Das perfekte Happy End

Geschafft: Autorin Pia Wertheimer erhält nach dem Boston Marathon die «Six Stars»-Medaille. Fotos Pia Wertheimer

Es war einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Er sitzt tief, denn die Erinnerung daran treibt mir noch immer Tränen in die Augen. Ein perfektes Happy End, das Walt Disney bestimmt vor Neid erblassen liesse – so fühlt es sich zumindest an. Und schuld daran war eine Fremde. Aber von vorne.

Glücklich und gerührt.

Diese Geschichte beginnt an einem sonnigen Herbsttag vor sieben Jahren, in einem verschlafenen Ort im Zürcher Oberland. Mitten in einer Krise – die Ehe liegt in Scherben, der Arbeitgeber hat eine Entlassungsrunde angekündigt – ergreife ich die Flucht nach vorne. Frei nach dem Motto «When the going gets tough, start running!» entwerfe ich meinen Plan gegen die Misere. Er soll eine Erfahrung fürs Leben sein, etwas Intensives, fast Unerreichbares: ein Marathon. Nicht irgendeiner. New York. 1,5 Millionen Zuschauer und eine atemberaubende Kulisse. Nicht einfach ins Ziel kommen: persönliche Zeitlimite vier Stunden. Ein einjähriges Projekt, das nur ich alleine vollenden oder verbocken kann. Ein Plan mit einer Deadline.

Erfahrungen fürs Leben

Es kam alles anders: An jenem ersten Novembersonntag 2010 wusste ich im Ziel im Central Park in New York bereits – es würde nicht bei dem einen bleiben. Zu intensiv waren die Emotionen, die mir die 42,195 Kilometer beschert hatten. Dieses Gefühl, auf der Strecke an die eigenen Grenzen zu stossen, sie zu verschieben und dabei die ureigenen, inneren Zweifler Lügen zu strafen, stärkte mein Selbstvertrauen. Das Laufen hatte sich in diesem einen Jahr in mein Leben geschlichen, als wertvolles Ventil macht es mich umweltverträglich, als Leidenschaft schenkt es mir Freiheit.

Ich hatte inzwischen die Strassen von Wien, Nizza und Paris erlaufen, als ich 2015 von den Marathon-Sternen erfuhr. Die «Six Stars». Nach ihnen greifen darf, wer alle sechs World Marathon Majors schafft. Mit New York hatte ich mir bereits den ersten Stern gesichert – es fehlten Tokio, Boston, London, Berlin und Chicago.

Diese sechs Sterne erklärte ich zu meinem Herzensprojekt – und machte en passant Erfahrungen fürs Leben. Es mag kitschig klingen, aber auf dem Weg zur Startlinie eines Marathons und auf den 42,195 Kilometern lernte ich mich besser kennen. Und von jeder Stadt nahm ich ein «Souvenir» mit nach Hause: In Berlin machte ich Bekanntschaft mit dem Hammermann. Dabei erfuhr ich, wie wertvoll für den Kampfgeist die kleine Geste eines unbekannten Zuschauers sein kann. Bei Kilometer 35 erkannte nämlich der erfahrene Läufer und Reiseveranstalter Markus Roth mein Elend und reichte mir spontan eine Cola. Sie half mir, nicht aufzugeben – nicht nur wegen des Zuckers und des Koffeins, sondern auch auf irrationale Weise. In Berlin zeigte sich die Königsdistanz von ihrer hässlichen Seite.

Keuchhusten und Autounfall

Nach dieser Watsche, ein gutes halbes Jahr später, dann die unerwartete Versöhnung in London – mit einer Bestzeit. So launisch und unberechenbar ist Marathon. Chicago lehrte mich, dass beim Langstreckenlaufen nicht nur das Training, die körperliche Fitness stimmen muss, sondern auch die seelische Verfassung eine wichtige Rolle spielt. Von schwierigen beruflichen und privaten Situationen innerlich angeschlagen, vermochten sich meine Kampfgeister dem inneren Schweinehund nicht entgegenzustellen – mit dem Kopf durch die Wand geht auf dieser Distanz nicht, dafür ist sie zu lang. Ich musste meine Zielzeitvorstellungen anpassen. Als wäre das nicht genug gewesen, funkte das Schicksal dazwischen: erst Keuchhusten, dann ein Autounfall nur wenige Wochen vor Tokio. Dankbar für das grüne Licht der Ärzte im letzten Augenblick, machte ich diesen Marathon zu einem ganz persönlichen, kleinen Fest: Ich hatte dem Unglück ein Schnippchen geschlagen. Die 42,195 Kilometer waren ein Genuss auf ihrer ganzen Länge, die Japaner feierten euphorisch mit mir.

