Marathon auf Japanisch

Hauptsache bunt: Die Läufer – und die Zuschauer – des Tokio-Marathon lieben es, sich zu verkleiden. Foto: Toru Hanai (Reuters)

Marathon ist nicht gleich Marathon. 42,195 Kilometer in den Bergen unterscheiden sich von der gleichen Distanz durch die Strassen einer Metropole. Es sind längst nicht nur das Streckenprofil, die Bodenbeschaffenheit oder die Kulisse, die den Charakter eines Marathons ausmachen. Das sind Äusserlichkeiten – mehr nicht. Es sind die Zuschauer, die ihm ein unvergleichliches Kolorit verleihen. Der Marathon bietet einer Gesellschaft eine 42,195 Kilometer lange Gelegenheit, sich zu manifestieren. Deutlich spürbar macht dies der Lauf in Tokio. Die Stadt im Zentrum des japanischen Archipels ist das Zuhause von 9,3 Millionen Menschen, die meist nur mit Mundschutz durch die Strassen marschieren.

Strahlstärke nach eigenem Gusto

Flippig: Die Fussbekleidung einer Läuferin. Foto: Pia Wertheimer

Dort stehen buddhistische Tempel mit geschwungenen Dächern neben gläsern-kühlen Wolkenkratzern. Dort befremden sprechende Getränkeapparate, die Werbebotschaften verkünden die Touristen. Ebenso die polyglotten Bancomaten, die sie daran erinnern, weder Karte noch Portemonnaie liegen zu lassen. Dort verblüffen die blitzblanken Strassen sogar Schweizer – und das, obschon Abfalleimer in Tokio eine regelrechte Rarität sind. Dort sind öffentliche Toiletten vielerorts mit Dusch-WCs ausgestattet, deren Klobrillen geheizt, deren Strahlstärke sich nach Gusto wählen lässt und die nach Wunsch mit künstlichen Spülgeräuschen Diskretion garantieren. Dort quittieren die beflissenen Verkäuferinnen die Fragen der englischsprechenden Kundin mit einem Wortschwall – auf Japanisch. Dort bildet das farbenfroh-verrückte Nachtleben die befreiende Antithese zum anzuggeprägten, disziplinierten Alltag der arbeitsamen Japaner.

Strahlend blauer Himmel und der obligate Mundschutz. Foto: Pia Wertheimer

Wer in Tokios Strassen die Königsdistanz der Läufer bestreitet, erlebt genau diesen exotischen Facettenreichtum: Scharenweise säumen Schaulustige die Strecke, mal frenetisch kreischend, mal diskret applaudierend – das halbe Gesicht oft vom obligaten Mundschutz verdeckt. Und anders als an grossen Marathons in London oder New York, verkleiden sich in Tokio nicht nur etliche Läufer, sondern auch viele der Zuschauer. So erhält der Marathoni die wohl einmalige Gelegenheit, mit Super Mario, den Minions oder anderen Comicfiguren abzuklatschen. Aber auch am Strassenrand trifft am Renntag in Tokio die Moderne auf die Tradition. So schreit sich neben einem angealterten Mann im Nemo-Kostüm eine zierliche, sorgfältig geschminkte Jugendliche im lilafarbenen Kimono von einer Bockleiter herab die Lunge aus dem Leib. Für die kleine Lady mit passender Pagenschnitt-Perücke gibt es nur ein passendes Wort, und dieses stammt aus der Schweizer Hauptstadt: Sie ist schlicht «obenuse»!

Die Differenzen verschwinden

Die sprachlichen Differenzen von Einheimischen und Westlern mögen zwar an der Ladentheke eklatant und hinderlich sein – beim Marathon fällt die Verständnishürde bereits im Startbereich. Zwar rätselt die laufende Touristin, was die Schriftzeichen auf den Transparenten wohl bedeuten – unmissverständlich sind hingegen die ermutigenden Zurufe, wenn der Kampf der Läuferin kurz vor dem Ziel in die finale Runde geht. Die japanische Sauberkeit ist auf der Strecke genauso augenfällig wie im Alltag, denn alle paar hundert Meter steht ein emsiger Helfer mit einer Plastiktüte und ist bemüht, den Läufern den Abfall abzunehmen. Diese Phänomene gehören zur japanischen Kultur, und sie sind es, die den Tokio-Marathon einzigartig machen.

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