzt. Als Selbstschutz, falls uns dann im Basislager Eisbären besuchen wollen.

Alle Details sind geprüft, das Gepäck liegt in den Booten. Jetzt verlassen wir Constable Point und brausen in ein, oder zwei Tagesetappen zum Berg.

Ab sofort sind wir nur noch auf uns alleine gestellt. Mit Karte und Kompass suchen wir den schnellsten Weg zu unserem Zielberg. Zum Glück kennt Thomas die Gegend von einer früheren Reise.

Wir brennen alle darauf, bald klettern und unser Ziel in Angriff nehmen zu können!

PS: Ich danke allen von ganzem Herzen, die uns für diese Expedition Glück gewünscht haben. Es bedeutet uns sehr viel, dass zu Hause so viele Leute hinter uns stehen. Eine riesengrosse Motivation. Happy Grüsse aus Grönland, wir geben alles.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

So haben wir die Zodiac-Schlauchboote gestern im Empfang genommen: verpackt. Wir mussten sie erst zum Meer transportieren, aufbauen, bei den Motoren das Öl wechseln und Benzin auffüllen.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Traumhaft schön hier in Grönland. Und wir werden umschwärmt – von Riesenmosquitos!

Natascha Knecht am Mittwoch den 28. Juli 2010
zwischen Kulusuk und Constable Point

2. Reisetag. Flug von Island nach Grönland: Aussicht vom Flugzeug zwischen Kulusuk und Constable Point. Was für eine Gletscherlandschaft!

Eis und Meer.

Ost-Grönland: Eis und Meer.

Constable Point. Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Anflug auf Constable Point, Scoresbysund.

Unsere Reise: Zürich – Kopenhagen – Reykjavík – Kulusuk – Constable Point, Standort jetzt. Wenn alles klappt, fahen wir morgen mit dem Schaluchbot weiter – zum Berg

Landung in Constable Point.

Landung in Constable Point.

Das Kletterteam

Daniel Kopp, Thomas Ulrich, Roger Schaeli, Simon Gietl (v. l.). Auf dem Bild fehlt unser Basislager-Manager Jost von Allmen. Er hat fotografiert.

Alles geht bestens vorwärts.

Wir sind vor einer Stunde in Constable Point eingetroffen, ein Stützpunkt ohne Einwohner. Es gibt nur eine nicht asphaltierte Schotterflugpiste und sechs Hangars.

Sonst sehe ich weit und breit nur Meer, Berge und Gletscher. Die Sonne scheint, es ist windstill und trocken, die Temperatur beträgt milde 10 Grad. Wie an einem schönen Novembertag bei uns.

Constable Point

Alles, was es gibt in Constable Point.

Thomas nimmt gerade die beiden Schlauchboote in Betrieb. Das heisst: aufblasen, den Motor testen, Spezialöl, das wir noch in Island gekauft haben, einfüllen.

Jost versucht, unsere «Aussenverbindung» einzurichten. Er sagt, die Satellitenschüssel habe auf der Reise einen Schaden erlitten. Sie funktioniere überhaupt nicht mehr. Jetzt ist er daran, sie zu «zerlegen», um herauszufinden, was das Problem ist. Das Satellitentelefon hat aber trotzdem Verbindung. Darum: No stress.

Essen für 14 Tage vorbereiten

Simon, Daniel und ich verstauen unser Material in wasserdichte Säcke. Zudem bereiten wir jetzt schon mal Tagesportionen mit Essen vor – für die nächsten zwei Wochen.

Eine Tagesportion beinhaltet: 1 Frühstück (Müesli), 1 Abendessen (gefriergetrocknet im Alubeutel) – und für jeden zweiten Tag ein Dessert (ebenfalls gefriergetrocknet). Dazu jeweils 2 Schoko-Riegel, 2 Portionen Cappuccino, 1 Portion Trockenfleisch, 1 Portion Käse.

