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So macht Laufen Spass: Motivationstipps

Pia Wertheimer am Montag den 13. Mai 2013
Ein Frau geht mit ihrem Hund joggen. (Foto: Flickr/lululemon athletica)

Setzen Sie realistische Trainingsziele: Ein Frau geht mit ihrem Hund joggen. (Foto: Flickr/lululemon athletica)

Ich leide, wenn ich mich nicht bewegen kann – und meine Mitmenschen ebenfalls. Sport macht mich erst umweltverträglich – ab und an vielleicht sogar geniessbar. Muss ich stillhalten, vegetiere ich – gereizt, unzufrieden, geladen, gefangen. Die Endolis, wie ich meine kleinen Glücksbringer gerne nenne (im Duden auch Endorphine genannt), machen mich glücklich. Böse Zungen nennen es süchtig. Nennen Sie es, wie Sie wollen – ich bin ein Glückskind. Ich muss mich weder zwingen noch motivieren – im Gegenteil – an die frische Luft zu gehen und damit gesund zu leben. Gewichtsprobleme? Unbekanntes Terrain.

Ich brauche keine Neujahrsvorsätze, die mir genug Bewegung verschaffen. Fremd sind mir die Aussagen, wie jene meines Kollegen, dem Radio-1-Morgenshowmoderator Marc Jäggi. Mit einer regelrechten Rosskur, hatte er seinen Pfunden den Kampf angesagt. Das Ziel: ein Sixpack. Ich bewundere noch heute seine Disziplin. Sein neues Ziel? «Endlich mal Sport einfach zu meinem Leben zu machen und nicht drei Monate spinnen und drei Monate nix tun!»

Laufen zu einem Ganzjahressport machen

Ich kann ihm dabei kaum helfen – weil ich ein Glückskind bin, weil ich seine Not nicht kenne. Valentin Belz, von Runningcoach.ch hingegen schon. «Es gibt grundsätzlich den intrinsisch und den extrinsisch motivierten Läufer. Wer des Laufens willen läuft, kennt keinen Jojo-Effekt. Alle anderen hingegen schon.» Und jetzt kommt’s: «In diesem Fall ist Laufen ein ziemlich mühsamer Sport.» Denn wer zwei bis drei Wochen keinen Meter laufe, plage sich nach den ersten zwei bis drei Einheiten sofort wieder mit Muskelkater herum. Sein Körper ist sich die Belastungen nicht mehr gewohnt.

Belz, ist verantwortlich für den dynamischen Trainingsplan, der von Viktor Röthlin, Markus Ryffel und seinem Bruder Christian Belz entwickelt wurde. Er weiss, dass die Abonnenten von Runningcoach.ch im Winter beispielsweise weniger laufen. «Die Dunkelheit, die eisigen Strassen und die fehlenden (Wettkampf-)Ziele mögen mögliche Ursachen sein.» Für Belz steht deshalb fest: Das Ziel sollte sein, das Laufen zu einer Ganzjahressportart zu machen. Und wer beginnt, steht vor einer grossen Falle: dem Übereifer. «Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» Beim Laufen sei es ganz entscheidend, dass man seinem Körper genügend Zeit gebe, damit er sich an die Belastung gewöhnen kann. «Der Motor mag zu mehr fähig sein, aber das Fahrgestell braucht seine Zeit.» Belz rät deshalb: zuerst die Häufigkeit steigern, dann die Dauer und erst am Schluss die Intensität.

Mit dem Laufen kommt die Freude

In der Praxis sehe es meistens so aus, dass die Leute bei jeder Einheit versuchen, eine neue Bestzeit aufzustellen. Ja, liebe Männer, das gilt besonders für euch! Belz kennt das Resultat: «Nach wenigen Wochen gibt es keine Verbesserung mehr und die Motivation ist weg.» Viel besser fahre man, wenn man systematisch trainiere und vor allem die Basis pflege. Drei Viertel der Trainingseinheiten sollten deshalb locker sein.

Für Belz steht fest: «Wenn Sport ein wahres Bedürfnis ist, dann funktioniert es. Dann räumt man ihm den nötigen Platz ein – auch in einer vollen Agenda.» Wer aber, wie Kollege Jäggi, Mühe hat, das richtige Mass zu finden, soll sich realistische Ziele setzen. Der Laufexperte schlägt beispielsweise vor: zwei Hauptwettkämpfe pro Jahr, 100 Laufkilometer pro Monat, vier Einheiten Sport pro Woche, 3000 Radkilometer pro Jahr, und so weiter… Es hilft aber auch, verbindliche Termine zu schaffen: Kneifen liegt dann nicht drin. Schliesslich lässt man den Arbeitskollegen nur einmal früh morgens im Regen stehen.

Für Marc Jäggi und Seinesgleichen ist allerdings nicht Hopfen und Malz verloren, denn mit dem Essen (sprich Laufen) kommt auch der Appetit (sprich Genuss) – oder?

Die erste Zerreissprobe

Pia Wertheimer am Montag den 22. April 2013
Inlineskater und Rennvelofahrer unterwegs beim Gigathlon am Sonntag 11. Juli 2010 in Thun. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Die Aufteilung der Strecken innerhalb des Teams ist nicht einfach: Inlineskater und Rennvelofahrer unterwegs beim Gigathlon, 11. Juli 2010. (Keystone/Peter Schneider)

Drei Monate vor dem Startschuss des einwöchigen Gigathlon, steht unser noch junges Team vor der ersten Zerreissprobe. Es geht um die Verteilung der Etappen. Faites vos jeux! Wir spielen um fünf Disziplinen an sechs Tagen: Inline, Laufen, Velo, Bike und Schwimmen auf einer insgesamt 1057 Kilometer langen Strecke. Es gilt dabei 18‘600 Höhenmeter zu überwinden. Am Spieltisch sitzen mein Gigathlonpartner Roland Rietiker und unsere beiden Supporter Oliver Marjanovic und Jenny Steiner – sie fungieren sozusagen als Croupier, oder eben als Schiedsrichter.

Mein Teampartner und ich haben uns seit unserer Anmeldung immer wieder mit der Streckenauswahl auseinandergesetzt – jeder von uns hat Objekte der Begierde, jeder von uns hat sich seinen Wunschgigathlon im Kopf zusammengestellt. Jetzt gilt es die beiden Szenarien auf einen Nenner zu bringen:

Der Kampf ums Rothorn

Wer bekommt welche Etappe? Im Bild: Strecken-Wunschzettel. (Foto: Pia Wertheimer)

Wer bekommt welche Etappe? Im Bild: Strecken-Wunschzettel. (Foto: Pia Wertheimer)

Ich halte mein Blatt in der Hand und spiele um: Die Laufstrecke des ersten Tages hinauf aufs Parpaner Rothorn, die Velostrecke des dritten Tages über den Brünig und den Susten, die neun Kilometer lange Schwimmstrecke die Aare abwärts am Tag 5 und die Veloetappe des sechsten Tages über den Col du Mollendruz. Ich weiss aber auch haargenau, wie mein persönlicher Schwarzer Peter aussieht: Die 43 Kilometer lange Inline-Etappe von Lyss nach Neuchâtel am letzten Tag. Zu tief sitzt der Rückschlag des vergangenen Gigathlon, bei dem ich auf einer ähnlich langen Strecke stürzte. Als Folge davon musste ich am zweiten Tag aufgeben.

