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Die schwierigste Nordwand-Route der Schweiz

Natascha Knecht am Mittwoch den 24. April 2013


Unter Kletterern gilt es als ungeschriebenes Gesetz: Wer eine neue Route entdeckt und diese mit viel Zeitaufwand und Leidenschaft einrichtet, soll sie auch als erster durchgehend Rotpunkt klettern dürfen (sturzfrei im Vorstieg an einem Tag). Selbst wenn das Monate oder gar Jahre dauert, was bei sehr anspruchsvollen Routen durchaus möglich ist. Durchsteigt sie ein anderer vorher, ohne vom Erschliesser das Okay zu haben, macht er sich in der Szene definitiv keinen guten Namen.

Darum mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass im eben neu erschienenen Kletterführer «Schweiz extrem Ost 2013» (Filidor Verlag) auch die Route Hattori Hanzo am Titlis zu finden ist. Mit der Schlüsselstelle im Schwierigkeitsgrad 8b+ (7 Seillängen, ca. 350 Meter) ist sie die schwierigste Nordwand-Route der Schweiz – und eine durchgehende Rotpunktbegehung steht noch aus.

Fasziniert von der Titlis-Nordwand: Matthias Trottmann, Sportkletterer und Routenerschliesser. (Bild: Alessandro Fischer)

Fasziniert von der Titlis-Nordwand: Matthias Trottmann, Sportkletterer und Routenerschliesser. (Bild: Alessandro Fischer)

Erschlossen wurde sie von einem der stärksten Sportkletterer im Land, dem Zürcher Matthias Trottmann. Hat er die Route freigegeben? «Nein», sagt er mit Nachdruck. Hattori Hanzo sei im Führer, damit man wisse, dass es in der Titlis-Nordwand eine neue, seit vergangenem Sommer fertig eingerichtete Route gibt. Dass ihm mit der Erstbegehung einer zuvorkommt, stuft er als unwahrscheinlich ein. «In der Schweiz gibt es so wenige Kletterer, die das könnten, und sie würden mich erst fragen», sagt er. Selbst internationale Spitzenkletterer wie ein Adam Ondra würden vorher anrufen.

Hattori Hanzo zu punkten, ist Matthias Trottmanns Sommerprojekt 2013 und wird ihn viel «Arbeit» kosten. Ähnlich wie schon seine Route Piz dal Nas (8b, 12 Seillängen, 480 Meter), die er ebenfalls in der Titlis-Nordwand erschlossen hatte (siehe Bildstrecke oben). Um die Tour von unten einzurichten und dabei die Bohrhaken möglichst sparsam und sinnvoll zu setzen, verbrachte er mit Freunden über drei Jahre hinweg mehr als zehn Tage in der Felswand, wobei in den schwierigsten Seillängen an manchen Tagen nur ein bis zwei Haken gesetzt werden konnten. Um die schwierigsten Stellen zu üben («auszubouldern») war er nochmals gut fünf Tage in der Wand. Danach folgte das Warten auf gute Bedingungen. Die komplette Rotpunktbegehung schaffte er dann zusammen mit Martin Jaggi im zweiten Anlauf einen Tag vor dem Wintereinbruch. Piz dal Nas wurde seit Trottmanns Erstbegehung im 2010 nicht wiederholt, ebenso seine Route 6.4 Sekunden in der Fürenwand (8b/+, 7 Seillängen, 165 Meter).

Früher Wettkampfkletterer, heute Semi-Profi

Matthias Trottmann, heute 37-jährig, war bis 26 Wettkampfkletterer in der Schweizer Nationalmannschaft. Er könnte als Profi-Kletterer leben. Doch den Aufwand, den er für das ganze Sponsoring leisten müsste, will er nicht. Darum klettert er als Semi-Profi, arbeitet im 70-Prozent-Pensum als Techniker bei der EMPA, forscht im Bereich der erneuerbaren Energien und ist Mitgründer des Zürcher Boulderclubs Minimum. Über 100 Erstbegehungen bis zum Schwierigkeitsgrad 8c sind ihm schon gelungen und er gehört zu den ganz wenigen, die extreme Routen wie etwa Silbergeier (8b+, Kirchlispitze in Rätikon) wiederholen konnten.

Pro Woche trainiert Trottmann 15 bis 20 Stunden. Seine Spezialität sind lange, steile, überhängende, enorm ausdauernde alpine Mehrseillängenrouten, die er am liebsten selber erschliesst, am liebsten im Engelberg-Tal. Bis vor gut zehn Jahren habe es in diesem Gebiet nur einen Klettergarten gegeben und wenige Mehrseillängenrouten. In der Titlis-Nordwand konnte man überhaupt nicht klettern, weil im oberen Teil viel Schnee lag, der im Sommer Steinschlag auslöste. Heute schmilzt der Schnee im Sommer weg und lässt die Erschliessung von «schönen und schwierigen Linien in gutem Fels» zu. «Ein Glücksfall», sagt Trottmann.

Für 9a-Routen ist die Felsqualität in der Schweiz oft nicht gegeben

Obwohl die Dichte an schweren Routen in der Schweiz nicht zu vergleichen ist mit der in Top-Klettergebieten in Frankreich, Deutschland und Spanien, bieten die Schweizer Felsen dennoch eine schöne und vielfältige Auswahl an interessanten und anspruchsvollen Klettereien. 9a-Routen gebe es bei uns nur so wenige, weil der Fels nicht gegeben sei. «Wer in diesem Schwierigkeitsgrad klettern will, geht nach Spanien.» Trotzdem sieht Trottmann noch viele Herausforderungen in der Schweiz warten: Fürs Bouldern und schwierige Alpinrouten sei die Schweiz weltbekannt.

Empfindet er keinen Zwiespalt, in den letzten unberührten Felsen Bohrhaken zu setzen? «Klar muss ich mir heute drei Mal überlegen, ob ich eine Route erschliesse», sagt Matthias Trottmann. «Wenn ich beim Einrichten einen Riss sehe, wo ich mit einem Friend sichern kann, bohre ich da sicher keinen Haken.» Um ganz clean zu klettern, sei bei uns die Felsqualität allerdings oft nicht optimal. «Perfekte, durchgehende Risse fehlen meistens.» Zudem wurden die wenigen Rissklettergebiete der Schweiz bereits mit Bohrhaken versehen. «Was zwar perfekt zum Üben ist, aber wenig Anreiz macht, diese Touren clean zu klettern.»

Ihm ist bewusst: «Klettern hinterlässt Spuren.» Es sei jedoch – anders als etwa Skifahren auf Pisten – ein langsamer und ruhiger Sport, der sich auch im Einklang mit Wildtieren vertrage. So schwierige Routen wie er klettert, ziehen nur wenig Volk an. «Noch mehr Verbote würden einen Stillstand dieses Sports bedeuten.»

