Ist Snowboarden wirklich tot?

Das Xtreme Verbier startete einst als reiner Snowboardcontest, heute dominieren die Skifahrer: Xavier de le Rue ist der letzte grosse Snowboarder der Freeride World Tour. (Foto: Swatch)

Das Xtreme Verbier startete einst als reiner Snowboardcontest, heute dominieren die Skifahrer: Xavier de Le Rue ist der letzte grosse Snowboarder der Freeride World Tour. (Foto: Swatch)

Snowboarden sei tot, die Popularität vorbei. Seit einigen Jahren ist es Mode geworden, den Kultsport der 90er-Jahre zum «Auslaufmodell» zu erklären. Der Verkauf von Snowboards sei deutlich eingebrochen und die Nachfrage in den Skischulen sinke, berichtete etwa Radio SRF diesen Februar. In den Sportgeschäften verlangten mehr Leute nach Schwimmbrillen als nach den Brettern, die einst die Freiheit bedeuteten.

Auch die «New York Times» titelte vor wenigen Tagen: «Snowboarding, Once a High-Flying Sport, Crashes to Earth». Als Beleg für die These diente der NYT der Schweizer Olympiasieger Iouri Podladtchikov, der Ende Februar an den X-Games in Oslo in der Halfpipe die Silbermedaille holte, aber auf einem Snowboard ohne Markenlogo fuhr. Denn sein bisheriger Sponsor Quiksilver hatte im Herbst in den USA Insolvenz angemeldet. Andere bekannte Snowboardhersteller kämpfen ebenfalls ums Überleben oder haben ihre Produktion bereits eingestellt.

Bei der Freeride World Tour (FWT), dem Weltcup der Freerider, lässt sich ein ähnlicher Trend ablesen: Anfang April 2016 findet das nächste Xtreme Verbier statt, das Finale der FWT. Angefangen hatte dieser Event vor zwanzig Jahren als kleiner, aber spektakulärer Wettkampf von Snowboardfreaks. Heute ist es ein Grossevent, nach wie vor spektakulär, aber von Skifahrern dominiert. Snowboarderinnen und Snowboarder fahren bei der Tour zwar noch immer mit, aber ihre Zahl wird weniger.

Im Video: Wie sich Snowboard-Star Xavier de Le Rue auf das Xtreme Verbier vorbereitet.

Die Indizien für den Verfall des Snowboardings scheinen eindeutig – zumindest für die Industrie. 2011 war ihr Umsatz auf dem Höhepunkt, seither geht es ökonomisch bergab. Weshalb es mit der einst coolsten Wintersportart so weit kommen konnte, hat vielschichtige Gründe. Wesentlichen Einfluss nahm die Erfindung der Carving-Ski, mit denen heute selbst ein halbwegs Begabter im Pulverschnee «riden» kann. Viel Geld investieren die Skimarken nicht nur in die Entwicklung, sondern auch in das Marketing. Mit Erfolg. Ski sind wieder Trend – auf der Piste, in der Pipe, im freien Gelände, bei Jung, bei Alt.

Anders sehen das die Snowboarder selber. Von ihnen gibt es nämlich trotz der düsteren Prognosen nach wie vor viele – und sie denken nicht im Traum daran, auszusterben. Ihnen ist es sogar recht, dass der Hype abflaut. Geld, Profit, Wachstum passen nicht zu ihrer Freiheitsphilosophie. Manche können bis heute kaum verkraften, dass Snowboarden olympisch wurde. Der Kommerz habe dem Snowboarding den Zauber genommen, glauben viele. Snowboarden sei mehr als ein Sport, mehr als eine ökonomische Maschinerie. Es sei ein Lebensgefühl. Ihre Boards kaufen sie bei Marken, die das Snowboardfieber vorleben. Zumeist sind es kleinere Labels, die im Gegensatz zu den grossen weiterhin wachsen.

Auch Xavier de Le Rue, Profi-Freerider und sozusagen der letzte grosse Snowboarder auf der FWT, glaubt nicht an den Untergang seines Sports. In den vergangenen drei Jahren habe das Snowboarding erneut einen Aufschwung verzeichnet, sagt er zum Outdoorblog. Dass an der FWT immer weniger Snowboarder mitfahren, liege am Schnee. Die Verhältnisse seien in den Wettkampfhängen oft nicht gut. Den Skifahrern mache das weniger aus als den Snowboardern. Es brauche Extraanstrengung, um sich auf suboptimaler Unterlage für einen Run zu motivieren, der für einen Podestplatz reichen könnte. Gerade am Xtreme Verbier, bei dem sich die Fahrer über die äusserst steile, von Fels durchsetzte Nordwand des Bec des Rosses stürzen. Wer es sich als Snowboarder leisten kann – wie de Le Rue – konzentriert sich im Winter auf die Filmerei und sucht die besten Pulverhänge in unbefahrenen, abgelegenen Gebieten. Ob der Franzose am kommenden Xtreme Verbier dabei sein wird, macht er vom Schnee abhängig. Im Moment stehen die Chancen aber gut.

Hinweis: Am Samstag, 4. April 2016, findet das Xtreme Verbier statt (Verschiebedaten siehe hier). Die besten Fahrerinnen und Fahrer der Freeride World Tour (Ski und Snowboard) werden am legendären Bec des Rosses um den Weltmeistertitel kämpfen. Zuschauer können den Wettkampf live mitverfolgen: vom Col des Gentianes inmitten des Skigebiets. Oder via Livestream auf www.freerideworldtour.com

Impressionen vom Xtreme Verbier 2015: