Die Bikeszene in Zürich hat ein Problem. Die Stadt will den grössten Bikepark bauen, den eine Schweizer Gemeinde je geplant hat. Die Ausgangslage scheint gut, schliesslich beabsichtigt Zürich, hinter der Überbauung Sihlcity zwei Millionen Franken für Biker zu investieren. Pumptracks, Dirtjumps und eine BMX-Bahn sollen dort entstehen – eine Anlage, die von den Bikern herbeigesehnt wird wie das Hardturm-Stadion von Fussballfans. Doch das Projekt droht zu kippen.
Dabei sind es nicht Politiker, die mit dem Rotstift Budgets für Sportanlagen zusammenstreichen. Es sind auch nicht Anwohner, die dagegen rekurrieren, wie beim Freestyle-Park, der erst nach jahrelangen Verfahren auf der Allmend endlich entsteht. Die Gründe liegen in der Geschichte dieses Sports und dem Alleingang eines Bikers.
Das Projekt Sihlcity hat bereits zwölf Jahre auf dem Buckel. Eine Zeit, in der Pläne geschmiedet und gekippt, Hoffnungen geweckt und wieder zerstört wurden. Eine Zeit, in der sich das Biken vom simplen Off-Road-Fahren zu einem Sport mit einem halben Dutzend Disziplinen entwickelt hat. Eine Zeit auch, in der innerhalb der Zürcher Szene nicht nur Brücken geschlagen, sondern auch tiefe Gräben ausgehoben wurden und Freunde zu Feinden mutierten.
Eine umfassende Analyse der Ursachen würde wohl für eine soziokulturelle Masterarbeit der pädagogischen Fachhochschule reichen. Doch für einige Antworten lohnt sich der Blick zurück auf die Entstehung des Mountainbike-Sports.
Hauptsache Freiheit
Als eine Handvoll Kalifornier Ende der 60er-Jahre ihre schweren Räder mit den dicken Reifen bergauf schoben, waren sie beseelt von einem Gefühl der Freiheit. Sie hatten die geteerten Strassen verlassen und ratterten Off-Road ins Tal. Der Pioniergeist steckte immer mehr junge Menschen an, Bikes wurden modifiziert, Bergwege und Waldpfade erobert und schliesslich war das Mountainbike geboren. In den 80er-Jahren erreichte das neue Rad die Schweiz und Zürich.
Die neue Freiheit, die das Bike versprach, faszinierte in der Limmatstadt immer mehr Leute. Die anfangs kleinen Gruppen von Bikern, die den Uetliberg hinabfuhren, wurden immer grösser. Sie begannen, sich eigene Weg durch das Unterholz zu bahnen. Dieser Freiheitsdrang führte zu Konflikten. Fussgänger erschreckten, wenn «wilde Biker» auf den Forstwegen an ihnen «vorbeirasten», Förster und Wildhüter waren plötzlich mit zahlreichen illegalen Trails konfrontiert. Mit jedem Jahr wuchs die Bike-Gemeinde, die Fronten verhärteten sich.
Einsatz für die Legalität
Während die meisten Biker am Feierabend vor allem ihre Freiheit auf zwei Rädern ausleben wollten, erkannten einige von ihnen, dass der Moment längst gekommen war, sich für offizielle, legale Trails einzusetzen. So entstand um die Jahrtausendwende das Projekt eines Bikeparks auf der Allmend. Mit Herzblut gestartet, schien es zu fruchten. Die Stadt signalisierte Interesse, zusammen mit dem Verein Freestylepark traten die Biker als grosse Sportlergruppe auf. Und mit Think & Build Velosolutions stand bald eine junge Firma für Streckenbau bereit, um den Bikepark professionell zu realisieren.
Was danach ablief, wird von jedem Beteiligten unterschiedlich beschrieben. Klar ist: Es führte zu viel Frust auf allen Seiten. Das blockierte Freestyle-Projekt behinderte auch den Bikepark, Velosolutions trat in die zweite Reihe, die Stadt wusste nicht, wie eine solche Anlage zu bauen und unterhalten ist. Und als der Freestyle-Verein sich nur noch auf den Skatepark konzentrierte, hatten die Biker keine klare Struktur mehr, die sie vertrat. Andere «Baustellen» wie die Trails am Uetli- und Zürichberg absorbierten die verbliebene Energie, das Projekt Sihlcity verschwand unter die Oberfläche.