Roland hatte sich bisher kaum in die Karten blicken lassen – nun war es soweit. Ich mache mich bereit, mein Rothorn zu verteidigen. Unnötig, wie sich herausstellt: Die Verteilung der Etappen des ersten Tages fordert keine Kompromisse – unsere Wünsche ergänzten sich: Das Rothorn habe ich in der Tasche. Wir gehen in die zweite Runde – trotz einigen geringfügigen Änderungen geht auch sie glimpflich aus. Bei der Aufteilung von Tag 3 geht es aber erstmals ans Eingemachte: Roland und ich beanspruchten dieselben Etappen –beide wollen den Brünig und den Susten. Ich wappne mich zum Kampf um die beiden Pässe. Mein Ego fordert erbarmungslos, meine Vernunft aber will einlenken – schliesslich ist es sein erster wirklicher Wunsch und schliesslich ist es nicht mein letztes Anliegen. Ich gebe nach.

Die sechste Disziplin

Der Sieger 2002, Bennie Lindberg, wird ins Ziel begleitet. (Keystone/Michele Limina)

Die Inlinestrecke ist nicht bei allen gleich beliebt: Der Sieger 2002, Bennie Lindberg, wird ins Ziel begleitet. (Keystone/Michele Limina)

Die Planung von Tag 4: unspektakulär. Und schon steht Tag 5 und damit die Aare-Schwimmstrecke auf dem Spiel – es ist wie verhext, sie ist auch Rolands Objekt der Begierde. Unentschlossen, wie wir den Konflikt austragen sollen, nehmen wir uns erst den letzten Tag vor. Beim Gedanken an die 43 Inline-Kilometer stehen mir die Haare zu Berge. Blitzartig werde ich mir bewusst: Ich würde alles daransetzen, diese Etappe nicht fahren zu müssen. Mein Einsatz war in diesem Augenblick klar: All in! Ich biete das Aare-Schwimmen und den Col du Mollendruz (auf den auch Roland scharf war) gegen diese Inline-Strecke.

Die ersten Spannungen haben sich bemerkbar gemacht. Am grosszügigen Brunchtisch der Familie Rietiker vermochten sie unser Abenteuer nicht zu verderben. Sie waren aber ein Amuse-Bouche, das es ernst zu nehmen gilt. Denn auch wenn wir zu zweit antreten, wird der Gigathlon zumindest meine letzten Reserven anzapfen – und wohl aufbrauchen. Zu zweit heisst zwar geteilte Strapazen, es heisst aber auch als Teammitglied Entscheidungen treffen, handeln und sich zusammenraufen. Es heisst, unter extremer, körperlicher und mentaler Belastung teamfähig zu sein. Dies wird die sechste Disziplin unseres Abenteuers sein.

Die Warnung des Experten

Bennie Lindeberg weiss, wie es ist, wenn die Müdigkeit die Nerven auf die Probe stellt. Er stieg 2002 aufs zweite Podesttreppchen des Gigathlon und gewann zwei Jahre später als Single-Athlet. Er hat den Fünf-Disziplinen-Anlass aber auch schon als Couple bestritten und wird das heuer wieder tun. Er warnt: «Ihr müsst euch bewusst sein, dass beim Gigathlon im Prinzip alles passieren kann. Es ist möglich, dass ihr so müde sein werdet, dass es Streit gibt.» Das Gigathlonkonzept lasse es in diesem Fall aber zu, dass sich Teampartner aus dem Weg gehen können. Sie sind wechselweise unterwegs und sehen sich praktisch den ganzen Tag nicht. «Ein Hallo in der Wechselzone – das ist unverfänglich.» Gefährlich für den Teamgeist werde es, wenn sich die Mitglieder gegenseitig unter Druck setzen würden.

Lindberg ortet diesbezüglich eine grosse Falle auf dem Gigathlonweg von Chur nach Lausanne: «Spannungen sind vorprogrammiert, wenn es einem Sportler nur um Spass geht und der andere voll auf Bestzeit setzt.» Das sei eine Kernfrage, die ehrlich geklärt sein wolle, bevor das Team entsteht und spätestens bevor der Startschuss fällt. «Willst beispielsweise du in erster Linie Spass haben, heisst das für Roland nicht, dass er nicht Vollgas geben kann. Er kann das auf seinen Streckenabschnitten durchaus tun, muss aber akzeptieren, welche Einstellung du hast.»

Bennie Lindberg (50) war von 1988 bis 1995 Mitglied der finnischen Triathlon-Nationalmannschaft und bestritt von 1990 bis 1993 die Wettkämpfe als Profi, bis ein schwerer Verkehrsunfall seine Profikarriere beendete. Seit 1992 wirkt er als Trainer, unter anderem beim finnischen Triathlon Verband. Der Finne zog 1995 nach Roth (D) und gründete die Firma Ad Extremum (www.ad-extremum.com). Seit 1996 coacht er Privatpersonen, Vereine und Unternehmen. Er ist zudem Autor des Bestsellers «Triathlon für Berufstätige» und des Buches «Gigathlon changes your view».

Schrecken der Wälder

Pia Wertheimer am Montag den 8. April 2013
Erholung in der Natur ist für alle wichtig: Joggerin zwischen den damaligen französischen Nationalspielern Lizarazu (l.) und Thuram im Juni 1998.

Erholung in der Natur ist für alle wichtig: Joggerin zwischen den damaligen französischen Fussball-Nationalspielern Lizarazu (l.) und Thuram im Juni 1998. (Bild: Reuters)

Ich bin der Bösewicht in Person! Schlimmer geht es nicht: Ich fahre mit meinem Bike durch den Wald, jogge ab und an darin – sogar mit meinem Hund! Damit gehöre ich laut einer Umfrage des Bundesamt für Umwelt (Bafu) zu den grössten Ärgerquellen meiner Mitmenschen, die sich im Forst aufhalten. Diese unrühmliche Rangliste führen die Biker an, gefolgt von Leuten mit Hunden, auf Platz 5 figurieren dann die Sportler ohne Velo.

Laut Bafu ist rund ein Drittel der Schweiz bewaldet. Und dieser Drittel ist, so das Bundesamt, eine bedeutende Lebensgrundlage für  Tiere und Pflanzen. Das leuchtet ein. Und natürlich: Ja, es ist  wichtig diese zu schützen! Und selbstverständlich gilt es, jene Wesen zu respektieren, die im Wald zu Hause sind! Sportler und Hundehalter grundsätzlich zu verteufeln und ihnen pauschal den Schwarzen Peter zu zuschieben, grenzt aber an Arroganz und Kurzsichtigkeit. Der Wald ist eine bedeutende Lebensgrundlage – auch für den Menschen. Dieser Satz stammt nicht etwa von einer erzürnten, hundehaltenden Sportlerin – nein, er stammt von Bundesbern.

