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Ein Plädoyer für mehr Mittelmass

Martin Sturzenegger am Dienstag den 5. Juni 2012
Verausgabung bis zum Zusammenbruch: Die deutsche Marathonläuferin Sabrina Mockenhaupt nach dem Zieleinlauf beim Frankfurter Marathon 2011. (Bild: Keystone)

Verausgabung bis zum Zusammenbruch: Die deutsche Marathonläuferin Sabrina Mockenhaupt nach dem Zieleinlauf beim Frankfurter Marathon 2011. (Bild: Keystone)

Jetzt in der warmen Jahreszeit sind sie wieder zu sehen: Die ausgezehrten, dünnen Beinchen, die knochigen Arme, die ausgemergelten und schmerverzerrten Gesichter – hühnerartige Wesen (Stallhaltung), deren Körper eigentlich nur eine Betriebsart kennen: Hochleistung. Genussmomente meiden diese Menschen wie der Teufel das Weihwasser. Im Glauben, ihre Leistungsintensität noch um einige Promille zu steigern, rasieren sie alle erdenklichen Körperstellen und reiben sich mit Dul-X-Gel ein: Das Joggen in ihrem Windschatten wird von einem beissenden Duft getrübt und ihre hautengen Leggins bieten einen schonungslosen Blick auf körperliche Unorte. Bringen wir es auf den Punkt: Solche Trainingsmaschinen sind eine Beleidigung für jene Menschen, denen das Wort Ästhetik etwas sagt.

Nun ist der aufgeklärte Homo sapiens mit einer gesunden Portion Toleranz ausgestattet, weshalb ihn solche Auswüchse des menschlichen Ehrgeizes nicht weiter beunruhigen sollten. Dennoch stellt sich die Frage, welchen Reiz diese Personen verspüren, wenn sie sich regelmässig körperlichen Torturen unterziehen? Sie verdienen damit weder Geld, noch steht ihnen eine verheissungsvolle Profikarriere bevor. Und ganz offensichtlich macht es ihnen keinen Spass.

«Lieber ausgezehrt statt fett»

Dabei muss vielleicht erwähnt werden, dass Sport ohne Zweifel auch das Benzin ist, das die Menschen antreibt: Regelmässige Bewegung steigert die Abwehrkräfte, hält potent und wer richtig trainiert, kann sogar intelligenter werden.

Schwitzend erklimmern wir also quasi die nächste Stufe der Evolution. Doch wer hart trainiert, sollte darauf achten, dass er optisch nicht komplett aus dem Ruder läuft. Vielleicht agieren diese Menschen politisch motiviert und ihr Trainingsfanatismus ist als Anti-Statement zur hedonistischen, im Überfluss darbenden Gesellschaft zu verstehen. Eine Art Dritte-Welt-Chic. Eine Kollegin gab mir einst zu Protokoll: «Ich bin lieber ausgezehrt statt fett». In den kommenden Monaten vollzog sie eine wundersame Wandlung vom sympathischen Dickerchen zum asketischen Hungerhaken. Dazwischen gab es nichts.

Eines Tages machte ihr Kreislauf schlapp

Intensives Laufttraining war der Auslöser: Drei Kilometer vor der Arbeit, fünf Kilometer über Mittag und nach dem Büro eine Stunde «enpowering» auf dem Strampelrad. Mein nimmermüder Hamster aus Kindertagen – Gott habe ihn selig – war ähnlich drauf. Wenn andere Siesta machten, schwitzte die Kollegin am Hang des Uetlibergs. Oben angekommen schaute sie verächtlich auf die Häuserpartien, in denen sie das faule, welke Fleisch vermutete. Die Mundwinkel in ihrem knochigen Gesicht zeigten leicht nach unten – nichts ausser Hohn und Spott auf ihren Lippen.

