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Der gläserne Mountainbiker

Jürg Buschor am Donnerstag den 23. Mai 2013
epa03380258 Britain's Manon Carpenter is on her way to take the third place in the women's downhill race at the Mountainbike World Championsships in Saalfelden/Leogang, Austria, 02 September 2012.  EPA/EXPA/JUERGEN FEICHTER

Die Bergauf-Fahrer kommen: Die britische Downhill-Bikerin Manon Carpenter während der WM 2012 in Saalfelden, 2. September 2012. (Foto: EPA/Jürgen Feichter)

«Grüezi. Min Name isch Müller. Ich lüüte a im Uuftrag vom Meinigsforschigs-Institut Volltransparent und ich han sie welle fröge, öb sie föif Minute Ziit händ für d’Teilnahm anere Umfrog?»

«Ähm…»

«Es goht würklich nur föif Minute.»

«Aber…»

«Genau ihri Meinig isch euis wichtig. Es freut mich deswäge, dass sie mitmached…»

Wenn Sie diese Situation nicht aus eigener Erfahrung kennen, müssen Sie sich ernsthafte Sorgen bezüglich Ihrer Bedeutungslosigkeit machen. Oder man darf Ihnen dazu gratulieren, dass Sie es erfolgreich geschafft haben, Ihre Kontaktdaten erfolgreich aus irgendwelchen Datensammlungen herauszuhalten. Die erste Fragerunde ertragen die meisten ja noch mit stoischer Ruhe. Bei den nächsten Anrufen kommt einem die gute Erziehung in die quere, die es einem verbietet, den Mitmenschen fünf Minuten seiner Zeit vorzuenthalten. Die nächsten drei Gespräche führt man noch aus Mitleid mit den bedauernswerten Call-Center-Mitarbeitern, die bestimmt auch lieber in einem anständigen Gewerbe arbeiten würden. Spätestens beim zehnten Anruf zu Unzeiten hingegen hilft auch die gute Erziehung nur noch so weit, dass man im Tonfall anständig bleibt, wenn reale oder fiktive Erklärungen zur Nichtteilnahme angeführt werden: Keine Zeit. Keine Lust. Kinder mit Masern und Durchfall. Gerade beim Essen. Auf dem Sprung ins Kino. Auf dem Klo.

Was fast jede Umfrage grundsätzlich suspekt macht ist die Tatsache, dass weder der Auftraggeber noch die Zielsetzung bekannt sind. Wenn man schon seine Zeit opfert, sollte zumindest Klarheit darüber herrschen, ob wenigstens indirekt ein Nutzen daraus gezogen werden kann. Zum Beispiel, indem ein echte Angebotsverbesserung daraus resultiert.

Trotz weitgehender «Umfrage-Immunität» hat dieser Tag der Teilnahmeaufruf für eine Mountainbike-Studie mein Interesse geweckt, die das Hergiswiler Marktforschungsinstitut GfK Switzerland AG durchführt. «Da gehöre ich wenigstens zur Zielgruppe», denke ich mir. Der Aufruf impliziert, dass die Datenerhebung einem höheren Zwecke diene: «Marktforschungen wie jene des renommierten GFK können wesentlich dazu beitragen, dass künftig Angebote und Infrastruktur näher an den Bedürfnissen der Mountainbiker liegen.» Da allerdings wie üblich, der Auftraggeber nicht offengelegt wird, bleibt es bei der Hoffnung, das eine übergeordnete Instanz wie beispielsweise Schweiz Tourismus oder der Schweizer Tourismusverband dahinter stehen könnte. Spätestens bei der «Welche Bikestrecken nutzen Sie?» überlege ich mir erstmals, aus der Umfrage auszusteigen. Nicht der Frage wegen, sondern ob der angebotenen Antwort-Auswahl:

«Bergauf fahren»

«Downhill»

«Singletrails – technisch anspruchsvoll»

«Singletrails – technisch einfacher»

«Wald- und Flurwege»

«Asphaltierte Strassen»

Wer hat sich diese Antwortauswahl ausgedacht? Und mit welchem Ziel? Dass es genügend Menschen gibt, die ausschliesslich Downhill fahren, und für die es sich lohnt, ein entsprechendes Angebot bereitzustellen, ist mir durchaus bekannt. Aber gibt es wirklich Menschen, die sich darüber definieren, dass sie bergauf fahren? Und wie sähe denn das entsprechende touristische Angebot aus? Uphill-Strecken mit anschliessender Talfahrt per Bergbahn?

Ich liefere artig weitere Antworten, bis dass auf Basis der Fragestellungen wenigstens klar wird, dass offenbar Graubünden Ferien sein Angebot möglichst bedürfnisgerecht anpassen möchte. Zwei Fragen weiter stürzt das Frageformular ab. Aber die fünf Minuten sind ohnehin schon längst um, und so verzichte ich, meine Kundenbedürfnisse in einem zweiten Anlauf noch einmal kundzutun. Ein Konkurrent weniger, der einem das Bike-Weekend streitig machen könnte, das unter allen Teilnehmern der Umfrage verlost wird…

Nehmen Sie an Studien teil? Sie gehören zur Zielgruppe der aktuellen GfK-Studie – gedenken Sie an der Umfrage teilzunehmen? Welches sind die Gründe für eine Teilnahme/einen Verzicht? Sollte Ihrer Meinung eine solche Umfrage von einzelnen Destinationen oder übergeordneten Organisationen durchgeführt werden?

Enduro ist der Renner

Jürg Buschor am Donnerstag den 25. April 2013


Sieben Tage Abenteuer: Die Highligts des Mountainbikerennens Trans-Provence 2012.

«Ausgebucht!» – Diese Meldung bekommt manch einer zu hören und zu lesen, wenn er sich in diesem Jahr für ein Enduro-Rennen einschreiben möchte. Während die Teilnehmerzahlen an Downhillrennen stagnieren und zahlreiche Ausdauerrennen mit rückläufigen Teilnehmerzahlen zu kämpfen haben (oder wie das traditionsreiche Swiss Bike Masters ganz aus dem Rennkalender verschwinden), erfahren Enduro-Rennen grossen Zuspruch. Die Fazination für dieses Rennformat dürfte die Kombination aus fahrtechnischen und physischen Herausforderungen, den oft ausgesuchten Singletrails und einem Schuss Abenteuergeist sein, der diesen Events oft eigen ist. Die sportliche Performance ist zwar wichtig, aber das damit verbundene Lebensgefühl mindestens ebenso. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass sich bei keinem Rennformat die Athleten so stark vermischen – Profis und ambitionierte Hobbysportler stehen oft in derselben Startaufstellung.