Leider hat der Käse auf der Reise Schimmel angesetzt. Wir versuchen jetzt via Schweiz abzuklären, ob wir ihn trotzdem essen können. Ich selber finde Schimmel nicht so tragisch, das habe ich bei Käse schon öfter erlebt. Einfach wegschneiden, oder?

Essen verpacken

Im Hangar verpacken wir das Essen in Tagesportionen: Simon Gietl, Daniel Kopp, ich (von rechts).

Constable Point

Material sortieren und in wasserdichte Säcke verpacken.

Die Mückenplage

Wir werden hier zünftig umschwärmt. Nicht von Frauen – tausende Riesenmücken haben es auf uns abgesehen. Ich habe schon einige Stiche, aber wir haben Insektenspray dabei. In Grönland ist das ja nichts Neues.

Übernachten werden wir heute in unseren Zelten, die wir zwischen Hangar und Flugpiste aufschlagen. Wenn die Schlauchboote funktionieren und wir es schaffen, alles zu verpacken, fahren wir morgen weiter – Richtung Ziel-Berg. (Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Reinhold Messner hat Simon Gietl persönlich für die Grönland-Expedition Glück gewünscht

Natascha Knecht am Mittwoch den 28. Juli 2010
Foto: Jost von Allmen

Check-in am Flughafen Zürich: Die Lady hatte fast eine Herzbaracke, als wir mit über 200 kg angerollt kamen. Thomas Ulrich (im weissen Hemd) konnte sie beruhigen, alle Gepäckstücke sind in Reykjavik angekommen.

Foto: visualimpact.ch | Thomas Ulrich

Kurzes Sightseeing in Reykjavik gestern Abend: Mit Jost von Allmen, unserem Basislager-Manager. Im Norden sind die Tage derzeit lang.

Im Moment machen wir Zwischenhalt in Island. Meine Glieder schmerzen und mein Hals kratzt. Ich spüre leichte Erkältungssymptome. Wahrscheinlich reagiert mein Körper gerade auf die angespannte Zeit, die ich hinter mir habe. Jetzt ist der Druck weg: Ich bin unterwegs, habe vorbereitet, was ging, und kann nichts mehr anders machen.

Mir jagen nicht mehr tausend Gedanken durch den Kopf, ob ich etwas vergessen habe, ob ich etwas besser organisieren könnte. Langsam komme ich zur Ruhe. Das ist wichtig. Ich will jetzt nichts verhaspeln, nichts überstürzen, nicht übermotiviert sein, die Nerven behalten und mich auf das Ziel konzentrieren.

Heute Vormittag fliegen wir mit dem ganzen Gepäck nach Kulusuk in Ostgrönland und von dort weiter nach Constable Point. Das ist ein abgelegener Stützpunkt ohne Einwohner.

Ich freue mich auf das «Wildlife»

In den nächsten zwei Tagen muss sich mein Körper akklimatisieren. Nicht an die Höhe, aber an das Klima, die Expeditionsernährung, Zeitverschiebung (vier Stunden) und an den künftigen Schlafrhythmus. Vergangene Nacht hatte ich in Reykjavik vorläufig das letzte Mal ein warmes, sauberes Bett. Ich habe jede Minute ganz bewusst genossen. Ab heute schlafe ich einen Monat lang immer im Zelt.

Ich freue mich auf die raue Abgeschiedenheit, auf das «Wildlife». Die Gegend, in die wir reisen, ist einmalig. Auch der Berg und die Big Wall sind einzigartig. Ich kann kaum noch warten, bis wir endlich dort sind und bin fast schon etwas ungeduldig. Aber wie gesagt: Einfach «tranquillo» – ruhig bleiben, eins nach dem anderen angehen.