Sie merkte nicht, dass sie dabei zur Persiflage ihres durchtrainierten Idealbilds mutierte: Ein mit Legginsstoff umhülltes Fitnesscenter, das sich hauptsächlich von energiespendendem Trockenfutter ernährte (auch da wieder die Parallele zu meinem Hamster). Ihre Freunde begannen sich angeekelt von ihr abzuwenden, was sie noch ehrgeiziger werden liess und gleichzeitig ihren Trainingsrythmus erhöhte. Sie rannte nun einmal täglich auf den Uetliberg und hatte inzwischen die Postur einer kenianischen Marathonläuferin angenommen, auch wenn dies absolut nicht ihrem Wesen entsprach. Eines Tages machte ihr Kreislauf schlapp und sie kam zur Erkenntnis, dass das Leben so nicht mehr lebenswert ist. Sie isst nun wieder bei McDonalds.

Ein ganzer Abend mit einem übertrainierten, genussbefreiten Wesen? – Nein danke.

Doch weshalb musste es erst zum Eklat kommen, bevor sie zur Einsicht kam? Das Problem könnte in mangelnder Selbstbestätigung gründen. Auch wenn sich Schweizer gerne als offen und tolerant hinstellen: Dick sein ist hiezulande noch immer nicht en vogue. Etwas weiter scheinen diesbezüglich Länder wie Deutschland oder die USA. Dort haben festere Leute beinahe wieder den Status aus der Rennaissance erreicht. Über dem Teich ist etwa der Ausspruch «She looks healty» gleichbedeutend mit «die Gute ist ganz schön dick». Kompliment! Auch wenn dies die Krankenkassen in den Ruin treiben dürfte, so wirken pralle, feisse Putenengelskörper als Gegensatz zur ausgemergelten Hochleistungs-Brut viel sympathischer. Wer möchte schon einen Abend lang mit einem übertrainierten, genussbefreiten Wesen verbringen, das einem ständig den «du-bis-faul-Spiegel» vor die Nase hält? Zufriedenes Schmatzen! Identitätsstiftende Kurven! Ein Hoch auf die Rubensfigur!

Frauenschweiss und Trillerpfeife

Martin Sturzenegger am Dienstag den 3. April 2012


Heute ist kein guter Tag. In meinem Körper nehme ich bisher noch unentdeckte Sehnen und Fasern wahr, deren scheinbar einziger Zweck es ist, mir Schmerzen zuzufügen. Jawohl, ich verspüre Muskelkater. Ein Ziehen und Spannen, das sich auch mit einer halben Tube Dul-X-Gel nicht wegmassieren lässt. Doch ich bleibe positiv. Denn schliesslich ist Muskelkater auch immer ein Zeichen dafür, dass man am Leben ist.

Als ich am Tag zuvor durch Genf marschiere, ist die Stadt noch tot. Kurz nach sechs Uhr morgens erreiche ich mein Ziel: ein dunkler Stadtpark, dessen Pforten von schlafenden Obdachlosen flankiert wird. Ausser ihnen, mir und Denise van Erven Dorens hat sich noch niemand hier eingefunden. Denise organisiert gemeinsam mit ihrer Kollegin Linh das Private Bootcamp – eine aussergewöhnliche Art von Fitnesskurs, inspiriert durch militärische Drillübungen.

«Das Wichtigste ist Pünktlichkeit», sagt Denise. Deshalb kämen die Teilnehmer jeweils auch kurz vor Trainingsbeginn aus den Büschen gekrochen. Wenn sich jemand verspätet, habe dies Konsequenzen für die gesamte Gruppe: eine Rumpfbeuge oder Liegestütze pro versäumte Sekunde. Ob es tatsächlich zur Kollektivstrafe kommt, hänge jeweils vom Trainer ab; der heutige sei beispielsweise ein «ganz netter».