Geradezu exemplarisch für den Spirit des Sports steht das härteste und exklusivste Enduro-Rennen: Trans Provence. Die Startplätze für den Anlass sind jeweils in Bruchteilen einer Sekunde vergeben. Das Programm ist genauso eindrücklich wie die Streckenführung: 6 Tage, 280 Kilometer, 9000 Höhenmeter hoch, 14000 Höhenmeter runter, 23 Singeltrail-Downhill-Etappen mit Zeitmessung. So sportlich ambitioniert die 23 Wertungsprüfungen von den Profi- und Hobbysportlern angegangen werden, so entspannt werden alle anderen Streckenabschnitte gefahren. Abends sitzen die 72 Rennteilnehmer zum entspannten Nachtessen zusammen. Die Resultate rücken plötzlich in den Hintergrund, auch wenn die ersten 13 Plätze des Schlussklassements 2012 geschlossen von Profis belegt werden (u.a. mit Nicolas Vouilloz, Jérôme Clementz und Nicolas Lau auf dem Podest).

1. internationale Enduro-Rennserie

Nicht ganz zufällig kommt 2013 die erste internationale Rennserie zur Austragung, die von der neuen Enduro Mountain Bike Association (EMBA) organisiert wird. Gegründet wurde die EMBA von Enrico Guala von der italienischen Superenduro Series, dem ehemaligen UCI Gravity-Verantwortlichen Chris Ball, Fred Glo von der Enduro Series und Darren Kinnaird von Crankworx Events Inc.

Die neue Enduro World Series besteht aus insgesamt sieben namhafte Enduro-Rennen in Europa und Nordamerika. Darunter die italienischen Superenduro-Rennen, die Crankworx-Wettbewerbe in Whistler/Kanada und Les 2 Alpes/Frankreich und das Colorado Freeride Festival. Die Anlässe im Überblick:

18./19. Mai: Superenduro PRO – Punta Ala, Italien
29./30. Juni: Enduro Series – Val d’Allos, Frankreich
6./7. Juli: Crankworx Les 2 Alpes – Les 2 Alpes, Frankreich
27./28 Juli: Colorado Freeride Festival – Winter Park, USA
10./11. August: Crankworx Whistler – Whistler, Kanada
24./25. August: Enduro Des Nations – Val d’Isere, Frankreich
19./20. Oktober: Superenduro PRO – Finale Ligure, Italien

Aber auch im deutschsprachigen Alpenraum gibt es 2013 zahlreiche Events, anlässlich derer man sich mit Gleichgesinnten messen kann. Im Vordergrund steht hier die Specialized-Sram Enduro Series mit insgesamt sieben Rennanlässen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien:

27./28. April: Treuchtlingen, Deutschland
4./5. Mai: Riva del Garda, Italien
25./26. Mai: Samerberg, Deutschland
15./16. Juni: Willingen, Deutschland
6./7. Juli: Kirchberg, Österreich
27./28. Juli: Kronplatz, Italien
12./13. Oktober: Flims/Laax, Schweiz

Vom 13. bis 15. September geht im österreichischen Ischgl mit der Overmount Challenge eine weitere Premiere über die Bühne, respektive über den Trail. Wer also seine eigene Enduro-Premiere feiern möchte, findet in diesem Jahr genug Möglichkeiten.

Haben Sie schon an einem Enduro-Rennen teilgenommen oder überlegen Sie sich, in diesem Jahr an einem Anlass teilzunehmen? Worin besteht für Sie persönlich der Reiz von Enduro-Rennen?

Rollmaterial

Jürg Buschor am Donnerstag den 11. April 2013
Laufradwahl getroffen - Scott setzt auf 27,5 und 29 Zoll (Foto: Scott Sports/Daniel Geiger)

Laufradwahl getroffen – Scott setzt auf 27,5 und 29 Zoll (Foto: Scott Sports/Daniel Geiger)

«Ist es wirklich ein Downhill-Rennen, wenn ein Trail-Bike gewinnt?» diese rhetorische Frage stellt Matt Wragg in seinem Artikel auf www.pinkbike.com. Was ist passiert? Der Amerikaner Mitch Ropelato hat am «Pro GRT Downhill Race» in Southridge/Fontana die DH-Grössen Aaron Gwin und Logan Binggeli auf die Plätze verwiesen. Nicht der Sieg als solcher sorgte für Gesprächstoff in der Szene, sondern die Tatsache, dass Ropelato das fahrtechnisch wenig anspruchsvolle Rennen an Bord eines All Mountain Bikes mit 29-Zoll-Rädern siegreich beendete. «Kein professioneller Downhill-Rennfahrer hat bisher das Weltcup-Podium auf Rädern grösser denn 26 Zoll erreicht. Das könnte sich in der anstehenden Saison ändern», mutmasst Mike Kazimer auf Pinkbike und wagt die Prognose: «Sollte es in diesem Jahr ein Bike mit grösserem Raddurchmesser aufs Podium schaffen, dann wäre das ein Wendepunkt in der Debatte. Es wäre ein Beweis fern von Wissenschaft und der Pseudowissenschaft von Marketingteams, die mit ihrer Ware hausieren.»

Ropelatos Sieg rückt einmal mehr die Diskussion um die Laufradgrössen in den Mittelpunkt. Nicht nur in der Rennszene. Zugegeben – die Sache war auch schon mal einfacher. Nachdem sich Befürworter und Gegner von 26-, respektive 29-Zoll-Rädern im vergangenen Jahr angeregte Argumentationsduelle lieferten, versprechen mittlerweile auch die Anhänger der neusten Laufradgrösse 27,5-Zoll, dass das Rad im wahrsten Sinne des Wortes neu erfunden worden sei.

Laufradwahl für Physiker

Was die 29-Zoll-Räder angeht, so sind deren Vor- und Nachteile im Vergleich mit den klassischen 26-Zöllern sowohl in Theorie als auch Praxis verschiedentlich untersucht und beschrieben worden. Vieles ist reine Physik: Weil 29-Zoll-Laufräder schwerer sind, muss mehr Energie aufgewendet werden, um sie zu beschleunigen. Der Grund hierfür liegt in der kinetischen Energie und der Rotationsenergie, die in jedem sich drehenden Rad steckt. Ausserdem gilt es zu beachten, dass die Rotationsenergie eines drehenden Rads bei einer vorgegebenen Geschwindigkeit proportional zum Radius ist – je grösser der Radius, desto mehr Energie muss aufgewendet werden.

Natürlich kann man auch 29-Zoll-Laufräder einer radikalen Gewichtsdiät unterziehen. Wer am Laufrad das Gewicht reduziert, profitiert gleich doppelt, denn das reduziert nicht nur die kinetische Energie, die in der Vorwärtsbewegung selbst steckt, sondern auch die Rotationsenergie. Allerdings sind hier Limiten gegeben, wenn nicht die Festigkeit des Rads kompromittiert werden soll.

