Outdoor

Die Patrouille des Glaciers ist geschafft – und wir sind es ebenso

Outdoor-Redaktion am Samstag den 10. Mai 2014

Letzter Teil der Serie über die Patrouille des Glaciers. Heute: In 14 Stunden und 33 Minuten von Zermatt nach Verbier. An der diesjährigen Austragung des Rennens hat ein Team des «Tages-Anzeigers» teilgenommen. Gastautor Jost Fetzer* war dabei.

Als wir nach sechs Stunden auf den Ski in Arolla eintreffen, wähnen wir uns nicht mehr am härtesten Skitourenrennen der Welt, sondern im Film «Apocalypse Now» von Francis Ford Coppola: Mitten in der Nacht und mitten in den Bergen steigt eine Party wie in Hau Path im vietnamesischen Dschungel. Eine jubelnde Menschenmenge begrüsst die Eintreffenden, stampfende Beats dröhnen aus Lautsprechern, und Lichterketten lassen die Szenerie in den Bergen von Arolla grell erleuchten. Wie Captain Willard im Film verpflegen wir uns nur kurz, ziehen die Felle auf die Ski und laufen weiter unserer eigenen Apokalypse oder aber dem Ziel Verbier entgegen.

Das lange Warten in Zermatt

Auch in Zermatt herrscht die letzten Tage vor der Patrouille des Glaciers (PDG) eine eigenartige Stimmung. Das Team Tages-Anzeiger und Hunderte weitere Dreierpatrouillen sind extra frühzeitig ins Touristendorf angereist, um genügend Zeit für die Akklimatisation und die Materialkontrolle zu haben. Wegen des massiven Wintereinbruchs mit heftigen Schneefällen wird der zweite Start der PDG jedoch kurzfristig um 24 Stunden auf die Nacht vom Samstag, 3. Mai, zum Sonntag, 4. Mai, verschoben und bringt unseren Terminplan durcheinander.

Wir versuchen, seriös zu bleiben, doch das Wetter ist zu schlecht zum Skifahren, das Dorf längst besichtigt und die Läden der Bahnhofstrasse sind mehrfach erkundet. Ein kleiner Abstecher in die Bar kann doch nicht schaden – danach aber den Energiespeicher im Restaurant Max Julen auffüllen, das nach dem Zermatter Riesenslalom-Olympiasieger von 1984 benannt ist. Doch die Walliser Gastfreundschaft ist noch herzlicher als erwartet: Armin, der Pächter des Lokals, beglückt uns nicht nur mit unendlichen Portionen von Kohlenhydraten, nein, er setzt sich gleich selber mit einer Flasche Humagne Rouge an unseren Tisch, denn ganz ohne Wein gehe so ein Rennen ja auch wieder nicht. An ihm solle es nicht liegen, wenn wir nicht gewinnen.

Nicht der Versuchung verfallen loszurennen

Bis zum Start am Samstagabend ist der Walliser Tropfen wieder verdaut. Der Kopf ist vom langen Warten tüchtig ermüdet, doch der Körper freut sich auf die bevorstehende Herausforderung. Die Müdigkeit ist einer angenehmen Anspannung gewichen, als um 21.45 Uhr am Bahnhof Zermatt der Startschuss fällt. 45 Minuten vor uns sind bereits die ersten Patrouillen gestartet, und bis 3 Uhr in der Früh werden im gleichen Takt weitere Gruppen folgen, bis alle 535 Patrouillen auf dem Weg nach Verbier sind.

In der Dunkelheit zieht eine lange Menschenschlange aus Zermatt heraus, an den Füssen Turnschuhe, auf dem Rücken ein Rucksack und darauf aufgebunden die Ski und Skischuhe. Bis Stafel liegt fast kein Schnee auf dem Wanderweg. Erst dort werden wir die Schuhe wechseln und die Ski anschnallen. Wir halten das Tempo bewusst tief und verfallen nicht der Versuchung loszurennen, obwohl die Zuschauer bis zum Dorfende nicht müde werden, die Patrouillen anzufeuern.

