Wenn die Flora sich verdoppelt

Diese Woche von der Bergstation der Aeugstenbahn über Rotärd nach Filzbach GL

Ich nehme den Bus vom Bahnhof Glarus zur Seilbahn von Ennenda. Die Acht-Personen-Gondel steht bereit, ich habe am Vortag reserviert, löse mein Billett und steige ein.

Der Talboden bleibt tief unten zurück, die Bahn gleitet fast geräuschlos aufwärts, ich bin froh um ihre Neuheit. Vor 2010 verkehrte hier ein sogenanntes Cabriobähnchen. Ich fand jene offene Holzkiste grauslig. Bei Seilbahnen geht mir jede Nostalgie ab.

Konkurrenz der Gesteine

Fast 1000 Meter höher auf dem Bärenboden die Bergstation, ich falte die Wanderstöcke aus und gehe los. Die Erde ist rötlich; in diesem Gebiet konkurrenzieren sich grauweisser Kalk und roter Verrucano. Weil jede der zwei Gesteinsarten andere Pflanzen begünstigt, verdoppelt sich sozusagen die Flora. Wenn ich bloss mehr Blümchen kennen würde, denke ich wieder einmal.

Nach zehn Minuten die Aeugstenhütte. Doch für eine Einkehr ist es zu früh. Hinter mir schält sich der Glärnisch aus dem Hochnebel, weitere Gipfel folgen, bald liegt auch der Tödi frei. Vor mir erstreckt sich steil die Halde hinauf zur Alp Begligen, darüber zackt ein Grat. Begligen selber ist dann dominiert vom massiven Schilt ganz nah zu meiner Linken. Direkt voraus liegt der Rotärdpass, ihn will ich nehmen.

Vorerst aber der Hinweis auf eine kürzere Variante. Die Rotärdroute ist einsam und lang, anstrengend und glitschig. Wer leichter wandern will oder Kinder dabeihat, dem rate ich, auf Begligen links abzubiegen und via Holzflue wieder hinab zum Bärenboden zu halten. Zwei Stunden dauert diese Rundwanderung insgesamt und birgt genug Schönheit; bisweilen sieht man in der Schiltrisenen, wie die gewaltige Geröllflanke am Weg heisst, Gämsen.

Hinauf nach Rotärd färbt sich der Erdboden tatsächlich zu verblüffender Röte. Oben bei der Jagdhütte – privat, verrammelt – eine Überraschung: Die Felskante serviert neue Berge, ich sehe weit Richtung Flumserberg, Toggenburg, Alpstein. Der Berg vor mir, schwarz und bedrohlich im vormittäglichen Gegenlicht, ist der Mürtschenstock.

Der Abstieg zu seinem Fuss, zur Mürtschenfurggel, ist beschwerlich und rutschig. Dreimal verirre ich mich; zwar ist die Richtung klar, doch das Gelände auf kurze Distanz unübersichtlich verhügelt. Die rot-weissen Markierungen in den Kalkschratten sind zu sparsam gesetzt, finde ich.

Gerstensuppe gibt Kraft

Nach der Furggel gehe ich in einer Rinne, den Mürtschenstock zur Rechten, den Fronalpstock und später den Nüenchamm zur Linken. Terrasse um Terrasse steige ich ab, Alp Hummel, Spaneggsee, Talalpsee. Zweimal begegne ich Jägern. Nach dem Talalpsee kommt eine Ministeigung samt einem Wirtschäftli, dem Restaurant Talalpsee. Seine Gerstensuppe macht mich wieder frisch.

Mit neuer Kraft gehe ich die letzten 400 Abwärtsmeter an, der Pfad führt durch einen Schluchtschlitz im Wald namens Chammerboden. Dann das Dorf Filzbach auf dem Kerenzerberg. Ich bin wieder unter Menschen, ohne wirklich gesellschaftsfähig zu sein: Verschwitzt bin ich, die Hosen sind verdreckt bis zu den Knien, die Schuhe schlammbedeckt. Das Gesicht immerhin lächelt. Dies war eine tolle Wanderung. Und das moderne Aeugstenbähnli mag ich sehr.

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Route: Seilbahn-Bergstation Aeugstenbahn/Bärenboden (zur Talstation in Ennenda gelangt man zu Fuss von der Bahnstation Ennenda oder per Bus vom Bahnhof Glarus) – Aeugstenbeizli – Alp Begligen – Schilttäli – Rotärd – Mürtschenfurggel – Hummel – Rosstannen – Hinter Tal – Talalpsee – Scheidweg – Chammerboden – Filzbach, Post.

Wanderzeit: 5½ Stunden.

Höhendifferenz: 811 Meter auf-, 1555 abwärts.

Wanderkarte: 237 T Walenstadt, 1:50’000.

Seilbahn: Reservieren!

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Filzbach per Bus nach Mühlehorn (Bahn) oder Näfels-Mollis (Bahn).

Kurze Alternative (Rundtour): Bergstation Aeugstenbahn/Bärenboden – Aeugstenbeizli – Alp Begligen – Holzflue – Aeugstenwald – Aeugstenbeizli – Bergstation Aeugstenbahn/ Bärenboden. Hier downloaden. 2 Stunden, je 380 Meter auf und ab. Es gibt auch andere Varianten, interaktive Wanderkarte der Aeugstenbahn studieren.

Charakter: Saftige Bergwanderung. Steile Passagen im immerfeuchten, rutschigen Kalk. Einsam.  Zwischen Rotärd und Mürtschenfurggel zu sparsam signalisiert. Aussichtsreich, wild, anstrengend, mit grandiosem Nah-, Fern- und Tiefblick.

Höhepunkte: Die Seilbahnfahrt auf den Bärenboden. Der rote Boden um Rotärd. Das Auftauchen des Mürtschenstocks beim Erreichen von Rotärd. Die Kalkschratten um die Mürtschenfurggel. Der liebliche Spaneggsee und der ebenso liebliche Talalpsee. Die Einkehr im Talalpsee-Beizli.

Kinder: Die Normalvariante ist weit. Besser die Rundtour.

Hund: Machbar, aber anstrengend.

Einkehr: Aeugstenhütte, Mo Ruhetag. (Am 27. September ist Wildheuerchilbi.) – Restaurant Talalpsee über dem Nordende des Talalpsees, bis letztes Drittel Oktober bei gutem Wetter durchgehend offen. Urgemütliches kleines Lokal, gute Küche, feine Gerstensuppe. 079 691 02 21.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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1 Kommentar zu «Wenn die Flora sich verdoppelt»

  • Spirig sagt:

    Gruezi Herr Widmer

    Die Wanderung scheint sehr spannend zu sein. Wir erwägen sie morgen Samstag unter die Beine zu nehmen, möchten aber gerne möglichst sonne tanken.
    Ist dieses Gebiet dazu geeignet?
    Wandergruss
    G. Spirig

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