Tieferer Rollwiderstand

Die deutsche Fachzeitschrift «Mountain Bike» hat in einem aufwändigen Labortest belegen können, dass in der Rollwiderstandsmessung die 29er die Nase vorne haben – rund acht Prozent soll die Energie-Ersparnis sein. Die Rollvorteile konnten auch auf unebenem Untergrund nachgewiesen werden: Die grossen Räder brauchen zwar mehr Energie, um in Schwung zu kommen, sie rollen aber auf Grund des flacheren Aufprallwinkels einfach über Hindernisse wie Wurzeln oder Steine und erhöhen so ganz nebenbei den Fahrkomfort. Genau deshalb ist der gefühlte Fahrkomfort eines 29-Zöllers mit 120 bis 130 mm Federweg vergleichbar mit dem eines 26-Zöllers und 150 bis 160 mm.

Fahrgefühl und Traktion

Die Laufradgrösse verändert zweifelsohne die Fahreigenschaften und das Fahrgefühl. Der veränderte Radstand und die Trägheit der grossen Räder verleiht den 29ern mehr Laufruhe – sowohl in der Abfahrt als auch im Anstieg. Die besondere Herausforderung für die Konstrukteure besteht darin, dass das Mountainbike nicht zu träge wird. Dank den grossen Rädern steigen die Mountainbikes allerdings auch besser. Tendenziell neigen sie weniger zum Aufbäumen. Das ins Feld geführte Argument der besseren Traktion kann allerdings offenbar nicht belegt werden. Bei gleichem Luftdruck ist der Unterschied der Aufstandsfläche unerheblich. Unabhängig von der Laufradgrösse: Wer die Traktion erhöhen will, reduziert den Luftdruck. Weshalb die Traktion beim 29-Zoll-Rad trotzdem besser sein soll, erklärt Markus Hachmeyer, Produktmanager beim Reifenhersteller Schwalbe, im Gespräch mit der «Spiegel»-Wissenschaftsredaktion wie folgt: «Bei 29 Zoll ist die Aufstandsfläche länger und schmaler als bei 26 Zoll.» Was für die kleine Laufradgrösse spricht, ist die grössere Stabilität, ein tendenziell agileres Fahrverhalten und (zumindest aktuell noch) eine grössere Auswahl bei Reifen, Speichen und Felgen.

Die Argumente für oder gegen 26, respektive 29 Zoll liegen auf dem Tisch. Und wie ist es mit 27,5 Zoll (650B)? Ist das «Mittelmass» nur ein fauler Kompromiss oder vereint es das Beste aus zwei Welten, wie es einige Hersteller propagieren? Meine persönliche Meinung ist die: Es lohnt sich nicht, sich durch die ganzen Laufrad-Diskussionen verrückt machen zu lassen. Ein 26er der Spitzenklasse bereitet immer noch jede Menge Fahrspass. 29 Zoll hat mich in der Praxis zwar überzeugt – aber auch nur dann, wenn die Konstrukteure ihre Hausaufgaben gut gemacht haben. Das Fahrverhalten ist spürbar anders als beim guten alten 26er und eine leichte Anpassung des Fahrstils kann nicht schaden. Auch wenn ein «Blindtest für Mountainbikes» in der Praxis nicht sehr praktikabel ist, so würde ich die beiden Laufradgrössen problemlos blind unterscheiden können. Was die Unterschiede zwischen 26 und 27,5 Zoll betrifft, so würde mein Wetteinsatz nach den letzten Tests allerdings nicht sehr hoch ausfallen. Auch wenn die Differenzen in der Praxis nur bedingt spürbar sind, so sprechen die physikalischen Gesetze eher für 27,5 Zoll. Ob die Physik allerdings das Todesurteil für 26 Zoll bedeutet, wird sich weisen. Eine Beschränkung auf zwei Laufradgrössen – zumindest in dieser Frage herrscht ein breiter Konsens – würde die Sache jedenfalls erheblich vereinfachen. Im Video unten ist ein Vergleich der drei Readgrössen zu sehen.

Mit welchen Laufradgrössen haben Sie eigene Praxiserfahrungen sammeln können? Welche Laufradgrössen werden sich Ihrer Meinung in Zukunft durchsetzen? Sollten Ihrer Meinung alle drei Laufradgrössen beibehalten werden?

Mountainbikebergsteigen

Jürg Buschor am Donnerstag den 28. März 2013
Lotet Grenzen aus - Harald Philipp (Foto: www.summitride.com/Sebastian Doerk)

Lotet Grenzen aus - Harald Philipp (Foto: www.summitride.com/Sebastian Doerk)

Schneller, höher, stärker – das olympische Motto wird auch von Mountainbikern hochgehalten. Im Mittelpunkt des Interesses steht allerdings meist das schneller – egal ob in der Disziplin Crosscountry, Downhill oder Fourcross. Keine Sieger gibt es in der Disziplin Bikebergsteigen. Ausser natürlich, man würde das bezwingen des inneren Schweinehunds auch als Sieg feiern. Im Mittelpunkt steht das Erreichen von alpinen Zielen und die Bewältigung von fahrtechnischen Schwierigkeiten. Mit diesem Ziel vor Augen, wird das Mountainbike auch mal vier bis fünf Stunden auf den Berg getragen, um danach auf besonders anspruchsvollen Trails abzufahren. Das wirkt selektiv. Die Gruppe der Mountainbiker, die solche Herausforderungen annehmen, ist überschaubar.

Bekannt ist beispielsweise die Gruppe der VERTRiders (Video oben), die sich um die Jahrtausendwende im österreichischen Innsbruck formiert hat. Sie haben sich einen umfassenden Verhaltenskodex auferlegt, der 22 Punkte umfasst, so zum Beispiel:

  • Hot Spots meiden
  • Keine Routen-Postings in Foren/Keine GPS-Tracks posten
  • 0,0 Promille
  • nur in kleinen Gruppen fahren
  • trittsichere Bergschuhe tragen
  • keine Bremsspuren, Hinterrad versetzen
  • Steinschlag beachten und vermeiden
  • Alpenvereinsmitglied werden

Auch die Webseite Bikebergsteigen.org hat sich dem Thema verschrieben und versucht die Informationsbedürfnisse und Interessen der Sportler wahrzunehmen: «Unsere Interessengemeinschaft eint dabei der respektvolle Umgang mit der Natur und den anderen Wegnutzern, was sich in unserem Verhaltenskodex manifestiert. Ein besonderer Reiz des Bikebergsteigens liegt übrigens auch im Neuland, dass es für uns Biker noch zu entdecken gibt. Den Spuren der Wanderer folgend können wir Wege abseits der altbekannten Bike-Routen nutzen und erreichen alpine Ziele die früher undenkbar waren.»