Stau am Stockjigletscher

Nach Stafel verschluckt uns die Dunkelheit. Wir sind bereits auf über 2000 Höhenmetern, und leise rieselt frischer Schnee aus dem Nebel. Der nächste Fixpunkt ist Schönbiel, das plötzlich wie ein hell erleuchtetes Geisterschiff auf dem Gletschermeer auftaucht. Lichterketten markieren den Ort, ab dem sich die Patrouillen anseilen müssen – eine alpinistische Vorsichtsmassnahme, die auch an der PDG gilt. Ralph, unser stärkster Mann, bildet die Spitze der Seilschaft und gibt das Tempo vor, in der Seilmitte werde ich als schwächster Skifahrer eingeknöpft, und den Abschluss bildet Thomas, der ein sehr guter Abfahrer ist und die Tücken des Fahrens am Seil gekonnt meistert. So wollen wir den Aufstieg auf die Tête Blanche und vor allem die Abfahrt zum Col de Bertol meistern.

Vorerst geht es aber stetig aufwärts Richtung Tête Blanche. Die Nebelgrenze liegt hinter uns und vor uns eine sternenklare, mondlose Nacht. Die Temperatur fällt merklich, und weil sich im Aufstieg auf den Stockjigletscher die Patrouillen gegenseitig im Weg stehen und einen Stau verursachen, beginnt der Körper zu frösteln. Diejenigen Patrouillen, die hier vordrängen, fluchen am lautesten über den Engpass, auch wenn sie durch ihr Überholmanöver den Stau nur verlängern. Wir bleiben entspannt, nutzen die Zwangspause für eine Stärkung und versuchen, dem chemischen Geschmack unserer Powergels irgendetwas Gutes abzugewinnen. Grässlich! Aber wirkungsvoll sind diese kleinen Nahrungsbeutel, die wir stündlich in uns reindrücken.

Gefühlte 22 Grad minus auf der Tête Blanche

Als wir um 2.39 Uhr oben auf 3650 Höhenmetern bei der Tête Blanche eintreffen, fühlen sich die Kälte und der Wind an wie 22 Grad minus. Wir bleiben keine Sekunde länger als notwendig, sondern reissen wie die Profis unsere Felle von den Ski, ohne die Bindung zu öffnen. Die Abfahrt zum Col de Bertol ist dank dem vielen Neuschnee genussvoller und einfacher als erwartet. Hier binden wir uns vom Seil los und verstauen dieses im Rucksack. Bis Verbier müssen wir das Seil mittragen, doch brauchen werden wir es nicht mehr. Jetzt geht es 1300 Höhenmeter in freier Fahrt runter nach Arolla. Damit wir uns in der Dunkelheit nicht verlieren, blinkt auf unseren Rucksäcken je ein rotes LED-Licht. Ich folge stur dem Blinklicht vor meinen Augen, und wir treffen nach 6 Stunden und 15 Minuten in Arolla ein.

In Arolla beginnt die wirkliche Anstrengung

Die Hälfte der Höhenmeter und der Strecke mag bis Arolla geschafft sein, doch die wirkliche Anstrengung beginnt erst hier. Bis Verbier müssen die Felle noch zigmal aufgezogen werden, und es sind diverse flache Passagen zu bewältigen, wohingegen die Abfahrten spärlich gesät sind. Vorerst geht es aber steil die Skipiste von Arolla hoch, und wir finden nicht mehr unser vormaliges Tempo. Es passiert das Unerwartete, unser starker Mann, der in den Bergen nie müde wird, fällt zurück. Ein kleines Formtief, eine Krise? Für diese Fälle nehmen die Patrouillen ein kurzes Gummiseil mit, mit dem ein Teammitglied das andere abschleppen kann. Doch Ralph ist nicht ermüdet, jedoch bekundet er Mühe mit dem Atmen. Asthma? Abschleppen lassen will er sich nicht, also drosseln wir unser Tempo und ziehen in der Morgendämmerung gemächlich dem Col de Riedmatten entgegen.