Schweiz extrem OST 2013: Der neue Kletterführers aus dem Filidor Verlag beschreibt die Gebiete (Niveau 6a bis 9a) der Zentral- und Ostschweiz. Vom Furkapass bis in den Alpstein, über Vorarlberg bis ins Engadin deckt er zahlreiche Top-Klettergebiete der Schweiz ab. 360 Seiten, 4-farbig, zweisprachig (D, E). Autor: Sandro von Känel. Preis 48 Franken. ISBN 978-3-906087-43-6. www.filidor.ch

Im Eis hängen statt am Herd enden

Natascha Knecht am Mittwoch den 6. März 2013
Ines Papert

«Im Eis fühle ich mich wohl»: Ines Papert, hier im Argentière-Gletscher bei Chamonix. (Bild: Rainer Eder/Visual Impact)

Ines Papert – diese Frau ist stark. Nicht stark in Anführungszeichen. Sondern stark. Ihre Kraft und Energie sind in der Szene legendär. Wer mit der 39-jährigen Eiskletterkönigin auf Expedition geht, kommt geschlaucht zurück. Selbst ihre männlichen Teamkollegen müssen sich danach noch tagelang erholen.

Extrem-Bergsteigerin und Mutter

Ines Papert schlägt alles. Sechs Jahre nahm sie an Eiskletter-Wettkämpfen teil, wurde viermal Weltmeisterin, gewann 13 Einzelweltcups und dreimal den Gesamtweltcup. Ihren Sohn Emanuel, heute 13-jährig, hatte sie an den Wettkampfwochenenden immer dabei. Sie fand einen Weg, «eine gute Mutter zu sein und dennoch meiner Leidenschaft nachgehen zu können.»

2006 zog sich Papert vom Wettkampfklettern zurück und konzentriert sich seither auf Expeditionen in den abgelegensten Gegenden der Welt. Auf Fels- und Mixed-Routen, aber vor allem auf sehr schwierigen und furchterregend langen Eisfällen. Da fühle sie sich wohl. «Ich liebe die Vielfalt an meiner Leidenschaft. Ob beim Klettern oder Bergsteigen, ob im Eis oder Fels, beim Erschliessen eigener Routen in den hohen Bergen des Himalaja, aber auch beim Klettern vor der Haustür, an den heimischen Felsen – die Berge bedeuten mir beinahe alles», schreibt Papert in ihrem Buch «Vertikal».

Ines Papert

Erstbegehungen in Norwegen: Ines Papert. (Bild: Thomas Senf/Visual Impact)

Schlechtwetterfront und 1000 Meter Luft unter den Füssen

Das Höher, Schneller, Weiter interessiere sie nicht. «Vielmehr ist es der Stil einer Besteigung, der mich reizt.» Was sie will, ist mit leichtem Rucksack, im kleinen Team den Gipfel zügig erreichen. Am liebsten über die direkteste, steilste Linie. Egal wie anstrengend die Durchsteigung sein wird, wie tief die Temperaturen sinken.

Doch auch Papert gerät an Grenzen. «Die härteste Nacht meines Lebens» überlebte sie in Kirgistan. Dort wollte sie mit ihrem Team die 1200 Meter hohe, zum Teil vereiste Wand des Kyzyl Asker erstbesteigen. Nach abenteuerlicher Ankunft am Berg, einem wegen des Wetters abgebrochenen ersten Versuchs und zehn langen Schlechtwettertagen im Basislager stiegen sie erneut in die Wand ein. 17 Stunden kletterten sie am Stück, schafften es bis 200 Meter unter den Gipfel, biwakierten in der Vertikalen. Die Schlechtwetterfront kam einen Tag früher als angekündigt. Sie waren abgehenden Lawinen ausgesetzt, Temperaturen um minus 30 Grad und einem Kocher, der den Geist aufgab. «Alles Zeichen dafür, die Wand schleunigst zu verlassen.»

Ines Papert

Triumph und Scheitern in Kirigstan: Ines Papert. (Bild: Thomas Senf/Visual Impact)

Ihr Sohn bedeutet ihr mehr als die Berge

Scheitern tue zwar weh, sei aber kein Weltuntergang. «Dank meiner Hartnäckigkeit gebe ich nicht so schnell auf und versuche es, wenn es sein muss, wieder und wieder.» Zu kämpfen lernte Ines Papert schon in ihrer Kindheit und Jugend. Geboren und aufgewachsen ist sie in Ostdeutschland, «eingesperrt in der sowjetischen Besatzungszone der DDR».

Die Herausforderungen, denen sie sich in den Bergen als zielstrebiger Mensch stelle, geben ihr die nötige Balance für ihr Leben. «Auch für meine grösste Aufgabe. Jene als Mutter. Mein Sohn Emanuel bedeutet mir sehr viel mehr als die Berge.» Er bedeute alles für sie. Er gebe ihr die Kraft, die sie für ihre Ziele brauche, um mit den Höhen und Tiefen, die die Berge mit sich bringen, umgehen zu können. Manchmal nimmt sie «Manu» auf Expedition mit. Wenn das nicht geht, bleibt er bei den Grosseltern. Der Abschied falle ihr «furchtbar schwer», so Papert.

Dass sich nur wenige Leute – insbesondere Frauen – wagen, durch Eisfälle zu klettern, findet sie schade. In ihren Vorträgen versuche sie die Botschaft zu vermitteln, es sei unabhängig vom Schwierigkeitsgrad für jeden Menschen wichtig, seinen Vorlieben und Träumen nachzugehen – statt ihnen nachzuweinen. «Wer sich nicht wehrt, endet am Herd.»

Ines Paperts Rezept für «Backcountry Ice Cream»: 1 Liter (!) Baileys, 1 Liter Schlagrahm und jede Menge Pulverschnee langsam verrühren.

Ines Papert VertikalHinweis: Noch viel mehr über die Ausnahmekletterin gibts in ihrem neuen, wunderbar inspirierenden Bildband «Vertikal. Ines Papert in den steilsten Wänden der Welt». Texte von Johanna Stöckl. Atemberaubende Fotos und authentische, persönliche Berichte ohne nervige Superlative. 160 Seiten, 270 Bilder, 8 Karten. Delius Klasing Verlag. ISBN 978-3-7688-3521-3.

Wie viel Alkohol erträgt ein Alpinist?