Eine herzliche Umarmung im richtigen Moment.

In Boston, dem ältesten Strassenmarathon, schlug ich schliesslich das letzte Kapitel auf. Der Lauf war für mich der letzte der sechs Marathon Majors: Danach würde ich mich zu den «Six Star Finishers» zählen dürfen. Das alleine machte ihn zu etwas Besonderem. Anders als in Berlin sollte der Hammermann mir die Party nicht vermiesen, ich wollte feiern wie in Tokio – und liess es gemächlich angehen. Es war ein ungewöhnlich heisser Aprilmontag. Die Hitze forderte ihren Tribut. Die letzten zwei Kilometer waren harte Arbeit. Glücklich nahm ich im Ziel die Finishermedaille mit dem legendären Einhorn der Boston Athletic Association entgegen. Als mir dann aber eine Helferin den «Six-Star-Plämpu» umhängte, war es um mich geschehen. Unfassbares Glück, pure Erleichterung, unendliche Erschöpfung. Der Kampf gegen die Tränen war hoffnungslos. Da stand ich, ein überglückliches Häufchen Elend und rang nach Fassung. Unbemerkt trat eine Läuferin neben mich und fragte sanft: «Do you need a hug?» Wir fielen uns in die Arme. Zwei verschwitzte Fremde, die sich wortlos umarmten und nichts an diesem Moment war eigenartig. Es war das perfekte Happy End.

Nachtrag: Sie kannte meinen Namen, ich hatte in meinem emotionalen Tumult vergessen, sie danach zu fragen. Erst Tage später erfuhr ich über Twitter und Instagram, wem ich diesen unbezahlbaren Moment verdankte: Beal

18 Kommentare zu «Das perfekte Happy End»

  • Normalweg sagt:

    Herzliche Gratulation. Menschen wie die Autorin, welche aus dem Alltag heraus sich besondere Ziele setzten, sind immer wieder inspirierend und motivierend um eigene Pläne zu verwirklichen.

  • Bernhard Vögeli sagt:

    Ich wünsche dir Pia noch ganz viele, schöne Lauferlebnisse!
    Toller Blog – gefällt mir gut.
    (Wir haben uns in Boston im Flughafen und auf dem Rückweg im Bus getroffen).

  • Andi Neukomm sagt:

    Dumm nur, dass ABBOTT (ein weltweit tätiges Unternehmen im Gesundheitswesen) die Serie auf Asien (ausserhalb Japan) und Afrika erweitern wird. ABBOTTs bisher festgelegte „world’s six greatest marathons“ bekommen also Zuwachs. Es soll schliesslich den „Six Star Finishern“ nicht langweilig werden. Schon bald könnten sie „10 Star Finishers“ sein, falls sie bis dann noch laufen mögen. Abbott freuts, die Veranstalter auch, denn die Kasse klingelt. Wer will schon als „Six Star Finisher“ dastehen, wenn man dank Portemonnaie aufsteigen kann. Ein Blick auf die Rangliste: Die erstgenannte, eine Mariann Aagesen, läuft Zeiten über 6 Stunden. Hauptsache: The „world’s six greatest marathons“ sind „fremdbestimmt“ abgehakt. Viel Vergnügen!

  • Susanne, New York sagt:

    super congrats. You are the super star. Weiter so.
    Herzliche Gratulation.

  • Markus Aschwanden sagt:

    An alle Weltverbesserer, der Sport verbindet Menschen auf der ganzen Welt wie es sonst keine andere Institution macht. Dies erlebe ich selber immer wieder an Wettkämpfen und vor allem an den Marathons. Wer noch nie einen Langdistanz Wettkampf gemacht hat, kennt auch diese Glücksgefühle und Emotionen nicht. Ich sage nur Bravo für den Mut, den Durchhaltewillen und die Top Leistung.