In den Mittelpunkt des Interesses ist das Bikebergsteigen auch gerückt, nachdem der Athlet Harald Philipp seine Projekte im Rahmen seiner Diavorträge (z. B. mit Explora) und Videos einem breiten Publikum bekannt gemacht hat. So zum Beispiel auch sein Video «The Sea of Rock»  (siehe unten), das mit einem behördlichen Nachspiel endete.

SEA OF ROCK from infinite trails on Vimeo.

Wer sieht sich so etwas nicht gerne an? Es zeigt eine extreme Seite unseres Sports, die für 99,5 Prozent aller Mountainbikerinnen und Mountainbiker unerreichbar scheint. Doch Grenzen sind da, um verschoben zu werden. Was heute als unfahrbar gilt, wird mit grösster Wahrscheinlichkeit schon sehr bald von irgendwelchen ambitionierten Mountainbikern unter die Stollenräder genommen. Die technologisch immer ausgereifteren Mountainbikes und eine neue Generation von Mountainbikern mit stupender Fahrtechnik machen es möglich. Ob alles, was theoretisch fahrbar ist, auch gefahren werden soll, bleibt dabei natürlich eine philosophische Frage, die jeder für sich beantworten kann.

Was halten Sie vom Thema Mountainbikebergsteigen? Sind Sie der Meinung, dass solche Projekte den Mountainbikesport insgesamt voranbringen? Wo sehen Sie mögliche Probleme?

Geschundene Trails

Jürg Buschor am Donnerstag den 14. März 2013
Was in Bikeparks oder auf Downhill-Strecken geht, ist auf Trails problematisch:

Was in Bikeparks oder auf Downhill-Strecken geht, ist auf Trails problematisch: Ein Downhill-Biker schrammt an den Schweizer Meisterschaften in Chur um die Kurve, 4. Juli 2009. (Keystone/Arno Balzerini)

«Der ist für mich gestorben!» – Markus’ Mimik verrät, dass er es Ernst meint. Auf meinen fragenden Blick legt er gleich nach: «Ich schaue mir prinzipiell keine Videos an von Mountainbikern, die mit blockiertem Hinterrad um die Kurve driften.» Die Entscheidung mag radikal sein, aber im Grunde genommen teile ich seine Meinung. Für mich steht fest, dass gewisse Fahrweisen den Singletrails mehr zusetzen als andere. Bestes Beispiel hierfür ist der mittlerweile sehr populäre «Brazilian» – ein Singletrail im Kanton Wallis, der über 2000 Höhenmeter vom Col de Cou (2529 m) nach Grône führt. Der Trail wurde schon seit jeher von Touren-Mountainbikern gefahren. Seit eine kanadische Filmproduktion eine Sequenz auf dem Trail gedreht hat (siehe Video unten), ist er jedoch auch bei Freeridern und Downhillern sehr populär. Trotz rund 500 Höhenmetern Anstieg, die die meisten schiebend hinter sich bringen. Auch wenn die Gesamtzahl der Freerider immer noch überschaubar bleibt, hat der Trail in den vergangenen drei Jahren überproportional stark gelitten. Flowige Singletrails sind stellenweise zu Wellblechpisten verkommen. Immer mehr Kurven sind komplett «ausgelutscht». Der Trail ist leider keine Ausnahme.

Freerider lieben die Geschwindigkeit und neigen dazu, erst kurz vor den Kurven zu bremsen (dazu ein paar Beispiele im Video unten). Dann jedoch umso heftiger. Sehr oft so stark, dass das Hinterrad durch die Scheibenbremsen komplett blockiert wird. Während die Mehrzahl der «klassischen Tourenbiker» Kurven komplett ausfahren, tendieren Freerider dazu, das Hinterrad zu blockieren und um die Kurven zu driften. Was im Bikepark Spass bereitet, ist auf Touren problematisch, weil die Singletrails so innert kürzester Zeit stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Für den Unterhalt der Pisten stehen in den Parks zahlreiche Mitarbeiter im Einsatz. Selbst in Crans-Montana, das aktuell «nur» zwei Abfahrtsstrecken betreibt, sind im Sommer zwei Personen hauptberuflich damit beschäftigt, die Pisten in Schuss zu halten, damit sie auch Fahrspass bereiten. Klar ist: Wenn Wellblechpisten im Park und mit massiv gefederten und steifen Downhillern schon keinen Spass bereiten, dann tun sie es auf einer Tour erst recht nicht. Wer also den Bikepark verlässt, tut gut daran, seinen Fahrstil entsprechend anzupassen. Überhöhte Geschwindigkeit, blockierte Räder und um die Kurven driften sorgen ausserhalb von Bikeparks nur für Ärger. Nicht nur mit anderen Wegnutzern, sondern immer öfter auch mit anderen Mountainbikern, denen an einem pfleglichen Umgang mit Wanderern ebenso gelegen ist, wie an Singletrails, die auch in Zukunft noch Fahrspass machen. Denn anders als im Park, gibt es in den Bergen keine Armada von Spezialisten, die die Trails in Schuss halten.

Sind Sie der Meinung, dass Freerider/Downhiller die Singletrails stärker beanspruchen als Tourenmountainbiker? Kennen Sie Beispiele für Singletrails, die besonders stark in Mitleidenschaft gezogen sind? Sind Sie der Meinung, dass der Fahrstil dem Gelände angepasst werden soll oder soll das jeder für sich entscheiden können?

Wenn der Fluss zum Trail wird

Jürg Buschor am Donnerstag den 28. Februar 2013


«Ich verfluche mich jeden Morgen. Wenn ich im Schlafsack liege und versuche, mich auf die Kälte vorzubereiten, die mich erwartet, finde ich keine netten Worte für mein Abenteuer. Draussen herrschen eisige minus 20 Grad,» schreibt der Zuger Claude Balsiger. Was er und sein Team vorhaben, ist allerdings auch nicht gerade alltäglich: Mit dem Mountainbike, zu Fuss und mit Tourenskis wollen sie aus eigener Kraft 500 Kilometer zurücklegen und den Himalja durchqueren. Im Winter hat das noch kein Mensch versucht. Wen wunderts – eine Winterdurchquerung bei Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad Celsius hört sich reichlich ungemütlich an.