Beim Thema Wald verlieren viele ihren Realitätsbezug

Die verbaute Fläche breitet sich aus, wie ein graues Geschwür. Die grünen Oasen dünnen aus – gerade in der Agglomeration der Städte. Natürlich wird so der Lebensraum von Flora und Fauna kleiner. Dasselbe gilt aber auch für jene Freiräume, die uns Menschen aufatmen lassen. Der Wald ist eine Tankstelle und gleichzeitig ein Ventil. In den Laufschuhen oder im Bikesattel lässt sich wunderbar die Batterien aufladen. In der Ruhe zwischen den Bäumen gerät die Hektik des Alltags, das Grau der Städte, das zuweilen beklemmende Gefühl von Menschenansammlungen in Vergessenheit. Der Wald ist eine Begegnungszone von Mensch und Natur. Ganz ehrlich? Ich kann mich an keinen Lauf im Forst erinnern, während welchem ich nicht einem Kind gleich ob der Flora oder Fauna staunte. Oft packt mich in den Laufschuhen ein ungestümer Übermut, der mich an die Unbeschwertheit meiner Kindheit erinnert. Fernab von der Zivilisation werde ich umweltverträglich.

Im Wohn- und Arbeitsraum der Menschen ist Verdichten gefragt, ja gar vorgeschrieben. Es erstaunt darum wenig, dass die meisten vom Bafu befragten Personen angaben, dass sie sich im Wald aufhalten, um «die gute Luft zu geniessen». Weitere Top-Gründe sind «raus aus dem Alltag», «Natur erleben», «etwas für die Gesundheit tun» und «sportlich aktiv sein». Und je dichter wir leben, desto grösser werden diese Bedürfnisse, desto mehr hungern wir nach Freiraum. Zugegeben, das Mass Bewegungs- und Freiheitsdrang mag individuell sein. Fest steht aber: Menschen tendieren, schlechte Erlebnisse um ein Vielfaches öfter zu erwähnen, als positive Erfahrungen. Haftet dem Thema Wald eine realitätsverschiebende Reklamationskultur an? Hand aufs Herz: Wie vielen Bikern, Hündelern und Läufern sind Sie schon begegnet, die respektvoll mit Pflanzen und Tieren umgingen und wie oft hat Sie ihr Fehlverhalten tatsächlich erzürnt?

Hopp Mami! Lauf Papi!

Pia Wertheimer am Montag den 25. März 2013

Tochter und Mutter auf der Ehrenrunde: Die Schweizerin Jasmin Nunige gewinnt den Swiss Alpine Marathon, 31. Juli 2010. (Foto: Keystone/Ennio Leanza)

Viele der Frauen und Männer in meinem läuferischen Umfeld sind inzwischen Eltern. Die süssen Dreikäsehochs haben ihren Alltag umgekrempelt und damit auch ihre Sportgewohnheiten. Läuferinnen, Triathleten und Paare, die vor der Geburt des Nachwuchs gemeinsam Sport betrieben, müssen für ihr Hobby nun noch aktiver Zeit freischaufeln, als sie dies als Berufstätige ohnehin tun müssen. Will sie trainieren, passt er auf die Kinder auf – und umgekehrt. Will das Paar gemeinsam an der frischen Luft Sport treiben, muss ein Babysitter oder die Grossmutter ran.

Während Kaufhäuser bereits seit Jahren Horte zur Verfügung stellen, braucht es für sportliche Eltern ein grosses organisatorisches Geschick, wenn Mami, Papi, oder gar beide an einem Marathon teilnehmen möchten. Denn in der Schweiz suchten Eltern bisher vergebens nach einer Kinderbetreuung an Laufveranstaltungen. Das erstaunt, denn die grösste Zielgruppe der Marathon-Organisatoren sind Sportbegeisterte im Alter zwischen 30 und 50 Jahren.

Erster Schweizer Marathon-Hort

Das zeigt ein Blick auf die Startliste des Zürich Marathons: Am umfangreichsten sind die Teilnehmerfelder der Alterskategorien M30 (Männer von 30 bis 40 Jahren) und W30 (Frauen gleichen Alters). Beim Winterthurer Marathon sind die meisten bisher gemeldeten Männer zwischen 40 und 50, bei den Frauen zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei den 42,195 Kilometer von Zürich. Eine Studie aus dem Jahr 2010, die alle Teilnehmer der Marathonläufe in Amerika unter die Lupe nahm, zeigt: Das Durchschnittsalter der Männer lag in jenem Jahr bei 40,3 Jahren und jenes der Frauen bei 38,8 Jahren. Menschen im besten Elternalter.

Während die Kinderbetreuung regelmässig auf der Traktandenliste von Politik und Wirtschaft figuriert, scheint das Thema nun endlich auch bei den Laufveranstaltern angekommen zu sein: der Swiss Alpine Marathon führt heuer erstmals einen Kinderhort am Renntag. 20 Franken kostet die halbtägige Betreuung, das doppelte wenn die Kleinen einen ganzen Tag lang bleiben.

Altmodische Rollenverteilung

Die Kinder werden laut Homepage des Veranstalters von Fachpersonen betreut und verbringen «einen Tag mit Spiel und Spass». Für Verpflegung ist ebenfalls gesorgt, der Menüplan bereits einsehbar. Die Idee ist jedenfalls lobenswert und findet hoffentlich Nachahmer. Vielleicht begeben sich die Laufveranstalter ja sogar auf die Spuren von Ikea-Chef Ingvar Kamprad. In seinen Kaufhäusern sind die Horte gratis.

Bezeichnenderweise wenden sich die Organisatoren des Swiss Alpine Marathons mit ihrer fortschrittlichen Idee aber an die Läuferinnen: «Liebe Mütter, möchtet auch ihr den Swissalpine absolvieren, hattet aber bisher keine Möglichkeit, da der Babysitter fehlte? Wir schaffen dem Abhilfe.» Die Anrede spricht Bände, nicht? Eine Diskussion zu diesem Thema führte ich kürzlich mit einer emanzipierten, liebevollen Mama und ambitionierten Läuferin. Es ging um die Teilnahme an einer mehrtägigen Sportveranstaltung. Sie räumte ein: «Wenn mein Partner teilnehmen möchte, tut er das – umgekehrt muss ich mich organisieren.» Sind Läuferinnen weniger emanzipiert? Oder ist die Rollenverteilung in den Familien altmodisch, wenn es um die Teilnahme an Laufveranstaltungen geht?

Most wanted: Frauen

Pia Wertheimer am Montag den 11. März 2013


Frauen sind Mangelware. Der Markt ist völlig aus dem Gleichgewicht. Viel zu klein ist das Angebot verglichen zur Nachfrage. Das zumindest gilt für den Gigathlon. Nur: Ohne das schwache Geschlecht kommt Mann nicht weit. Denn während Politiker und Wirtschaftler lieber über die Frauenquote debattieren, als sie einzuführen, ist sie für den Veranstalter des Swiss Olympic Gigathlon nicht mehr wegzudenken: Die Zweierteams müssen mindestens mit einer, die Teams of Five mit zwei Frauen antreten. Daran will Swiss Olympic nicht rütteln und das ist gut so – auch wenn die Männer zuweilen damit zu kämpfen haben.

