Extrem, jung und talentiert am Berg

Wir begrüssen Nicolas Hojac neu im Outdoorblog-Team. Der 23-jährige Student aus Bern ist Alpinist und gehört zu den fünf jungen Leistungsbergsteigern, die vom Schweizer Alpen-Club gefördert und in dreijähriger Ausbildung auf eine Expedition vorbereitet werden. 

Haslizontal

Nicolas Hojac in der Route «Haslizontal» (7c+) am Sustenpass. Foto: Stefan Wiesner

Als Student ist es ein schönes Privileg, im Sommer jeweils zwei ganze Monate Semesterferien zu haben. Diese nutze ich nicht wie die meisten Studenten, um etwas Geld zu verdienen, sondern um meinen Hunger nach Abenteuer zu stillen. Leider sind deshalb meine finanziellen Mittel nicht die besten. Somit bleibt mir fast nichts anderes übrig, als hier in der Schweiz zu bleiben. Dies hört sich nach einem Plan B an, doch es war das Beste, was man bei diesem genialen Sommer machen konnte.

Jonas Schild und Nicolas Hojac in «Hattori Hanzo», Titlis Nordostwand. Foto: Björn Weber

Jonas Schild und Nicolas Hojac in «Hattori Hanzo», Titlis-Nordostwand. Foto: Björn Weber

Die Prüfungszeit am Ende des Semesters war bestimmt nicht die beste Vorbereitung auf meine Ferien. In der Route «Hattori Hanzo» (8b+, 350 m) in der Titlis-Nordostwand bekam ich das mit voller Wucht zu spüren. Die Motivation war äusserst hoch, doch die körperliche Fitness hatte in den letzten Wochen deutlich gelitten. Schnell wurde mir bewusst, dass es eine reine Formfrage ist, ob ich diese steile Ausdauerroute durchsteigen kann oder nicht, und habe dieses Projekt auf ein späteres Jahr verschoben.

Jonas Schild in der «Pargätzi-Verschneidung, Scheidegg-Wetterhorn. Foto: Nicolas Hojac

Jonas Schild in der Pargätzi-Verschneidung, Scheidegg-Wetterhorn. Foto: Nicolas Hojac

Nun hatte ich die Erkenntnis, dass ich im Sportklettern nicht die Form hatte, die ich mir erhofft hatte. Deshalb entschloss ich mit meinem Seilpartner Jonas Schild, den Scheidegg-Wetterhorn-Westpfeiler (6a, 32 Seillängen) von Grindelwald aus zu klettern. Mit dem letzten Zug und einer Meute von Nachtschwärmern erreichten wir Grindelwald. Da hatte ich die glorreiche Idee, im Aufstieg zur Grossen Scheidegg zwei Dosen Bier zu verstecken, damit wir bei der Rückkehr direkt unseren Durst löschen können. Doch nach 14 Stunden Aufstieg, 6,5 Stunden Abstieg und einem kurzen Halt in der Glecksteinhütte fanden wir die im Dunkeln versteckten Bierdosen leider nicht mehr.

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Der «Pilier Rouge du Brouillard», Mont Blanc. Foto: Roman von Schulthess

Nach einem missglückten Versuch, die Route «Divine Providance» (7b+, 1500m) am Mont Blanc zu klettern (mich erwischte die Höhenkrankheit), reiste ich erneut mit dem SAC-Expeditionsteam in die Mont-Blanc-Region. Dieses Mal ging es von Courmayeur über den «Pilier Rouge du Bruillard» auf den Gipfel des Mont Blanc. Irrtümlicherweise entschieden wir uns für den Abstieg in die Gouter-Hütte und mussten mit Schrecken feststellen, dass der Weiterabstieg ins Tal aufgrund eines Felssturzes (leider mit tödlichen Folgen) gesperrt worden war. Uns blieb nur noch eine Möglichkeit: wieder in Richtung Gipfel auf- und über die italienische Seite abzusteigen. Dadurch waren wir fast zweimal auf dem Gipfel des Mont Blanc.

Jonas Schild amMittellegigrat, Eiger. Foto: Nicolas Hojac

Jonas Schild am Mittellegigrat, Eiger. Foto: Nicolas Hojac

In den vergangenen Jahren fixierte ich mich beim Bergsteigen eher auf die schattigen Nordwände und liess die schönen Klassiker links liegen. Diesem Ungleichgewicht wollte ich entgegenwirken. Erneut startete ich mit meinem Bergkameraden Jonas Schild in Grindelwald. Dieses Mal zog es uns in Richtung Eiger und nicht zum Wetterhorn. Über Alpiglen und die Ostegghütte erreichten wir den Mittellegigrat. Hier verstiegen wir uns und kletterten seilfrei in fast senkrechtem brüchigen Fels. Diese Passage wurde schlussendlich unsere Schlüsselstelle der Tour. Punkt 9 Uhr waren wir bereits in der Mittellegihütte und schlürften eine Tasse heissen Kaffee. Über die mit Fixseilen ausgerüsteten Aufschwünge kamen wir gegen Mittag auf den Gipfel. Der Abstieg folgte über die mühsame Westflanke. Von Grindelwald Grund bis zur Station Eigergletscher benötigten wir nicht ganz 11,5 Stunden.