Den ersten Streckenabschnitt des Trans-Himalaja-Projekts haben der Abenteuerbiker und sein Team bereits hinter sich: Am 15. Februar erreichten sie nach fünf Tagen und 200 Kilometern das Dorf Padum in der Region Zanskar. Aussergewöhnlich dabei: Die Strecke legten sie auf dem Fluss Zanskar zurück, der für die Einheimischen der Region die einzige Verbindung zur Aussenwelt wird, sobald er zufriert. Was sich relativ einfach anhört, war mit erheblichen Gefahren verbunden. Das wusste auch Balsiger: «In der Vorbereitungszeit drehten sich meine Gedanken oft um unsere Sicherheit auf dem gefrorenen Fluss. Zum einen ist Eis auf fliessenden Gewässern heimtückisch, weil es unregelmässig gefriert, zum anderen haben wir schon viele Geschichten über die Gefahren des Chaddar gehört. So heisst die Strasse aus Eis, die der Zanskar-Fluss im Winter bildet.»

Die Strecke - 500 Kilometer quer durch den Himalaja

Die Strecke - 500 Kilometer quer durch den Himalaja

Nachdem die ersten Etappen plangemäss verliefen, häuften sich gemäss den letzten Meldungen die Schwierigkeiten. Der Gepäckschlitten musste zurückgelassen werden, nachdem ein effizientes Vorwärtskommen nicht mehr möglich war. Auch Balsigers Mountainbike blieb in Zanskar zurück. Und schliesslich zwangen die Rückenschmerzen und Magenprobleme von Begleiter Thomas Wäspe das Team zu einer Pause im Kloster Phuktal. Wenn die Drei in den nächsten Tagen das Glück wieder auf ihre Seite zwingen können, werden sie voraussichtlich die ersten Sportler sein, die den Himalaja im Winter durchquert haben.

Abenteuerprojekte wie dieses stehen in letzter Zeit vermehrt im Fokus der Öffentlichkeit. Galt die breite Aufmerksamkeit lange den Rennsportlern (insbesondere den Cross-Country-Bikern), profilieren sich immer öfter auch Mountainbiker, die ihren Sport ohne Startnummern ausüben. Das Höher, Schneller, Weiter und Schwieriger abseits der Rennstrecken kann dank immer günstigeren und qualitativeren Foto- und Film-Kameras festgehalten und im Internet einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Was Qualität hat, wird beachtet und mittlerweile auch monetär belohnt. Profilierte Mountainbiker wie beispielsweise ein Harald Philipp oder Claude Balsiger können von ihrem Sport leben. Gut so, wie ich meine, denn der Sport verdient es, immer wieder spannende neue Gesichter hervorzubringen.

Was halten Sie von Abenteuerprojekten wie Claude Balsigers Himalaja-Cross? Lassen Sie sich durch solche Athleten und Abenteuer inspirieren?

Fahrradhändler im Todeskampf?

Jürg Buschor am Donnerstag den 14. Februar 2013
Angeschlagenes Geschäftsmodell: Velos warten in Zürich auf Käufer. (Bild: Keystone)

Angeschlagenes Geschäftsmodell: Velos warten in Zürich auf Käufer. (Bild: Keystone)

«Velohändler kämpfen ums Überleben», titelte die «Basler Zeitung» in einem Hintergrundartikel vom 6. Februar. Das Phänomen des Einkaufstourismus kennen allerdings nicht nur die Basler Fahrradfachhändler. Die oft kritisierte Hochpreisinsel Schweiz ist klein und der grenznahe Fachhändler im Ausland meist nicht weit. Egal ob im Tessin, St. Gallen oder Genf. Auch Herr und Frau Zürcher setzten sich immer öfters in Auto mit der Aussicht, jenseits der Landesgrenze ein paar hundert Franken zu sparen.

Die Problematik ist nicht neu, hat sich aber mit dem schwächelnden Euro akzentuiert. Moralische Bedenken, selber die hohen Schweizer Löhne einzustreichen, aber auf der Ausgabenseite vom tieferen Preisniveau im Ausland zu profitieren, werden von vielen bedenkenlos vom Tisch gewischt. Man ist sich meist selbst am nächsten. Das kann man gut finden oder auch nicht. Die moralische Grenze wird allerdings da überschritten, wo zwar die Beratung des Schweizer Fachhändlers in Anspruch genommen wird, aber der Kauf anderswo getätigt wird.

Grosse Konkurrenz erwächst den Schweizer Fachhändlern allerdings schon längst nicht mehr nur durch die grenznahen Fachhändler im Ausland, sondern durch die preisaggressiv operierenden Internethändler. Wenn der Schweizer Fachhändler die Ware zu höheren Preisen beim Importeur einkauft, als sie der Endkonsument im Internet angeboten bekommt, dann ist an ein nachhaltiges Wirtschaften nicht mehr zu denken. Da sitzen die Schweizer Fachhändler allerdings im selben Boot wie ihre ausländischen Kollegen. Auch diese ächzen unter dem Margendruck.

Wie aber soll mit diesem Druck umgegangen werden? Respektive – bietet der sich stark verändernde Markt auch Chancen? In diesem Zusammenhang hat folgende Nachricht mein besonderes Interesse geweckt: Ein deutscher Fachhändler verabschiedet sich aus dem immer margenärmeren Geschäft der Fahrradverkäufe und stellt die Montage und den Service in den Mittelpunkt seines Angebots. Damit nicht genug – er sucht die Nähe zu einem Onlineanbieter, der ihm Montagegutscheine ausstellt. Natürlich kann das nicht die Lösung für alle Fahrradmechaniker sein, aber der Ansatz ist durchaus interessant und wertet ganz nebenbei die Arbeit des Fahrradmechanikers erheblich auf. Das perfekt eingestellte Schaltwerk, die sauber justierte Bremse und die jährlich gewartete Federgabel stehen plötzlich im Mittelpunkt.

Hat also der deutsche Händler die Zeichen der Zeit richtig erkannt? Sicher ist, dass die Veränderungen am Markt auch neue Chancen bieten. Allerdings auch nur den Fahrradfachhändlern/-Mechanikern, die mit ihrer Ausbildung und ihren Leistungen auf der Höhe der Zeit sind. Profilierungspotenzial dürften beispielsweise all jene haben, die komplexe Federsysteme warten und sauber einstellen können und mit Elektroantrieben nicht auf Kriegsfuss stehen. Bei manch einem Mechaniker wäre allerdings auch dann schon viel erreicht, wenn er ein Rad sauber zentrieren und die Schaltung perfekt justieren könnte. Denn manchmal – das zeigen auch immer wieder die Kommentare auf einschlägigen Blogs – hapert es bei den so genannten Spezialisten auch damit schon.

Was halten Sie von der Idee, dass Fahrradmechaniker sich vermehrt auf Serviceleistungen spezialisieren? Welche Kriterien gewichten Sie bei einer Kaufentscheidung am stärksten?