Wer beispielsweise den Frauenlauf von Bern kennt, weiss: Frauen nehmen Sportanlässen die Verbissenheit und sorgen für Empathie. Mann mag belächeln, dass Frau im Ausgang nur in Begleitung ihrer Freundin das WC aufsucht oder stundenlang an der Strippe hängen kann. Es sind aber genau diese sozialen Bedürfnisse, die sich in extremen Situationen wie sie der Gigathlon bereithält, als Stärken des schwachen Geschlechts entpuppen. Madlaina Schaad von Swiss Olympic unterstreicht: «Für viele Frauen stehen Mitmachen, Teamerlebnis sowie die Freundschaften und Begegnungen mit anderen Gigathleten im Vordergrund.  Den Männern ist der sportliche Konkurrenzkampf eher wichtig.»

Ein Blick auf die Athletenbörse macht das Manko deutlich: Rund 80 Männer bieten die Dienste ihrer Mukis an. Das tun lediglich 15 Sportlerinnen. Umgekehrt suchen in 38 Beiträgen Teams nach weiblichen Mitstreitern, nur in deren drei sind Vertreter des starken Geschlechts gefragt. In fünf Teams könnte Frau Biken, in 22 Mannschaften in den Inline-Skates mitmachen, in 18 Equipen sind Läuferinnen gesucht, in 14 Teams Rennvelofahrerinnen und in deren 18 Schwimmerinnen. Bis zum Anmeldeschluss dauert es noch drei Wochen. Die Suche wird in den kommenden Tagen immer verzweifelter. Derzeit ist in der Börse noch kaum von kostenlosen Startmöglichkeiten für Sportlerinnen die Rede, das wird sich erfahrungsgemäss ändern – je näher die Deadline rückt. Worauf warten die Ladies denn noch? Kaum darauf, von Gigathleten bekniet zu werden.

Nein, im Gespräch mit Männern und Frauen, die mehr oder minder ambitioniert Ausdauersport betreiben, wird mir klar: Den Frauen fehlt es an Selbstvertrauen. Die Zweifel nagen an ihrem Mut, über sich selbst hinauszuwachsen. Kein Wunder sucht man vergeblich nach der weiblichen Form für  «Teufelskerl»! Frauen müssen nicht nur ihr Umfeld mit Tatbeweisen Lügen strafen, sondern allen voran sich selbst und hierin unterscheiden sie sich von den Männern. Die eigenen Bedenken aus dem Weg räumen – dieser Kampf ist furchteinflössender, als wenn es andere Zweifler zu überzeugen gilt. Schliesslich motiviert kaum ein Satz mehr als «du schaffst das nicht» – sofern er nicht vom eigenen tiefsten Inneren kommt.

Diese hartnäckige Phrase macht zu vielen Frauen einen Strich durch die Rechnung, nicht lediglich bei sportlichen Abenteuern. Ein Jammer und zwar längst nicht nur, weil sie der Stimmung der Wettkämpfen zuträglich sind. Nein! Über sich hinauswachsen will gelernt sein. Grenzen überschreiten lässt die inneren Zweifler verstummen – und zwar nicht nur, wenn frau sportlichen Herausforderungen gegenüber steht. Dieser Schritt stärkt und zwar nachhaltig – versprochen!

154 Gramm Hoffnung

Pia Wertheimer am Montag den 11. Februar 2013


Der jüngste Hoffnungsträger in den Laufschuhregalen ist ein 4283 Meter langer Faden. Aus ihm stricken die Maschinen des Sportartikelherstellers Adidas den Laufschuh Adizero Primknit. In diesen Schuh stecken meine Bestzeithoffnungen. Er stimmt aber auch Wirtschaftler zuversichtlich. Hoffnung und Realität sind aber zwei Paar Schuhe.

«All you need, nothing more», mit diesem Slogan bewirbt der deutsche Sportartikelhersteller seine jüngste Entwicklung, dessen Obermaterial von einer Strickmaschine hergestellt wird und keine Nähte aufweist. Die «Laufmasche» wiegt in meiner Hand nur gerade 154 Gramm – das Gewicht von anderthalb Tafeln Schokolade bringt der Primeknit also auf die Waage. Genau wie meine Leibspeise, lässt auch dieser Schuh mein Herz höher schlagen. Weniger ist mehr, nach diesem Motto greift manch ein Läufer auf der Jagd nach Bestzeiten ins Schuhregal, denn je leichter die Treter, desto greifbarer die hohen Tempi. Eigentlich bin ich ja mit meinem aktuellen Wettkampfschuh-Modell absolut zufrieden… Wenn da nicht der Schoggi-Schuh wäre.

Der Primeknit könnte allerdings für meine Füsse eine Nummer zu gross sein – und das liegt nicht an meiner Schuhgrösse. Meine Rekordträume könnten sich bereits nach wenigen Kilometern auf dem Asphalt zerschmettern, der Schuh eignet sich nämlich weder für Einsteiger noch für Läufer mit problematischen Füssen oder Sportler, welche das Krafttraining der Füsse vernachlässigen (ich gehöre wohl in diese Kategorie). Das Leichtgewicht hat nämlich seinen Preis: Der Hersteller verzichtet bei seiner Herstellung auf alles Überflüssige. Komponenten, die für Dämpfung sowie Stabilität verantwortlich sind, stellen in der Regel das Fettpolster der Schuhe dar. Adidas liess den Primeknit in dieser Hinsicht abspecken. Meine Fussmuskeln müssen den grossen Teil seiner Stabilitäts- und Dämpfarbeit übernehmen. Das können sie nicht über Nacht. Weil ich sie stiefmütterlich behandelt habe, liegt nun die Quittung auf dem Tisch. Meine Läuferfüsse müssen erst in derartige Schuhe hineinwachsen. Und ich arbeite ganz nebenbei auch an meiner wohl grössten Schwäche: die Geduld.

Der Primeknit lässt aber nicht nur Läuferherzen höher schlagen. Der Aufdruck «Made in Germany» weckt in der angespannten Wirtschaftslage Europas Hoffnungen: mehr hiesige Arbeitsplätze statt Produktionsstätten in Asien. Trotz Finanzkrise und Wirtschaftsflaute rechnet der fränkische Sportartikelhersteller 2012 und 2013 mit Rekordumsätzen. Das liess Adidas-Chef Herbert Hainer Ende 2012 die Presse wissen. Mit Primeknit produziert Adidas erstmals seit Jahrzehnten wieder einen Laufschuh in Deutschland.

Das Leichtgewicht dürfte aber eine Ausnahme bleiben, er wird nur in einer limitierten Auflage produziert. Und wie Hainer gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» verlauten liess, sei bei der Schuhherstellung «fast das gesamte Know-how nach Asien abgewandert». Das ist zu einfach. Es obliegt einem Unternehmen, die technischen Entwicklungen ins Haus zu holen – mit der Globalisierung ist der Weg des Fachwissens nicht unbedingt eine Einbahnstrasse.

