Mein Frühlingstag

Diese Woche von Gandria nach Lugano-Castagnola (TI)

Es gibt diese Wintertage, an denen das Wetter im Land exakt zweigeteilt ist: Schnee, Kälte, Düsternis im Norden. Und Sonne und Wärme und Palmen im Süden. An einem solchen Tag fuhr ich ins Tessin, um mir Licht zuzuführen. Der Plan ging, ich nehme es vorweg, zu hundert Prozent auf.

Gar nicht so einfach, nach Gandria zu gelangen, wo ich starten wollte. Immerhin gibt es je nach Woche und Tag Schiffskurse. Auch ist da eine Busverbindung mit einmal Umsteigen. Nicht gerade üppig dotiert, die Linie, dachte ich am Bahnhof Lugano. Dann blickte ich von meinem iPhone auf und musste lächeln: diese rührend weichen und militant steilen Hügelberge rundum. Auch im Bus kam ich nicht aus dem Schwelgen: makellos das Azur des Luganersees.

Salami und Monte Caprino

Gandria im Winter ist eine gute Sache. In der warmen Jahreszeit tut man sich schwer, das an den abrupten Hang des Monte Brè gepresste Fischer- und Zöllnerdörfchen zu geniessen: schauderhaftes Gedränge, Spaliere mit kitschigen Boccalini, Deutschschweizer Mundart als Umgangssprache. Ich war zwar nicht allein, als ich oberhalb des verschachtelten Dorfkerns bei der Haltestelle «Gandria, Strada» aus dem Bus stieg. Aber fast allein.

Ich nahm die steile Treppe hinab Richtung See, erstaunlich, wie viele Winkel und Gässchen ich sah, bis ich bei der Kirche San Vigilio war, dem Mittelpunkt des Dorfes. Auf ihrer Rückseite auf einer leicht erhöhten Plattform eine Bank, ich setzte mich, ass Salami und Brot, schaute über den See auf den verschatteten Monte Caprino, liess die Sonne wirken.

Eine Infotafel erregte mein Interesse, ich nahm zur Kenntnis, dass dies die Station neun des «Sentiero dell’Olivo» war, des Olivenweges zwischen Gandria und Lugano-Castagnola. Er würde sich einigermassen mit meiner Wanderroute decken, erkannte ich. Dann ging ich hinab zur Schifflände. Weit vorne erblickte ich im gleissenden Licht den San Salvatore mit der felsigen Flanke zum See und der Antenne als Markenzeichen.

Nun wanderte ich. Von der erwähnten Kirche hielt ich in halber Höhe zwischen See und Kantonsstrasse westwärts aus dem Dorf. Auf einem Treppenpfad ging es bald abwärts zum Ufer, über mir eine Wucht von Felswand. Eine Galerie beseitigte das Steinschlagrisiko, dem ich zuvor kurz ausgesetzt gewesen war.

Bis San Domenico ging ich im Folgenden mal auf Pflastersteinen, mal auf gestampfter Erde, kam vorbei am Restaurant-Hotel Elvezia del Lago und am Hotel Fischer, und stets waren da der tiefblaue Spiegel des Sees und die bewaldeten Hänge, die ihn säumten. Schliesslich San Domenico mit einem «experimentellen Olivenpark», den die Stadt Lugano in Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara angelegt hat.

Auf dem Agavensteig

Bei San Domenico ein grosser Parkplatz. Ich nahm rechterhand den Viottolo delle agavi, den Agavensteig. Er führte zwischen Villen aufwärts, die sich mit Efeu und Palmen tarnten, und setzte sich fort in der Via G. B. Discepoli. Vorbei am alten Municipio von Castagnola, dem einstigen Verwaltungssitz der 1972 in Lugano aufgegangenen Gemeinde, erreichte ich die Bushaltestelle bei der Post Castagnola.

Eine Besprechung mit mir selber ergab, während ich später im Zug wieder Richtung Gotthard fuhr, auf den Winter zu: Dies war bei aller Kürze eine der schönsten Routen, die ich je bewanderte. Ein Frühlingsschnäppchen.
++
Route: Gandria, Strada (Bushaltestelle) – Kirche San Vigilio im Dorfkern. Nun freies Flanieren durch den Ort, allenfalls auch den Tafeln des Olivenweges entlang. Danach weiter von San Vigilio Richtung Castagnola. Bis San Domenico (via Hotel Elvezia del Lago) ist der Weg klar und eindeutig. Von San Domenico zum Beispiel auf dem Viottolo delle agavi und der Via G.B. Discepoli zum alten Municipio von Castagnola an der Piazza C. Cattaneo. Von dort ist man in wenigen Minuten bei der Post Castagnola.

Anreise: Man konsultiere den Fahrplan, am besten den der SBB-Homepage. Je nach Tag und Woche nimmt man den Bus oder das Schiff (in beiden Fällen wenige Kurse).

Wanderzeit: 1 1/2 Stunden. Dazu braucht man Zeit für das Flanieren in Gandria, das Lesen der Tafeln am Olivenweg, das Sitzen auf besonnten Bänkli.

Höhendifferenz: Je circa 170 Meter auf- und abwärts.

Wanderkarte: 286 T Malcantone, 1:50’000.

Olivenweg: Hier der Link.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von der Post Castagnola mit dem Bus zwei Richtung Paradiso direkt zum Bahnhof Lugano.

Charakter: Müheloses Geniessen. Grandioser See- und Bergblick. Ein charismatisches Tessiner Dörfchen. Anschliessend eine leichte Wanderung. Stellenweise Steinschlagrisiko.

Höhepunkte: Das verschachtelte Gandria. Der Blick von der Schifflände hinüber zum Monte San Salvatore. Die Traumvillen von Castagnola.

Kinder: Keine Probleme.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Diverse Lokale in Gandria und Castagnola.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

++