Jonas Schild im Zustieg zur Route «Baston la baffe» am Scheidegg-Wetterhorn. Foto: Nicolas Hojac

Jonas Schild im Zustieg zur Route «Baston la Baffe» am Scheidegg-Wetterhorn. Foto: Nicolas Hojac

Da die Beine nun etwas Erholung benötigten, vertrieb ich meine Zeit in den Klettergärten. Im Wildi bei Kandersteg konnte ich meine neu eingebohrte Route «rotpunkt» klettern. Diese habe ich erst mit 8a bewertet, dann nach einigen Feedbacks auf 8a+ angepasst. Die Lust am Rumhängen in den Klettergärten verging mir schnell. So ging ich erneut mit Jonas Schild an das Scheidegg-Wetterhorn, um die Route «Baston la Baffe» (7c+, 1000 m) zu versuchen. Leider war nach einer Nacht in der Wand die 23. Seillänge nass, und wir mussten umkehren.

Jonas Schild in «La Svizzera», Wendenstöcke. Foto: Nicolas Hojac

Jonas Schild in «La Svizzera», Wendenstöcke. Foto: Nicolas Hojac

Nach den schattigen Nordwänden gingen wir in das beste Mehrseillängenklettergebiet der Schweiz: die Wendenstöcke. Wir suchten uns die Traumroute «La Svizzera» (7c, 350 m) am Mähren aus. Diese geniale Route war eigentlich mit 8a+ bewertet, doch nachdem wir beide die Schlüssellänge auf Anhieb hatten klettern können, mussten wir die Schwierigkeit fairerweise auf 7c abwerten. Denn aus unserer Sicht ist es übertrieben, dass wir in den berüchtigten Wenden eine 8a+ onsight durchsteigen können.

Sebastian Briw in Yosesigo, Italien. Foto: Nicolas Hojac

Sebastian Briw in Yosesigo, Italien. Foto: Nicolas Hojac

Nach einer Kletterwoche im französischen Annot (Bericht hier) mit dem SAC-Expeditionsteam trafen wir uns drei Wochen später erneut, um unsere Rissklettertechnik zu schulen. Dieses Mal nahe Domodossala in Italien. Das Gebiet Yosesigo haute uns schlichtweg aus den Socken. Unglaubliche Rissrouten bis zu 40 Meter. Der einzige Nachteil bei diesem Gebiet: der gut zweistündige Zustieg.

Trailrunning für die Kondition: Nicolas Hojac auf dem Niederhorn. Foto: Stephan Wiesner

Trailrunning für die Kondition: Nicolas Hojac auf dem Niederhorn. Foto: Stephan Wiesner

Wochenende für Wochenende pilgere ich in die Berge, wo ich dem Klettern, Bouldern, Bergsteigen, Eisklettern oder Trailrunning nachgehe. Nun habe ich den ganzen Sommer dort verbracht. Langweilig wird es nie, und ein ganzes Menschenleben reicht nicht aus, um alle schönen Touren und Routen der Alpen zu wiederholen. Hoffentlich kommen bald die nächsten Ferien!

Nicolas Hojac.

Nicolas Hojac.

*Nicolas Hojac ist Mitglied des SAC-Expeditionsteams. Zusammen mit seinen vier Teamkameraden bereitet er sich auf eine Expedition in das chinesische Tian-Shan-Gebirge vor.  www.nicolashojac.ch

7 Kommentare zu «Extrem, jung und talentiert am Berg»

  • hallo mitenand

    Ich gratuliere Nicolas Hojac und Jonas Schild für Ihre super Leistungen. Für mich das Weltklasse-Alpinisten die in sämtlichen Spielarten des Bergsteigens Spitze sind.
    Ich bin ueberzeugt, Sie werden auch auf Ihrer Expedition im Tien-Shan Erfolg haben, wenn es mit der Höhe klappt. Diese werden Sie schaffen. Die Geschichte des Bergsteigens zeigt, das in den Bergen der Welt die Erfolg haben, welche in allen Bergsport Disziplinen zuhause sind. Die beiden Erinnern mich an Erhard Loretan, Christophe Profit und Eric Escoffier.
    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, und freue mich auf Ihre Berichte. Weiter so.

    Grüsse von
    Raphael Wellig

  • Markus Rotkopf sagt:

    Als äusserst mittelmäßig begabter, aber Trad-begeisterter Freizeitkletterer kann ich hier nur gratulieren! Sehr schöne Bilder und spannende Projekte!

    Mich würde interessieren, was genau das Ziel dieses SAC-Projekts ist. Ist die Idee, dass die Teilnehmer am Ende eine Geschäft für Touristen aufziehen? Oder geht es mehr um die Expeditionen in den 3 Jahren an sich, im Sinne der Wettkämpfe um die höchsten Gipfel und schwierigsten Routen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

  • Max Moritz sagt:

    Ein sehr schöner Artikel mit prächtigen Bildern.
    Aber Bier so verstecken das man es nicht mehr findet, ist eine üble Verschwendung am falschen Ort.

  • joels sagt:

    erstaunlich wie man eine 8a+ auf eine 7c abwerten kann. da liegen ja welten dazwischen.

    • Nicolas sagt:

      Hallo Joels
      Es handelt sich hier um einen Schreibfehler. Wir haben die Route auf 7c+ abgewertet und nicht auf 7c. Dass wäre etwas zu viel…

      Gruss Nicolas

  • Alan Miller sagt:

    Die geschilderten Routen und Touren sind zwar in technischer Hinsicht leicht über meinem Niveau, aber die Bilder sind wirklich Spitzenklasse. Erste Sahne. Danke, Nicolas. Bitte weiter so.
    Grundsätzlich wünschte ich mir im Blog mehr gutes Bildmaterial. Denn es gibt genügend Bleiwüsten in der Print-Ausgabe.

    • Christoph Bögli sagt:

      Allerdings! Auch schön, dass so etwas wie Fehlschläge, Scheitern oder Schwierigkeiten, die zu hoch angegeben wurden, erwähnt werden. Normalerweise wird bei solchen Themen ja nur mit Erfolgen und möglichst hohen Werten angegeben.

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