Der Adidas-Chef führt ins Feld, dass die Produkte «deutlich teurer» würden, wenn sein Unternehmen sie nur in Europa produzieren liesse. Der Primeknit ist also ein limitierter Liebhaberschuh mit Kultcharakter. Bleibt Adidas bei  dieser Argumentation, werden die Hoffnungen, die an den Aufdruck des gestrickten Schuhs geknüpft sind, enttäuscht.  Ich bin sicher, dass die Schuhe aus dem fränkischen Haus an Kultstatus gewinnen würden, trügen sie alle das Merkmal «Made in Germany». Dieser 154 Gramm schwere Hoffnungsträger hat es verdient, ein Versuch zu sein, Herr Hainer!


Adidas hat sich den Primeknit vor Patentrichtern gegen Nike erstritten

Als Adidas anlässlich der Olympischen Spiele den Primeknit vorstellte, entfachte ein Disput mit dem zweiten Protagonisten der Sportartikelbranche: Nike hatte wenige Monate zuvor der Laufszene den Flyknit vorgestellt. Beim Streit zwischen dem fränkischen und dem amerikanischen Sportartikelhersteller ging es um die Technik bei der Produktion des Primknits. Dessen Obermaterial ist nicht, wie bisher bei der Herstellung von Laufschuhen üblich, zusammengeklebt. Es besteht aus einem einzigen, gestrickten Stück.

Die Amerikaner brachten vor, Adidas habe damit eines ihrer Patente aus dem Jahr 2002 verletzt. Auf den patentierten Errungenschaften basierend, hatte Nike die Flyknit Footwear Technology vorgestellt. Mittels einstweiliger Verfügung sollte die Produktion und Vermarktung des Konkurrenzprodukts aus Deutschland verhindert werden. Adidas argumentierte vor den Richtern, die Technik, welchen die Konkurrenz für sich beanspruche, sei bereits seit 1940 kein Geheimnis mehr. Der deutsche Hersteller focht gleichzeitig das Patent an. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hob Ende 2012 das Verbot gegen den fränkischen Hersteller auf.

Ein unberechenbarer Sechsgänger

Pia Wertheimer am Montag den 14. Januar 2013

Im dritten Teil der Serie Gigathlon 2013 gehts um das Training. Was Swiss-Triathlon-Chef Oliver Imfeld empfiehlt.
Der sechstägige Gigathlon gleicht einer Expedition, das sind die Worte des mehrfachen Gigathlon-Siegers Roger Fischlin. Wie eine Expedition will auch dieses Abenteuer gut geplant sein. Neben der Logistik und der Finanzierung gilt es, Körper und Geist auf die Herausforderungen vorzubereiten.

Meine Füsse kennen zwar die Anstrengungen eines Marathons; meine Muskeln den Kraftakt, den ihnen ein zweitägiger Gigathlon im Zweierteam abverlangt. Diesmal ist der Wettkampf aber dreimal so lang. Es ist als ob meinem Gigathlonpartner Roland Rietiker und mir statt einem Zwei-Gang-Menü ein Sechsgänger aufgetischt wird: die Vorfreude, die Neugierde, aber auch die Ungewissheit ist dieses Jahr um ein Vielfaches grösser. Ein derart langer Wettkampf ist unberechenbar: Wetter, körperliche Form, Material und Zufall können an jedem dieser sechs Tage über Gelingen und Scheitern entscheiden.

Am Ziel und am Ende: Pia Wertheimer (Mitte) beim Gigathlon 2011.

Am Ziel und am Ende: Autorin Pia Wertheimer (Mitte) beim Gigathlon 2011.

Gerade wegen dieser Unberechenbarkeit müssen Roland und ich unser Training für die Expedition früh genug in Angriff nehmen, damit reduzieren wir die Ungewissheit und erhöhen damit unsere Chance, die Ziellinie in Lausanne nach sechs Tagen tatsächlich zu überqueren. Etliche Autoren haben Beispiele von Trainingsplänen für Marathons oder Ironmans entworfen und diverse Betreiber von Onlineportalen bieten persönliche Programme an. Kaum zu finden sind allerdings Ratgeber für einen sechstägigen Wettkampf mit fünf Disziplinen (Bike, Inline, Laufen, Rennrad und Schwimmen) pro Tag, die zwei Sportler unter sich aufteilen.

Von Rollern und Bergflöhen

Deshalb ist der Ratschlag von Oliver Imfeld besonders wertvoll. Er ist Geschäftsführer von Swiss Triathlon und hat den Gigathlon nicht nur im Zweierteam, sondern auch bereits als Single-Athlet bestritten – was er auch heuer bei der 10. Austragung tun wird. «Den Gigathlon betrachtet man am besten als Triathlon», sagt Imfeld. Zumindest beim Training unterscheide er sich für ihn kaum von einem Wettkampf wie dem Inferno-Triathlon (3,1 Kilometer Schwimmen, 97 Kilometer Rennrad mit 2145 Höhenmetern, 30 Kilometer Mountainbike mit 1180 Höhenmetern und 25 Kilometer Berglauf mit 2175 Höhenmetern). Der Inferno-Triathlon wiederum differenziere sich lediglich wegen der Höhenmeter von einem Ironman. Imfeld ist überzeugt, dass es bei den Athleten eher «die Roller» oder eben «die Bergflöhe» gibt. «Ich gehöre eher zu Letzteren.»

Imfeld startete sein Gigathlon-Training bereits im November, wobei natürlich nicht nur «der Sechsgänger» auf dem Menüplan steht. «Mein Hauptziel nächstes Jahr dürfte wohl der Inferno-Triathlon sein.» Fürs Training spiele dies aber wie erwähnt keine grosse Rolle. «In den Wintermonaten versuche ich mit Schwimmen, Laufen und Langlauf auf wöchentlich acht bis zehn Stunden zu kommen», sagt der Routinier. Ab Frühling will er seine Trainingszeit auf zehn bis zwölf Stunden (Rad, Bike und Inline statt Langlauf) ausdehnen. Das Rezept dafür tönt verlockend, denn einen festen Plan gibt es für ihn nicht: «Fix ist einzig das Schwimmen, ich trainiere zweimal wöchentlich mit dem Triathlon Club Zofingen. Die andern Trainings absolviere ich nach Lust, Zeit und Wetter.»

Triathlon für die Vorbereitung

Imfeld wählt aber die Menge der Zutaten seiner Trainingsrezeptur ganz bewusst: «Ich werde 50 Prozent auf dem Rennrad oder dem Bike verbringen, 25 Prozent ins Laufen und die restlichen 25 Prozent in Schwimmen, Langlauf und Inlinen investieren.» Er verdoppelt damit im Vergleich zu seinen bisherigen Vorbereitungen für einwöchige Gigathlons die Zeit der Lauf- und Schwimmtrainings. Grund dafür sind seine Erfahrungen: «Ich musste 2005 einen Gigathlon auf der Laufstrecke und 2007 auf der Schwimmstrecke aufgeben. Vor diesen beiden Disziplinen habe ich nun am meisten Respekt.»

