Now we’re walking

Die Zeit läuft langsamer: Das Graubünden Walking von Lenzerheide auf das Parpaner Rothorn. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Als ich mich vor fünf Jahren auf meine erste Laufteilnahme vorbereitete, war ich plötzlich mit einer ganz neuen Welt konfrontiert: Ich fand heraus, was hinter dem Begriff «Pace» steckte, worauf beim Schuhkauf zu achten ist und was Pronieren bedeutete. Ich absolvierte meinen ersten 5-Kilometer Lauf joggend und brauchte dafür mit einer knappen Stunde Laufzeit dreimal länger als der Schnellste in der gleichen Kategorie.

Schon damals war ich mit der Frage konfrontiert, ob man ein solch langsames Tempo überhaupt als «Joggen» bezeichnen konnte. Und merke immer wieder, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Kürzlich sagte eine Blogleserin zu mir: «Ich wünschte, ich könnte so schnell rennen wie du.» Ich erzählte ihr dann, dass mich schon einmal jemand gefragt hatte, ob ich einen Lauf eigentlich rückwärtsgelaufen sei, weil meine Schlusszeit dermassen langsam war.

Eine 14er-Pace reicht für den letzten Rang

Da ich meine Gelenke nicht frühzeitig in Rente schicken wollte, bin ich nach dem ersten Lauf auf das gelenkschonendere Walking umgestiegen. Wir haben als Team Run Couchpotatoes Run bis dato an rund einem Dutzend Laufveranstaltungen teilgenommen und schaffen es immer noch regelmässig, als glorreiche Letzte das Ziel zu erreichen. Um es mal im Läuferjargon auszudrücken: Mit meiner Maximal-Pace zwischen 13 und 14 wird man mich nie in den oberen Rängen von Schweizer Läufen finden.

Ein absolvierter Kilometer ist ein absolvierter Kilometer: Die Autorin (r.) im Einsatz. Foto: ZVG

Meine erste Abklärung, bevor ich an einem Lauf teilnehme, ist jeweils die Frage nach einer Zeitlimite für die Strecke. Schliesslich möchte ich nicht nochmals erleben, dass mir die Wegmarkierung während eines Laufes vor der Nase weggeräumt wird. Und ganz ehrlich: Genauso wie bei meiner ersten Laufteilnahme fühle ich mich im Startfeld unter den anderen, meistens enorm sportlichen Laufteilnehmern immer noch als Ausnahmeerscheinung und ein bisschen fehl am Platz.

An diesen Laufveranstaltungen habe ich schon sehr viele despektierliche Bemerkungen gehört. Nicht nur uns gegenüber – diese halten sich Gott sei Dank im Rahmen. Sondern vielmehr auch von den Läufern untereinander. So hörte ich beispielsweise einmal am Start bei der Walking-Kategorie: «Diese ausgemergelten Spargeltarzane, welche die Strecke seckeln wie gestört, haben doch alle einen Knall.» Umgekehrt tönte es auch schon aus dem Lager der Jogger: «Die doofen Stöckler, die so langsam unterwegs sind, sollten verboten sein.»

Sind wir denn wirklich so unterschiedlich?

Ich persönlich glaube, dass uns ungeachtet unserer Finisher-Zeiten viel mehr verbindet als trennt: Wir alle haben Freude an der Bewegung an der frischen Luft. Wir trainieren und bereiten uns minutiös auf einen Wettkampf vor. Und zwar auch in dem Fall, in welchem wir nicht gegen das restliche Läuferfeld antreten, sondern vielmehr gegen unseren inneren Schweinehund. Ob wir rennen oder walken, ob 5er- oder 14er-Pace: Ein absolvierter Kilometer ist ein absolvierter Kilometer. Und wir sind alle überglücklich, wenn wir heil ins Ziel kommen und eine persönliche Bestleistung feiern dürfen.

Ich persönlich fände es mega, wenn sich mehr «andere» Läufer auch zu Lauf- respektive Walking-Teilnahmen motivieren könnten und das Startfeld an solchen Sportveranstaltungen in Sachen Körperformen bunter durchmischt würde. Und statt dem trennenden Faktor Tempo vielmehr auch der verbindende Faktor Freude im Vordergrund stünde. Um es mit den Worten meiner Laufkollegin Judith Riemer auszudrücken: «Frag mich nicht, wie schnell ich war. Frag mich lieber, wie glücklich es mich macht!»