Dringend gesucht: Fahrradmechaniker

Jürg Buschor am Donnerstag den 31. Januar 2013
Eine Velomechanikerin zentriert ein Rad. (Keystone/Gaetan Bally)

Die tiefen Löhne machen den Fahrradmechanikerberuf unbeliebt: Eine Velomechanikerin zentriert ein Rad. (Keystone/Gaetan Bally)

2rad Schweiz – der Branchenverband des Schweizer Fachhandels für Zweiradfahrzeuge – empfiehlt seinen Mitgliedern, die Löhne der Fahrradmechaniker für 2013 auf unverändert tiefem Niveau zu belassen. Mit seiner «Nullrunde» steht der Verband nicht alleine da – die Lohntüte der Mehrheit der Schweizer Arbeitnehmer ist auf dieses Jahr hin nicht grösser geworden. Die Tatsache, dass in der Schweiz die Lebenshaltungskosten im vergangenen Jahr nicht gestiegen sind, ist als Begründung nachvollziehbar. Dann jedenfalls, wenn der bisherige Lohn als fair beurteilt wurde. Wir erinnern uns: Gemäss den Richtwerten des Verbands des Zweirad-Fachhandels sollte ein gelernter Fahrradmechaniker mindestens zwischen 3500 und mindestens 4500 Franken pro Monat brutto verdienen für eine 100-Prozent-Anstellung und bei einer 43-Stunden-Woche. Was das in der Realität bedeutet, ist klar: Die Mehrheit der ausgebildeten Fahrradmechaniker fallen in die Kategorie der Tieflohnempfänger, zu denen 10,5 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer zählen.

Die Antwort darauf, ob sie die aktuellen Löhne als fair empfinden, haben schätzungsweise 50Prozent der ausgebildeten Fahrradmechaniker bereits gegeben: Sie haben ihren Job nämlich an den Nagel gehängt und die Branche gewechselt. «Der Jobmarkt ist ausgetrocknet», weiss Urs Rosenbaum, Chefredaktor der Schweizer Fachzeitschrift «Cyclinfo». «Wir haben entsprechende Umfragen gemacht – von Jahr zu Jahr sind es zwischen einem Drittel und einem Viertel, die unmittelbar nach dem Lehrabschluss den Beruf wechseln», so Rosenbaum. Der Hauptgrund für den Branchen-Exodus erstaunt wenig: die tiefen Branchenlöhne.

Kurz vor Saisonstart suchen unzählige Fahrrad-Fachgeschäfte einen ausgebildeten Mechaniker. Allein auf dem Job-Portal www.cycljobs.ch werden aktuell über 20 Stellen angeboten. Zahlreiche Fachgeschäfte schreiben gemäss Rosenbaum die vakanten Stellen gar nicht erst aus, weil sie sich nur geringe Chancen ausrechnen, auf diesem Weg eine geeignete Kandidatin oder einen Kandidaten zu finden.

Als Grund für die tiefen Löhne nennen Fachhändler und Branchenverband unisono die Problematik der Saisonalität und der fehlenden Margen. Allerdings – mit den gebetsmühlenartig vorgetragenen Erklärungen lassen sich die schlecht bezahlten Mechaniker nicht in der Branchen halten. Die Fahrradbranche täte gut daran, nicht ständig dieselben Argumente zu wiederholen und stattdessen den Vergleich mit anderen Branchen zu suchen.

Beispielsweise mit der Tourismusbranche, in der die extreme Saisonalität zum Alltag gehört. Wieso fördert die Fahrradbranche keine Arbeitsmodelle, in denen die Fahrradmechaniker zu einem angemessenen Lohn während sechs Monaten der Hauptsaison beschäftigt werden und die restlichen sechs Monate gar nicht oder in einem Teilzeitpensum (von beispielsweise 40 Prozent). So hätten die Fahrradmechaniker die Möglichkeit, im Winter eine andere saisonale Stelle anzutreten (z. B. Skiservice in Sportfachgeschäften) oder die ruhige Jahreszeit für Reisen zu nutzen. Das ist zwar kein Beschäftigungsmodell, mit dem Familienväter glücklich werden, die dürften allerdings bei der aktuellen Lohnsituation ohnehin kaum in diesem Beruf zu finden sein.

Was die Margenthematik betrifft, so steht diese in engem Zusammenhang mit den aktuell verrechneten Stundensätzen, die oft unter 90 Franken liegen. Hier sieht auch Urs Rosenbaum von Cyclinfo Handlungsbedarf: «Viele Fahrradhändler trauen sich nicht, 90 Franken oder mehr für die Arbeitsstunde zu verlangen. Und damit sind sie enorm billig, wenn man mit anderen technischen Handwerkerberufen vergleicht. Es gibt kaum eine Autogarage, die weniger als 140 Franken die Stunde verlangt. Und auch ein Heizungsmonteur oder Elektriker verlangt selten unter 120 Franken für die Arbeitsstunde – Anfahrpauschalen noch nicht mitgerechnet. Ich wünschte mir, dass die Fahrradbranche hier etwas mehr Selbstbewusstsein zeigen würde, denn die geleistete Arbeit ist in den letzten Jahren enorm anspruchsvoll geworden.» Die Zeiten sind längst vorbei, da jeder in der Garage selber an seinem Fahrrad herumwerkeln kann. Komplexe Federsysteme, Scheibenbremsen und delikate Karbonrahmen haben das Anforderungsprofil an die Mechaniker verändert. Das muss sich auch in der Lohntüte manifestieren.

Sind sie der Meinung, dass die Fahrradmechaniker zu wenig verdienen? Wie viel wären Sie gewillt pro Mechaniker-Stunde zu bezahlen, wenn die entsprechende Qualität und der Service passen? Gibt es Ihrer Meinung alternative Möglichkeiten für die Branche, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen?

Bucket List für Anfänger

Jürg Buschor am Donnerstag den 3. Januar 2013
Einmal im Leben: Die Tour du Val d'Anniviers. (Photo: Jürg Buschor)

Einmal im Leben: Die Tour du Val d'Anniviers. (Photo: Jürg Buschor)

«Den Neujahrstag erkennt man am einfachsten an den vielen übergewichtigen Joggern», hat der deutsche Aphoristiker Hauke Harms einmal geschrieben. Mit guten Vorsätzen ins neue Jahr zu starten, ist ja nichts grundsätzlich Schlechtes. Was übrigens bereits der deutsche Dichter und Philosoph Friedrich Nietzsche mit leicht zynischem Unterton festhielt: «Pläne machen und Vorsätze fassen bringt viel gute Empfindungen mit sich, und wer die Kraft hätte, sein ganzes Leben lang nichts als ein Pläne-Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch: aber er wird sich gelegentlich von dieser Tätigkeit ausruhen müssen, dadurch, dass er einen Plan ausführt – und da kommt der Ärger und die Ernüchterung.»