Nichtsdestotrotz will Imfeld sich den Spass an der Bewegung, die Abwechslung durch die fünf Sportarten, die grosse Herausforderung und den abenteuerlichen Charakter nicht nehmen lassen. «Als Athlet wird man eine Woche lang unterstützt und getragen durch das eigene Team, durch die solidarischen Zurufe anderer Athleten oder der Zuschauer. Das löst sehr starke Emotionen aus.»

Neben den Trainings empfiehlt Imfeld, als Vorbereitung auch Wettkämpfe ins Auge zu fassen und dabei zwischen kürzeren und längeren Belastungen zu variieren. Die gesammelten Erfahrungen brächten viele Vorteile. «Gerade ein Triathlon hilft, die Wechsel zu üben, unterschiedliche Belastungen zu erfahren und auch die Verpflegung zu testen.» Die verschiedenen existierenden Distanzen (Short Distance, Olympisch, der halbe und der ganze Ironman) liessen sich in der Vorbereitung bestens kombinieren. In Stein gemeisselt ist Imfelds Wettkampfprogramm noch nicht, könne aber in etwa so aussehen: Rotseelauf (April), Thurgauer Triathlon, Intervall-Duathlon Zofingen, XTerra Italy (alle Mai), Zytturm Triathlon in Zug, Stöckli Bike-Marathon (beide Juni).

Als Routinier weiss Imfeld, dass Hauptproben kurz vor dem Gigathlon im Juli nicht nur den Körper stärken, sondern auch das Selbstbewusstsein. «Ich werde darum wie immer im Juni zwei Gigathlon-Trainingstage in der Zentralschweiz durchführen.» Ein solcher Testtag umfasst alle fünf Disziplinen, dauert 10 Stunden und wird gespickt mit vielen Höhenmetern.

Damit steht für mich fest: Vor dem ersten Gang liegen gepfefferte sieben Monate.

Je kälter, desto länger das Vorspiel

Pia Wertheimer am Montag den 31. Dezember 2012


Der Winter ist die Jahreszeit der Tänzer – die Ballsaison ist in vollem Gang. In den Schaufenstern glitzern Paillettenkorsagen neben eleganten Fracks. Während sie die Füsse fliegen lassen, buhlen die Damen auf dem Parkett um Aufmerksamkeit. Overdressed – das gibt es bei diesem Schaulaufen nicht. Auch die Läufer lassen in den Wintermonaten die Füsse tanzen. Overdressing kann für sie aber verheerend sein.

Kälte und Nässe verleiten oft dazu, den wärmsten und kuscheligsten Pullover überzustreifen. Zwar ist der erste Schritt an die frischen Luft damit angenehmer, dieses Wohlgefühl endet allerdings nach kurzer Zeit: Ein Sportler, der vor dem Laufen bereits warm hat, schwitzt nach wenigen Minuten. Deshalb sollten Sie bei Trainingsbeginn leicht frösteln. Es hilft, sich beim Griff in den Kleiderschrank den Frühling vorzustellen. Denn nur wer bei seiner Kleiderwahl mit rund 10 Grad höheren Temperaturen rechnet, liegt richtig.

Wind im Rücken, wenn die Luft draussen ist

Markus Ryffel, Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Los Angeles 1984, warnt beim Laufen in der Kälte vor Baumwolle: «Sie saugt den Schweiss auf.» Bleibt das nasse Shirt während des Trainings auf der Haut liegen, kühle der Körper aus. Der ehemalige Langstreckenläufer empfiehlt Funktionswäsche, welche den Schweiss nicht absorbiert. Und während für die Tänzerinnen im Ballsaal eine Schicht bereits zu viel ist, rät Ryffel Läufern zu deren drei: «Mit mehreren Schichten wird die Feuchtigkeit besser nach aussen abtransportiert.» Direkt auf die Haut gehöre zudem bei kalten Temperaturen ein Thermo-Shirt, direkt an die Luft eine Wind abweisende Jacke. Das hilft gegen den Windchill-Effekt, denn eine Windgeschwindigkeit von zehn Stundenkilometern senkt die gefühlte Temperatur um bis zu fünf Grad.

Markus Ryffel empfiehlt, besonders auf die Extremitäten zu achten, denn bei Kälte und vor allem bei beissendem Wind schaffe es der Körper kaum, die Hände, Füsse und den Kopf warm genug zu halten. «20 bis 30 Prozent der Körperwärme geht über den Kopf verloren», weiss er. Apropos Wind: Falls Sie die Wahl haben, laufen Sie zu Beginn Ihres Trainings gegen die Böen an, um am Schluss mit Rückenwind nach Hause zu fliegen. Das hat zwei Vorteile: 1. Sie legen den strengeren Streckenabschnitt bei vollen Kräften zurück und lassen sich vom Wind helfen, wenn die Luft draussen ist. 2. Wenn Sie verschwitzt sind, kann Ihnen die kalte Luft im Rücken weniger anhaben.

Drohender Flüssigkeitsverlust

Bei kalten Temperaturen muss der Sportler besonders auf das Vorspiel achten. Weil der Körper länger braucht, bis er seine Betriebstemperatur erreicht hat, ist im Winter das Einlaufen vor intensiveren Trainingseinheiten besonders wichtig. Ryffel betont zudem, dass mit dem Quecksilber auch die Laufgeschwindigkeit sinken sollte. «Im Winter empfiehlt sich ein Tempo einzuhalten, bei dem man durch die Nase atmen kann.» Diese wärme und befeuchte die Luft, bevor sie die Lungen erreiche. Auch ein Schal vor Mund und Nase sorge dafür, dass die Bronchien durch die kalte Luft weniger gereizt werden. Zeige das Thermometer aber weniger als -10 Grad an, sei ein Läufer gut beraten, auf sein Training im Freien zu verzichten.

Zu beachten ist zudem, dass Kälte im Vergleich zu Hitze bei Sportlern seltener ein Durstgefühl hinterlässt. Trotzdem ist der Körper, gerade wegen seiner Funktion als Luftbefeuchter, auf genügend Flüssigkeit angewiesen. Es gilt also vor, während und nach dem Training – aber auch im Alltag – genügend zu trinken.

Licht im Rücken

Die Wintermonate bringen kürzere Tage. Wer nicht über Mittag in die Laufschuhe steigen kann, muss morgens oder abends in der Dunkelheit trainieren. Auf beleuchteten Wegen und Strassen umgeht der Läufer schlecht sichtbare Wurzeln, Steine und Unebenheiten, die allesamt potenzielle Stolperfallen darstellen.

Licht ist aber auch wegen der Auto- und Velofahrer wichtig. Ryffel ist oft frühmorgens unterwegs und weiss: «Häufig verlassen sich Läufer lediglich auf eine Stirnlampe. Sie vergessen, dass sie damit nur für entgegenkommende Fahrzeuge sichtbar sind. Naht ein Auto aber von hinten oder von der Seite, nützt diese Lichtquelle nichts.»  Genau wie die Tänzerinnen keinen Ball ohne ihre Handtasche beehren, muss auch der Läufer im Winter besonders auf die kleinen Dinge achten: Laut Ryffel ist die Stirnlampe zwar unerlässlich, zu den Winteraccessoires gehörten aber auch helle Kleidung mit reflektierenden Streifen oder gar ein Licht, das nach hinten gerichtet ist.