  • Rolf Kägi sagt:

    Wahre Worte Pia! Diese Gefühle können nur richtige Marathonis nachvollziehen – und dazu gehören die obigen Miesepeter und Besserwisser sicher nicht! Und den Spruch, dass man in einem Marathon im Zeitraffer ein ganzes Leben „erläuft“, kann ich definitiv unterschreiben. Hab’s schon 27x erlebt und jedes Mal war’s einzigartig. Keep on running Pia und viel Glück bei Deinem nächsten Projekt.

  • cyan jaeger sagt:

    Ganz herzlichen Glückwunsch zu den Six Stars – und an all die Nörgler, die ihr Gift in den Kommentarspalten loslassen: Es ist eine grosse Leistung, die über Jahre erbracht wurde und „nur“ weil Frau Wertheimer über ihre persönlichen Laufziele schreibt, heisst das nicht, dass sie nicht auch was für andere Menschen tut.

    Ich kann mit Laufen auch nichts anfangen aber die Leistung, die hier erbracht wurde, zollt meinen Respekt….

  • Ikbal hastifi sagt:

    Wenn Leute langweilig ist machen sie sowas warum setzt sich diese Frau nicht für das Leiden der welt ein Zb in Syrien helfen
    Ausserdem rennen ist schlecht für Gelenke
    Dies Frau wird noch bereuen

    • Reisender sagt:

      Komische Weltansicht! Warum sich nicht etwas Gutes gönnen, die eigene Leistungsfähigkeit erhöhen, Ziele erreichen? Das macht den Menschen stärker. Was kann man stattdessen in Syrien tun? Danke für Vorschläge!

    • ueli keller sagt:

      Aus Ihnen winkt der pure Neid, dass eine Frau etwas schafft, was Sie wahrscheinlich nie im Leben erreichen werden. Es gibt tatsächlich Frauen, die nicht nur gut schreiben, sondern auch gut rennen können.

  • Random Guy sagt:

    Seltsamer Titel. Ein Happy End ist der bestmögliche Ausgang. Besser gehts nicht mehr. Was bitte soll also ein „perfektes Happy End“ sein?

  • Sportkrücke sagt:

    Wow, grosser Respekt, Sie können stolz sein!

  • Martin Gautschi sagt:

    Stimmt ja alles, und mein grösster Respekt! Aber ich bin schon ein bisschen betupft durch den Satz ‚Diese Geschichte beginnt an einem sonnigen Herbsttag vor sieben Jahren, in einem verschlafenen Ort im Zürcher Oberland.‘
    Meinst Du wirklich Hittnau? Hit-now!

  • Lukas Aeschbacher sagt:

    Herzliche Gratulation zum „Six Star“ und zum perfekten Happy-End. Die Story erinnert mich ein wenig an meine eigene. Mein erklärtes Ziel aus einer tiefen Krise heraus war der K42 Swissalpine Davos. Nach 1.5 Jahren Training, 15kg Gewichtsabnahme, mehrmonatigem Rauchstopp und erfolgreichem Testlauf (Zürich Marathon) ging ich zuversichtlich an den K42. Es lief eigentlich recht gut, aber es war hart, unerwartet hart. Am Schluss läuft man eine Runde im Eisstadion von Davos, vor viel anfeuerndem Publikum, und dann lief in voller Lautstärke „Louenesee“ von Span. Ich weiss nicht mehr warum – ob aus Freude, Erleichterung oder Ergriffenheit -, aber die Tränen flossen einfach. Diese Momente sind mittlerweile 13 Jahre her aber immer noch voll präsent.

  • Paul Schönenberger sagt:

    Chapeaux – Gratulation für den durchhalte Willen. Es bleiben die schönen emotionalen Erfahrungen, die der Marathonlauf bringt. Alles Gute und viel Glück.

  • Laura Fehlmann sagt:

    So schön! Genau diese Situation hab ich auch einmal erlebt – unvergesslich.

  • Adobati sagt:

    Ich möchte dir herzlich gratulieren zu deinem super Erfolg . Ich war eine begeisterte Läuferin ‍♀️ und bin Berlin und Wien gelaufen was für schöne Gefühle unbeschreiblich. Bis vor drei Jahren nach einer Knieverletzung und einer Operation das laufen nicht mehr möglich ist. Ich habe gelitten und war richtig böse mit mir selbst. Jetzt kann ich zum Glück wieder Fahrradfahren. Ich wünsche dir weiterhin schöne tolle Zeit neue Ziele und Gesundheit Daniela

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