Diese Woche im Wallis
Man kommt, wenn man in Zürich den Sieben-Uhr-Zug nimmt, um 10.07 in Ernen an – man landet in einer archaischen Welt. Das beginnt auf dem Dorfplatz mit dem Tellenhaus von 1578, auf dem die Tell-Geschichte aufgemalt ist für alle des Lesens Unkundigen. Überhaupt gibt es in Ernen unheimlich viele alte Häuser. Etwa das Kapuzinerhaus von 1511 und das St.-Georg-Haus von 1629 mit dem Bild des Drachentöters.
Ja, Ernen hat Kraft und Saft. Wider alle politische Korrektheit sind die Einwohner stolz auf ihren Galgen. Man spaziere zu dem nahe gelegenen Hügel. Der Galgen besteht aus drei im Triangel arrangierte Viermetersäulen aus Stein; oben verband man die Säulen mit Holzbalken, an die man das oder die Seile knüpfte.
Glanz und Niederlage
Die Stelle ist aussichtsreich, denn das Hochgericht wollte ein Zeichen ins Land senden. Sie ist auch geeignet, sich Glanz und Niederlage Ernens vor Augen zu führen. Es war der wichtigste Ort des unteren Goms und lag an den Handelswegen nach Italien, zum Genfersee und Richtung Furka. Doch dann kam die moderne Mobilität; fertig Säumerei. Sowohl die Bahnlinie als auch die Strasse das Goms hinauf wurden fatalerweise auf der anderen Hangseite geführt. Plötzlich lag Ernen im Abseits.
Soweit die Geschichte, nun soll in dieser Kolumne gewandert werden. Voraus eine Warnung: Der Weg nach Grengiols ist knapp noch machbar, sollte um diese Zeit im Jahr aber nicht allein begangen werden. Wenn man irgendwo rutscht, sich den Fuss verknackst – wer weiss, ob jemand kommt und hilft.
Böse Wasser und Naturkatastrophen
Auf dem Strässchen geht es vom oberen Dorfteil nah der Migros leicht aufwärts aus dem Ort. Wer unsicher ist, mache es wie ich und frage einen Einheimischen nach der Trusera. Die historische Wasserleitung wird neuerdings wieder unterhalten. Der Abschnitt ihr entlang beginnt, wenn man nach gut 20 Minuten vom Strässchen rechts in den Hang zweigt. Bei Am Wasen kreuzt man später die Strasse nach Ausserbinn. Via Zauberwald, einen Abenteuerspielplatz, zieht man weiter; nun geht es steil abwärts. Das ist problemlos und doch seelenbeklemmend: Die Binna, die man auf einem hohen Steg meistert, ist ein böses Wasser.
Dann wieder hinauf, zum urigen Weiler Hockmatta und via die Spätrenaissance-Kapelle von Bächerhyschere nach Grengiols. Kurz vor dem Dorf quert man den Milibach. Ein Gedenkstein gedenkt einer Katastrophe: Der Weiler hatte 21 Einwohner, als 1904 eine Lawine heranschoss. 13 Menschen starben, die Überlebenden zogen weg. Es berührt, die Namen der Toten zu lesen. Und es berührt noch mehr der Spruch: «Alles Schöne und Erhabene in der Welt hat seinen Schrecken und birgt Gefahr.»
Sunnetrelletta
In Grengiols endet die Wanderung, wobei vom Dorf zur Station 15 Gehminuten einzuplanen sind. «Grängelsch», so die Mundartvariante, ist im Winter einen Monat ohne Sonne. Die Dörfler begehen deren Verschwinden alle drei Jahre mit einer Zeremonie; sie rollen ein riesiges Rad den Dorfhang hinab. Am Sonntag ist wieder «Sunnetrelletta». Die Festivität beginnt um zehn mit einer Messe in Grengjierdialekt, um elf wird gerollt, danach gibts Raclette. Will man von Ernen her laufen und das Ritual erleben, muss man zwei Tage einplanen. Warum auch nicht, es lohnt sich!
Route: Ernen – Trusera – Am Wasen – Zauberwald – Steg über die Binna – Hockmatta – Ried – Bächerhyschere – Milibach – Grengiols Dorf – Grengiols Station.
Dauer: knapp drei Stunden.
Höhendifferenz: circa 250 Meter aufwärts und 550 abwärts.
Spaziergang: In Ernen sei vor dem Wanderstart der Spaziergang zum Galgen und zurück empfohlen (30 Minuten).
Charakter: Zwei charismatische Dörfer, dazwischen ein mässig strenger Weg durch Wald und Feld mit einem steilen Abstieg zur Binna.
Sicherheit: Um diese Jahreszeit sollte man nicht allein wandern.
Höhepunkte: Ernens historische Häuser. Der Blick von Ernens Kirchterrasse hinab zum Rotten und hinüber auf die hohen Berge. Der historische Weiler Hockmatta, die uralte Kapelle Bächerhyschere.
Einkehr: Ernen und Grengiols.
Landeskarte 1:25 000: Blatt 1269, „Aletschgletscher“.
Sunnetrelletta in Grengiols: 14. 11. ab zehn Uhr morgens.
http://www.grengiols.ch/gemeinde%20grengiols/PDF/Programm%20Sunnetrelletta%202010.pdf
Zimmer in Grengiols: Edelweiss.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch.
Wanderblog: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
Thomas Widmer ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach einem Intermezzo als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Widmer hat mehrere Bücher zum Thema Wandern verfasst. Im Outdoorblog lesen Sie Thomas Widmer im Ressort
Jürg Buschor sitzt seit 1986 im Mountainbikesattel. Er hat für das «Schweizer Bike Magazin» geschrieben und später die beiden Fahrrad-Titel «Move» und «Move News» mitverantwortet. Er ist heute Verleger der Zeitschrift
Pia Wertheimer ist Journalistin und Marathonläuferin. Letztes Jahr hat sie über ihre Vorbereitungen für den
Laurens van Rooijen (38) ist seit 1989 mit dem Velo im Gelände und seit 2000 als Velo-Journalist unterwegs – bis Ende 2004 als Redaktor der Zeitschrift MOVE, seither als freischaffender Journalist in Sachen Fahrrad für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Web-Formate. Er schreibt neu im Ressort
Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 





















































































