Klettern, wie Sie es noch nie gesehen haben

Rissklettern in der Provence, schon einmal etwas davon gehört? Nicht etwa die vereinzelten Kalkrisse der Gorges du Verdon, sondern beste Risse im Sandstein. Das gibt es wirklich! Die fünf jungen Männer des SAC-Expeditionsteams versuchen sich in dieser speziellen Disziplin des Klettersports.

Ein Gastbeitrag von Nicolas Hojac*

Für uns Alpinisten ist die Provence nicht unbedingt die natürliche Umgebung. Gerade in diesem heissen Sommer bewegen wir uns lieber über der Baumgrenze in Fels, Eis und Schnee. Eigentlich sollte es für das SAC-Expeditionsteam zur Ausbildung in die bekannten Destinationen wie Valle dell’Orco, Valle di Mello oder die Dolomiten gehen, doch der Wetterbericht für die kommenden Tage machte uns einen Strich durch die Rechnung. So blieb uns nur die spontane Flucht in den Süden.

Ein Paradies für Extrem-Kletterer: Die Region um Annot, Frankreich. (Foto: Nicolas Hojac)

Ein Paradies für Kletterer: Die Region um Annot, Frankreich. Fotos: Nicolas Hojac

Annot ist ein typisches französisches Städtchen. Es befindet sich rund 80 Kilometer nordwestlich von Nizza. In der ganzen Region prägen Kalkfelsen das Landschaftsbild, nur nicht in Annot. Oberhalb des Städtchens ziehen sich ganze Bänder aus Sandstein durch das Tal, die sich wunderbar zum Bouldern, Riss- und Sportklettern eignen.

Gegen die Schwerkraft: Denis Burdet in einem Offwidth (7a). (Foto: Nicolas Hojac)

Gegen die Schwerkraft: Denis Burdet in einem Offwidth (7a).

Der erste Klettertag war ein Sprung ins kalte Wasser. Unser Leadguide Denis Burdet, Profibergsteiger mit Erfahrung von über 20 Expeditionen, meinte nur, dass wir das üben sollen, was wir am wenigsten gut können. Für uns hiess das Offwidth-Klettern (Offwidth werden die Risse im Fels genannt, die grösser als eine Faust und kleiner als die Breite unseres Körpers sind). Da wir diese Disziplin des Risskletterns bis jetzt noch kaum erprobt hatten, war es für uns mehr ein Quälen als ein Klettern. Nach wenigen Metern in diesen unmöglichen Rissen waren unsere Fussgelenke und unser Rücken bereits blutig gescheuert. Dies zeugt von der mangelhaften Klettertechnik.

Ein Krampf: Sébastien Monnet in einem Offwidth (7a). (Foto: Nicolas Hojac)

Ein Krampf: Sébastien Monnet in einem Offwidth (7a).

Nach stetigem Üben – oder besser gesagt Quälen – wurden wir immer besser, und es begann sogar Spass zu machen. Dabei geht es darum, sich irgendwie im übergrossen Riss zu verkeilen und sich anschliessend Zentimeter um Zentimeter nach oben zu arbeiten. Natürlich stecken keine Bohrhaken in den Routen, und man muss alles selber absichern. Wenn dann der Riss plötzlich breiter wird als dein grösster Friend, heisst das: Arschbacken zusammenkneifen und «weiterrobben».

Freunde der Kletterer: Friends in allen Grössen und Farben. (Foto: Nicolas Hojac)

Freunde der Kletterer: Friends in allen Grössen und Farben.

Zur Absicherung der Routen werden Friends benötigt, die man in den Rissen anbringt und die dann auf Zug halten. Bei einem Stückpreis um die 100 Franken ist dies eine kostspielige Angelegenheit. Umso besser muss man darauf achten, dass man sie sauber platziert. Es wäre schade, wenn sich diese so verkeilen, dass man sie nicht wieder entfernen kann und sie dann für immer in der Route stecken bleiben.

Zentimeter um Zentimeter aufwärts: Roman von Schulthess in einem Faustriss (6c). (Foto: Nicolas Hojac)

Zentimeter um Zentimeter aufwärts: Roman von Schulthess in einem Faustriss (6c).

Zur Abwechslung kletterten wir auch andere Routen, bei welchen die Rissgrösse zwischen Finger- und Faustbreite variierte. Nach den quälenden Offwidths war dies ein pures Vergnügen. Die anzuwendende Technik ist von den vielen Chamonix-Besuchen bereits erprobt und eingeschliffen.

