Viele Bergsteiger brauchen Viagra!

Bergsteigen, Himalaja

Touristisches Bergsteigen im Himalaja. Doping ist durchaus üblich.

Im Himalaja beginnt jetzt die bergsteigerische Hochsaison. Nicht nur für unsere Spitzenalpinisten, die dort neue Grenzgänge suchen. Sondern auch für den florierenden touristischen Höhenalpinismus, bei dem Krethi und Plethi mitmachen kann.

Welch magische Wirkung der Mount Everest hat, zeigen die Zahlen: 2007 wurde der höchste Berg der Erde von 604 verschiedenen Bergsteigern bestiegen. Allein am 22. Mai 2003 standen 116 Menschen auf dem 8848 Meter hohen Gipfel. Sobald sich bei günstigen Verhältnissen ein Schönwetterfenster auftut, herrscht auf der Normalroute Stau: Während die Schnellsten bereits wieder absteigen, quälen sich andere noch immer hoch. Und auch gestorben wird am Everest. Über 216 tödlich Verunglückte sind namentlich bekannt, etliche Leichen säumen den Weg.

Himalaja

Immer mehr kommerzielle Expeditionen im Himalaja. Alles wird organisiert. Sherpas begleiten die Touristen bis auf den Gipfel.

Vom Laufband aufs Dach der Welt

An den zahlreichen kommerziellen Expeditionen nehmen sogar Leute teil, die über null oder wenig Erfahrung am Berg verfügen, aber unbedingt auf einen Achttausender wollen, um damit ihr persönliches Image aufzupolieren. In gewissen Gesellschaften kommt es gut an, wenn einer in seinem Lebenslauf eine Everest-Besteigung aufführen und an Partys von eisigen Dramen erzählen kann.

Nicht wenige, die auf den Everest wollen, arbeiten zu Hause in einem Bürojob, zum Beispiel in der Wallstreet. Sie trainieren nur im Fitnessstudio, auf dem Laufband und haben vorher noch nie Steigeisen getragen. Die Berge kennen sie aus dem Fernsehen. Problematisch: Solche Leute stehen unter Zeitdruck, sie können nicht monatelang Ferien beziehen und lange akklimatisieren. Ausserdem kostet die Expedition rund 30’000 Franken. Für so viel Geld will man den Gipfel unbedingt erreichen.

Nur dank chemischen Hilfsmitteln fähig

Darum – das ist bekannt – greifen viele Bergsteiger-Amateure im Himalaja ungeniert zu Hilfsmitteln. Ein Kollege von der «NZZ am Sonntag», der vor zwei Jahren an einer Ama-Dablam-Expedition (6858 Meter) teilgenommen hatte, berichtete: «Was Doping anbelangt, gab es in unserem Lager niemanden, der allzu streberhafte Ansichten pflegte. Ja, man kann sagen: Im Vergleich zu einer Himalaja-Expedition ist die Tour de France ein Teetrinker-Verein.» – Und das, obschon die Gruppe den Gipfelsturm wegen des schlechten Wetters schliesslich gar nicht in Angriff nehmen konnte.

Nun las ich in der deutschen Tageszeitung «Die Welt»: Ärzte verschreiben Möchtegern-Alpinisten Viagra, weil das Potenzmittel die Symptome der Höhenkrankheit lindere. Erst dachte ich, das sei ein Witz. Aber tatsächlich, meine Recherche hat ergeben: In diversen «Ratgebern» für Höhenanpassung und Expeditionsmedizin, aber auch in Expeditionsberichten taucht Sildenafil (Viagra) oder das länger wirksame Tadalafil (Cialis) immer öfter auf.

Mount Everest

Höhenbergsteigen für Amateure: Viagra macht nicht schneller, aber belastbarer (Foto: Reuters/Jim Bourg)

Gross angelegte Studie

Das medizinische Forum Medknowledge.de schreibt: «Eine Studie des Lungenzentrums Giessen zeigt, dass Sildenafil, der Wirkstoff in Viagra, die Vasokonstriktion der Lungengefässe behebt, zu der es infolge des Sauerstoffmangels in extremen Höhen kommt. Der Körper reagiert auf den tiefen Sauerstoffgehalt der Luft mit einer verstärkten Leistung des rechten Herzens. Das Ziel, vermehrt Blut durch den Lungenkreislauf zu pumpen, um den wenigen über die Atmung zugeführten Sauerstoff besser aufzunehmen, misslingt allerdings. Dadurch sinkt die Sauerstoffaufnahme und damit die Belastbarkeit

(…) Eine mögliche Verbesserung könnte die Gabe von Sildenafil sein. Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass das Mittel zu einer Vasodilatation in den Lungengefässen führt und dadurch den Lungendruck senkt. Eine derzeit an weltweit 60 Zentren laufende Phase-III-Studie untersucht, ob das Potenzmittel die Belastbarkeit und Lebensqualität von Patienten mit erhöhtem Lungenhochdruck bessert.»