Und wie die Tänzer und Tänzerinnen die Balletikette befolgen, sollten sich auch Sportler abends an gewisse Regeln halten – anders als auf dem Parkett geht es dabei um die Sicherheit:

  • Bevorzugen Sie grundsätzlich verkehrsarme Strassen.
  • Rennen Sie nicht auf die Fahrbahn, auch wenn Sie Vortritt haben. Achten Sie vor dem Queren der Strasse immer darauf, dass Sie gesehen werden. Warten Sie ein Zeichen oder Augenkontakt des Autofahrers ab.
  • Laufen Sie auf der linken Seite dem Verkehr entgegen, falls kein Trottoir vorhanden ist.
  • Geräusche warnen vor Gefahren. Hören Sie deshalb beim Training keine oder nur leise Musik.
  • Laufen Sie als Frau nicht alleine, sondern in der Gruppe. Die sichersten Begleiter sind männliche Zwei- und grosse Vierbeiner.

Diese Strapazen sind unbezahlbar

Pia Wertheimer am Montag den 17. Dezember 2012

Im zweiten Teil der Serie Gigathlon 2013 werden die Kosten des Rennens etwas genauer unter die Lupe genommen.

Türkisfarbene Lagunen; weisse Traumstrände; eine Gourmetküche; ein Golfsimulator und eine Bibliothek auf hoher See: Das alles bietet ein Luxusliner, der als einziges Kreuzfahrtschiff mit 5-Sternen-Plus ausgezeichnet wurde: 16 Tage Erholung pur auf der Fahrt von Valparaíso nach Tahiti. Das Wohlfühlpaket auf der MS Europa beträgt 6990 Euro.

Ungefähr gleich viel Geld kosten meinen Teampartner Roland Rietiker und mich die nur sechs Tage am Gigathlon 2013: der finanzielle Aufwand für 1057 Kilometern auf dem Rennrad, Mountainbike, den Inlineskates, Laufschuhen und im Schwimmanzug. Der sechstägige Anlass quer durch die Schweiz ist nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein finanzieller Kraftakt: Das Startgeld für ein Zweierteam kostet 3100 Franken, hinzu kommen die Hotelkosten für acht Nächte (inklusive An- und Abreisetag) für uns Athleten und unsere beiden Supporter – Kostenpunkt rund 4‘000 Franken. Zuzüglich Ersatzmaterial und Ausrüstung, ist es zur pompösen Reise mit der MS Europa nicht mehr weit.

Sponsoren oder die Web-Community als Geldquellen

Roger Fischlin, Sieger der Gigathlon 2006, 2007 und 2009 als Single-Athlet, könnte mit dem Geld, das er für den Gigathlon 2013 budgetiert, noch luxuriöser reisen. Für seinen Wettkampf rechnet er mit 25’000 Franken. Inbegriffen sind im Unterschied zu unseren Auslagen zusätzlich die Verpflegung und Beherbergung einer grösseren Betreuungsmannschaft, Trainingslager und ein Lohnausfall von zwei Monaten. Ohne diese Auszeit von seiner Arbeit als Kantonspolizist kann und will der 36-Jährige nicht antreten. Kein Wunder, denn während wir im Gigathlon-Couple antreten, um nach sechs strapazenreichen Tagen, in Lausanne die Ziellinie zu durchqueren, geht es für Fischlin darum, seinen Titel zu verteidigen.

Als potenzieller Sieger haben ihn verschiedene Sponsoren unter Vertrag genommen. «Noch fehlen etwa 10’000 Franken in meiner Gigathlon-Kasse», sagt Fischlin. Er hofft, dieses Finanzloch in den kommenden Monaten noch zu füllen. Anders als der mehrmalige Gigathlon-Gewinner, haben wir kaum Erfolgsaussichten, wenn es um die Suche nach Sponsoren geht. Es gilt also, kreativ zu sein. Eine der Finanzierungsmöglichkeiten, die wir im Zuge unserer Organisation prüfen, ist das Crowdfunding. Dabei würde sich eine Vielzahl von Geldgebern an unserem Abenteuer beteiligen. Bei Plattformen wie 100-days.net, kriegen sogenannte «Booster», also Freunde, Bekannte, Firmen, Gönner je nach Beitrag eine vordefinierte Gegenleistung, die im Zusammenhang mit dem Projekt oder den Initiatoren steht. Was unser Gigathlon-Team in dieser Hinsicht bieten könnte, ist derzeit noch Gegenstand der Diskussionen.

«Der Gigathlon ist eine Expedition»

Fest steht: Der Gigathlon 2013 kann bezüglich der Kosten mit einer Luxusreise auf der MS Europa mithalten. Trotzdem zeigen die Teilnehmerzahlen Jahr für Jahr, dass die Rechnung für die Sportler offenbar aufgeht. So war der Anlass in den letzten Jahren jeweils nach nur wenigen Tagen ausverkauft. In den Teamkategorien sind für die nächste Austragung noch einige Startplätze frei. Auch Roger Fischlin will den Grossanlass nicht missen: «Das ganze Material, die Planung, die Arbeit mit den Leuten, die mich begleiten, machen ihn zu einer grossen, interessanten Herausforderung – weit über den Sport hinaus. Der Gigathlon ist eine Expedition.» Hinzu komme, dass wegen den verschiedenen Kategorien Sportler verschiedenster Leistungsklassen gleichzeitig teilnehmen. «Das macht den Anlass familiär.» Und letztlich sei kein Gigathlon wie der andere. «Weil die Resultate dadurch nicht vergleichbar sind, bleibt die Verbissenheit weitgehend auf der Strecke.»

Meine Erfahrungen im Rahmen der zweitägigen Austragungen von 2011 und 2012 haben gezeigt: Dieser Wettkampf ist jeden Rappen wert – trotz eines schmerzhaften Sturzes. Während die Reise auf dem Luxusliner das Fotoalbum füllt, sind die Teilnehmer des Gigathlon um unvergesseliche Momente reicher. Der Anlass fordert die Sportler in mentaler, physischer aber auch sozialer Hinsicht. Diese Erlebnisse sind unbezahlbar.