Öffentliches Interesse
An dieser Stelle hätten sich die Biker vereinen können, um als geschlossene Gruppe mit der Stadt weiterzuarbeiten. Doch einen Verein zu gründen, behagte den freiheitsliebenden Individualsportlern wenig. Und verglichen mit anderen Massensportarten war das Biken noch immer jung. Damals in Kalifornien, als das Bike erfunden wurde, brauchte es so etwas auch nicht. Die bis anhin vorhandenen Trails und Dirtjumps waren auch ohne Verein fahrbar. Als die Rufe nach einer Vereinsstruktur trotzdem lauter wurden, sprach sich ein wichtiger Kopf der Bike-Szene dagegen aus.
Pete Stutz, Inhaber des ältesten Bikeladens der Stadt, Swiss-Cycling-Vertreter und Ur-Biker in Personalunion, führte ins Feld, dass ein allgemeines Bedürfnis von der öffentlichen Hand befriedigt werden sollte. So wie Fussballclubs auf öffentlichen Plätzen spielen können, sollten Biker auch auf Trails fahren können, welche von der Stadt betrieben werden. Sein Argument leuchtete mit Blick auf andere Städte ein. So hatte beispielsweise der Berner Bike-Verein Trailnet einen derart guten Trail mit Bahnanschluss gebaut, dass er lange Mühe hatte, die Strecke stetig zu unterhalten. Die Zahl der Abfahrten hatte so stark zugenommen, dass die Pflege des Trails zu einem Teilzeitjob wurde, der dem Verein enorm viel abverlangte. Das sollte in Zürich nicht passieren.
Betonharter Kampf
Also nickten viele Biker und schaufelten in losen Gruppen weiter an ihren (halb)legalen Lieblingstrails. Stutz baute seine Stellung als Vertreter der Biker aus und nutzte seinen Einfluss bei der Stadt, um sich für einen Pumptrack auf dem Zürichberg einzusetzen. Die Begeisterung war gross, als das Pionierprojekt schnell vorangebracht wurde, viele legten selber Hand an. Doch dann kam etwas ins Spiel, das in der Zürcher Bikeszene bisher eine Nebenrolle spielte: Geld.
Denn für den Pumptrack brauchte es Profis, die wussten, wie eine solche Anlage gestaltet werden musste. Das Bedürfnis erkannte Stutz als Erster und gründete die Pumptracks GmbH. Sie realisierte dann im Auftrag der Stadt die Anlage auf dem Zürichberg. Viele Biker freuten sich, dass der Sport durch solche Firmen professioneller wurde. Doch Geld bedeutet auch Macht.
Mit den Aufträgen in der Tasche verdiente die Biketrail-Firma nicht nur, sondern bestimmte auch, wie die Anlagen gebaut wurden. Diese Praxis ist üblich und macht Sinn. Aber nur, wenn sich der Grossteil der Kunden vom Lieferanten ernst genommen fühlt. Bereits auf dem Zürichberg begann Pumptracks jedoch, seltsame Fehler zu machen.
Nach der ersten Begeisterung merkten die Biker schnell, dass die Anlage stark verbesserungswürdig ist. Doch entsprechende Anregungen wurden seitens Pumptracks ignoriert, Fragen blieben unbeantwortet. Die Kommunikation, das zentrale Element in einer solchen Phase, wurde abgewürt.
Der anfängliche Rückhalt in der Szene schwand. Als dann klar wurde, dass Pumptracks den Zürichberg lediglich nutzte, um sich mit dem Sihlcity-Park das wichtigste Projekt der Schweiz zu angeln, rieben sich viele Biker die Augen. Schliesslich war das Vorprojekt noch nicht einmal ausgereift, geschweige denn eine Referenz für einen derart grossen Park. Am stärksten in der Kritik steht dabei die Absicht, die künftigen Dirtjumps beim Sihlcity aus zementgebundenem Material zu bauen.
