Das Phantom von Oberwald

Diese Woche von Huttwil auf die Fritzenfluh und retour (BE)

Nach Huttwil fahre ich gern, das Städtchen ist für mich der Inbegriff von Geborgenheit. Diesmal ist Huttwil nicht so gemütlich. Wenigstens nicht der Bahnhof. Er wird totalsaniert. Bei der Planung des 50-Millionen-Projektes vergass man übrigens die Toilettenanlagen, habe ich gelesen. Dies, weil für die Toiletten des Bahnunternehmens BLS nicht dieses selbst zuständig ist, sondern die jeweilige Gemeinde. Und die wusste in diesem Fall davon offenbar nichts.

Wir ziehen los, erstes Ziel ist Oberwald. Bis Neuhus folgen wir der Strasse, alsbald schwenkt der Wanderweg ins Grüne. Wobei, um etwas Wichtiges gleich zu Beginn zu deponieren: Immer wieder mal geht man auf dieser Wanderung auf Hartbelag. Wir queren die Wyssachen auf einem Steg, gewinnen Höhe, erblicken links vorn das gleichnamige Dorf. Unsere Wanderung ist eine Umrundung von Wyssachen; wir werden dieses aus allen Winkeln immer neu sehen in seinem Kessel.

Sie tranken und sie tanzten

Stetig, doch die meiste Zeit sanft, steigt der Weg. Im Hohlweg im Wald kommt uns ein irrer Biker entgegen, wir springen zur Seite, das Phantom rast vorbei. Und schon sind wir bei der Wirtschaft Oberwald, Zweitname Hirschen. Oder umgekehrt. Schon für das 17. Jahrhundert ist belegt, dass sich an diesem abseitigen Ort das einfache Volk zu Trunk und Tanz traf. Ohne den Segen der Obrigkeit.

Wir kehren ein, das Wetter ist nicht besonders, ein Kaffee wird uns guttun. Drinnen kommen Erinnerungen auf. Ich war schon einmal da, im Winter. Der Berner Wanderautor René P. Moor veranstaltete mit mir im Säli eine Doppellesung. Es gab Sauerkraut, das ich eigentlich nicht vertrage. Doch eine Primarschulkollegin von mir, Annemarie, war auch gekommen. Sie holte später aus ihrem Rucksack eine Flasche Kirsch vom eigenen Hof im Schwarzbubenland. Der Schnaps brannte der Ware in meinem Bauch jeden Gärwillen aus.

Wir ziehen weiter, unser Höhenweg böte Aussicht übers Emmental und zu den Alpen, wenn der Himmel klar wäre. Ein Mundartgedicht die Punkte, die wir passieren: Bärhegechnübeli, Freudigenegg, Gitzichnübeli. Die Hornbachegg ist, etwas über 1000 Meter hoch, der Kulminationspunkt unserer Route.

Der Pfad senkt sich, ein stotziges Stück an der Geländekante ist mit einem Geländer gesichert. Wir langen bei der Fritzenfluh an, einem Strassenpass von Sumiswald und Wasen nach Eriswil und Huttwil. Etwas unterhalb liegt das Restaurant Fritzenfluh. Draussen vor dem dunklen Haus stehen Motorräder und Autos, drinnen wartet unser reservierter Tisch.

So was von entspannt

Sehr gut das Essen; mein Schweinssteak macht mich im Verbund mit zwei Glas Cornalin glücklich. Als wir nach dem Zmittag ins Freie kommen, ist der Himmel heller. Die Hügel reihen sich, immer wieder mal gabeln sich an einem Hof die Wege, es ist ein leichtes Geradeaus- und Abwärtsgehen durch Äcker, Wiesen und Wald.

Unten in Huttwil wieder der verstellte Bahnhof mit Gruben, parkierten Riesenmaschinen, Abschrankungen und Umleitungen. Anders als am Morgen, als wir starteten, ist mir die Hässlichkeit egal. Wandern entspannt wie nichts anderes.

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Route: Huttwil, Bahnhof – Schwarzenbach, Sportzentrum – Steg über die Wyssachen – Baumgarten – Möösli – Oberzelg – Oberwald – Schaber – Bärhegechnübeli – Gitzichnübeli – Hornbachegg – Fritzenfluh – Fritzenfluh, Restaurant – Ölichnubel – Hohfuhren – Moos – Huttwil, Bahnhof.

Wanderzeit: 5½ Stunden.

Höhendifferenz: Je 640 Meter auf- und abwärts.

Wanderkarte: 234 T Willisau, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Kürzer: Nach halbem Abstieg rechts hinab nach Eriswil. So dauert die ganze Wanderung nur vier Stunden.

Charakter: Viel schönes Hügelland mit grandioser Sicht. Einige Abschnitte auf Hartbelag. Mittlere Anstrengung.

Höhepunkte: Die Einkehr im rustikalen Restaurant Oberwald. Der Eggenweg zwischen Oberwald und der Fritzenfluh. Der kurz mal abenteuerliche, seilgesicherte Abstieg in den Einschnitt der Fritzenfluh. Der Zmittag im Restaurant Fritzenfluh.

Kinder: Geht gut. Vorsicht vor und nach der Fritzenfluh, Fluhkante und rutschige Passagen.

Hund: Alles bestens.

Einkehr: Restaurant Oberwald. Mo/Di Ruhetag. Mi bis Fr ab 13 Uhr. Sa ab 11 Uhr. So ab 9.30 Uhr. Restaurant Fritzenfluh. Mo Ruhetag. Reservieren!

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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