Unter Kletterern gilt es als ungeschriebenes Gesetz: Wer eine neue Route entdeckt und diese mit viel Zeitaufwand und Leidenschaft einrichtet, soll sie auch als erster durchgehend Rotpunkt klettern dürfen (sturzfrei im Vorstieg an einem Tag). Selbst wenn das Monate oder gar Jahre dauert, was bei sehr anspruchsvollen Routen durchaus möglich ist. Durchsteigt sie ein anderer vorher, ohne vom Erschliesser das Okay zu haben, macht er sich in der Szene definitiv keinen guten Namen.
Darum mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass im eben neu erschienenen Kletterführer «Schweiz extrem Ost 2013» (Filidor Verlag) auch die Route Hattori Hanzo am Titlis zu finden ist. Mit der Schlüsselstelle im Schwierigkeitsgrad 8b+ (7 Seillängen, ca. 350 Meter) ist sie die schwierigste Nordwand-Route der Schweiz – und eine durchgehende Rotpunktbegehung steht noch aus.

Fasziniert von der Titlis-Nordwand: Matthias Trottmann, Sportkletterer und Routenerschliesser. (Bild: Alessandro Fischer)
Erschlossen wurde sie von einem der stärksten Sportkletterer im Land, dem Zürcher Matthias Trottmann. Hat er die Route freigegeben? «Nein», sagt er mit Nachdruck. Hattori Hanzo sei im Führer, damit man wisse, dass es in der Titlis-Nordwand eine neue, seit vergangenem Sommer fertig eingerichtete Route gibt. Dass ihm mit der Erstbegehung einer zuvorkommt, stuft er als unwahrscheinlich ein. «In der Schweiz gibt es so wenige Kletterer, die das könnten, und sie würden mich erst fragen», sagt er. Selbst internationale Spitzenkletterer wie ein Adam Ondra würden vorher anrufen.
Hattori Hanzo zu punkten, ist Matthias Trottmanns Sommerprojekt 2013 und wird ihn viel «Arbeit» kosten. Ähnlich wie schon seine Route Piz dal Nas (8b, 12 Seillängen, 480 Meter), die er ebenfalls in der Titlis-Nordwand erschlossen hatte (siehe Bildstrecke oben). Um die Tour von unten einzurichten und dabei die Bohrhaken möglichst sparsam und sinnvoll zu setzen, verbrachte er mit Freunden über drei Jahre hinweg mehr als zehn Tage in der Felswand, wobei in den schwierigsten Seillängen an manchen Tagen nur ein bis zwei Haken gesetzt werden konnten. Um die schwierigsten Stellen zu üben («auszubouldern») war er nochmals gut fünf Tage in der Wand. Danach folgte das Warten auf gute Bedingungen. Die komplette Rotpunktbegehung schaffte er dann zusammen mit Martin Jaggi im zweiten Anlauf einen Tag vor dem Wintereinbruch. Piz dal Nas wurde seit Trottmanns Erstbegehung im 2010 nicht wiederholt, ebenso seine Route 6.4 Sekunden in der Fürenwand (8b/+, 7 Seillängen, 165 Meter).
Früher Wettkampfkletterer, heute Semi-Profi
Matthias Trottmann, heute 37-jährig, war bis 26 Wettkampfkletterer in der Schweizer Nationalmannschaft. Er könnte als Profi-Kletterer leben. Doch den Aufwand, den er für das ganze Sponsoring leisten müsste, will er nicht. Darum klettert er als Semi-Profi, arbeitet im 70-Prozent-Pensum als Techniker bei der EMPA, forscht im Bereich der erneuerbaren Energien und ist Mitgründer des Zürcher Boulderclubs Minimum. Über 100 Erstbegehungen bis zum Schwierigkeitsgrad 8c sind ihm schon gelungen und er gehört zu den ganz wenigen, die extreme Routen wie etwa Silbergeier (8b+, Kirchlispitze in Rätikon) wiederholen konnten.