Auf die Zähne beissen und durch: Lukas Hinterberger in einem Fingerriss (7a+). (Foto: Nicolas Hojac)

Auf die Zähne beissen und durch: Lukas Hinterberger in einem Fingerriss (7a+).

Jedoch erwischten wir auch Routen, wo wir nicht gerade hochspazieren konnten und auch hier einmal auf die Zähne beissen mussten. Da das Vertrauen in die mobilen Sicherungsgeräte bereits vorhanden war, waren weite Stürze kein Problem. Und man konnte, ohne zu zögern, über sein persönliches Limit gehen.

Selbergemacht: Tape-Handschuhe zum Schutz der Hände. (Foto: Nicolas Hojac)

Selbst gemacht: Tape-Handschuhe zum Schutz der Hände.

Die Hände spielen eine zentrale Rolle beim Rissklettern. Sie werden nicht wie üblich eingesetzt, um sich an Griffen festzuhalten, sondern in die Risse hineingesteckt und so verdreht, dass sie sich verkeilen. Damit sich die Schürfungen an den Händen in Grenzen halten, wird der Handrücken mit Tape geschützt. Dazu bastelt man sich aus etlichen einzelnen Streifen ein Paar «Handschuhe».

Augen für die Natur: Felsen in Form eines Gesichts über dem Städtchen Annot. (Foto: Nicolas Hojac)

Augen für die Natur: Felsen in Form eines Gesichts über dem Städtchen Annot.

Annot ist ein sehr vielseitiges Klettergebiet, die Auswahl an verschiedenen Rissen ist beträchtlich. Daneben gibt es auch normale Kletterrouten mit Bohrhaken oder ein separates Bouldergebiet. In Annot kann fast das ganze Jahr geklettert werden. Einige der Clean-Sektoren liegen im Schatten, andere hingegen sind südexponiert und haben fast den ganzen Tag Sonne. Wir können dieses Sandsteingebiet wirklich jedem empfehlen.

Das Team (v.l.): Lukas Hinterberger, Sébastien Monnet, Sebastian Briw, Roman von Schulthess, Nicolas Hojac, Lead-Guide Denis Burdet. (Foto: Thomas Senf)

Das Team (v. l.): Lukas Hinterberger, Sébastien Monnet, Sebastian Briw, Roman von Schulthess, Nicolas Hojac, Leadguide Denis Burdet. Foto: Thomas Senf

Das SAC-Expeditionsteam besteht aus fünf jungen Nachwuchsalpinisten und einem Leadguide. Die Teilnehmer mussten sich bei der Selektion gegenüber 20 Kandidaten aus der ganzen Schweiz behaupten. Die 3-jährige Zusatzausbildung wird im Sommer 2016 mit einer Expedition in das chinesische Tian-Shan-Gebirge abgeschlossen. Dort erwarten sie alpine Mixedklettereien und Gipfel bis 6500 Meter über Meer.

Mehr Infos zum SAC-Expeditionsteam:

Nicolas Hojac

*Nicolas Hojac ist ein junger Alpinist aus der Region Bern und Mitglied des SAC-Expeditionsteams. Zusammen mit seinen Teamkameraden bereitet er sich auf die Expedition in das chinesische Tian-Shan-Gebirge vor. Bis dahin wird er in loser Regelmässigkeit im Outdoorblog berichten. www.nicolashojac.ch

 

 

4 Kommentare zu «Klettern, wie Sie es noch nie gesehen haben»

  • René sagt:

    Tolle Story mit tollen Pictures! Merci!

  • ivo sagt:

    Toller Bericht, tolle Fotos, Danke!

  • Alan Miller sagt:

    Kein einziger Kommentar für diesen reich und gut illustrierten, sorgfältig getexteten Beitrag??
    Wenn es mal nicht um einen hirnrissigen Weltrekord in eisigen Höhen oder um den ewigen Krieg zwischen Wanderern und Bikern geht, scheint sich die Kommentierwut in äusserst engen Grenzen zu halten.
    Schade für diesen mit Herzblut geschriebenen Beitrag.

  • Markus sagt:

    Schoener Bericht, danke! In Zukunft weiss ich jetzt auch die richtigen Begriffe, wenn ich Fingerrisse, Faustrisse und offwidth klettere :)

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