Freundlich, aber knapp begrüsst Anthony die Gruppenmitglieder. Ohne sich in Floskeln zu verlieren, fordert er uns auf, ein paar Runden im Park zu laufen. Was auffällt: Ausser mir sind es nur Frauen, die dem Ruf der Trillerpfeife gefolgt sind. Die beiden Männer, die regelmässig vorbeischauen – zwei Private Banker – sind heute auf Geschäftsreise. Also bin ich Hahn im Korb: Eine 20-jährige, leicht übergewichtige Kunststudentin gesellt sich zur durchtrainierten, aber schon etwas angegrauten Managerin eines Tabakkonzerns. Daneben eine knapp 50-jährige Bankerin, die schon in den frühen Morgenstunden so wach und parat wirkt, als könnte sie gleich ein Kundengespräch zur Vergabe eines Millionenkredits abhalten. Insgesamt präsentiert sich die Gruppe so bunt wie das internationale Flaggenmeer des nahen UNO-Hauptquartiers. Was die Teilnehmer hier eint, ist die Motivation zu leiden – für die Fitness, für die Figur. Eine Stunde lang Hardcore-Training, das problemlos den täglichen Bewegungsbedarf einer gesamten Grossfamilie decken würde.

Die Anweisungen von Drill-Instructor Anthony bleiben freundlich aber bestimmt: «A little bit faster», als ich an ihm vorbeijogge, oder «do it again», nachdem ich die x-te Kniebeuge vollziehe, zu deren Erschwerung er mir kurz zuvor noch einen 12 Kilo schweren Sandsack auf die Schultern geladen hat. Zwischendurch wird mit Intervalltrainings die Schnellkraft auf die Probe gestellt. 50-Meter-Sprint, Rumpfbeugen, Kniebeugen und was sich sonst noch alles beugen lässt. Dann wieder Sprint, Liegestützen, Arm- und Beckentraining. Bizeps, Trizeps und schliesslich nochmals das bekannte Kniebeugenspiel mit aufgeschultertem Sandsack. Das Leistungsniveau der Teilnehmerinnen reicht von fortschrittlich bis medioker. Aber wer morgens um halb sieben in einem dunklen Stadtpark trainiert und dafür auch noch Geld bezahlt, ist von Grund auf hochmotiviert.

Einen ganz besonders beflissenen Eindruck hinterlässt eine junge Inderin, die mich und alle anderen alt aussehen lässt. «Die heiratet nächste Woche», verrät mir Denise nach dem Training. Als sie vor zwei Monaten hier anfing, habe sie noch zehn Kilogramm mehr gewogen. Nun scheint sie rechtzeitig zum Einstieg ins weisse Schleierkleid ihr Idealgewicht gefunden zu haben. Dafür habe es aber ein bisschen mehr gebraucht, als das morgendliche Training im Genfer Stadtpark, sagt Denise: «Wir beraten unsere Klienten auch in Ernährungsfragen und sind deshalb ständig für sie erreichbar.»

Im Mai 2011 gründete Denise mit ihrer Freundin Linh das schweizweit erste Bootcamp. «Wir hatten selbst ständig mit Gewichtsproblemen zu kämpfen und wollten etwas dagegen tun», sagt Denise. Ihren Job bei der Bank haben sie inzwischen an den Nagel gehängt. Heute gehört ein einwöchiges Drillcamp auf Mallorca ebenfalls zu ihrem Angebot. Eine Woche Hardcore-Training: «Da sind auch schon Tränen geflossen», sagt Denise.

Nach gefühlten 1000 Rumpfbeugen ist es inzwischen Tag auf dem Trainingsgelände im Genfer Stadtpark. Denise erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden: «Gut, aber ich werde mir nun ein fettiges Frühstück reinpfeifen», sage ich und bemerke, wie Denise, die Ernährungsberaterin, innerlich zusammenzuckt. Den Weg zum nächsten Starbucks legte ich schnell zurück. Der Muskelkater holte mich erst später ein.

The Private Bootcamp erwägt dieses Jahr den Schritt in die Deutschschweiz, nach Zürich. Könnten Sie sich vorstellen, sich einem solchen Drillprogramm zu unterwerfen – der Fitness zuliebe? Als Alternative zum Fitnesscenter?

Auf der Suche nach dem eisigen Kick

Martin Sturzenegger am Dienstag den 6. März 2012
Es ist «das Adrenalin»: Ursin Tanner in Action.

Es ist «das Adrenalin»: Ursin Tanner in Action.