10 Kommentare zu «Now we’re walking»

  • MD sagt:

    Danke für deinen tollen Bericht!

  • Christoph Bögli sagt:

    Es ist effektiv Schade, dass für viele Menschen immer im Vordergrund steht, sich irgendwie abzugrenzen und andere herabzusetzen um sich als „richtige Läufer“ o.ä. als etwas besseres zu fühlen. Das gilt ja nicht nur für den Laufsport, sondern findet man leider überall. Insofern kann man der Autorin nur zustimmen und sich fragen, wie man sich nicht einfach gemeinsam an etwas erfreuen kann..

    • second step sagt:

      Es scheint zumindest hierzulande so zu sein, dass viele diese Abgrenzung brauchen, um sich irgendwie grösser zu fühlen. Oder gibt es noch einen anderen Grund? Zum Beispiel habe ich schon Leute gehört/getroffen die sich als „richtige“ Alpinisten, „richtiger“ Läufer, „richtige“ Weinliebhaber, „richtige“ Kunstliebhaber und „richtige“ Kiffer (kein Witz!) bezeichneten. Alles Leute übrigens, die diese Beschäftigung hobbymässig ausgeübt haben. Ausser beim Kiffer, dort schien es eher der Lebensinhalt zu sein…). Im angelsächsischen Raum ist mir dies viel weniger begegnet, die Leute dort sind eher pragmatisch im Sinne von Leben und Leben lassen (zumindest in meiner Erfahrung). Toller Blog von A. Baumann übrigens, den lese ich immer gerne! Viel Spass weiterhin beim Walken.

    • maettu sagt:

      Meine Erfahrung zeigt, dass die Diskussionen Läufer/ Jogger/ Walker in Foren viel heftiger diskutiert wird, wie im Leben draussen. Ich bin selber langjähriger Jogger/Läufer und kenne das so nicht, die meisten geniessen einfach das Laufen und haben Respekt vor anderen Läufern. Ich verstehe nicht, warum wir uns immer selber Schlecht reden (sind wir gar nicht!). An die Autorin: weiter so!

      • second step sagt:

        Hat ja nichts mit immer schlecht reden zu tun. Die Autorin beschreibt einfach etwas was ihr aufgefallen ist in der Renn-Szene und das ich (und offenbar andere) auch immer wieder erlebe, das Beduerfniss nach Abgrenzung. Da ich das anderswo nicht so erlebte scheint es mir eine Eigenschaft von zumindest einigen Schweizern zu sein (neben vielen anderen positiven/negativen Eigenschaften).

  • Peter Aletsch sagt:

    Frage: Was führt eher zur Arthrose: schnelles Rennen mit Normalgewicht, oder langsames mit Uebergewicht? Ersteres hat m.W. keinen Einfluss, ausser bei extremer Ueberlastung. Ich würde es nicht darauf aufkommen lassen und zum besten Antiarthrose-Mittel greifen: das Velo.

  • Martina sagt:

    Schöner Bericht und sehr wahr. Bestan Dank dafür.

  • Nick sagt:

    Jede/r soll tun was er/sie will und das dumme Gerede der anderen einfach ignorieren. Hauptsache Spass und Bewegung. Und an alle KritikerInnen: hört doch endlich auf, über „schlechtere“ zu lästern. Was habt ihr davon? Nichts. Natürlich freue ich mich, dass ich in meiner Alterskategorie weit vorne bin. Aber das gibt mir noch lange kein Recht, auf langsamere Läufer herabzusehen oder sie gar zu beleidigen.

  • Tabea sagt:

    Ich jogge seit über 10 Jahren in auch eher gemächlichem Tempo (7-8Min/km). Mir ist das aber egal. Ich geniesse die Bewegung, die frische Luft, den freien Kopf…und im Zweifelsfall laufe ich lieber 1.5h Stunden und fühle mich danach erfrischt als dass ich nach 30Min Vollgas fast einen Kollaps kriege. Das finde ich irgendwie unbefriedigend. Deshalb jogge ich auch immer allein, da gibts keine Tempodiskussionen. Ich mag auch nicht nach Programm trainieren, das schlägt mir auf die Motivation. Jeder wie er will!

  • Doris sagt:

    Ich finde es ganz toll, wie gelassen und mit einer wunderbaren Dosis Selbstironie die Autorin das Ganze angeht. Lese immer wieder gerne von ihr. Weiter so!

Kommentar

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