Die Reizfigur der Alpinistenszene

Ein Beitrag von Dominik Osswald*

Für die hiesige Alpinisten-Szene eine Reizfigur: Die Amerikanerin Sasha DiGiulian ist blond, lackiert sich die Fingernägel pink, gehört zu den weltbesten Kletterinnen – und brachte ihren Vermarktungstross in die Eiger-Nordwand. (Foto: www.sasha-digiulian.com)

Die Amerikanerin Sasha DiGiulian ist blond, lackiert sich die Fingernägel pink, gehört zu den weltbesten Kletterinnen – und brachte ihren Vermarktungstross in die Eigernordwand. (Foto: www.sasha-digiulian.com)

Vergangenen Sommer war die amerikanische Ausnahmekletterin Sasha DiGiulian in der Schweiz. Ihr Vorhaben: einige der schwierigsten alpinen Mehrseillängen-Touren klettern. Zum Beispiel die Route Paciencia (8a, 23 SL) in der Eigernordwand oder Zahir Plus (8c, 8 SL) an den Wendenstöcken. Beides gelang nicht. Nach DiGiulians Angaben war die Schlüsselstelle von Paciencia nass. DiGiulian kletterte stattdessen mit Seilschaftspartner Carlo Traversi am Eiger die Route Magic Mushroom (7c+, 20 SL). An den Wendenstöcken sei wiederum wegen schlechten Wetters nicht an klettern zu denken gewesen, so DiGiulian. Also zog es sie nach Sardinien, wo sie die Mehrseilroute Viaje de los Locos (8b+), gebohrt von Dani Andrada, klettern konnte.

Seither rumort es in der hiesigen Szene, die sich einer alpinistischen Ethik verpflichtet sieht und DiGiulian am Eiger genau beobachtet hatte. Es sei der beste Sommer seit langem gewesen, was also hatte die Amerikanerin am Wetter zu beklagen? Sie habe sich einmal im Abstieg in der Westflanke einen Verhauer geleistet und einen Helikopter ins Tal genommen. Und sie habe den Medien erzählt, dass ihr bei Paciencia nur die nasse Schlüsselstelle im Weg gestanden sei, was nicht stimme. Auch ihr Stil wird kritisiert: Sie setzte Fixseile, Drohnen, Filmteams und Helikopter ein.

Alpinisten geben sich gerne als Vertreter der edlen Moral, wonach jedermann sein eigenes Glück in den Bergen suchen und so Zufriedenheit erlangen darf. Trotzdem schaut man sich gerne auf die Finger. Soziale Kontrolle gab es schon immer. Diese ist inzwischen aber zu einer nervigen Kultur des Urteilens geworden, die in allen Sparten des Alpinismus und in allen Levels präsent ist: vom Achttausender bis zur Kletterhalle. Ist Diamox Doping? Hat er sich am Fixseil gehalten? Gehört die Kante dazu? Wars auch wirklich ein Sitzstart? Gilt das noch als onsight? Solche Fragen spielen am Berg selber keine Rolle, sondern erst in der wertenden Gesellschaft. Sie werden besonders beharrlich gestellt, wenn Wettbewerb und Kommerzialisierung im Spiel sind.

Ein Ausschnitt aus dem Artikel im Magazin Klettern, der derzeit auf sozialen Medien herumgereicht wird. (Foto via imgur.com)

Ein Ausschnitt aus dem Artikel im Magazin «Klettern», der derzeit auf sozialen Medien herumgereicht wird. (Foto via imgur.com)

Am Eiger bleibt selten etwas unbeobachtet, und der Konsens über richtig und falsch ist betoniert. DiGiulian konnte es nicht vermeiden, ins eine oder andere Fettnäpfchen zu treten. Etwa dass ihre Fixseile andere Seilschaften behindert haben sollen. Oder dass Helikopter und Drohnen herumschwirrten.

Doch damit wird der Unmut nur offiziell begründet. Im Falle von DiGiulian wird die soziale Kontrolle noch von anderen Faktoren verschärft. Das hat mit ihrem Auftreten zu tun. Natürlich nervt sie mit ihrer unkritischen Internetpräsenz, jede Turnübung findet in den sozialen Medien statt. Zudem flechtet sie auch den plötzlichen Tod ihres Vaters so ein, wie es der Dramaturgie ihrer Projekte dient («Zahir would become a way to honor the memory of her dad, who had always inspired her to achieve her goals» liest man im Onlinemagazin von Sponsor Red Bull).

Aber sich im Internet eine Meinung zu bilden, verleitet auch schnell zu unbedachter Kritik. Dabei spielt auch mindestens eine Prise Machismus mit. Ein differenzierterer Ansatz wäre es, Sasha DiGiulian auch als Opfer unzimperlicher, amerikanischer Vermarktung zu sehen und ihre Kletterfähigkeiten unabhängig davon zu beurteilen: Sie ist eine der gegenwärtig stärksten Kletterinnen (9a). Aber keine Lynn Hill. Ihre Lieblingsfarbe ist Pink, ihre Haarfarbe blond, ihre Fingernägel auch beim Klettern lackiert. Ihr Marketingstratege setzt ihre Reize in gleicher Weise ein, wie es jener von Britney Spears tat, als er sie «hit me baby one more time» singen liess. Dieser Satz lässt so gezielt Raum für Fantasien zu, wie es der Blick von DiGiulian tut, wenn sie unter Anstrengung einen Bolt clippt. Taucht sie schliesslich an der Eigernordwand auf, so warten argwöhnische Beobachter nur darauf, dass sie sich einen Misstritt leistet – eine Schadenfreude, die im Internet geboren wurde, mit der echten Person DiGiulian aber vielleicht nichts zu tun hat. Und schon gar nicht mit ihren Kletterfähigkeiten. Es ist unangemessen, ihr den Durchstieg von Paciencia nicht zuzutrauen und zu implizieren, dass die nach ihren Angaben nasse Schlüsselstelle als Ausrede herhalten musste.

Das wirkt, als fürchteten sich gewisse Akteure davor, dass die junge Frau nun auch an den grimmigen Nordwänden eine gute Figur machen könnte. Wie sonst lässt sich erklären, dass der Einsatz gleicher Mittel bei anderen Athleten höchstens hinter vorgehaltener Hand bemängelt wird? Schliesslich brauchen sie alle Bilder für ihre Multimediashows und Filme.

Das deutsche Magazin «Klettern» nahm die Kontroverse in einem Artikel auf, der allerdings vor allem auf Gerüchten basiert. Auf Facebook und in Foren werden die ewigen Weisheiten rumgereicht, wonach man doch in die Berge gehe, um Natur, Abgeschiedenheit und mentale Herausforderung zu suchen. Aber natürlich posten das dort nicht jene, die das tatsächlich leben – für diese gibt es keinen Grund, an einer solchen Diskussion mitzumachen. Es sind jene, die näher bei Facebook stehen als bei der Abgeschiedenheit, und solche, die ihren Marktwert an den Leistungen anderer zu messen haben. Und alle glauben ihnen, wenn sie von Moral reden.

Was ist Ihre Meinung?