Wir sind wohl alle froh, dass die Kältezeit vorbei ist. Doch was bleibt, ausser der neuen, teuren und viel zu dicken Daunenjacke, die nun fast ungebraucht im Kleiderschrank vor sich hinhängt? Zum Beispiel die Erkenntnis, dass Kälte erfinderisch macht. In den Spalten des «Tagesanzeigers» erschien vor gut zwei Wochen eine nicht ganz ernst gemeinte Anregung zu einer neuen Extremsportart: Auf Schlittschuhen gefrorere Bäche runterrasen.

Es meldete sich eine Reihe besorgter Leser, die warnten, dass es sich dabei um ein sehr gefährliches Vergnügen handele. Für Ursin Tanner war genau dies der Grund es trotzdem oder gerade deswegen zu probieren. Als Beweis, liess er sich dabei filmen. Eine neue Risikosportart, die nun auf dem Video (siehe unten) «downhill iceskating on frozen creek» zu betrachten ist, ist geboren.

Herr Tanner, sind noch alle Knochen heil?
Ja. Doch im Nachhinein bin ich froh, dass wir uns mit Helm und Schoner geschützt haben.

Sie folgten einem nicht ernst gemeinten Leseraufruf im «Tagesanzeiger».
Ich empfand das als sehr spannende Anregung. Kurz darauf bin ich mit meinem Kollegen losgezogen, um einen geeigneten Bach zu finden. Es war nicht ganz einfach, denn die meisten sind zu zerklüftet und werden von Schwellen unterbrochen. Im Meilemer Tobel bei Zürich wurden wir schliesslich fündig.

Wie haben Sie sich auf die Fahrt vorbereitet?
Mein Kollege und ich sind zuerst den Bach hochgelaufen, und haben das Eis auf seine Festigkeit überprüft. Bei der Kontrolle ist uns schon aufgefallen, dass es ein paar dünne Stellen gab. Einige Passagen waren auch von Schnee überdeckt, was das ganze noch unberechenbarer werden liess.

Trotztem wagten Sie den Ritt.
Wir verbrachten insgesamt zwei Tage im Meilemer Tobel. Dabei haben wir gelernt, dass Schlittschuhlaufen auf dem Bach eine spezielle Technik erfordert. Man muss sehr vorausschauend fahren, da das Gelände mit Steinen, Schwellen und Löchern durchsetzt ist. Das Natureis ist unberechenbar. Deshalb ist es auch ein Vorteil, breitbeinig zu fahren und tief in die Knie zu gehen, damit der Schwerpunkt tief liegt.

Gab es Zwischenfälle?
Zweimal sind wir mit den Füssen eingebrochen, weil das Eis zu dünn war. Zudem ist eine Kufe abgebrochen. Nach dem Sturz, der auch auf dem Video zu sehen ist, hatte mein Kollege etwas Kopfweh. Doch es war nur eine kleine Hirnerschütterung, wie ich es beispielsweise auch vom Airboarden her kenne. Am nächsten Tag standen wir wieder auf dem Eis und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Was ist die Faszination dieser Tätigkeit?
Das Adrenalin. Es ist zwar nicht schnell, aber doch rasant, weil man nie genau weiss, was als nächstes passiert.

Was würden Sie einem Kind sagen, dass diese Aktion nachmachen will?
Schlittschuhlaufen auf dem Bach ist gefährlich. Doch verbieten kann man es niemandem. Kommt dazu, dass viele Kinder vermutlich besser Schlittschuhlaufen als wir. Ich stehe nicht allzu oft auf dem Eis. Wichtig ist, dass man das Eis zuerst gut überprüft und sich mit Helm und Polster schützt.

Die Suche nach Spass und Kick lässt Menschen erfinderisch werden. Was würden Sie machen, wenn Sie jemanden mit Schlittschuhen das Bachtobel hinunterstürzen sehen? Würden Sie es selbst probieren wollen oder gleich die Polizei anrufen? Die nächste Kältewelle kommt bestimmt.

Adrenalin-Junkie Ursin Tanner (32) ist Vizepräsident des Action-Sport-Vereins Bistraja. Er arbeitet in Nänikon-Greifensee (ZH) als Primarschullehrer.