Finanzielle Facts and Figures des Gigathlon 2013:

  • Der Swiss Olympic Gigathlon finanziert sich zu 100 Prozent durch Partner und Teilnehmer. Erstere bestreiten gemeinsam mit Sponsoren 40 Prozent des Aufwands, während die Teilnehmer durch das Startgeld 60 Prozent des Budgets ausmachen. Gigathlon-Sprecher Daniel Stegmann betont: «Es fliessen keine Gelder aus der öffentlichen Hand, der Sport-Toto-Gesellschaft oder von Swiss-Olympic-Partnern in die Organisation des Gigathlon. Grundsätzlich also keine Gelder, die für den Schweizer Leistungssport via Verbände von Swiss Olympic bestimmt sind.»
  • Laut Daniel Stegmann berechnen sich grundsätzlich sämtliche Startplatz-Preise aus den anfallenden Kosten wie Transporte, Verpflegung, abgegebenes Material oder der Platzmiete in den Etappenorten. Die höheren Preise pro Person für Single- und Couple-Athleten erklärten sich mit den zwei Supportern, die in diesen Kategorien inbegriffen sind. «Für deren Verpflegung und Transport kommen wir als Organisatoren ebenfalls auf.»
  • Der Homepage des Gigathlon ist zu entnehmen, das im Startgeld von 3100 Franken für ein Team von zwei Sportlern inbegriffen ist: ein Zelt, eine kostenlose An- und Abreise, ein Erinnerungspreis, die Startnummern, Gigathlon-Getränkebidons, Schwimmkappen, Helm-Überzüge, das Gigathleten-Manual mit den Streckenplänen, die verschiedenen Transporte (Shuttle-Busse, Extrazüge und Effektentransporte gemäss Verkehrskonzept) für Gigathleten und deren Supporter, die Verpflegung im Camp und auf der Strecke (Morgen- und Abendessen, Lunch-Bag oder Mittagsmenü), die Verpflegungsrationen, Streckenbewilligungen, -markierungen und -sicherung, die Zeitmessung, die Organisation, den Massageservice, die Benutzung von Bike und Velowaschanlage, Velo-Reparatur-Service.
  • Preisgeld gibt es beim Gigathlon nicht. Das gilt auch für den Gewinner. Laut Gigathlon-Sprecher Daniel Stegmann wird ein Sieg mit Sachpreisen im Gegenwert von mehreren Tausend Franken belohnt.

Wenn Rennen Kopfweh macht

Pia Wertheimer am Montag den 3. Dezember 2012
Teilnehmerin des Dublin-Marathons 2008. (Flickr/infomatique)

Sport kann Kopfschmerzen verursachen: Teilnehmerin des Dublin-Marathons 2008. (Flickr/infomatique)

Es ist dunkel, das Wetter garstig. Auf dem Programm steht ein intensives Intervalltraining. Der Kampf gegen meinen inneren Schweinehund dauert die ganze Fahrt von der Redaktion nach Hause – endgültig niedergerungen habe ich ihn aber erst, als ich meine Laufschuhe schnüre. Ich reihe ein Intervall ans nächste, ziehe frische Luft in meine Lungen, setze die aufgestaute Energie frei – eine kräftezehrende Wohltat. Die Intervalle hinterlassen nicht nur in meiner sportlichen Leistung ihre Spuren. Der Lohn dieser anstrengenden Trainingseinheiten ist eine tiefe Zufriedenheit und eine innere Balance. Das ist aber nicht immer so. Die anstrengenden Einheiten fordern immer wieder einen qualvollen Tribut: hämmernde Kopfschmerzen.

Walter O. Frey ist ärztlicher Leiter des Swiss Olympic Medical Center balgrist move>med der Universitätsklinik Balgrist. Zu seinen Patienten zählen Ausdauersportler, Skifahrer, Eisläufer sowie Unihockeyspieler. Er kennt dieses Phänomen und weiss: «Die Schmerzen treten nicht nur bei Läufern auf und werden meist von verschiedenen Faktoren ausgelöst.» Will man den Ursachen auf den Grund gehen, verordnet der Arzt als erstes eine kurze Ahnenforschung. «Kommen Migränen oder Kopfschmerzen in der Familie häufig vor, liegt der Schluss nahe, dass es sich um eine genetische Veranlagung handelt.»

Die sportliche Anstrengung fungiere in diesen Fällen als Trigger für diese Schmerzen. «Dagegen hilft weder gründliches Aufwärmen, viel trinken noch eine gewissenhafte Vorbereitung.» Um den Schmerzen keine Chance zu geben, könne ein Sportler aber seinem Körper optimale Rahmenbedingungen schaffen. «Und dazu gehört beispielsweise, dafür zu sorgen, dass der Wasserhaushalt stimmt.»

Hat die Ahnenforschung indes keine vererbten Kopfschmerzen an den Tag gefördert, wurzeln die Qualen nach intensiven Trainingseinheiten oder Wettkämpfen oft in der Durchblutung des Gehirns. Als Ursache dafür kommen Flüssigkeitsmangel, zu hoher Blutdruck, Training in höheren Lagen und starke Sonnenbestrahlung in Frage. Als weiteren Grund für die Kopfschmerzen nennt Frey den veränderten Atemrhythmus. «Ein Mensch atmet bei sportlicher Ertüchtigung nicht etwa schneller, weil es ihm an Sauerstoff mangelt. Er wird durch die Atemluft die Säure los, welche seine Muskeln bei der Anstrengung freisetzen.»

Atmet der Läufer zu stark, sinkt die Säure zu tief. Dies kann dies zu Krämpfen in den Blutgefässen im Hirn führen – zu Kopfschmerzen also. «Und wie gegen einen Wadenkrampf, kann auch in diesem Fall Magnesium helfen.» Freys Erfahrungen haben gezeigt, dass oft eine Verbindung dieser verschiedenen Ursachen die leistungsbedingten Kopfschmerzen auslösen, sie begünstigen einander. «Es gilt darum, mit einfachen Mitteln wie einem Sonnenschutz, genügend Flüssigkeit oder gründliches Aufwärmen das Risiko der einzelnen Faktoren zu mindern.»

Der Sportmediziner warnt aber grundsätzlich davor, Kopfschmerzen auf die leichte Schulter zu nehmen. «Egal, wodurch sie verursacht werden, sie sind ein Alarmsignal des Körpers und müssen ernst genommen werden.» Läufern, die immer wieder darunter leiden, empfiehlt er deshalb diese abklären zu lassen. Es gebe Menschen, die erst durch diese Kopfschmerzen in Erfahrung bringen, dass sie unter Bluthochdruck litten. «Immerhin – denn sonst bleibt dies ein stiller Feind und damit eine latente Gefahr.» Zwar sei es durchaus möglich, einen Marathon mit zu hohem Blutdruck zu beenden. «Nur ist dann mit der Laufleidenschaft vielleicht nicht erst im hohen Alter Schluss. Denn ein Hirnschlag kann den Sportler jederzeit auf die Ersatzbank verbannen.»

Meine Ahnenforschung sowie meine eigenen Erfahrungen haben zu einem eindeutigen Resultat geführt: Die Schmerzen schlummern in meinen Genen und machen sich glücklicherweise nur selten bemerkbar. Ich weiss nun aber, wie ich meinem Körper Schützenhilfe leisten kann. Dies zu unterlassen wäre fahrlässig, denn mein Sport macht mich für meine Umwelt erst erträglich.

Dr. Walter O. Frey ist ärztlicher Leiter des Swiss Olympic Medical Center balgrist move>med der Universitätsklinik Balgrist. Er war Olympia-Arzt in Nagano, Sidney, Salt Lake City, Torino und Vancouver und ist Verbandsarzt der Verbände Swiss Ski, Swiss Skating, Swiss Unihockey und Swiss Sliding.