Klettern als Kaderschmiede

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

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Den Erfolg im Fokus: Die Wand wird zum Spiegel der Leistungsgesellschaft. (iStock)

Vor Jahren haben wir einem jungen Sportkletterer zugeschaut, der eine der damals schwierigsten Routen der Schweiz einstudierte. Ein bekannter Spitzenkletterer aus dem Ausland hatte sich schon mal die Zähne ausgebissen an dem Überhang, ich erinnere mich noch gut an die Urschreie, mit denen er jeweils ins Seil stürzte. Boris dagegen nahms gelassen, sass in den Kletterpausen mit einem Buch unter der Wand und büffelte für Prüfungen. Schliesslich schaffte er die Route elegant – gleich zweimal hintereinander. Als wir ihm letzthin per Zufall begegneten, hatte er eine beeindruckende Karriere als Jurist hinter sich.

Otto Stich war in Jugendjahren Extremkletterer

Eigentlich wundert mich das nicht. Unter den Kletterfreunden und -freundinnen, den alten von einst und den jüngeren der Sportgeneration, kenne ich nicht wenige, deren berufliche Laufbahn mindestens so steil war wie die Fels- und Eiswände, die sie meisterten. Mir kommt kein Einziger in den Sinn, der im Berufsleben scheiterte. Aus den Freaks sind Professoren, Unternehmer, CEOs, Redaktorinnen und sogar einige Politiker geworden. Dass Dölf Ogi ein Bergsteiger war, ist bekannt, doch der wahre Extremkletterer in Jugendjahren war SP-Bundesrat Otto Stich. Mein Seilgefährte auf wilden Klettertouren der frühen Jahre war Dieter Kienast, gelernter Gärtner aus Wollishofen. Als er 1998 an einem Krebsleiden starb, war er Professor an der ETH und international renommierter Landschaftsarchitekt.

Vielleicht täusche ich mich, doch weiss ich von keinem anderen Sport, der nebst dem physischen auch den gesellschaftlichen Aufstieg so beflügelt wie das Klettern und Bergsteigen. Oft schon habe ich mich gefragt, was der Grund sein könnte. Einfache Antworten gibt es sicher nicht, doch spielt gewiss das ausserordentliche Engagement eine Rolle, mit dem in unserem Sport ein Ziel verfolgt werden muss, um zum Erfolg zu kommen. Die Wand wird zum Spiegel der Leistungsgesellschaft. Steilt sich die Schlüsselstelle vor mir auf, so hilft mir keine Macht der Welt mehr weiter. Nur ich allein kann den Willen und die Kraft entwickeln, den nächsten Griff festzuhalten.

Eine «Ehe auf Zeit»

Klettern ist kein Mannschaftssport, wir Kletterer sind Einzelkämpfer. «Der Imperativ, den man als das Leistungsprinzip bezeichnet, gilt in der freien Welt der Berge genauso wie in den Chefetagen von IBM oder Toyota», schrieb der Psychologe und Kletterer Ulrich Aufmuth in seinem Buch «Die Psychologie des Bergsteigens». Dass es mehr als einer meiner Kletterfreunde in ebenjene Chefetagen geschafft hat, bestätigt schon fast die Regel.

Natürlich genügt es nicht, den nächsten Griff festzuhalten, um weiterzukommen. Zum individuellen Leistungswillen gehört – wie auch im restlichen Leben – das Vertrauen in den Partner, die Partnerin. Ein gutes Mass an sozialer Kompetenz also. Egoisten gibts wie überall, aber ich treffe sie in der Szene doch eher selten an. Wobei es mir fernsteht, die alte Leier vom «Bergsteiger als dem besseren Menschen» herunterzubeten und ebenso wenig den Mythos von der auf Leben und Tod verbundenen Seilschaft. Die Seilschaft ist heute eine «Ehe auf Zeit», und vor allem beim Höhenbergsteigen gilt das Wort des Bergsteigers und Dichters Ludwig Hohl: «Der andere muss entweder mitgehen, oder dann muss man sich von ihm ablösen.» Wie in den Chefetagen eben.

Vor Jahren schrieb ich ein Porträt eines Schweizer Sportkletterpioniers, damals CEO in einem internationalen Computerkonzern. Als der Text erschien, war er schon nicht mehr im Amt. Als Bergsteiger wissen wir ja: Nach jedem Gipfel gehts wieder bergab.