Schweizer Monsun

Diese Woche eine Dörferrunde im Zürcher Oberland

Tämbrig? Ich sehe den lang gezogenen Hügel nordöstlich des Pfäffikersees auf meiner Karte und stelle fest, dass er etwas über 800 Meter hoch ist und mehrere Gipfel hat. Eine Besteigung lohne sich nicht wirklich, lese ich im Internet. Der Tämbrig, dessen Name von «Tannenberg» kommt, ist dicht bewaldet. Aussicht hat man offenbar von ihm nicht.

Umrunden wir den Tämbrig stattdessen, beschliesse ich auf dem Sofa. Einige Tage später starten ich und meine Gruppe, die offiziell «Fähnlein Fieselschweif» heisst, von mir aber bisweilen auch «D Chlifamilie» genannt wird, am Bahnhof Pfäffikon. Schnell sind wir den Ort los, kommen in den Wald und in ein Tobel. Die Passage hinüber nach Wallikon: eins a. Da ist der dunkle Tobelweiher, fast ein kleiner See. Da sind Nagelfluhwände, an einer Stelle verengt sich der Weg zum Abenteuerpfad. Da ist zudem ein Giessen, wie man Wasserfälle im Zürcher Oberland nennt.

Das war nah!

Wallikon ist ein Dorfweiler mit einem alten Schulhaus und einem Restaurant, der Alpenrose. Leider es ist zu früh zum Einkehren. An der Flanke des Tämbrig ziehen wir vorwärts, der Himmel ist nun weit. Aber auch düster, Wolken ballen sich; im Radio haben sie am Morgen gesagt, das Tageswetter sei wechselhaft. Tatsächlich beginnt es zu tröpfeln. Wir sind an dieser Stelle übrigens nur noch zu viert. Eine überfitte Dreierfraktion hat sich zwischenzeitlich abgesetzt, sie will doch auf den Tämbrig.

Wieder ein Weiler, einer mit Flarzhäusern und einem turmbewehrten Spritzenhäuschen: Gündisau. Anschliessend steigt der Weg, es beginnt zu prasseln, eine Art Schweizer Monsun ist das. Kein Problem, wir sind bald in Hermatswil, wo wir zu Mittag essen wollen. Oder doch ein Problem? 300 Meter vor Hermatswil ein scharfer Blitz und krachender Donner. Das war nah.

In der Eintracht warten die Tämbrig-Helden schon. Oben hätten sie wirklich nicht viel gesehen, berichten sie. Ausser ein Reh und extrem viele Schnecken. Alsbald widmet sich alles der Menükarte. Die Eintracht ist eine Dorfwirtschaft in Holz mit einem Kachelofen, als Tagesspezialität wird das Cordon bleu empfohlen. Nehmen wir gern. Ronja und Svenja entscheiden sich für Münchner Weisswürste. Sie schwimmen in einem stilecht blau-weiss karierten Topf, zum Schöpfen wird eine exakt auf Weisswurstgrösse formatierte Kelle gereicht.

Himmelsregatta

Als wir weiterziehen, hat sich der Regen verzogen. Das Wasser macht das Gras und die Baumblätter und Tannen glänzend grün, am Himmel segeln dramatisch die Wolkenschiffe, wir steigen auf zum Reservoir über dem Ort und steigen ein letztes Mal ab Richtung Hittnau. Zuvor kommt aber das Dorf Isikon. Der Wegweiser führt uns zum Jakob-Stutz-Gedenkbrunnen. Der Dichter, geboren 1801, wird heute vor allem aus volkskundlichem Interesse gelesen; man erfährt aus seinen Schriften viel über das Landleben im 19. Jahrhundert.

Drückend plötzlich die Luft. Eine kurze Passage den Schwarzenbach entlang, dann biegen wir links ab und visieren das Dorf Hittnau an, das uns nach Wallikon, Gündisau und Hermatswil gross und eher ungemütlich vorkommt. Die Wirtschaft Sonne freilich, in der wir ein Bier trinken, mögen wir sehr, sie spendet Geborgenheit. Draussen beginnt es wieder zu regnen, nicht sanft, sondern aggressiv, wild, laut. Diese Wanderung bot uns eine tolle Landschaft. Und grosses Wetterkino.

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Route: Bahnhof Pfäffikon ZH – Tobel – Wallikon – Gündisau – Niederfeld – Hermatswil – Reservoir – Grossholz – Isikon – Sonnenhof – Weg am Schwarzenbach – Hittnau.

Wanderzeit: 3 1/4 Stunden.

Höhendifferenz: 356 Meter auf-, 266 abwärts.

Wanderkarte: 226 T Rapperswil, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Hittnau zum Bahnhof Pfäffikon.

Charakter: Idyllische Landschaft, Tobel, Wald und weite Horizonte im Mix. Etwas für die ganze Familie und für jedes Wetter.

Höhepunkte: Die Engpassage einer Nagelfluhwand entlang im Tobel gleich nach Pfäffikon und der Giessen. Die Weite der Landschaft vor Gündisau. Ankunft und Einkehr in Hermatswil. Der Anblick des Pfäffikersees von oberhalb Isikon.

Kinder: Perfekt.

Hund: Ebenfalls perfekt.

Einkehr: Wallikon, Alpenrösli, Mo Ruhetag. Hermatswil, Eintracht, Mo, Di, Mi Ruhetag. Do erst ab 16 Uhr. Hermatswil, Besenbeiz Lotharstube, Mi, Do, Sa Ruhetag. Mo, Di, Fr ab 16 Uhr, So ab 11 Uhr. Isikon, Zur Frohen Aussicht, Mo, Di Ruhetag. Mi bis Fr am Nachmittag zu. Sa ab 18 Uhr. Hittnau, Sonne, Mi Ruhetag. Sa erst ab 15 Uhr.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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