Peng, peng – Vorsicht Jäger!

Ein Gastbeitrag von Thomas Renggli*:

Jäger überraschen unseren Autor auf seiner Laufstrecke. (Bild: Keystone/Andree-Noelle Pot)

Jäger überraschen unseren Autor auf seiner Laufstrecke. (Bild: Keystone/Andree-Noelle Pot)

Sport sei gesund, wird behauptet. Diese These konnte weder der plötzliche Lauftod des Jogging-Erfinders James F. Fixx noch der Abgesang des österreichischen Barden Rainhard Fendrich («Es lebe der Sport») entscheidend infrage stellen.

Vergangene Woche wurde ich in meinem Glauben an die gesundheitsfördernde und lebenserhaltende Wirkung des Laufsports allerdings tief erschüttert. Das begann schon zu Beginn meiner täglichen Strecke durch die Zürcher Vorstadtwälder, als am Wegrand ein oranges Warnschild prangte: «Vorsicht Jagd».

In der Annahme, es handele sich um einen Halloween-Scherz der lokalen Dorfjugend, trabte ich weiter – bis eine Reihe von stattlichen Offroadern den Waldweg versperrten und mich zum Umweg durchs Unterholz zwangen. Dort wurde es richtig ungemütlich: Ein Heer von grüngewandeten Kreaturen bahnte sich den Weg durchs Dickicht – bewaffnet mit Stöcken und Flinten, als wären wir im Wilden Westen und hinter der nächsten Anhöhe grase eine Bison-Herde.

 

«Achtung Treibjagd! Aus dem Weg», wurde ich vom lokalen Wildhüter in unmissverständlicher Schärfe aufgeklärt. Intuitiv ging ich in Deckung, denn plötzlich fühlte ich mich als Freiwild. Es war, als würde ich als Fussgänger im Feierabendverkehr die A1 überqueren oder beim Schnorcheln plötzlich einer Gruppe Harpunenfischer begegnen. Doch ich hatte Glück. Dank meinen orangen Schuhen und meiner leuchtgelben Jacke konnte die Verwechslung mit einem Wildschwein knapp verhindert werden. Ich setzte meine Runde ohne Streifschuss oder andere Havarie fort. Auch Nachbars Dackel, der sich von der Leine seines Herrchens losgerissen hatte, kam ungeschoren davon.

Dass es die Jäger wirklich ernst meinen, realisierte ich, als ich am Tag darauf mit meiner fünfjährigen Tochter durch den Wald spazierte. Peng, peng! Als wir die Schüsse hörten, war es für das bedauernswerte Reh bereits zu spät. Triumphal hoben die Schützen das arme Tier hoch, drückten ihm einen Tannzweig in den Mund und luden es auf den Anhänger ihres imposanten Geländewagens. Die Aktion hatte insofern erzieherischen Wert, als meine Tochter jetzt weiss, dass das Fleisch nicht auf den Bäumen wächst und der TV-Indianer Yakari nicht der Einzige ist, der nach wilden Tieren Ausschau hält.

Trotzdem bleiben beim naiven Lauffreund Fragen unbeantwortet: Was, wenn die Jäger (wie letzthin auf TeleZüri kolportiert) eine Hauskatze für einen Fuchs halten? Ist so viel Jagdfieber in den städtischen Agglomerationen ein Gesundheitsrisiko? Oder gehöre ich etwa bereits zu den wohlstandsverwahrlosten Städtern, die keinen Sinn für die Gesetze der Natur mehr haben? Und müsste man an den Primarschulen statt Frühenglisch Jägerlatein lehren?

In diesem Sinn. Ein herzhaftes «Waidmanns Heil!».

thomas*Thomas Renggli ist Sportjournalist, Ex-Steilpass-Blogger,  Marathonläufer (PB: 2:53:41) und Verfasser des Buchs «Lauffieber» (Fona-Verlag).