Natascha Knecht am Mittwoch den 9. Januar 2013
Feiern ihre Gipfelbesteigung mit einem Glas Champagner: Touristen auf dem Kilimandscharo. (Foto: Flickr/Marc van der Chijs)

Feiern ihre Gipfelbesteigung mit einem Glas Champagner: Touristen auf dem Kilimandscharo. (Foto: Flickr/Marc van der Chijs)

Während ich wegen gebrochener Schienbeinhinterkante gezwungen bin, eine mühsame Zwangspause durchzustehen, liege ich mehr als üblich auf dem Sofa und lese. Über die Neujahrstage habe mich mal wieder in die ganz alten Schinken vertieft – in Geschichten, die vor über 150 Jahren geschrieben wurden, in Schriften, die es höchstens noch im Antiquariat zu kaufen gibt, aber auch in Bücher, die neu auf dem Markt sind. Wie die Besteigungen der hohen Alpengipfel anno dazumal vonstattengingen, finde ich beeindruckend. Imposant ist allerdings auch, wie viel Alkohol sie zu jener Zeit mitgeschleppt und am Berg getrunken haben.

Albert Smith

Albert Smith in den 1850ern. (Foto: Wikipedia)

Mit 91 Flaschen Wein, 3 Flaschen Cognac und 2 Flaschen Champagner auf den Mont Blanc

Es gibt viele, viele Beispiele. Doch was den Alkoholkonsum betrifft, ist das Mont-Blanc-Abenteuer des damals 35-jährigen englischen Buchautors und Journalisten Albert Smith wohl das sagenhafteste Beispiel.

Er hatte sich im Sommer 1851 drei Landsleuten angeschlossen, um den König der Alpen, den Mont Blanc zu besteigen. Den Vorschriften der Behörden zufolge, musste damals jeder Kletterer vier lokale Bergführer mitnehmen – insgesamt also 16 für die vier Briten. Zudem engagierte Smith zusätzlich 20 Träger für den Transport der Vorräte, die laut Bestandesliste aus dem Hôtel de Londres, wo er wohnte, folgendes umfasste:

60 Flaschen Vin Ordinaire
6 Flaschen Bordeaux
10 Flaschen St. George
15 Flaschen St. Jean
3 Flaschen Cognac
1 Flasche Himbeersirup
6 Flaschen Limonade
2 Flaschen Champagner
20 Brote
10 kleine Käse
6 Tafeln Schokolade
6 Päckchen Zucker
4 Päckchen Dörrpflaumen
4 Päckchen Rosinen
2 Päckchen Salz
4 Wachskerzen
6 Zitronen
4 Lammkeulen
6 Stücke Kalbfleisch
1 Stück Rindfleisch
11 grosse Hühner
35 kleine Hühner

Eine Expedition, wie sie Chamonix noch nie gesehen hatte

Der Mont Blanc war seit Jahren Smiths Traumberg, für dessen Besteigung er das nötige Geld lange sparen musste. Doch er konnte nicht glauben, dass der Aufstieg so schwierig ist, wie von allen behauptet. Und er erachtete die Auflage, 4 Bergführer pro Kletterer, als Übertreibung und Trick, mehr Gebühren kassieren zu können. Er sah sich berufen, «die ganze Sache als Betrug zu entlarven».

Am 12. August 1851 um 7.30 Uhr brach die 40-köpfige Expeditionsgruppe auf – die grösste und extravaganteste, die Chamonix je gesehen hatte. Um 16 Uhr erreichten die Männer die Grands Mulets, wo sie ihr Nachtlager einrichteten, ein üppiges Bankett abhielten, das mit dem Wettbewerb endete, wer die leeren Flaschen am weitesten in die Tiefe werfen konnte. Als Smith bei Sonnenuntergang den Kopf auf seinen Rucksack legte, verglich er die Gipfel um sich mit «Inseln, die aus einem verschleierten Ozean auftauchen». Der Anblick sei «mehr als die Verwirklichung der herrlichsten Visionen, die Opium oder Haschisch heraufbeschwören können».

Nach kurzem Schlaf, stiegen sie um Mitternacht im Licht der mitgebrachten Laternen weiter Richtung Gipfel. Smith ging es schlecht. Er fror und bekam Angst auf dem Weg, den er «so glatt wie eine Rennbahn» beschrieb. «Fürchterlicher als alles, was hinter uns lag. Sollte der Fuss abrutschen, hat man keine Überlebenschance. Man würde wie ein Blitz von einer gefrorenen Klippe zur anderen gleiten und schliesslich Hunderte von Metern darunter in den grässlichen Tiefen des Gletschers in Stücke geschlagen werden.» Mit dem Aufstieg wurde es kälter, Smith setzte sich hin und weigerte sich, weiterzuklettern. Die Bergführer schleppten ihn voran. Eine Stunde später wollte er allein gelassen werden, um zu schlafen.

Smith habe wirklich sehr krank ausgesehen, erzählte einer seiner Begleiter später. «Und er reagierte kaum, als ich ihm ein Glas Champagner in die Kehle goss.» Als Smith wieder zu sich kam, sah er sich dem Abgrund ausgesetzt, der «stark verdünnten Atmosphäre» und einem Wind, «dessen Kälte und Heftigkeit man sich nicht vorstellen kann». Seine gepeinigten Muskeln waren «bereits weit über die Kräfte belastet», die Nerven «erschüttert von unablässig steigender Aufregung und Mangel an Ruhe», die Augen blutunterlaufen. Und er spürte einen «rasenden Durst» und einen Puls, «der eher hüpft als schlägt.» Zwei Führer zogen ihn an einem Seil weiter und zwei hackten für ihn Stufen ins Eis.

Am 13. August 1851 um 9 Uhr erreichte Albert Smith auf Händen und Knien und als letzter der Gruppe den Gipfel des Mont Blanc. Also nicht Wochen, wie die Vorräte hätten vermuten lassen, sondern 25,5 Stunden, nachdem sie in Chamonix aufgebrochen waren. Eilig schritten sie zurück zu den Grands Mulets in ihr Zwischenlager, vertilgten dort die letzten Vorräte und stiegen dann weiter ab nach Chamonix. Dort wurden sie im Dorf – wie dazumal üblich für Mont-Blanc-Besteiger – von Taschentuch wedelnden Touristen und Einheimischen begrüsst, Orchester spielten für sie und Kanonensalven donnerten zu ihren Ehren durch das Tal. Für jeden Hotelier in Chamonix, der etwas auf sich hielt, gehörten kleine Kanonen zum Inventar. Und endlich zurück im Hôtel de Londres angekommen, wartete ein mit Blumen und Champagerflaschen gedeckter Tisch auf Smith.