Was ist mit der ursprüngliche Wirkung von Viagra?

Ein deutscher Arzt, der Sildenafil in einer Höhe über 6000 Meter testete, sagte danach: Dank des Wirkstoffs habe er nicht schneller aufsteigen können, er sei aber belastbarer geworden.

Wer es braucht, soll es meinetwegen schlucken. Ich frage mich einfach, ob die potenzsteigernde Wirkung von Viagra in diesen Höhen ausbleibt? Und würde mir einer an einer Cocktailparty erzählen, er habe den Everest dank Viagra geschafft, meine Achtung hielte sich wahrscheinlich in Grenzen.

20 Kommentare zu «Viele Bergsteiger brauchen Viagra!»

  • Andy sagt:

    Viagra ist unter Höhenbergsteigern sicher weit verbreitet. Eindrücklicher finde ich was unter den heimischen Alpinisten geschluckt wird. Wer in einer SAC-Hütte im Schlafraum die Matratze hochhebt findet sicher einen ordentlichen Mix leerer Blisterpackungen Dormicum und weiterer Schlafmittel. Schliesslich will der Wochenendalpinist, der am Samstagmorgen auf eine Hütte auf 3600 Meter aufsteigt um am Sonntag einen 4Tausender zu machen nicht auch noch eine schlaflose Nacht aufgrund fehlender Akklimatisation verbringen.

  • Ovy sagt:

    Ist ein alter Hut. In der Szene werden Potenzmittel schon seit längerer Zeit im Höhenbergsteigen eingesetzt (genauso wie Diamox präventiv eingeworfen wird). Was mich aber wundert ist, dass angenommen wird, das Bergsteigen sei eine Aufputschmittel freie Zone… Ich würde es begrüssen, wenn Sie, Frau Knecht, mal ein bisschen tiefer und genauer in der Sportkletterszene recherchieren würden. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass alle diese Routen uber 8c / 8c+ ohne aggressionssteigernde Mittel getickt werden? Und das nicht nur von Amateuren…

  • Fritz sagt:

    Es ist tatsächlich so, dass Viagra und Cialis nur eine Erektion bewirken, wenn man sexuell erregt wird. Die Pille führt selber nicht zur sexuellen Erregung, sondern hilft den Blutgefässen, sich zu füllen, damit, im Falle einer Erregung, eine Erektion stattfinden kann. Gleichzeitig wirkt das Medikament auch auf andere Blutgefässe, z.B. eben im Lungenkreislauf. Damit kann es als Behandlung gegen das Höhenlungenödem, das tödlich verlaufen kann, eingesetzt werden. Es wird auch in westlichen Spitälern als Therapie des Bluthochdrucks im Lungenkreislauf verwendet. Ich finde es peinlich, wenn immerzu von Doping gesprochen wird, wenn mit Medikamenten Krankheiten behandelt oder vorgebeugt werden, die in Extremsituationen auftreten können. Oder ist es etwa Doping, wenn man Sonnencreme benutzt, weil die Sonneneinstrahlung in hoher Höhe grösser ist? Natürlich ist die Grenze zwischen Therapie, Prophylaxe und Doping im Spitzensport fliessend. Aber Artikel dieser Art bewegen sich auf Kindergartenniveau.

    • BiBi Malena sagt:

      … mit dem Unterschied, dass ich mit Sonnencrème keine Leistungen erbringe, die ich ohne nicht schaffen würde.

      Auch bei mir hält sich die Achtung in Grenzen, wenn auf leistungssteigernde o. ä. Mittel zurückgegriffen wird, irgendwie finde ich das unehrlich. Aber soll doch jeder tun und lassen, was er will

  • treme sagt:

    Hauptsache man(n) erreicht einen Hoehepunkt. Ob mit oder ohne Viagra, mit wenig Sauerstoff auf dem Mt Everst haette ich sicher einen oder zwei…..

  • Robert sagt:

    ich stimme frau knecht grundsätzlich zu.
    womit ich jedoch mühe habe ist die aussage „würde mir einer an einer Cocktailparty erzählen, er habe den Everest dank Viagra geschafft, meine Achtung hielte sich wahrscheinlich in Grenzen“.
    ich ziehe vor jedem den hut, der den everest (oder jeden anderen 8000er) erreicht hat. egal mit welchen mitteln, ob mit oder ohne sauerstoff, ob mit oder ohne sherpas, ob mit oder ohne diamox, ob mit oder ohne viagra. wer selber schon einmal einen gipfel über 6000 m bestiegen hat, weiss, welche anstrengungen für solch hohe berge nötig sind.