Verpflegung für Darbellay

Auf den Col de Riedmatten gibt es nur einen Weg und der ist verstopft. Zu viele Patrouillen treffen hier gleichzeitig ein und wollen, die Ski auf den Rucksack gebunden, über den Pass. In der Wartezone gehen wertvolle Minuten verloren. Wir haben Glück und müssen nur rund eine halbe Stunde warten. Pech hatten wir jedoch weiter unten, wo wir unseren persönlichen Verpflegungsposten verpassten. Daniel ist mitten in der Nacht mit einem Rucksack voller Cola, Bananen und Hörnlisalat zum Kontrollposten aufgestiegen, um drei befreundete Teams zu verpflegen. Wir aber sind unerkannt an ihm vorbeigezogen. Nur der kurz nach uns eintreffende CVP-Präsident Christophe Darbellay kommt in den Genuss seiner Gastfreundschaft und stärkt sich an Daniels immensem Lebensmittelvorrat.

Die verlorene Zeit am Col de Riedmatten werden wir nicht wieder aufholen, denn kurz darauf beginnt das grosse Leiden in Form einer fünf Kilometer langen, praktisch flachen Strecke entlang des Sees hinter der Grand-Dixence-Staumauer. Profis bewältigen diese Strecke skatend in kürzester Zeit. Wir brechen dieses Vorhaben nach ebenso kurzer Zeit ab und ziehen die Felle auf.

FC-Sion-Präsident Constantin versperrt den Weg

Mittlerweile ist es 8 Uhr, und nicht nur die Bergspitzen stehen in den Sonnenstrahlen, sondern auch wir Skitourengänger. In La Barma ist die zweite und letzte offizielle Verpflegungsmöglichkeit, und wir greifen genüsslich zu. Früchte! Endlich was anderes als diese Powergels. Der Tee jedoch ist – wie von der Armee gewohnt – schwarz, süss und mässig bekömmlich. Schnell die Sonnenbrille montieren und weiter Richtung Rosablanche, den letzten grossen Aufstieg. Bis dorthin überholen uns Männer und Frauen, die alle aussehen, als ob sie gut mal ein Chateaubriand mit Pommes frites aus dem Max Julen in Zermatt vertragen könnten. Skitourenrennen scheinen in der Westschweiz ein Volkssport zu sein, und alle Läufer und Läuferinnen, ob jung oder alt, haben Modelmasse, durchtrainierte Körper, jedoch ohne aufdringliche Muskelmassen und tragen einen hautengen Rennanzug. Wir heften uns an ein Team mit gleichem Tempo und ziehen im Windschatten Richtung Rosablanche.

Das Couloir hoch zur Rosablanche ist berühmt-berüchtigt. Unten stehen ermüdete Patrouillen, 200 Höhenmeter weiter oben warten die Fans mit Kuhglocken und Fendant. Abermals gilt es, die Ski auf den Rucksack zu schnallen und sich in eine der Kolonnen einzureihen, die Schritt um Schritt das steile Couloir erklimmen. Ähnlich muss es am Mount Everest aussehen – nur dass es dort keine Kuhglocken und keinen Fendant gibt. Aber vor uns geht es plötzlich nicht mehr weiter. Eine Patrouille steckt fest, vorne zieht eine Frau am Abschleppseil, doch hinten ist erst mal Pause angesagt. Beim Überholen erkennen wir das Problem: FC-Sion-Präsident Christian Constantin sammelt seine Kräfte für den Aufstieg. Nach einer kurzen Pause wird auch er das Couloir bewältigen und danach praktisch gleich schnell wie unser Team unterwegs nach Verbier sein. Chapeau!