Heutzutage wäre eine Besteigung wie jene von Smith von A bis Z undenkbar. Und es ist eine Geschichte, die bis dato die Vorstellung leben lässt, Bergführer würden ihre Gäste bis auf den Gipfel tragen, schieben, ziehen. Am Sehnsuchtsberg Mont Blanc ist das zwar noch noch immer gang und gäbe. Aber grundsätzlich gibt es so etwas in den Hochalpen kaum mehr. Mit Gästen, die zu wenig Kondition oder Geschick mitbringen, oder die wegen eines Katers im Schneckentempo vorwärts kommen, kehren Bergführer um. Lieber früher als später. Der Gast muss in der Regel trotzdem den ganzen Gipfeltarif bezahlen.

Quellen dieser Mont-Blanc-Begebenheit:
Fergus Fleming – Nach oben. Die ersten Eroberungen der Alpengipfel, Unionsverlag Zürich 2012; Albert Smith – The Story of Mont Blanc, 1852; Frazer’s Magazine, London 1855

So kommen Sie auf Touren

Natascha Knecht am Mittwoch den 5. Dezember 2012
Skitour

Skitouren mit Steigfellen werden immer beliebter, doch die Risiken sollten nicht unterschätzt werden. Auch die Technik, zum Beispiel eine Spur im Neuschnee zu legen, braucht Erfahrung. Im Bild: Eine Tourengruppe beim Alphubeljoch auf 3782 Meter. (Foto: Natascha Knecht)

Skifahren und Snowboarden macht Spass. Aber die Hektik auf den Pisten, das Gedränge an den Liften und das laute Gedudel aus den Schneebars kann auch enervieren. Kein Wunder suchen immer mehr Leute Entspannung abseits des Trubels. Es heisst, Skitourengehen sei jener Wintersport, der zurzeit am meisten boomt. Ruhe und Abgeschiedenheit kombiniert mit körperlicher Herausforderung, Gipfelglück und einer Abfahrt durch jungfräulichen Pulverschnee. Was gibt es Schöneres?

Wie jede alpine Spielart birgt auch eine Skitour gewisse Risiken. Etwa die Gefahr, in eine Lawine zu geraten oder sich zu verirren. Deshalb wird Neueinsteigern empfohlen, Einführungskurse zu besuchen – selbst dann, wenn sie später ausschliesslich bei geführten Touren teilnehmen möchten, etwa bei einer SAC-Sektion oder Bergsteigerschule. Wer auf eigene Faust aufbricht, sollte vorbereitet sein und die Risiken beurteilen können. Doch das setzt viel Erfahrung voraus. Schnell ist verblasst, was man in einem Kurs gelernt hat, wenn man die erworbenen Kenntnisse nicht regelmässig anwendet. Beispielsweise die wichtigsten Einflüsse auf die Entscheidungsfindung. Oder wie der Selbstausstieg aus einer Gletscherspalte gelingen kann. Oder wie man einen Flaschenzug installiert, etc.

Im Winter sind Bergtouren rauer, schwieriger, gefährlicher

Die Anforderungen an den Skibergsteiger sind vielfältig und umfassen weit mehr als Fitness, die richtige Ausrüstung, das Beherrschen von Spitzkehren und die nötige Abfahrtstechnik. Wer einen Gipfel im Winter erklimmen möchte, sollte damit rechnen, dass alles etwas rauer, schwieriger, kälter, gefährlicher und auch schlechter zu finden ist als im Sommer. Wetter, Schnee- und Lawinenlage richtig einzuschätzen und bei einer Fehlprognose trotzdem zurechtzukommen, gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten, die sich ein Tourengeher aneignen sollte. Und was ist zu tun, sollte das Unglück tatsächlich eintreten? Wie rettet man schnellstmöglich verschüttete Kameraden?

Folgende zwei Lehrbücher können helfen, das Wissen aufzufrischen, oder sich Kenntnisse anzueignen:

Quasi die «Bibel» der Skitourengänger (Fortgeschrittene, Profis und solche, die es werden wollen) ist: «Bergsport Winter – Technik, Taktik, Sicherheit» von Kurt Winkler, Hans-Peter Brehm und Jürg Haltmeier aus dem Verlag des Schweizer Alpen-Club SAC. Dieser Ratgeber vermittelt alles Notwendige – etwa über Lawinen und Tourenplanung, Ski-, Snowboard- und auch Schneeschuhtouren, Steileis- und Mixedklettern, Natur und Umwelt. 272 Seiten, 47 Farbfotos, 6 Kartenausschnitte, 223 Zeichnungen, 19 Tabellen, 18 x 12 cm, Softcover, 3. überarbeitete Auflage 2012. Ladenpreis: 42 Franken. Preis für SAC-Mitglieder: 33 Franken (www.sac-verlag.ch)

Insbesondere für Neueinsteiger geeignet ist: «Skitouren – Ausrüstung, Technik, Sicherheit» von Markus Stadler aus der Reihe «Wissen & Praxis» des Bergverlags Rother. Dieses Buch zeigt die wichtigsten Aspekte des Skitourengehens auf. 160 Seiten, 100 Farbabbildungen, 16,3 x 23 cm, kartoniert, 1. Auflage 2012. Ladenpreis: 33.50 Franken.

Aber nicht vergessen, was der SAC zu bedenken gibt: Bergsteigen ist gefährlich und kann zu Körperverletzungen oder Tod führen. Die Angaben in jedem Lehrbuch unterliegen einem starken Wandel der Zeit. Ein Lehrbuch soll die Risiken im Alpinismus möglichst umfassend aufzeigen, kann jedoch nicht davor schützen. Es entbindet daher in keiner Weise von der Selbstverantwortung jedes Benützers, wozu unter anderem das Erlernen der notwenigen Techniken unter fachkundiger Aufsicht sowie die Einhaltung aller Angaben der Bergsportartikelhersteller gehören.

Ich wünsche allen einen unfallfreien Winter mit (hoffentlich) viel Schnee und unvergesslichen Touren!