Die Frustration liegt aber nicht ausschliesslich daran, dass wir unsere Zielsetzungen unrealistisch hoch ansetzten. Manchmal liegt der Grund darin, dass wir die Ziele gar nicht erst definieren, festhalten und nötigenfalls gewichten. Mir geht es jedenfalls regelmässig so, dass ich das letzte Kalenderblatt wende und daran denke, welche Singletrails ich im abgelaufenen Jahr nicht gefahren bin, welche Destinationen ich noch nicht besucht habe und mit welchen Freunden die Terminfindung für eine gemeinsame Tour einmal mehr nicht geklappt hat. Zur Vermeidung solcher Situationen gibt es die sogenannte Bucket List, die mit dem gleichnamigen Spielfilm («Das Beste kommt zum Schluss», mit Morgan Freeman und Jack Nicholson) Berühmtheit erlangte. Ein Krebskranker (gespielt von Morgan Freeman) schreibt in seiner persönlichen Wunschliste alle Dinge nieder, die er schon immer einmal tun wollte, es aber immer an Zeit, Geld oder dem dafür nötigen Mut mangelte. Natürlich ist das Leben kein Film und es fehlt den meisten ein finanzkräftiger Freund, der willens ist, einem all die Wünsche zu erfüllen. Das soll allerdings niemanden daran hintern, jetzt zu Kugelschreiber und Papier zu greifen. Die potentiell heiklen Themen «Fettverbrennung», «Ruhepuls» und «das andere Geschlecht» lasse ich in meiner kleinen Anleitung zur Erstellung einer Bucket List jetzt mal weg. Stattdessen empfehle ich je einen Listeneintrag zu erstellen für diese drei Bereiche:

1. Neue Horizonte

Die Versuchung ist gross, immer wieder an dieselben Orte zurückzukehren, die man mit grossartigen Erinnerungen verbindet. Natürlich sind Davos, Zermatt oder Finale Ligure immer eine Reise wert. Aber es gibt allein im Alpenbogen so viele unentdeckte (oder wieder zu entdeckende) Regionen, dass man mindestens einmal pro Jahr unbekanntes Terrain befahren sollte. Auf meiner persönlichen Bucket List für 2013 steht das Val Aosta ganz zuoberst.

2. Geteilte Freude

Am meisten Spass macht das Mountainbiken dann, wenn man mit Freunden unterwegs ist. Vorallem dann natürlich, wenn man dieselben Vorstellungen des «perfekten Trails» hat und auf vergleichbarem (technischen und physischen) Niveau fährt. Deshalb sollte mindestens ein Wochenende reserviert sein, um mit Freunden zusammen einen der persönlichen Top-5-Trails zu befahren. Meine Auswahl für 2013 steht. Aus meiner 100 Touren umfassenden Auswahl «Singletrails in den Schweizer Alpen – Die 100 schönsten Mountainbike-Touren» sind dies die Touren «Landwassertal», «La traversata infinita», «Bistinepass», «Tour du Val d’Anniviers» und «Les Sept Bisses».

3. Man gönnt sich ja sonst nichts

Ich gebe es gerne zu – ein neues Mountainbike macht Freude. Und weil 26 Jahre mit 26“-Rädern eventuell genug sind, leiste ich mir jetzt ein 29-Zoll-Mountainbike. Ausprobieren geht über studieren – auf meiner Shortlist stehen drei Kandidaten.

Mit total drei Punkten ist die Bucket List immer noch relativ überschaubar. So übersichtlich jedenfalls, dass man sich getrost an den französischen Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal halten kann, der einmal gesagt hat: «Es gibt bereits alle guten Vorsätze, wir brauchen sie nur noch anzuwenden.» In diesem Sinne – ich wünsche einen guten Start in ein unvergessliches Mountainbike-Jahr!

Nehmen Sie sich jeweils Vorsätze fürs neue Jahr? Was sollte man Ihrer Meinung im 2013 keinesfalls verpassen?

In eigener Sache: Mountainbike-Blogger Jürg Buschor zeigt im Rahmen des Explora Bike Festivals seinen Diavortrag mit dem Titel «Mountainbike-Traumtouren – die Faszination der Singletrails». Das Festival dauert vom 4. bis 6. Januar 2013, Jürg Buschors Vortrag ist am Sonntag, 6. Januar, um 16.00 Uhr im Volkshaus Zürich. Informationen und Tickets gibt es online.

Bis dass die Knochen krachen

Jürg Buschor am Donnerstag den 20. Dezember 2012
    Biker im Sturzflug: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Je steiler, umso besser: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Aus «schneller, höher, weiter» ist «extremer und extremer» geworden, schreibt die deutsche Wochenzeitung «Zeit». Der Kulturphilosoph Jean Baudrillard nannte den Marathon «demonstrativen Selbstmord». Die Teilnahme am Lauf sei sinngemäss eine leere Hülle, bei der es um die blosse Botschaft «I did it!» gehe. In der Welt des extremen Mountainbikesports wäre «I survived it!» allerdings noch passender. An Anlässen wie der Red Bull Rampage oder für Filmproduktionen wie «Where the trail ends» gehen die Protagonisten regelmässig an ihre Limiten. Knochenbrüche gehören zum kalkulierten Risiko. Und trotz immer ausgereifteren Protektoren kommt es bedingt durch Sturzhöhe und hohe Geschwindigkeiten auch häufig zu ernsthaften Verletzungen an Kopf und Wirbelsäulen. Wieso tun sich das Athleten an? Dazu haben wir den Sportpsychologen Thomas Ritthaler von Sportpsychologie München befragt.

Biker im Sturzflug: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Biker in der Luft: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Worin unterscheiden sich Extremsportler von anderen Spitzensportlern?
Extremsportler suchen das kalkulierte Risiko, bei dem es weniger um das Besiegen eines anderen Athleten geht, sondern mehr um das Überschreiten eigener körperlicher und geistiger Grenzen.

Ist es nur der mediale Schein, oder hat die Popularität von extremen Sportarten in den letzten Jahren zugenommen?
Aus meiner Sicht ist es genau die Wechselwirkung zwischen extremen sportlichen Unternehmungen und der medialen Verbreitung, die in den letzten Jahren immens zugenommen hat. Menschen, die fasziniert davon sind, ihre eigenen Grenzen zu testen und immer weiter hinauszuschieben, gab es schon immer und wird es vermutlich auch immer geben. Heutzutage kommen neben der intrinsischen Motivation dieser Extremsportler perfekte mediale Möglichkeiten hinzu, das eigene Ego zu vermarkten.