300 Mitglieder in einem Jahr
Für Stutz macht das jedoch Sinn. Er verspricht damit der Stadt, wartungsarme Jumps realisieren zu können, die Regen und Schnee widerstehen. Die Biker fürchten jedoch um ihre Sicherheit, wenn sie auf den pickelharten Sprüngen stürzen. Zudem ist Dirtjumps eigen, dass sie kaum normiert werden können. Bis heute werden rund um die Welt die Sprünge aus Lehm gebaut und erst durch die Benutzung und stetige Verbesserung so geformt, dass ein Dirtpark den gewünschten Flow entwickelt.
Weil sich die Stadt aber gewohnt ist, bei Bauprojekten mit der Privatwirtschaft zusammenzuspannen, arbeitet sie weiter mit Pumptracks und trieb das Projekt Sihlcity voran. Spätestens als auch der Trail am Uetliberg und die Situation am Dolder vor wichtigen Entscheidungen standen, hatten die Biker ein Problem. Sie fühlten sich von Stutz nicht nur schlecht vertreten, sondern hinters Licht geführt. Nachdem er sich lange gegen die Gründung eines Vereins aussprach, hielt er nun alle Fäden in der Hand. Er hatte nicht nur die Beziehungen zur Stadtverwaltung über Jahre gefestigt, sondern war mit Pumptracks zum Berater und sogar Planer des Millionen-Projektes geworden.
Um mitreden zu können, organisierten sich die Biker vor einem Jahr schliesslich in einem Verein. Der Zuspruch in der Szene war enorm, mittlerweile gehören rund 350 Biker dem Verein Züritrails an (darunter auch Stutz sowie der Verfasser dieses Textes). Die Stadt hat Züritrails in kurzer Zeit als legitimen Vertreter der Szene akzeptiert und an den Verhandlungstisch geholt.
Dort hat Züritrails die Bedenken zum Sihlcity-Park dargelegt. Das Verfahren wurde trotzdem weitergezogen – und am betonähnlichen Material festgehalten. Das führte dazu, dass sich andere Streckenbauer gar nicht erst um den Auftrag bewarben, bzw. die Vorgaben nicht erfüllten und deshalb ausgeschlossen wurden. Sie wollen keine betonharten Sprünge verantworten. In der Folge sprach sich der Verein so vehement gegen die Pläne aus, dass die Stadt handeln muss. Die Entscheidungsträger in der Verwaltung werden sich deshalb in der kommenden Woche treffen. Sie werden dann wohl entscheiden, ob und wie es mit dem Projekt weitergeht.
Es ist zu hoffen, dass die Stadt sich selber, dem Bikesport und seinen Exponenten die Chance bietet, sich weiter zu entwickeln und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Dafür muss man miteinander reden und einander ernst nehmen. Das Sihlcity-Projekt ist zu wichtig, als dass es abgesägt, zusammengestrichen oder fragwürdig gebaut werden darf. Der Bikepark wird nicht nur in Zürich eine wichtige Infrastrukur sein, sondern könnte ein Vorbild für Bike-Projekte der öffentlichen Hand werden.
In dieser Geschichte geht es nicht in erster Linie um Querelen innerhalb der Szene, die allzu schnell als Grabenkämpfe zwischen einer Biketrail-Firma und firmenlosen Trailbikern wahrgenommen werden. Die allermeisten Biker und Züritrails sind froh, wenn ein Park von Profis gebaut wird. Sie wollen aber als spätere Nutzer aktiv an der Planung beteiligt werden und zu einer optimalen Anlage beitragen. Bis dahin möchten sie zumindest erklärt bekommen, weshalb der Bikepark Sihlcity – so wie geplant – ein guter und sicherer Park sein soll. Schliesslich braucht ein noch junger Sport die bestmögliche Anlage, um zu wachsen. Und nicht zuletzt schaut auch das Bundesamt für Sport gespannt auf das Pionierprojekt, das eine Referenz für künftige Bikeparks werden soll.
Ob der leidigen Geschichte geht manchmal vergessen, was den Bikern (selbst in Zürich) am wichtigsten ist: Sie wollen gute Trails fahren.