Mehr Genuss, weniger Angstschweiss

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. April 2012


Kein Name ist in der Schweizer Kletterszene bekannter als seiner: Hätte es Jürg von Känel und seine «Idee zu mehr plaisir» nicht gegeben, wäre wohl kaum je eine so breite Bewegung im Klettersport aufgekommen. Der begnadete Sportkletterer aus dem Kandertal war ein Pionier. Ende der 70er-Jahre gehörte er zu den ersten, die Schwierigkeiten jenseits des sechsten Grades knackten. Selten war dann auch die Erstbegehung einer Route für die Schweizer Szene von solch grosser Bedeutung, wie diejenige von «Mission Miranda» im Jahr 1989. «Nicht, dass die 8b++ harte, klein- und kunstgriffige, überhängende Kante im Berner Oberländer Klettergarten Lehn die gesamte Kletterszene zum Training animiert hätte. Nein, nach dem Punkten dieser Route wusste Erstbegeher Jürg von Känel, dass er seine sportlichen Grenzen erreicht hatte. Mit dieser Höchstleistung setzte er den Schlusspunkt unter seine Karriere als leistungsorientierter Sportkletterer», schreibt der Fotograf und Journalist Bernard van Dierendonck. (siehe Bildstrecke oben)

Mit seiner Idee, den Kletter-Boom ins Rollen gebracht

Und weiter: «Jürg von Känel stellte bei seiner Arbeit als Bergführer fest, wie schwierig es für Gelegenheitskletterinnen und -kletterer war, für sie passende Routeninformationen zu finden. Dass all jene, die nicht mehrmals die Woche trainieren können, sondern Klettern als Freizeitbeschäftigung neben Berufs- und Familienleben betreiben, in den Bergen vor allem Erholung suchen und wenig Lust auf lange Hakenabstände, brüchigen Fels und Angstschweiss verspüren. Die Idee zum Buch mit Plaisirrouten von moderater Schwierigkeit war geboren.» Der französische Titel «plaisir» steht für Spass, Vergnügen und südliches Ambiente. Von Känels «Plaisir»-Kletterführer mit den übersichtlichen, von ihm gezeichneten Topos, wurden dankbar aufgenommen, gingen viele Tausend Mal über den Ladentisch – sie sind die Bibeln der Sportkletterer geworden, Jürg von Känel zum Vater des Plaisirkletterns.

2005 starb Jürg von Känel 53-jährig. Seine Frau Berthi führte den Buch-Verlag Edition Filidor weiter – unterstützt von Freunden, Verwandten und dem Sohn Adrian sowie Jürgs Bruder Res von Känel, welche die Zeichen- und Recherchearbeit übernahmen. Nach einem weiteren Schicksalsschlag – Res stürzte beim Führen am Breithorn in den Tod – hängte der jüngste Spross Sandro (25) seinen Schreiner-Beruf an den Nagel und stieg 2009 in den Familien-Verlag ein.

Jetzt, 20 Jahre nachdem der erste Plaisir-Führer von Jürg auf den Markt kam, erscheint nun «Plaisir Selection». Sandro von Känel, wie sein Vater ein begnadeter Sportkletterer, der vergangenen Herbst im Berner Oberländer Gebiet Elsigen seine erste 8b+-Route durchstieg, hat zum Jubiläum nicht nur die schönsten 115 Mehrseillängen-Routen zusammengestellt, er hat sie auch alle selber geklettert. (Impressionen siehe Bildstrecke oben)

Kletterer Sandro von Känel.

Kam erst relativ spät zum Klettern: Sandro von Känel.

Sandro von Känel, Ihr Vater Jürg und seine Bücher sind den Plaisirkletterern vertrauter als ein Schweizer Sackmesser. Was für ein Gefühl ist es, als Sohn in seine Fussstapfen zu treten?
Ein sehr gutes. Es war zwar nicht immer einfach, ich wurde schnell mit ihm verglichen, man hat von mir viel erwartet. Weil ich erst kurz bevor ich in den Verlag einstieg, mit dem Sportklettern angefangen hatte, kannte ich die Szene nicht gut. Bei meinem Vater war das umgekehrt. Er kletterte erst ein Leben lang und begann erst danach mit den Kletterführern. Dieser Verlauf war logischer als meiner. Aber damit der Verlag weiterlebt, musste jemand einsteigen, der von A bis Z alle Aufgaben ausführt. So wurde ich erst ins kalte Wasser geworfen, mir fehlte die Erfahrung. Jürg hatte so viel aufgebaut, ich wollte alles so gut machen wir er, was mir anfangs nicht immer gelang. Ich hatte Angst, etwas an seinem Werk kaputt zu machen.

Wie haben Sie Ihren Vater in Erinnerung?
Er war viel unterwegs als Kletterer und Bergführer. Aber wenn er da war, nahm er sich Zeit für meine Brüder und mich. Wir Buben waren ihm wichtig, er war uns ein liebevoller Vater, der uns Freiheiten liess. Als Buben waren wir auch oft mit ihm unterwegs. Aber damals war Klettern nicht meine Lieblingsbeschäftigung, meine Begeisterung für diesen Sport kam erst später. Meine Brüder klettern inzwischen gar nicht mehr.

Für den neuen Kletterführer «Plaisir Selection», der nächste Woche im Handel erscheint, haben Sie 115 Mehrseillängen-Routen zusammengestellt. Nach welchen Kriterien?
Massgebend waren Felsqualität, Ambiente, und bei den Schwierigkeitsgraden haben wir von 4a bis 6c alle integriert. Auch die Spannweite bei den Absicherungsmöglichkeiten wählten wir breit. In diesem Führer gibt es Routen, die für Kinder ideal abgesichert sind, und solche wie jene am Piz Badile, die alpine Charaktere aufweisen. Auch die Längen variieren – von mindestens fünf Seillängen bis 30. Zu den Plaisir-Kriterien gehört zudem, dass die objektiven Gefahren, wie etwa Steinschlag, möglichst gering sind.

Sie sind letztes Jahr jede Routen selber geklettert. Was dürfen Plaisir-Kletterer erwarten?
Eine Auswahl, die den Plaisir-Kriterien entsprechen: gute Absicherung, gute Felsqualität und schönes Ambiente. Weil ich jede Route kletterte, sind alle Topos und Pläne auf dem neusten Stand, die Routen seriös rekognosziert und aktuell beschrieben.

Weshalb 115 Routen?
Ursprünglich wollten wir 100 Routen auswählen. Wir stellten uns 100 Touren vor, die einen Tag ausfüllen – das wären Routen ab 10 Seillängen. Aber dann habe ich bald gemerkt, dass es viele schöne Routen mit fünf Seillängen gibt und es möglich ist, an einem Tag zwei oder gar drei zu klettern. Das lohnt sich besonders, wenn die Zustiege länger sind. Darum sind es nun 115 Routen in 55 Gebieten.

Welche sind Ihre persönlichen Lieblingsrouten? Ein Insider-Tipp?
Besonders gefallen haben mir zum Beispiel die Klettereien an den Aiguilles Dorées im Unterwallis. Super Fels, alpines Ambiente. Der Zustieg ist allerdings weit und führt über Gletscher. Im einfacheren Schwierigkeitsbereich, der sich auch gut für Anfänger eignet, habe ich etwa den Steingletscher im Sustengebiet, oder die Felsen oberhalb des Räterichsbodensees am Grimsel in bester Erinnerung.