Warum gehen viele Extremsportler das Risiko ein, sich bei «ihrem» Sport zu verletzen oder im schlimmsten Fall zu sterben?
Der Antrieb dieser Sportler ergibt sich aus einem Anreiztrias. Der erste Anreiz ist die Intensivierung des sportlichen Erlebnisses dadurch, dass die situative Bedrohung als erregend wahrgenommen wird. Das Bedürfnis nach abwechslungsreichen, neuen, intensiven Sinneseindrücken wird in Bezug auf extreme Risikosportarten als Thrill and Adventure Seeking bezeichnet und geht mit der Bereitschaft einher, physische und soziale Risiken einzugehen. Die zweite Anreizkomponente ist das eigene Kompetenzerleben in solch extremen, aber eben auch vitalen Anforderungssituationen. Aussenstehende mögen Risikosportler so wahrnehmen, dass diese das Risiko per se suchen, aber dem ist nicht so: Das Ausmass des Risikos wird durch die individuelle Einschätzung der eigenen Fähigkeiten bestimmt.

Haben sie keine Angst? Oder können sie diese besser vergessen als «normale» Menschen?
Es besteht kein Zweifel, dass auch sie Angst empfinden. Zwei Dinge unterscheiden diese Sportler aus meiner. Dinge, die wir schon als höchst bedrohlich für unsere Gesundheit wahrnehmen, stellen für solche Sportler kein Bedrohungsszenario dar. Zum anderen haben sie Schritt für Schritt gelernt mit der Angst ihren Sport auszuüben, sie im besten Fall sogar zu nutzen, um konzentrierter, bewusster die Situation einzuschätzen und zu bewältigen. Anders ausgedrückt: Die Angst beherrscht sie nicht, sie integrieren die Angst in ihren Sport.

Welche Rolle spielt der Ruhm – vor allem in Zeiten der dauernden medialen Veröffentlichung?
Die perfekten medialen Möglichkeiten bieten die grosse Chance, seine eigenen Vorlieben und Bedürfnisse so zu vermarkten, dass man davon leben kann. Ich kann mit dem was ich liebe Geld verdienen und muss keiner vielleicht ungeliebten Arbeit nachgehen. Aus Gesprächen mit Sportlern habe ich herausgehört, dass Ruhm als Teil des Business gerne genutzt und sicher auch genossen wird, aber nicht zentral im Fokus steht. Finanziell abgesichert kann ich öfter und besser meinem Extremsport nachgehen.

Oft erleben Sportler auch nach schlimmen Unfällen Comebacks. Sind das eher die Ausnahmefälle – oder ist es normal, dass jemand süchtig nach einem Sport ist und dabei auch vergisst, dass er dabei beinahe ums Leben gekommen wäre?
In der Tat glaube ich, dass hier in vielen Fällen von Sucht gesprochen werden kann. Neuere neurobiologische Erkenntnisse insbesondere zum mesolimbischen Dopaminsystem, dem Belohnungssystem des Menschen, bieten erste Erklärungsansätze dafür, was Extremsportler antreibt ihre Sportart auszuüben. Dopaminneurone kann man sich in dem Zusammenhang als «Vorhersage-Neurone» vorstellen, die die Diskrepanz zwischen Erwartung und Ergebnis messen: Wenn sich meine Vorhersage als richtig erweist, sorgt der Dopaminausstoss sozusagen als Belohnung für mein Vergnügen richtig gelegen zu haben. Die Dopaminausschüttung im Gehirn bleibt jedoch unverändert, wenn die Belohnung ausbleibt oder geringer ausfällt als erwartet. Die Bewältigung extremer, risikoreicher sportlicher Herausforderungen stellen somit belohnende Bewegungsereignisse dar, die zu dem Wunsch führen diese zu wiederholen. Die mit der sportlichen Herausforderung einhergehende soziale Anerkennung wirkt zusätzlich sekundärer Verstärker.

Denken Sie, dass sich viele Jugendliche durch Filme wie zum Beispiel «Where the trail ends» beeinflussen lassen? Und dann versuchen diese Stunts oder Abfahrten selbst nachzumachen?
Ich könnte mir vorstellen, dass einige Jugendliche sozusagen am Modell lernen und sich von einem solchen Film beeinflussen lassen. Aber warum schauen Jugendliche überhaupt diesen Film an? Hier stellt sich die Frage nach der Henne oder dem Ei. Deshalb glaube ich eigentlich nicht, dass es ohne das Vorliegen einer gewissen Disposition zur Risikofreudigkeit, eigenen Lernerfahrungen und/oder einem begünstigenden Umfeld allein durch einen Film zu einer nachhaltigen Entwicklung dieser Jugendlichen hin zu einer Extremsportart kommt.

Sehen Sie eine Tendenz in unserer Gesellschaft, dass alles immer mehr in die Richtung «einzigartiger, extremer, aussergewöhnlicher, herausfordernder» geht? Wenn ja – woher stammt diese Tendenz?
Individualität und Aussergewöhnlichkeit sind in der heutigen Zeit vermeintlich wichtige Werte. Arnold Retzer schreibt in seinem jüngst erschienen Buch «Miese Stimmung» von der Erfolgsgesellschaft, die die Leistungsgesellschaft abgelöst hat und in der es eigentlich weniger um Leistung als mehr um Beachtung geht. Jeder möchte autonom, selbstbestimmt und anders sein, um seine persönliche «Ich-AG» zu vermarkten. Deshalb trifft Extremsport aus meiner Sicht den Nerv der Zeit. Was dabei übersehen wird, ist, dass das beständige Streben «einzigartiger, extremer, aussergewöhnlicher, herausfordernder» zu werden zum Mainstream wird und damit so gar nicht mehr einzigartig ist. Dabei rede ich weniger von den Extremsportlern, die intrinsisch motiviert ihre eigenen Grenzen verschieben wollen und sich belohnende Bewegungsereignisse verschaffen wollen, sondern mehr von einer Gesellschaft, die solches Bestreben zusätzlich verstärkt.


Schauen Sie sich Mountainbike-Videos von Extremsportlern an? Lassen Sie sich dadurch inspirieren oder sehen Sie die Entwicklung zu immer extremeren Leistungen kritisch? Wo setzen Sie persönlich die Grenzen?

In eigener Sache: Mountainbike-Blogger Jürg Buschor zeigt im Rahmen des Explora Bike Festivals seinen Diavortrag mit dem Titel «Mountainbike-Traumtouren – die Faszination der Singletrails». Das Festival dauert vom 4. bis 6. Januar 2013, Jürg Buschors Vortrag ist am Sonntag, 6. Januar, um 16.00 Uhr im Volkshaus Zürich. Informationen und Tickets gibt es online.