    • Urs René Lehmann sagt:

      Ich finde alles Extremsportarten so oder so sinnlos. Gibt es nicht genug zu tun in den Leben dieser Menschen? Baz lesen und Leserbriefe schreiben zum Beispiel?

      • Lorenz sagt:

        die baz lesen ist für gewisse leute auch eine extremsportart ;-)
        also: jedem das seine. was für den einen extrem ist, muss es für den anderen noch lange nicht sein. und umgekehrt.

  • Hansjörg Cartier sagt:

    Kann Man(n) so den Eispikel sparen?

  • Enea Marieni sagt:

    Im Bergsport werden schon längstens Spitzenleistungen mit gutem Material, idealen Reisebedingungen, bezahlten Sherpas, Sauerstoff, Sattelittentechnik und Medikamenten missbraucht. Ich habe mehr Respekt vor einem Jogger auf der Finnenbahn, der einsam seine Runden dreht. Ob jemand einen Speedrekord erzielt in welcher Zeit auch immer, ist nur noch eine reine Marketingmassnahme für die Outdoor-Branche und den Medien (auch diesen Blog) Der Aufwand dafür, steht in keinem Verhältnis mehr und der menschliche Narzismus wird diese Spirale leider weiter antreiben,

    • René sagt:

      hier geht es gerade eben nicht um spitzenleistungen. sondern um berge besteigen mit sauerstoffflaschen, dopingmitteln und medikamenten. die von ihnen kritisierten speedbegehungen (wahrscheinlich denken sie an ueli steck) sind eben bester alpinstil, keine eingerichteten routen, keine sherpas die vorausgehen, keine sauerstoffflaschen am rücken, sondern schnell und ohne viel material und zwischenlager. stecks leistungen ist spitzensport und in keiner weise vergleichbar mit den begehungen der sauerstoffflaschen-halter.

  • Sissi sagt:

    Nun Frau Knecht, Sie habe Ihre Recherche wohl etwas gar früh abgebrochen. Denn sonst wüssten Sie,dass Viagra und Co OHNE sexuelle Stimulation rein gar nichts bewirkt. Ich selber bin keine Bergsteigerin, aber ich zweifle doch etwas daran, dass man auf 6000müM, oder noch höher, kurz vor erreichen des Gipfels, am Ende der Kräfte, noch an lustvollen Sex denkt.

    • franz sagt:

      … sonst könnte man ja glatt behaupten, man könne sich (auch hier) hochschlafen …

    • ralph sagt:

      Nun wehrte Sissi, ich bin kein Mediziner, weiss aber, dass Viagra bzgl errektion nur bei entsprechender Stimulation und oder mit dem „richtigen“ Gedankengut wirkt, nehme aber an, dass oben beschriebene Abläufe bzgl Luftzirkulation und Sauerstoffgehalten, etc. auch ohne Errektion ablaufen…also ganz ruhig bleiben und weiter recherchieren….

    • Michael Strässle sagt:

      War Viagra ganz ganz ursprünglich nicht ein Herzmittel?

  • Roland sagt:

    Das ist doch praktisch! Die Bergsteiger klettern mit einem Ständer und finden so mehr Platz für ihre Karabinerhacken.

    • Cybot sagt:

      Und auf drei Beinen steht man bekanntlich erst noch viel stabiler als auf zweien… ;-)

  • Damit hat sich eine Legende bestätigt: Dass Bergsteiger Viagra schlucken, hielt ich bislang für einen Witz!

  • Chris sagt:

    Für mich ein sehr schöner Artikel zur Thematik. Meiner Ansicht nach ist die schnell zugängige Verabreichung von Medikamenten zur Prophylaxe oder zur akuten Behandlung von Symptomen der Höhenkrankheit sehr grenzwertig. Aufgrund der steigenden Zahlen von Aplininteressierten, welche aber oftmals nicht über ausreichende Kenntnisse zum Verhalten in Höhe sowie einer sinnvollen Vorbereitung verfügen ist eine Thematisierung wünschenswert.
    Eine Vorabakklimatisation oder eine ausreichende Akklimatisierung direkt vor Ort wäre anzustreben, ist aber leider oft auf Grund von Zeitmangel (Urlaub) und der teilweise sehr kurzen Zeitphasen für den Aufstieg nicht realisierbar.
    Vielleicht wäre zusätzlich ein Bericht über die Möglichkeit der Akklimatisation mit Hilfe von Höhengeneratoren interessant. Diese Methode (in Verbindung mit Zelt oder Maske) wird derweil schon häufig erfolgreich zur Vorakklimatisation eingesetzt.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.