Plaisir-Klettern feiert dieses Jahr das 20-Jahre-Jubiläum. Was hat sich seit den Anfängen verändert?
Vieles. Der neue Absicherungs-Standard hat bewirkt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Leute das Klettern entdeckten, es wurde ein Breitensport. Vor 20 Jahren kletterten fast nur Bergsteiger, die sehr viel Zeit dafür investierten. Heute sind die Plaisir-Routen viel besser abgesichert, die Leute klettern zum Ausgleich oder für die Fitness. Man muss nicht mehr seine ganze Freizeit dafür investieren, damit es nicht gefährlich wird, so wie früher.

Gerade weil es nicht mehr so gefährlich ist wie früher, wird Plaisir-Klettern von einigen belächelt. Was sagen Sie dazu?
Klar kritisieren manche, Plaisir-Klettern sei eine Entwicklung der Konsumgesellschaft. Doch das finde ich eine elitäre Einstellung. Ich finde es positiv, dass so viele Leute dank der guten Absicherungen klettern können.

Die Bohrhaken, die zur Absicherung in den Fels gebohrt werden, halten manche als unethisch.
Die Ethik im Klettersport ist eine Endlosdiskussion. Ich persönlich bin dafür, dass man neue, leichte Routen gut absichert und für Freizeitkletterer – das sind ja die allermeisten – zugänglich macht. Ich bin jedoch strikt dagegen, dass alte Extrem-Klassiker, ob im alpinen oder Sportkletterbereich, plaisirmässig saniert werden. Alle, die gegen Bohrhaken sind, finden immer noch ihre Routen. Die Plaisir-Kletterer kommen ihnen nicht in die Quere.

Jedes Jahr werden neue Routen eingerichtet. Werden alle in Ihre Führer integriert?
Die Erschliesser melden uns neue Routen mehrheitlich. Manche sind jedoch fraglich, weil zum Beispiel die Felsqualität nicht gut ist, darum nehmen wir solche nicht auf. Das Potenzial für neue Routen ist langsam ausgeschöpft.

Neue Routen zu bohren oder zu sanieren kostet Geld. Meistens bezahlen das die Erschliesser oder Sanierer selber. Finden Sie das richtig?
Sicher wäre es schön, wenn Vereine etwas mehr beitragen würden. Auch wir vom Filidor-Verlag beteiligen uns, sofern die neue Route unseren Kriterien entspricht. Aber ein «Kässeli» hinzustellen, damit die Nachkletterer etwas reinwerfen, sehe ich nicht. Anders wäre es, wenn die Erschliesser haften müssten. Aber heute kann jeder einrichten, wie er will und ist auch nicht verpflichtet, eine Route zu sanieren. Es ist eine schöne und freiwillige Arbeit, die viel zurück gibt.

Welche Routen haben Sie selber schon erschlossen?
Noch nicht sehr viele. Erst ein paar wenige Mehrseillängen-Routen im oberen Schwierigkeitsbereich. Aber Plaisir-Routen noch keine, weil ich einfach noch keinen Fels gefunden habe, wo es sich lohnen würde. Mein Vater Jürg hat dieses Potenzial bei uns im Berner Oberland schon weitgehend ausgeschöpft.

Welchen Herausforderungen müssen Sie sich als Herausgeber von Plaisir-Kletterführern künftig stellen?
Es stellt sich die Frage, ob Topos in Buchform noch Zukunft haben. Schon heute gibt es digitale Angebote oder Apps. Aber es ist schwierig zu sagen, wo das hinführt, selbst mit dem Smartphone hat man nicht überall Empfang, auch der Akku reicht kaum für mehrere Tage. Trotzdem bin ich natürlich aufgeschlossen für digitale Entwicklungen. Die Topos zeichne ich jedoch auch künftig von Hand, weil die Qualität einfach besser ist als Computerzeichnungen.

Der neue Kletterführer «Plaisir Selection» erscheint nächste Woche im Handel. ISBN 978-3-906087-40-5. Verkaufspreis 48 Franken. Er kann auch direkt beim Verlag bestellt werden: Edition Filidor, CH-3713 Reichenbach. www.filidor.ch – info@filidor.ch

Cliffhänger und Generation Gratkletterer

Natascha Knecht am Mittwoch den 7. Dezember 2011

Ein Kletterführer fürs Oberwallis, ein Boulderführer fürs Tessin, ein Band fürs Gemüt, einer für den Abenteuergeist und etwas für die Lachmuskulatur. Rechtzeitig vor Weihnachten habe ich mich durch den Berg der Neuerscheinungen gewälzt. Das sind meine Büchertipps 2011 – jedes Werk ein Geschenk für uns selber, oder zum Weitergeben.

Himmelsleitern

Ein Schmuckstück. Vorwarnung: Dieses Buch löst eine akute und abgründig tiefe Sehnsucht nach dem Hochgebirge aus. So sehr, dass es fast schmerzt, besonders jetzt in der Zwischensaison. Ralf Gantzhorn und Moritz Attenberger haben ein Werk geschaffen, das Bergsteigerherzen rasant schneller und höher schlagen lässt. In nur drei Jahren begingen die beiden Fotografen fünfzig Fels- und Eisgrate in den Alpen. Alles herausragende Touren, darunter Klassiker und weniger bekannte Aufstiege. Die eine oder andere dieser «Himmelsleitern» durfte ich schon erklimmen. All die anderen möchte ich beim Anblick dieser traumhaften Bilder am liebsten jetzt und sofort nachsteigen, so kribbelig machen sie. Die Texte dazu sind kurz, knackig und beinhalten wesentliche Informationen für die Tourenplanung. Dieses Buch hilft, sich Ziele zu setzen. Und es entfacht einen unzähmbaren Willen, sportlich und technisch dranzubleiben. Die fünfzig beschriebenen Fels- und Eisgrate gehören zu den schönsten im Alpenraum, einige davon aber auch zu den schwierigsten. Wer sich – wie ich – zur Generation der Gratkletterer zählt, wird dieses Buch zeitlebens nicht mehr weggeben.

«Himmelsleitern – 50 Fels und Eisgrate in den Alpen» von Ralf Gantzhorn und Moritz Attenberger. Erschienen im Bergverlag Rother. 256 Seiten, 297 Farbabbildungen, 50 Routenkarten im Massstab 1:100’000, eine Übersichtskarte im Massstab 1:2’000’000. Format 30 x 26 cm, gebunden mit Schutzumschlag, 79 Franken.