Messner hat Simon Gietl für die Expedition persönlich Glück gewünscht

Im Team sind alle gut aufgelegt, machen Witze und jeder klopft mal einen Spruch. Wir verbringen seit gestern viel Zeit in Flugzeugen und Flughäfen, reden über alles mögliche, nicht nur über die Expedition, auch über Privates: Frauen, heiraten, Kinder. Halt Sachen, die für uns Bergsteiger ein Thema sind.

Simon Gietl hat mir erzählt, er sei vor zwei Wochen von Reinhold Messner persönlich in sein Schloss eingeladen worden. Messner interessiert sich für ihn, er hat sich auch über unsere Grönlandexpedition informiert und ihm Glück gewünscht. Die Südtiroler unterstützen sich gegenseitig!

Ich gönne das Simon sehr. Uns verbindet eine langjährige, tiefe Freundschaft, wir sind wie Brüder, unterstützen uns in allem.

Foto: Jost von Allmen

Kurz vor dem Check-in: Mit meinen Kletterpartnern Daniel Kopp (links) und Simon Gietl (rechts).

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)

Endlich ist alles organisiert. Jetzt fliegen wir ab!

Natascha Knecht am Dienstag den 27. Juli 2010

Gestern Abend holte ich meine Kletterpartner im Hauptbahnhof Zürich ab. Daniel Kopp (l.) kommt aus dem Zillertal in Österreich und ist Vater eines Kleinkindes. Simon Gietl (r.) wohnt im Pustertal im Südtirol, Italien. Seine Familie hatte ihn und Freunde am Morgen noch zu einem «Frühschoppen» geladen. Bei mir war der Abschied weniger dramatisch. Ich hatte schlichtweg noch zu viel zu tun, um zu feiern.

Vom Hauptbahnhof Zürich fuhren wir mit dem Auto in ein Hotel in der Nähe des Flughafens. Dort trafen wir unsere zwei weiteren Kollegen: Thomas Ulrich, Expeditionsleiter, Fotograf und Kletterer. Sowie Jost von Allmen, Basislager-Manager. Erst mussten wir das Material, das noch jeder mitgebracht hat, umpacken, und danach ein paar Expeditionsdetails besprechen. Es wurde eine kurze Nacht.

Jetzt fliegen wir ab – in Richtung Grönland.

Wir sind alle etwas ruhelos. Aufgeregt bin ich nicht, aber klar, ein gesunder Respekt vor der Expedition muss sein. Nach dem ganzen Organisationsstress bin ich einfach nur noch froh, dass ich mich endlich auf das Bergsteigen konzentrieren kann.

Insgesamt 450 Kilo Gepäck

Wir reisen zu fünft und sind soeben mit 200 Kilo Gepäck im Flughafen Zürich angekommen. 100 Kilo müssen wir extra bezahlen – alles Material, das erst in letzter Minute bei uns eingetroffen ist.

Weitere 250 Kilo Ausrüstung für Klettern und Basislager (Essen, Kocher, Generator, Bohrmaschine, Zelte etc.) haben wir bereits mit FedEx nach Island geschickt.

Benzin, Gewehr zum Schutz vor Eisbären und weitere Sachen sind in Grönland organisiert. Ebenso die Boote, die wir für die Fahrt zum Berg brauchen, und die wasserdichten Säcke, um unsere Ausrüstung zu verpacken.

Unser Flug geht jetzt nach Island. Wir übernachten in Reykjavik. Morgen geht es dann mit der gesamten Bagage weiter nach Kulusuk, einer 322-Einwohner-Siedlung in Ost-Grönland.

So sieht unser Essen in den nächsten Wochen aus. Wir haben alles hier gekauft und bereits nach Island geschickt. Gefriergektrocknete Menüs, Energieriegel, Instantsuppe, Trockenfrüchte, Kaffe.

Auch der Gaskocher und das restliche Material für das Basislager sind bereits in Island. Wir waren noch nicht mal fertig mit Packen, als der Transporter von FedEx bereits vorfuhr. Hektik bis zur letzten Minute.

(Aufgezeichnet von Natascha Knecht)