Wann ist es Zeit, loszulassen?

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

Outdoor

Geniessen, solange es noch geht: Der Autor auf dem Kaiserweg, einer Kletterroute in Süddeutschland. Foto: Robert Steiner

Vor ein paar Wochen bekam ich ein Diplom: 50 Jahre Mitglied im Schweizer Alpen-Club. Das ist kein grosses Verdienst, aber es erinnert mich einmal mehr: Du bist im Alter. Tragische Erinnerung auch der Anruf kürzlich: Ein Freund, wenig älter als ich, ist an einem sonnigen Morgen auf einer Skitour in seinen Heimatbergen an Herzversagen gestorben. «Ein schöner Tod», pflegt man zu sagen. Aber eigentlich möchte man doch lieber noch ein bisschen weiterleben, selbst ohne Sonnenschein. Zum Beispiel an einer schönen Felswand im Süden noch etwas klettern, es muss ja nicht mehr 7a sein. Wir Bergsteiger und Kletterer tun uns oft schwer mit dem Alter. Kommen im Klettergarten ein paar Junge daher und packen an, so schielen wir hinüber und schmunzeln heimlich, wenn sie am Überhang auch ein bisschen studieren müssen. Wir haben den früher doch locker geschafft. Wann war das? Vor zwanzig Jahren vielleicht?

Mein bester Kletterpartner hat schon vor dreissig Jahren aufgehört. Er war einer der stärksten Alpinisten weit herum, ein begnadeter Kletterer und spitze auch im kombinierten Gelände. Nach einer Tour fand er: Ich habs gesehen! Genauso wie eine Bekannte, die in den höchsten Graden unterwegs war und nach einer intensiven Kletterwoche ihre Ausrüstung an den Nagel hängte. «Und da hängt sie immer noch», erzählt sie lachend. «Schöner kann es nicht mehr werden, sagte ich mir.»

Die beiden haben es wohl richtig gemacht, die Kurve gekriegt, wie man sagt. Andere leiden, können nicht loslassen, verbeissen sich. Oder auch nicht. Der Bündner Bergführer Walter Belina kletterte mit 80 durch die Badile-Nordostwand und konnte die 900 Meter Granit offenbar noch geniessen. Inzwischen ist er auch verstorben. Marcel Remy, der Vater der bekannten Routenerschliesser Claude und Yves, kletterte mit 92 Jahren noch 5c im Vorstieg. Andere würden gern, haben aber leider keine Söhne, Freundinnen oder Freunde als Seilpartner für das Felsabenteuer im Alter. Vom bekannten Kletterpionier Max Niedermann, der auch schon gegen 90 geht, habe ich gehört, dass er sich auf Klettersteige verlegt habe, da er dazu keinen Partner braucht. Ich habe das Glück, dass meine Frau noch klettert.

Bergsteiger im Rentenalter höre ich gelegentlich klagen, dass sie gerne noch etwas unternehmen würden, aber keine Partner finden. Die meisten der alten Kumpels, die noch leben, haben aufgehört zu klettern, sie wandern vielleicht noch oder haben sich aufs Biken oder Schneeschuhlaufen verlegt. Zudem haben unsere Altersgenossinnen und -genossen ohnehin fast nie Zeit. Reisen, Ferienhaus, Enkel und Urenkel hüten, Altersuni und Tanzstunde und die vielen Einladungen und Gegeneinladungen und Geburtstage. Pensioniertenstress sagt man dem. «Kä Ziit, kä Ziit!» Ich käme ja schon gern, aber … also vielleicht ein andermal. Nach zwei oder drei Anrufen oder Mails gibt man auf.

«Man ist so alt, wie man sich fühlt», ist ein Gemeinplatz, aber etwas Wahres ist schon dran. Stehe ich am Morgen auf, dann tun mir alle Knochen weh, und manchmal bin ich so schlapp, dass ich mich gleich aufs Sofa legen möchte. Drei Stunden später im Klettergarten fühle ich mich wieder so fit, dass ich nach dem Aufwärmen im Übermut gleich eine harte Route anpacke. Ich schaffe es knapp bis zur Crux, dann gebe ich auf. Wie es weitergeht, wüsste ich schon, ich kenne alle Griffe noch von früher. Aber irgendwie kommen sie mir viel kleiner vor und viel weiter auseinander. Bekanntlich schrumpft man ja auch im Alter.

Unten sagt der Junge, der wartet, bis die Route frei ist: «Wow, das haben Sie aber elegant geschafft. In Ihrem Alter.»

«Du kannst ruhig Du zu mir sagen», gebe ich zur Antwort, packe Seil und Expressschlingen ein. Das nächste Mal schaffe ich es bestimmt. Wenn nur niemand zuschaut.