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Stefan-Glowacz-Bildband-Foto-Extrem-Klettern-Buch
Ein gelebter Traum.
Profialpinist Stefan Glowacz hat definitiv mehr zu bieten als «nur» sensationell gutes Klettern. Der 46-Jährige aus Bayern führt erfolgreich ein Unternehmen, daneben gibt er Seminare für Manager («Bergsteiger und Führungskräfte müssen nicht nur kühl kalkulierende Realisten sein, sondern in erster Linie Visionäre.»). Dass der Vater von Drillingen auch jenseits der Berge Stil und Klasse besitzt und sich von seinen Sponsoren nicht verbiegen lässt, bewies er etwa bei seinem kürzlichen Auftritt bei Stefan Raab («TV total») wieder. Glowacz zeigte sich dem Millionenpublikum im edlen schwarzen Hemd, perfekt sitzenden Jeans und coolen braunen Lederstiefeln – von Kopf bis Fuss absolut frei von Sponsoren-Logos. Welcher andere Bergsteiger nimmt sich heute noch diese Freiheit?

Einzigartig ist auch sein neues Buch, das seine Frau Tanja, von Beruf Kreativdirektorin, gestaltet hat. In diesem Bildband entführt Stefan Glowacz die Betrachter auf acht seiner bisher wichtigsten Expeditionen – von Kanada, über die Antarktis bis Kenia und nach Nepal. Authentisch dokumentiert er, welche Faktoren solche Abenteuer extrem machen. Es geht um weit mehr als um das Hochrisiko über gähnenden Abgründe: wochenlange Entbehrung, Hunger, giftige Insekten, Komplikationen, Kreativität. In den kurzen Texten beschreibt er Gedanken und Gefühle, Glücksmomente und Tiefpunkte. «Dieser Bildband ist Ausdruck meiner eigenen Vorstellung des modernen Expeditionsbergsteigens», schreibt Glowacz. «Er soll aber zugleich die Sehnsucht aller Abenteurer, Naturliebhaber und Grenzgänger schüren, stets aufs Neue Aufzubrechen – wenn schon nicht immer in Wirklichkeit, dann hoffentlich durch die Impressionen dieses Buches im Geiste.» Das ist ihm gelungen. Dieser Band entfacht Fernweh und Träume.

«Extremklettern am Ende der Welt» von Stefan Glowacz und Tanja Valérien-Glowacz. Erschienen im Delius Klasing Verlag. 240 Seiten, 330 Farbfotos, 84 S/W-Fotos, 8 Karten, Format 25,5 x 32,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag, 59 Franken.

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SAC-Kletterführer Oberwallis

Ein Glanzbrocken. 17 Jahre sind seit der letzten Auflage des Kletterführers Oberwallis verstrichen. In dieser Zeit hat sich zwischen Aletschgletscher, Matterhorn und Pfynwald einiges bewegt. Viele neue Routen sind dazu gekommen, andere hat sich die Natur zurückerobert. Umso erfreulicher, dass soeben eine neu überarbeitete Auflage aus dem Druck gekommen ist. Die beiden Autoren Eric Pointner und Egon Feller haben ganze Arbeit geleistet, hinter dieser Publikation steckt ein enormer Aufwand an Kraft und Leistungen. Knapp 2000 Routen in 99 Gebieten, darunter 700 Mehrseillängentouren, von denen 55 eine Länge von mehr als 250 Meter aufweisen, die längste ist 800 Meter. Viele Routen sind zwischen 5a und 7a angesiedelt, also im Plaisirbereich. Aber auch die Hardmover kommen auf ihre Rechnung, für sie gibts ebenfalls ein reichhaltiges Angebot interessanter Herausforderungen mit Milchsäurepotenzial. Dieses klar strukturierte Buch beinhaltet alles, was einen guten Kletterführer ausmacht. Allez!

«Kletterführer Oberwallis – Goms/Aletsch-Brig/Simplon/Visp/Saastal/Mattertal/Raron-Siders» von Eric Pointner und Egon Feller. Erschienen im SAC-Verlag. 352 Seiten, 18 Fotos schwarz-weiss, 81 Fotos farbig, 70 Topos, 159 Routentopos, 
71 Karten, 2 geologische Karten, deutsch/englisch. Ladenpreis 58 Franken, für SAC-Mitglieder 46 Franken. www.sac-verlag.ch

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copertina-calanca

Ein Meilenstein. Ebenfalls brandneu erschienen: Der Boulderführer fürs Calancatal von Michele Bionda und Roberto Grizzi. In der wilden Natur dieses Seitentals des Misox im italienischsprachigen Teil des Kantons Graubünden hat sich in den vergangenen Jahen ein Bouldermekka entwickelt. Gegen 1000 Routen haben die Autoren nun in diesem dreisprachigen Führer gesammelt, mit Karten, Schemen, Symbolen und Fotografien von jedem Boulder. 7 Sektoren zwischen 600 und 2300 Meter gelegen, 351 Felsblöcke, 103 «Probleme» und 127 Projekte. Das macht Lust.

«Bouldering in Val Calanca» von Michele Bionda und Roberto Grizzi. Verleger: Calancaboulder. Format 15 x 21 cm, 288 Seiten, Farbfotos, Umschlag halbsteif, in Italienisch/Deutsch/Englisch, 40 Franken. Bestellung: Calancaboulder, CP 104, 6513 Monte Carasso. www.calancaboulder.ch

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Cliffhänger

Eine Aufheiterung. Hinweis: Dieses Taschenbuch sollte man an einem Ort lesen, wo es nicht peinlich wird, wenn man laut hinauslachen muss. Diese Gefahr besteht nämlich extrem. Geschrieben hat es der kletterverrückte, deutsche Comedian Georg Koerniger. Schwindelerregend lustig, ich habe zeitweilig Tränen gelacht. Er beschreibt wie in der Kletterhalle Angstschweiss riecht, wie er sich in die Todeszone einer Alpenvereinssitzung verirrt, wie er im Massenlager überlebt, das Paarungsverhalten von Seilknoten, seine schweisstreibende Begehung eines Sportkaufhauses an einem Adventsamstag, wie er beim Bouldern in der Fränkischen Schweiz weit über sein Limit geraten konnte, was der Unterschied zwischen Topos und Tapas ist – oder die Lieblingsbeschäftigung der Kletterer: das Fluchen. «Du fluchst über die Beschaffenheit des Felsens, der entweder zu abgenutzt oder zu scharfkantig ist, du fluchst über das Wetter, das zu heiss, zu kalt oder zu nass ist. Du fluchst über die eigene Dummheit. Du zerschneidest dir die Finger, schlägst dir die Knie auf, du zerreist dir das T-Shirt und verdreckst die Hose, und den ganzen Tag tun dir die Füsse weh, wegen der engen Kletterschuhe. Aber am Ende des Tages sitzen alle Kletterer im Biergarten und sind sich einig: Das war wieder ein schöner Klettertag.» Wer Sinn für Humor hat, wird dieses Buch lieben.

