Und zum Schluss die Dinosaurier

Diese Woche von Biel über die Chasseralkrete nach La Heutte

Ein neuer Führer mit 50 Schweizer Routen erfreut mich. Er stammt vom «Tierwelt»-Wanderkolumnisten René P. Moor, einem Mann mit Sinn für das Skurrile. Nur ein Beispiel: Moors Visite in Moskau. Wie der Weiler im Schaffhauser Grenzdorf Ramsen zu seinem originellen Namen kam – man lese es nach in «Rucksacktage».

Und damit zur Route der Woche. Lang ist sie, aber auch kurzweilig – und wer sich die ersten fast vier Stunden sparen will, nimmt einfach von Biel den Bus nach Les Prés-d’Orvin. Wir gingen zu Fuss, genossen vom Aussichtspunkt Pavillon den Blick über den Bielersee, nahmen im Zickzack die steile Halde mit dem Magglingen-Bähnchen.

Diesmal nicht, Chasse!

«End der Welt» in einem Winkel von Magglingen stellte sich als sportiver Ort heraus: Junge beim Fussballspielen, Turnhallen. Hernach der Abstieg in die Geländesenke von Jorat und der nächste Aufstieg nach Les Prés-d’Orvin, dem feinen Skigebiet der Bieler; unvergesslich eine frühere Wanderung, die uns von dort zur «Weinprobe» im Obelixweiler Schafis geführt hatte, einem bacchantischen Fest.

Auf den Juraweiden von Les Prés-d’Orvin hatten wir die gewaltige Antenne des Chasseral vor Augen. Nein, diesmal nicht! Wir erstiegen uns zwar die Chasseralkrete, folgten ihr aber nicht zum Gipfel, sondern hielten auf der anderen Seite wieder hinab – und waren nun gleich am Ziel unserer Fantasien. Es wimmelt am Chasseral von Métairies, wie man die jurassischen Bauernwirtschaften nennt.

Wir machten halt in der Métairie du Bois Raiguel, zu Deutsch: Rägiswald. In der Stube neben der Küche assen wir, ich hatte ein Kotelett mit einer Rösti, wie ich sie in meinem röstireichen Leben nie zuvor buttriger gehabt hatte. Am Schluss nahm ich einen Jänzenen-Schnaps. Und weil auf dem Hof gekäst wird, kauften wir Käse. Herrlich und rezent roch es aus meinem Rucksack, sodass sich viel später bei der Heimfahrt in der ziemlich vollen Forchbahn von Zürich-Stadelhofen nach Zollikerberg niemand neben mich setzte.

Als wir die Métairie unseres Herzens verliessen, war der Himmel weit und von Kinowolken überzogen. Wir kamen über Weiden, durchsetzt vom Gelben Enzian, dessen schnapsgewordene Wurzel ich eben getrunken hatte. Ich grüsste jede Pflanze einzeln mit den Worten: «Lieber Freund, du bist ein kleines Wunder.» Das andere Wunder waren die Trockenmäuerchen, zum Teil alt, zum Teil liebevoll restauriert.

Le Graben

Nach Le Graben gerieten wir in die im bilinguen Flurnamen angedeutete Geländerinne. Eine Mutterkuh und ihre Kälblein ignorierten mich und Ronja, die gelassen an ihnen vorbeigingen und dabei schamanisch summten, während der Rest des Grüppleins hasenfüssig hoch in den Hang geeilt war, um die Tiere zu umgehen. Weiter unten der höllische Einschnitt der Porte des Enfers. Danach hätten wir die Direttissima nach La Heutte nehmen können.

Stattdessen leisteten wir uns eine weite Spitzkehre durch die Forêt de l’Envers, bevor die Wanderung an der tristen Station von La Heutte endete. Wir taten es mit Bedacht. In diesem Wald gibt es direkt am Wanderweg in einer durch die Gebirgsfaltung senkrecht gestellten Wand Trittsiegel von Dinosauriern. 145 Millionen Jahre alt sind sie, man kann sie aus der Nähe betrachten und berühren. Brachiosaurus, ein Pflanzenfresser, wog 20 Tonnen, war neun Meter hoch. Was für eine monumentale Wanderung!

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Route: Biel Bahnhof – Talstation Magglingen-Standseilbahn – Pavillon – End der Welt – Jorat – Les Prés-d’Orvin, Bellevue – Chasseralkrete auf 1288 m – Métairie du Bois Raiguel/Rägiswald – Métairie de Gléresse – Le Graben – Porte des Enfers – Forêt de l’Envers – Dinosaurierspuren – La Heutte, Station.

Wanderzeit: 8 Stunden.

Höhendifferenz: 1201 m aufwärts, 1032 m abwärts.

Wanderkarte: 232 T Vallon de St-Imier, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Mit dem Zug von La Heutte nach Biel SBB.

Kürzer: Mit dem Bus vom Bahnhof Biel nach Les Prés-d’Orvin, Bellevue und hier beginnen. Das spart 3 Stunden 45 Minuten Gehzeit und 817 Höhenmeter aufwärts sowie 247 abwärts.

Charakter: In den Jura hinein, ins Reich der Trockenmauern, Wiesen mit Gelbenzianstauden, einsamen Höfen. Anstrengend, weit, wunderschön.

Höhepunkte: Das Tälchen von Jorat nach End der Welt. Die Strecke durch die Juraweiden zwischen Les Prés-d’Orvin und der Chasseralkrete. Die grossartige Bauernwirtschaft Bois Raiguel. Die Dinosaurierspuren von La Heutte aus nächster Nähe.

Kinder: Weit.

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Biel, Magglingen, Les Prés-d’Orvin. Métairie du Bois Raiguel/Rägiswald: Ruhetag Mo.

Dinosaurier: Artikel von Thomas Widmer aus dem Tages-Anzeiger/Bund; auch La Heutte kommt vor.

Neuerscheinung: René P. Moor, «Rucksacktage». Edition Wanderwerk, bebildert, 246 Seiten, 26 Franken.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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