Pro Woche trainiert Trottmann 15 bis 20 Stunden. Seine Spezialität sind lange, steile, überhängende, enorm ausdauernde alpine Mehrseillängenrouten, die er am liebsten selber erschliesst, am liebsten im Engelberg-Tal. Bis vor gut zehn Jahren habe es in diesem Gebiet nur einen Klettergarten gegeben und wenige Mehrseillängenrouten. In der Titlis-Nordwand konnte man überhaupt nicht klettern, weil im oberen Teil viel Schnee lag, der im Sommer Steinschlag auslöste. Heute schmilzt der Schnee im Sommer weg und lässt die Erschliessung von «schönen und schwierigen Linien in gutem Fels» zu. «Ein Glücksfall», sagt Trottmann.
Für 9a-Routen ist die Felsqualität in der Schweiz oft nicht gegeben
Obwohl die Dichte an schweren Routen in der Schweiz nicht zu vergleichen ist mit der in Top-Klettergebieten in Frankreich, Deutschland und Spanien, bieten die Schweizer Felsen dennoch eine schöne und vielfältige Auswahl an interessanten und anspruchsvollen Klettereien. 9a-Routen gebe es bei uns nur so wenige, weil der Fels nicht gegeben sei. «Wer in diesem Schwierigkeitsgrad klettern will, geht nach Spanien.» Trotzdem sieht Trottmann noch viele Herausforderungen in der Schweiz warten: Fürs Bouldern und schwierige Alpinrouten sei die Schweiz weltbekannt.
Empfindet er keinen Zwiespalt, in den letzten unberührten Felsen Bohrhaken zu setzen? «Klar muss ich mir heute drei Mal überlegen, ob ich eine Route erschliesse», sagt Matthias Trottmann. «Wenn ich beim Einrichten einen Riss sehe, wo ich mit einem Friend sichern kann, bohre ich da sicher keinen Haken.» Um ganz clean zu klettern, sei bei uns die Felsqualität allerdings oft nicht optimal. «Perfekte, durchgehende Risse fehlen meistens.» Zudem wurden die wenigen Rissklettergebiete der Schweiz bereits mit Bohrhaken versehen. «Was zwar perfekt zum Üben ist, aber wenig Anreiz macht, diese Touren clean zu klettern.»
Ihm ist bewusst: «Klettern hinterlässt Spuren.» Es sei jedoch – anders als etwa Skifahren auf Pisten – ein langsamer und ruhiger Sport, der sich auch im Einklang mit Wildtieren vertrage. So schwierige Routen wie er klettert, ziehen nur wenig Volk an. «Noch mehr Verbote würden einen Stillstand dieses Sports bedeuten.»
Schweiz extrem OST 2013: Der neue Kletterführers aus dem Filidor Verlag beschreibt die Gebiete (Niveau 6a bis 9a) der Zentral- und Ostschweiz. Vom Furkapass bis in den Alpstein, über Vorarlberg bis ins Engadin deckt er zahlreiche Top-Klettergebiete der Schweiz ab. 360 Seiten, 4-farbig, zweisprachig (D, E). Autor: Sandro von Känel. Preis 48 Franken. ISBN 978-3-906087-43-6. www.filidor.ch






























Natascha Knecht ist Journalistin und Outdoor-Sportlerin. Aufgewachsen im östlichen Berner Oberland, dem Mekka für Kletterer und Alpinisten, lebt sie seit über zehn Jahren in Zürich. Im Outdoor-Blog betreut sie die Ressorts
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Anette Michel ist Umweltnaturwissenschaftlerin und im Bereich Energieeffizienz tätig. Daneben hat sie mehrere Jahre als Velokurierin gearbeitet und dabei ihre Leidenschaft fürs Fahrrad entdeckt. Sie fährt seit fünf Jahren in ihrer Freizeit Rennvelo. Sie schreibt im Ressort 














































