Ueli Steck hat das Beste getan, das er in seiner momentanen Situation tun kann: Er engagierte Andreas Bantel, Reputationsberater und Profi für Krisenkommunikation. Denn so vorbildlich und professionell der Ringgenberger Spitzenalpinist stets seine Projekte anpackt, so unglücklich formuliert waren zum Teil seine Aussagen, die er nach dem Everest-Debakel machte. Für Kritiker waren sie ein gefundenes Fressen. Häppchenweise in (zu) vielen Interviews serviert. Steilpässe, mit denen er eine Art Shitstorm auf sich selber auslöste. Krass, welche Meinungen auf den Leserbriefseiten der Tageszeitungen gedruckt und in Online-Kommentaren ausgedrückt wurden. Krass aber auch, dass Steck die Reaktionen überhaupt liest – auf seinem iPad, wie das «Migros-Magazin», sein Medienpartner, in der aktuellen Ausgabe berichtet. Er sei fassungslos. Enttäuscht, ratlos und traurig.
Nun soll bei ihm mit Andreas Bantel wieder langsam Ruhe einkehren. Steck will vorläufig keine Interviews mehr geben. In einem offenen Brief an «Freunde», den er auf seine Webseite gestellt hat, bittet er um Verständnis, dass er eine persönliche Auszeit in Anspruch nehmen werde. «Wenn ich also in der nächsten Zeit keine Telefone und E-Mails beantworte, so geschieht dies allein aus dem Grund, dass ich eine Pause benötige.»
Warum sind in der Schweiz Alpinisten keine Volkshelden?
Noch vor einer Woche sagte Steck gegenüber der «Berner Zeitung», er habe «durch das Vorgefallene einen Imageschaden erlitten.» Aber nur er. Sein Everest-Kamerad Simone Moro werde in Italien als Held gefeiert, und auch in England, der Heimat ihres Fotografen Jonathan Griffith, «steht die Gesellschaft geschlossen hinter uns. Es ist die Schweizer Mentalität: Viele Menschen und Medien hier warten nur darauf, ihrer Missgunst Luft machen zu können», so Steck.
Dass in der Schweiz wirklich «viele Menschen und Medien nur darauf warten, ihrer Missgunst Luft machen zu können» – das kann man glauben, oder auch bezweifeln. Eher ist es doch so, dass Bergsteiger in der Schweiz noch nie Volkshelden gewesen sind. Im Gegensatz zu Italien, England und anderen Ländern. Dort geniessen Alpinisten ein ganz anderes Ansehen. Dort geht jede Erstbesteigung eines namhaften Gipfels und jede Erstbegehung einer schwierigen Route als Markstein in deren Geschichte ein. Seit der Alpinismus erfunden wurde. Seit man die hohen Berge als Spielplatz entdeckt hat. Seit manche Nationen unter sich einen zum Teil erbitterten Wettkampf starteten. In der Schweiz dagegen, kam dieser «Eroberungsfeldzug» nie gut an. Eine grundsätzliche und anhaltende Ablehnung zum Alpinismus bewirkten zudem die Tragödien, die sich vor unserer Haustür abspielten und von der Welt sensationsgierig mitverfolgt wurden. Etwa bei den ideologisch belasteten Versuchen, die Eigernordwand zu durchsteigen.
Wir sind Sherpa!
Aber Missgunst? Ist es nicht eher die chronische Unwissenheit der meisten Schweizer über den Alpinismus? Erinnert sich heute zum Beispiel noch jemand an den Meiringer Melchior Anderegg oder an den Grindelwaldner Christian Almer? Ihre Hochblüte erlebten die zwei vor 150 Jahren, im Goldenen Zeitalter des Alpinismus. Zahllose Erstbesteigungen gehen auf ihre Konten, zwar «nur» als Bergführer, welche die damaligen Cracks aus England zu Ruhm und Ehre brachten. Dennoch gelten Anderegg und Almer beim elitären Alpine Club in London bis heute als «wichtig für die Historie». Und bei uns?
Oder der Genfer Raymond Lambert. Er stellte 1952 am Everest einen neuen Höhenrekord auf. Damals eine Weltsensation. Zusammen mit Tenzing Norgay kam er bis auf 8611 Meter. In Erinnerung blieb in der Schweiz nur Sherpa Tenzing. Denn Tenzing wurde im Berner Oberland, in der Bergsteigerschule Rosenlaui ausgebildet. Er war charismatisch, die Leute liebten ihn und seine bescheidene Art. Im Mai 1953 stand er dann zusammen mit Edmund Hillary auf dem höchsten Erdengipfel (8848 Meter). Wir sind Sherpa! Das war etwas ganz Neues.
Was bringt Bergsteigen der Allgemeinheit?
Selbstverständlich ist Kritik berechtigt. Es gibt nach wie vor jedes Jahr Bergtote. In den Köpfen hält sich Bergsteigen bis heute als rücksichtslose, unverantwortbare Freizeitbeschäftigung. Ein sinnlos blödes Risiko. Aber das Schönste am Hochgebirge ist bekanntlich die Freiheit. Solange man niemand anderes gefährdet, kann jeder tun und lassen was er will, mit Flipflops aufs Schreckhorn klettern oder ungebüsst auf einen Gletscher pinkeln. Auf keinem Gipfel steht ein Alpenverbandsfunktionär und nimmt eine Urinprobe, keiner pfeift einen Penalty oder brüllt von einem Leiternsitz «Out!»
Dass Leute wie ein Ueli Steck ihre Leidenschaft zum Beruf erklären und davon leben, ist eine sehr, sehr junge Entwicklung im Alpinismus – und in der Schweiz offensichtlich noch nicht akzeptiert. Was bringt das der Allgemeinheit, was ist der Nutzen davon, wird gefragt. Dass Bergsteigen im Niveau eines Ueli Stecks ganz einfach Spitzensport ist, wird gerne ausgeblendet.
Muss man alles an die grosse Glocke hängen?
Natürlich darf Steck die grossen Nordwände der Alpen alleine und ungesichert in Rekordzeit hochspeeden, Everest und Lhotse in drei bis vier Tagen überschreiten, was bisher noch kein Mensch geschafft hat. Und selbstverständlich ist die Frage berechtigt: Muss man das an die grosse Glocke hängen? Jeder Lokalzeitung ein Interview geben? Jeder Fernsehstation vor der Abreise nach Kathmandu zeigen, wie er sich in der Mönchsjochhütte à la «sleep high, train low» an die Höhe akklimatisiert. Via Al-Jazeera-TV darauf schauen, dass er in Qatar Airways einen guten Platz im Flugzeug kriegt? Warum nicht? Fussballspiele werden auch live übertragen, Siege frenetisch gefeiert, Niederlagen gemeinsam verarbeitet.
Vielleicht gelingt es der «Swiss Machine» Ueli Steck nun mit Hilfe seines neu engagierten Reputations- und Kommunikationsberater Andreas Bantel, in diesen Hinsichten etwas zu bewegen.
























Natascha Knecht ist Journalistin und Outdoor-Sportlerin. Aufgewachsen im östlichen Berner Oberland, dem Mekka für Kletterer und Alpinisten, lebt sie seit über zehn Jahren in Zürich. Im Outdoor-Blog betreut sie die Ressorts
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Anette Michel ist Umweltnaturwissenschaftlerin und im Bereich Energieeffizienz tätig. Daneben hat sie mehrere Jahre als Velokurierin gearbeitet und dabei ihre Leidenschaft fürs Fahrrad entdeckt. Sie fährt seit fünf Jahren in ihrer Freizeit Rennvelo. Sie schreibt im Ressort 
















