«Cliffhänger – Kletter-Comedy für Schwindelfreie» von  Georg Koeniger. Erschienen im Piper-Verlag. 288 Seiten, zahlreiche Illustrationen, kartoniert, 15,90 Franken.
Georg Koenigers Kletterkomik im Video: hier.

Sind Ihnen weitere neue Bergbücher positiv aufgefallen? Bitte ergänzen Sie diese Tipp-Liste.

Welche Bergbücher sind ein Geschenk?

Natascha Knecht am Mittwoch den 8. Dezember 2010

Im Herbst und rechtzeitig auf Weihnachten erscheint jeweils eine grosse Auswahl an Berg- und Alpinbüchern. Hier sind fünf Tipps. Jeder Band ein Geschenk – an uns und zum Weitergeben.

Bildband "Die Alpen"

Eine Besonderheit. Dieser Bildband porträtiert den gesamten Alpenraum von Monaco bis Ljubljana. Geografisch und geologisch bildet das Gebiet von der Côte d’Azur bis Slowenien eine Einheit, aber kulturell und klimatisch könnte es kaum unterschiedlicher sein. Acht Millionen Menschen aus acht Nationen bevölkern heute die Alpenregion. Sie sprechen acht verschiedene Sprachen.

Der Bergsteiger, Pilot und Profi-Fotograf Matevz Lenarcic hat die 1200 Kilometer aus dem Ultraleichtflugzeug eingefangen. Seine ungewohnten Perspektiven faszinieren auch beim zweiten, dritten, vierten Anblick. Details und Eigenheiten der Gletscher, Gebirgsketten, Seen und Schluchten – auch aus der Schweiz – rücken in diesen grossformatigen Panoramabildern besonders eindrücklich ins Zentrum (Format 37,8 x 28 x 4,4 Zentimeter, total 5 Kilo schwer).

Dazu erläutern Experten u. a. die Bedeutung der Alpen als Wasserreservoir und als Lebensraum für die Vielfalt von Pflanzen und Tieren, die Auswirkungen der Klimaerwärmung und die Folgen des alpinen Tourismus.

«Die Alpen» von Matevz Lenarcic. Dieser Bildband wurde von der Unesco gefördert und erschien im Delius Klasing Verlag. 512 Seiten, 250 Farbfotos, davon 200 auf Doppelseiten, 7 Karten, 15 Zeichnungen. Gebundene Ausgabe 103 Franken.


Eine Bereicherung. Hans Grossen, 1944 geboren, schuf ein Werk, das Kletterer lieben werden. Selber ein hervorragender Alpinist, hat der Buchautor in den vergangenen Monaten akribisch recherchiert und unermüdlich Informationen zusammengetragen, wie es sie in dieser Vollständigkeit noch nicht gab. Er stellt 79 alpine Sportklettereien, voralpine Gebiete und Klettergärten im Berner Oberland vor, berichtet über ihre Erschliessung. Dazu stellt er authentische Bilder, die teils von Profis, teils von Kletterern selber aufgenommen wurden. Inbegriffen sind 24 Textporträts von Erschliessern, die Geschichte der Freikletterei und deren Entwicklung in der Schweiz – und wie das Yosemite Valley (USA) diese Bewegung beeinflusst hat.

«Sportklettern Berner Oberland» von Hans Grossen
erschien soeben im Filidor Verlag von Känel, Reichenbach. Masse 21 x 28 Zentimeter. 240 Seiten. Gebundene Ausgabe 68 Franken.


Ein Muss. Extrembergsteigen ist nach wie vor eine Männerdomäne, aber Frauen holen auf. Eva Maria Bachinger, 1973 in Österreich geboren, hat nicht nur mit den derzeit bekanntesten Höhenbergsteigerinnen gesprochen, sie macht einen Streifzug durch die ganze Geschichte des Frauenbergsteigens und lässt alle bedeutenden Alpinistinnen der vergangenen Jahrzehnte aufleben. Erfreuliche und traurige Geschichten über Motivation, Ziele, den Kampf ums Überleben und den Tod am Berg. Alles dicht und schnörkellos zusammengefasst. Sehr lesenswert.

«Die besten Bergsteigerinnen der Welt» von Eva Maria Bachinger erschien im Milena Verlag. 247 Seiten. Klappenbroschur, 35 Franken.


Ein wahres Abenteuer. Obschon von Geburt an blind, sieht Andy Holzer die Welt oft präziser als Sehende. Um steile Felswände und die höchsten Berge der Erde zu erklimmen, reichen ihm Hände, Ohren, Nase und Mund. Er besuchte nie eine Blindenschule, wuchs ganz normal in einem kleinen Dorf in den österreichischen Dolomiten auf, fuhr Velo, war begeisterter Langläufer, lief einen Marathon.

Seine Liebe zu den Bergen entdeckte er als Bub, seine Leidenschaft für den Alpinismus in der Jugend. Fünf der Seven Summits, die höchsten Berge der Kontinente, hat er schon bestiegen. Grenzen, die sein Handicap mit sich bringen, überwindet er mit mentaler Stärke und Vertrauen. Nun hat der 44-Jährige seine bewegende Lebensgeschichte aufgeschrieben und berichtet von seinen bisherigen Expeditionen. Er öffnet den Lesern die Augen, steckt sie an mit seiner Fröhlichkeit, seinem Lebensmut und seinem Humor. Dieses Buch berührt nicht nur Bergsteiger.

«Balanceakt – Blind auf die Gipfel der Welt» von Andy Holzer erschien im Walter Verlag, Mannheim. 229 Seiten. Gebundene Ausgabe 33.90 Franken.


Ein Krimi. Wer sprachliche Raffinesse schätzt, ist bei Emil Zopfi (67) richtig. Dem begeisterten Sportkletterer, der sich schon oft im ligurischen Klettergebirge bewegte, gelang mit «Finale» ein weiterer, spannender Bergkrimi. Ein Klettersturz mit chaotischer Rettung, ein Paar mit Beziehungsproblemen, eine verschwundene Augenzeugin, geheimnisvolle SMS, Zweifel am Unfallhergang, Karriereentscheidungen – Genuss bis zur letzten Zeile. Der Glarner gehört zu den wenigen Schweizer Autoren, die sich seit Jahrzehnten intensiv der Alpinliteratur widmen.

«Finale» von Emil Zopfi erschien im Limmat-Verlag. 233 Seiten. Gebundene Ausgabe 35.90 Franken. Die zweite Auflage erscheint noch vor Weihnachten.

Sind Ihnen weitere Werke aus dem Bereich Bergsport und Alpinismus aufgefallen, die Sie empfehlen möchten? Ergänzen Sie die Liste – schreiben Sie einen Kommentar.