Powergels gehören auf den Index

Wir glauben uns nun am Höhe- und baldigen Endpunkt unserer Reise, aber weit gefehlt! Kurz nach der Rosablanche wird die Strecke wieder flach, die Kräfte lassen nach, und Thomas und ich ziehen abermals die Felle auf, um nicht skaten zu müssen. Leider bemerkt dies unser dritter Mann nicht und zieht skatend an uns vorbei, was wiederum wir beide verpassen. So verlieren wir am Col de Momin eine weitere Viertelstunde mit der Suche nach unserem Team, finden Ralph schlussendlich aber vor dem Aufstieg zum Col de la Chaux auf uns wartend. Es sind dies wirklich die letzten 200 Höhenmeter im Aufstieg, und wir zwingen uns vorher nochmals, ein Powergel zu essen. Der Magen will seit langem nicht mehr, und die Geschmacksnerven rebellieren, doch die Energie geht direkt in die Beine. Ab nun ist das Wort Powergel auf dem Index, keiner wagt mehr, das Wort auszusprechen, dermassen genug von dieser künstlichen Nahrung haben wir.

Auf dem Col de la Chaux herrscht wiederum beste Stimmung. Das halbe Wallis steht hier oben, verteilt Früchte und Schokolade und feuert jedes Team an, als ob es um den Sieg ginge, obwohl das Siegerteam längst in Verbier die Füsse hochlagert. Die Stimmung ist einmalig, und einmalig ist auch die Abfahrt nach Verbier. Präparierte Pisten locken zum Bolzen, und dank perfekt gewachsten Ski machen wir noch einige Plätze gut. Den Kontrollposten Les Ruinettes passieren wir im Schuss, die letzte ebene Strecke skaten wir ohne Mühe. So könnte das Rennen noch ewig weitergehen, doch kurz vor Verbier endet der Schnee.

In 141/2 Stunden von Zermatt nach Verbier

Wir haben eine 50'000er-Karte von rechts nach links überquert, haben 4000 Höhenmeter erklommen und ebenso viel Abfahrt hinter uns. Zum Schluss schultern wir unsere Ski und marschieren lachend durch Verbier, rennen dem Ziel entgegen und erreichen dieses nach 14 Stunden und 33 Minuten. Es ist eine Tortur, aber die Glücksgefühle überstrahlen alle Anstrengung. Die hell erleuchteten Bergspitzen im Morgengrauen, die Abfahrt im Pulverschnee, das Matterhorn von hinten, die Stimmung auf dem Col de Riedmatten, das erste Bier im Ziel! Alles wunderbar!

«Sollen wir zurück nach Zermatt?», scherzen wir im Zielraum. Heute nicht mehr, aber vielleicht in zwei Jahren zur PDG 2016. Doch das ist noch lange hin. Was momentan zählt, sind die Erinnerungen, die Müdigkeit nach einer durchmarschierten Nacht und der unstillbare Appetit auf Kohlenhydrate und Berge.

(Video: Pascal Bourquin/RTS)

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6 Kommentare zu „Die Patrouille des Glaciers ist geschafft – und wir sind es ebenso“

  1. Irene feldmann sagt:

    Was für ein Abenteuer….dä Wahnsinn…..toller Bericht und beeindruckender Film!!!

  2. schmid regula sagt:

    kameradschaft treue zufriedenheit. bravo an alle teilnehmer grandiose leistung.hut ab vor so viel eigendisziplin. gruss regula schmid

  3. meisser sagt:

    He super Jungs….cooler Film cooler Text….habs ja auch live verfolgt…und kenns ein wenig…..Ihr könnt extrem stolz auf euch sein….Gratuliere dazu.

  4. Caroline sagt:

    Bei uns lief in Arolla Ramstein zum Start um 04:30.
    Hat jrgendwie gepasst: Apocalipse Now!

  5. Elias sagt:

    Bin von den Bildern und dem Video echt positiv überrascht. Das rundet den Artikel nochmals auf, weiter so !

  6. Tom Stock sagt:

    Super Blog-Beitrag! Selten so genau gelesen und den Bericht sehnsüchtig erwartet!
    Zu eurer super Leistung gratuliere ich herzlich!
    /Tom

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